Gleichheit durch Gemeinschaft Soziale Gerechtigkeit braucht das Miteinander

Bild von Rita Süssmuth
Präsidentin a.D. Bundestag

Expertise:

Rita Süssmuth ist eine deutsche CDU-Politikerin. Von 1986 bis 1988 leitete sie das Ministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Von 1988 bis 1998 war sie Vorsitzende des deutschen Bundestags. Seit 2010 ist sie Präsidentin des deutschen Hochschulkonsortiums der Deutsch-Türkischen Universität in Istanbul.

Gerechtigkeit fordert gleiche Chancen und Rechte für alle Menschen. Diese Gleichheit muss bereits im Kindesalter bestehen und gefördert werden. Deshalb brauchen wir ein gemeinschaftliches Denken, das Miteinander und das Bewusstsein, dass jeder Mensch auf andere angewiesen ist.

Soziale Gerechtigkeit ist für mich ein berechtigter Anspruch, noch keinesfalls erreichte Realität. Sie ist ein Anspruch auf gleiche Behandlung, gleiche Wertigkeit und gleiche Verteilung unserer Ressourcen. Davon sind wir weit entfernt: Wir leben in einem Zeitalter wachsender sozialer Ungerechtigkeit, obwohl wir in unserem Handeln vom Gegenteil ausgehen. Das betrifft unsere Lebens- und Bildungschancen und auch die Fragen nach Arbeit, Gesundheit und Einkommen. In allen Bereichen sind die Ressourcen ungerecht verteilt. Man könnte meinen, diese Verteilung hänge primär von der Tüchtigkeit der Bürger ab. Doch es gibt viele potenziell tüchtige Menschen. Sie sind nur ungleich entwickelt. Auch die Bewertung der verschiedenen Arbeitsbereiche ist höchst ungleich: Familienarbeit, Erziehungsarbeit und Pflegearbeit sind in unserer Gesellschaft beispielsweise sehr gering bewertet.

Wir leben in einem Zeitalter wachsender Ungerechtigkeit.

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Der Anspruch sozialer Gerechtigkeit verlangt Taten. Nicht im Sinne täuschender Versprechen, die wir mit Blick auf absolute Gerechtigkeit gar nicht umsetzen können, sondern im Sinne erster Schritte in Richtung Gerechtigkeit. Diese Taten benötigen einerseits persönliche, andererseits kollektive Anstrengungen, die alle Bereiche der Politik betreffen: Eigentums-, Steuer-, Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik.

Soziale Ungerechtigkeit schafft bei den Menschen das Gefühl von Ohnmacht, Ausgrenzung, Isolation und Chancenlosigkeit. Wir sprechen immer davon, dass wir Chancen schaffen müssen. Doch wir dürfen nicht bei den Defiziten der Menschen ansetzen, sondern beim ungenutzten Potenzial. Das gilt für alle Menschen: Migranten, Einheimische, Junge, Ältere. Sie alle haben wunderbares Potenzial - das haben wir durch die ehrenamtlichen Leistungen zu Zeiten des Flüchtlingsstroms wieder ungefragt erfahren.

Soziale Gerechtigkeit benötigt persönliche und kollektive Anstrengungen.

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Menschen müssen die Erfahrung machen können, dass sie in schwierigen Lebenslagen wahrgenommen, angesprochen und unterstützt werden, und dass nicht gleich die Schuldfrage gestellt wird. Unsere Handlungsmöglichkeiten sind viel breiter, als nur ständig zu behaupten, wir könnten nichts tun: Wir müssen unsere materiellen und immateriellen Ressourcen im Sinne von mehr Gerechtigkeit kräftig erhöhen.

Soziale Gerechtigkeit fordert außerdem ein Höchstmaß an gleichen Rechten. Als Frauenpolitikerin kann ich sagen, dass Frauen seit Jahrhunderten für Gleichheit und soziale Gerechtigkeit kämpfen; mit Rechtsansprüchen allerdings erst seit der ersten Frauenbewegung. Die Frage ist nicht, wie viel Gleichheit gerecht ist. Das Gleichheits-Prinzip muss unser Handeln vielmehr permanent begleiten. So wünschen sich beispielsweise Behinderte mehr Gleichheit und leisten Ungeheuerliches, um zu zeigen: Wir können es auch. Das gilt ebenso für Migranten und ältere Menschen. Gleichheit sollte immer gelten und ist in ihren Schritten nicht begrenzt, sondern offen für neue Wege. In den 70er und 80er Jahren wurde hier viel geschaffen, dann folgte Stagnation, dann wieder ein neuer Schub. Absolute Gleichheit ist natürlich nicht gegeben. Aber Chancengleichheit ist extrem wichtig: Wir erklären bis heute zahlreiche Menschen als nicht bildsam, die es sehr wohl sind!

