Gerechtigkeit und Neid Das Problem mit der gefühlten Ungerechtigkeit

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Direktor, NRW School of Governance

Expertise:

Karl-Rudolf Korte ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und seit 2006 Direktor der NRW School of Governance. Korte studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Pädagogik in Mainz und Tübingen. 1988 promovierte er zum Dr. phil. an der Universität Mainz. 1997 folgte die Habilitation im Fach Politische Wissenschaften zum Dr. rer. pol. habil. an der Universität München.

Formal ist Deutschland chancengleich. In der Realität nimmt das Gefühl von sozialer Ungerechtigkeit stetig zu. Das liegt zum einen daran, dass es nicht allen Menschen möglich ist, die formell gleichen Chancen zu ergreifen. Aber auch Neid spielt eine Rolle für die gefühlte Gerechtigkeit.

Soziale Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder Mensch die gleichen Chancen hat, die Optionen unserer Gesellschaft wahrzunehmen. Sie bedeutet aber nicht immer Gleichheit. Bei Gerechtigkeit und Gleichheit handelt es sich um unterschiedliche Zieloptionen, die in Deutschland von Wählern auch unterschiedlich geschätzt werden. Gleichheit ist in den letzten 20 Jahren sehr populär geworden - von Osten aus den Westen erreichend.

Auch wenn unsere Gesellschaft formal extrem chancengleich scheint, bietet unser Bildungswesen im internationalen Vergleich nicht wirklich gleiche Chancen für alle. Wir vererben unser Bildungsgut auch heute noch an die nachfolgende Generation: das Kind von Akademikern studiert, das Arbeiterkind in der Regel nicht. Gefühlt gibt es sehr unterschiedliche Chancen. Es kommt darauf an, wo man lebt, wie man lebt und ob man beispielsweise über das nötige Wissen verfügt, um die Chancen auch zu nutzen.

Chancengleichheit existiert in Deutschland nur in der Theorie.

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Nicht zuletzt durch diese gefühlt unterschiedlichen Chancen hat das Empfinden von Ungleichheit in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Viele Menschen haben das Gefühl, in einer Abstiegsgesellschaft zu leben, in der Anstrengungen und Mühen nie ausreichen - egal, wie hoch sie sind. Es handelt sich hier jedoch um eine Disposition: Auch wenn das Ungleichheits-Gefühl zugenommen hat, widersprechen Empirie und Fakten dem oft.

Für die Deutschen ist Sicherheit wichtiger als Gleichheit und Gerechtigkeit.

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Eine noch wichtigere Rolle als Gleichheit spielt für die Deutschen momentan Sicherheit. Weit abgeschlagen hinter den beiden liegt die Gerechtigkeit. Parteien gewinnen in Deutschland heute allein mit Gerechtigkeits-Themen keine Wahl. Dazu braucht es Sicherheits-Themen: innere, äußere, kulturelle und soziale Sicherheit.

Hinzu kommt, dass sich die Vorstellungen davon, was sozial gerecht ist, im Längsschnitt durch den Modernisierungsprozess verändern. Unsicherheit ist das Kennzeichen von Modernitätserfahrungen. Sicherheit kann im Gegenzug durch verlässliche soziale Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Gerechtigkeit absichern. Aber auch die sind im Fluss - momentan unter dem großen Druck der Digitalisierung, von der wir noch nicht wissen, welche Konsequenzen sie fordert. Was wir wissen ist, dass wir unsere Demokratie mit Zuversicht gestalten müssen, denn ohne die Gestaltung verlieren wir die Möglichkeiten einzugreifen. Und eine Demokratie, die nur zuschaut, ist keine Demokratie. Sie kann die Qualität der Standards, die wir bisher von einer Demokratie kennen, nicht erfüllen.

Unsere Elite verdient in der öffentlichen Meinung nicht nur zu viel, sondern sie benimmt sich auch nicht vorbildlich.

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Starke Veränderungen lassen sich auch im Vermögensbereich beobachten: Die Vermögensspreizung hat zugenommen. Parallel dazu kommt unsere Elite wie eine strauchelnde Elite daher, die in der Mehrheitsmeinung nicht nur ungerecht viel verdient, sondern sich auch nicht so verhält, dass sie als Vorbild dient. Diese strauchelnde Elite ist nicht nur im Bereich der Wirtschaft erkennbar. Die gesellschaftliche Bewertung ist eindeutig: Es ist nicht nachzuvollziehen, warum diese Elite so überproportional viel verdient. Die Mehrzahl der Menschen schätzt das als ungerecht ein. Wir sind in Deutschland nicht nur risiko- und verlustavers, sondern wir haben auch den Hang, Neiddebatten zu  starten.

Die Debatte um soziale Gerechtigkeit wird auch von Neid beeinflusst.

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Grundlegend zeichnet sich unser Wohlfahrtsstaat international aber dadurch aus, dass er gesellschaftlichen und sozialen Frieden sichert. Das wird von vielen Ländern nicht nur beobachtet, sondern auch als markanter Unterschied zu vielen anderen festgestellt. Der Sog der politischen Mitte ist extrem ausgeprägt und führt momentan zu einer Renaissance  der Volksparteien. Wir haben keine Extreme - weder Links, noch Rechts - in der Größenordnung, wie sie weltweit erkennbar sind. Wir erkennen das auch im Bereich des Wählens: Das eher untere Drittel der Gesellschaft kompensiert das Abgehängt-Sein nicht dadurch, dass es radikal wählt oder mehr wählt. Im Gegenteil: Es wählt in der Regel gar nicht. Folglich entwickeln sich in Deutschland auch keine Klassenkampfszenarien.

Formell existieren viele Mechanismen, die unseren Staat zu einem Sozialstaat machen.

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Die Besonderheiten in unserer Gesellschaft sind, dass im Bereich von prekären Dienstleistungen, auf die wir alle angewiesen sind, spezifische Berufsgruppen entstanden sind. Diese Menschen arbeiten sehr viel. Dennoch kommen sie am Monatsende nicht vernünftig über die Runden. Das ist ein Problem der Veränderung der Arbeitswelt. Aber die formellen Mechanismen und Abfederungen, die garantieren, dass unser Staat als Sozialstaat funktioniert, sind vorhanden.

Das Protokoll zum Gespräch führte Laura Fauss.

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