Chancengleichheit Chancen für alle: (K)eine Utopie?

Bild von Natalya Nepomnyashcha und Jenny Laube
Netzwerk Chancen

Expertise:

Natalya Nepomnyashcha ist Gründerin von Netzwerk Chancen. Jenny Laube arbeitet in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Organisation. Netzwerk Chancen wurde im Sommer 2016 mit dem Ziel gegründet, zivilgesellschaftliche Organisationen, Politiker, Beamte, Eltern, Wissenschaftler und Schüler miteinander ins Gespräch zu bringen, um gemeinsam nachhaltige Lösungen für gleiche Bildungs- und Aufstiegschancen zu entwickeln.

Im öffentlichen Diskurs geht es beim Thema soziale Gerechtigkeit meist um Rente, Löhne sowie die Umverteilung von Wohlstand. Um substantielle und nachhaltige Verbesserungen zu erreichen, muss jedoch bei den Ursachen für soziale Ungleichheit begonnen werden. In deren Zentrum steht die Bildung.

Zahlreiche Studien belegen, dass Bildungserfolg in Deutschland stark mit der sozialen Herkunft der Kinder zusammenhängt. Beispielsweise hat bei gleicher Begabung und gleicher Leistung das Kind eines Professors hierzulande eine 2,5 Mal höhere Chance eine Gymnasialempfehlung zu erhalten als das Kind eines Facharbeiters (TIMSS 2015). Über alle Schulformen hinweg haben Neuntklässler aus höheren Sozialschichten gegenüber Jugendlichen aus sozial schwachen Familien zwei Klassenstufen Vorsprung in der Mathematikkompetenz (Chancenspiegel 2014). Ein noch deutlicheres Zeichen für die Korrelation zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen ist schließlich, dass 77% aller Akademikerkinder ein Studium aufnehmen, während dies unter den Arbeiterkindern nur 23% tun (BMBF 2012).

Mangelnde Aufstiegschancen haben das Potenzial, ganze Generationen zu demotivieren

Dass soziale Herkunft und das Elternhaus deutlich stärkeren Einfluss auf die Bildungschancen haben als Faktoren wie Leistung, Engagement und Kompetenz, kann schnell zu Ohnmachtsgefühlen und Frustration führen. Wer nicht an seine Aufstiegschancen glaubt, der zieht sich zurück und gibt sich auf oder rebelliert gegen die empfundene Ungerechtigkeit. Die Existenz von sozialer Mobilität, als Konsequenz eines Aufstiegs durch Bildung, kann hingegen Antrieb verleihen, die eigenen Potenziale zu entdecken und zu entfalten. Doch viele Kinder aus sozial schwachen Familien in Deutschland glauben nicht an ihre Aufstiegsmöglichkeiten und die Zahlen geben ihnen allen Grund dazu.

Viele Kinder aus sozial schwachen Familien in Deutschland glauben nicht an ihre Aufstiegsmöglichkeiten.

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Um den Teufelskreis zu durchbrechen, bedarf es zusätzlicher und zielgerichteter Investitionen

1) Kinder individuell fördern

Alle Kinder, doch gerade solche, die mit “sozialen Nachteilen” ins Leben starten, müssen individuell gefördert werden. Nur so können ihre Begabungen entdeckt werden, ihr Nachholbedarf erkannt und ihnen dabei geholfen werden, ihre Potenziale zu entfalten. Hierfür müssen Lehrpläne und Klassenstufen flexibler gestaltet und vom “One size fits all”-Prinzip abgewichen werden.

Alle Kinder müssen individuell gefördert werden.

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2) Personal und Infrastruktur stärken

Die individuelle Förderung ist nur mit ausreichendem und gut ausgebildetem Personal sowohl im Kita- als auch im schulischen Bereich möglich. Dazu gehören neben Erziehern und Lehrern auch Schulsozialarbeiter und Psychologen, an die sich Kinder und Jugendliche im Vertrauen wenden können. Des Weiteren müssen Schulen so modernisiert und ausgestattet sein, dass sie zu einem Ort werden, der die Lernfähigkeit der Kinder fördert und an dem sie sich gerne aufhalten. 

Schulen brauchen mehr ausgebildetes Personal. 

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3) Die Arbeit mit den Eltern intensivieren

Die Familie ist der erste Bildungsort für Kinder. Um diesen Ort zu stärken, müssen vonseiten staatlicher Institutionen Wege und Räume geschaffen werden, die sprachliche oder zeitliche Barrieren zwischen Eltern und Schulen möglichst abbauen und den Kontakt miteinander fördern, sodass Eltern stärker in die Ausbildung ihrer Kinder eingebunden und in die Verantwortung genommen werden können.