Wir brauchen absolut gleiche Chancen und Rechte für alle Menschen.

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Wir haben gelernt, dass frühkindliche Förderung, gerade bei benachteiligten Kindern, die Chancen dieser Kinder in ihrer allgemeinen Schullaufbahn immens erhöht. Sei es das Sprachenlernen, das Mathematische oder das Musische: Frühförderung setzt emotional, sozial und kognitiv riesige Potenziale frei. Es wird immer wieder deutlich, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien viel weniger Chancen haben, als andere. Hier müssen wir uns fragen, wie wir die, die wir für weniger begünstigt halten, fördern können. Wir haben viel zu lange gewartet, bis wir diese Frühförderung möglich gemacht haben: 2013 wurden gerade einmal 30 Prozent der unter Dreijährigen gefördert. Bis heute fehlt es überall an guter Betreuung. Wir müssen stärker in eine gute Erziehung und in die Frühförderung investieren.

Wir müssen mehr in die frühkindliche Förderung investieren, um für alle Kindern die gleichen Chancen zu schaffen. 

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Soziale Gerechtigkeit braucht ein Umdenken, mehr Inklusion und Chancen für alle. Wenn wir Kinder auf die Förder- und Sonderschule schicken, verbindet sich damit weniger der Gedanke der Förderung, als der der Ausgrenzung. Aber ausgegrenzte Kinder sehen ihre Chancen nicht mehr; sie haben das Gefühl, nicht dazuzugehören. Und Menschen lernen nur, wenn sie sich zugehörig fühlen. Nur wenn wir uns für angeblich unbildsame Kinder einsetzen, haben sie eine Chance. Deshalb müssen wir vieles anders angehen, als bisher. Wir müssen gemeinsam mit den Benachteiligten an diesen Problemen arbeiten und nicht nur für sie.

Die Ausgrenzung einzelner Menschen schafft Ungleichheit, Ungerechtigkeit und das Gefühl von Chancenlosigkeit.

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Dazu brauchen wir kollektive Anstrengungen aller Beteiligten und Verantwortlichen; seien es Erzieher und Erzieherinnen, Eltern wie auch der Staat, die am Prozess der Förderung beteiligt werden müssen. Die Voraussetzung sind Strukturen, die Ausgrenzung verhindern. Durch Ausgrenzung schaffen wir immer mehr Gruppen, die nicht mehr zur Mitte der Gesellschaft gehören, sondern höchstens noch an den Rand. Diese Gruppen gilt es zu integrieren. Hier können auch besser geförderte Kinder eine Rolle spielen, indem sie Verantwortung für diejenigen übernehmen, die nicht die gleichen Chancen haben, wie sie. Ich bin begeistert vom inneren Antrieb der jüngeren Generation, die nicht sofort sagt „Das geht nicht“, sondern vieles wenigstens versucht. Diese Motivation wird jetzt auch im „Pulse of Europe“ deutlich. Die Menschen sagen: „Na, wollen wir doch mal sehen, ob wir Europa nicht erhalten können“. Diese Generation ist anders, als wir denken. Sie ist voller Ideen und von ihr hängt maßgeblich ab, ob wir ein anderes Denken schaffen. Sie gibt viele Impulse an die ältere Generation weiter und umgekehrt. Das führt dazu, dass wir ein besseres Generationenverhältnis haben, als es vor einigen Jahren der Fall war.

Soziale Gerechtigkeit braucht das Miteinander verschiedener Generationen.

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Wir brauchen mehr von diesem Füreinander und Miteinander. Das Motto unserer individualisierten Leistungsgesellschaft ist Sei tüchtig, schaff dein Glück selbst. Wenn wir mehr soziale Gerechtigkeit brauchen, brauchen wir aber auch ein Bewusstsein dafür, dass wir aufeinander gewiesen sind, voneinander abhängen und dass jeder den anderen braucht - sei es in Krankheit oder in Not. Die Bereitschaft zu mehr Miteinander ist bei den Menschen durchaus da - vorausgesetzt, sie werden wertgeschätzt und nicht ausgenutzt.

Das Protokoll zum Gespräch führte Laura Fauss.

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