Eltern sollten stärker in die Ausbildung ihrer Kinder eingebunden werden.

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4) Zivilgesellschaft stützen

Eine große Zahl zivilgesellschaftlicher Akteure leistet wichtige Arbeit bei der Förderung von Kindern und Jugendlichen mit pragmatischen wie effektiven Ansätzen. Oftmals sind sie ehrenamtlich tätig und auf Spenden oder Fördergelder angewiesen. Die Arbeit der Initiativen sollte durch unbürokratische finanzielle Unterstützung erleichtert werden, mit der Kosten für Ausflüge, Raummieten oder Materialien getragen werden können.

Die Arbeit zivilgesellschaftlicher Akteure, die Kinder und Jugendliche fördern, sollte finanziell unterstützt werden. 

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Gute Bildungspolitik ist teuer, schlechte noch teurer

Wer es unterlässt, in Bildung und soziale Mobilität zu investieren, der lässt zu, dass Kinder und Jugendliche durchs Raster fallen; dass uns Fachkräfte und Potenziale für die Wirtschaft entgehen; dass mehr Menschen ein höheres Risiko haben, arbeitslos zu werden, weil sie nicht ausreichend qualifiziert sind; dass Menschen sich dem Extremismus zuwenden oder gar kriminell werden, weil ihnen jegliche Perspektive fehlt.

Die Symptome sozialer Ungleichheit zu bekämpfen ist viel teurer als eine gute Bildungspolitik.

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Die damit verbundenen Mehrkosten für den Staat und die Steuerzahler liegen deutlich über den Kosten, die heute durch zusätzliche Lehrkräfte, Sozialarbeiter, sanierte, gut ausgestattete Schulgebäude und intensivere Elternarbeit entstehen würden. Investitionen in Bildung sind die Investitionen mit der höchsten sozialen Rendite und die einzigen, die ganz nebenbei für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen.

Die nächste Bundesregierung hat in den kommenden vier Jahren alle Chancen, dies zu ermöglichen.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Wolfgang Böckel
    Leider wird sich erkennbar auch nach der Wahl nichts ändern. Unser Bildungssystem mit all seinen Schwächen und diejenigen die es "verwalten"sind noch lange nicht in einer demokratischen Gesellschaft des 21.ten Jahrhunderts angekommen. In vielen Bereichen unserer Gesellschaft herrscht noch dieser Ungeist des Beharrens auf angeblich erprobten Strukturen.
  2. von Rolf Herzog
    Alles nicht falsch, aber leider nicht richtig: die wesentliche Grundlage würde weiterhin fehlen, würden alle diese Forderungen erfüllt. Es ist verblüffend, daß das Thema offen sichtbar zutage liegt, aber immer wieder nicht in den Lösungen auftaucht. Die Bewertung nach Herkunft, nicht nach Leistung, Kompetenz und Begabung, das macht das deutsche Schulsystem minderwertig. Diese Bewertungsart ist seit Kaisers Zeiten unverändert. Es wird geschaffen durch die Struktur von Schule, die miserable Lehrerausbildung (und Erzieherinnenausbildung) und die fehlende Diskussion um die Funktion der Schule. Wann wurde je offen diskutiert: Welche Bürger braucht ein demokratischer Staat - und was müssen die Bidungsinstitutionen leisten? Wie wird die Herrschaftsfunktion vermittelt (und wie funktioniert Herrschaft)? Dass diese Frage nicht diskutiert wird, liegt an einem Dilemma: Wird konsequent demokratisch erzogen, passt die Zurichtung nicht auf ein undemokratisch organisiertes Wirtschaftssystem - und auch ein wenig demokratisches Hochschulsystem. Es ist von daher kein Zufall, dass die Kinder der Funktionsträger bevorzugt werden, es ist eine sich selbst organisierende Funktion der genannten Systeme. Also ist eine konkrete, politisch und fachlich präzise und detaillierte Auseinandersetzung um die Herrschaftsfunktion von Schule in der Lehrerausbildung, der Gesellschaft und in der Verwaltung notwendig, um die notwendige Klarheit im Betrieb zu schaffen. Die alten, guten Forderungen wie individuelle Betreuung, mehr Personal, Elternarbeit und gute Ausstattung sind richtig, aber leider weitgehend wirkungslos bei der Frage der Gerechtigkeit, so lange in den Köpfen und Strukturen der alte preußische Geist herrscht.