Richtungsstreit bei CDU und CSU: Was ist konservativ? "Wir alle sind konservativ"

Bild von Dr. Christian Kandler und Alexandra Zapko
Psychologen Universität Bielefeld

Expertise:

Dr. Christian Kandler ist Akademischer Rat, Alexandra Zapko ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld. Christian Kandler leitet dort das DFG-Forschungsprojekt "Speady", Alexandra Zapko ist Projektkoordinatorin im "Speady"-Team. Die Psychologen erforschen im Rahmen des Projekts die Persönlichkeitsentwicklung im Lebensverlauf.

Die Psychologen Christian Kandler und Alexandra Zapko erklären, warum alle Menschen konservativ sind - und warum das gut so ist.

Konservatismus wird - im Sinne einer politischen Orientierung - in der Wissenschaft als ein Sammelbegriff für spezifische Einstellungen und Werte aufgefasst, welche unter anderem eine ablehnende Haltung gegenüber sozialen, wirtschaftlichen oder kulturellen Veränderungen oder eine Befürwortung von Maßnahmen zur Bewahrung der bestehenden oder Wiederherstellung von früheren gesellschaftspolitischen Ordnungen umfassen.

Konservatismus beschreibt nicht nur ein gesellschaftlichen Phänomen, sondern ist in der menschlichen Natur verankert.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Entsprechend beschreibt Konservatismus nicht nur ein gesellschaftliches Phänomen, sondern im Grunde ein tief in der menschlichen Natur verankertes individuelles Merkmal.

Um den Ursprung von Konservatismus zu verstehen, mag ein Blick auf die Evolution der menschlichen Natur hilfreich sein. Jedem Lebewesen kann eine Art Selbsterhaltungstrieb zugesprochen werden – es versucht, seine Überlebensbedingungen zu optimieren und Gefahren zu meiden zum Zwecke der Arterhaltung. Der Mensch hat sich evolutionsgeschichtlich zu einer sozialen Spezies entwickelt, deren Bestreben es ist, mit anderen Artgenossen zu kooperieren, um durch die Gemeinschaft entscheidende Überlebensvorteile wie einen höheren Schutz gegen Feinde und einen leichteren Zugang zu Ressourcen zu erhalten.

Beides, das Konservative und das Progressive, sind aus menschheitsgeschichtlicher und evolutionärer Sicht wichtig.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Ein funktionierendes Zusammenleben bedarf aber auch der Regeln, wodurch sich Moral, Religion, kulturelle Konventionen und letztlich auch politische Ideologien entwickelten. Da neben dem Reproduktionserfolg des einzelnen nun auch das Wohl – und damit der innere Zusammenhalt – der Gruppe im Vordergrund stand, mag der Selbsterhaltungstrieb auf die Gemeinschaft in Form von zumindest zwei zentralen, aber gegensätzlichen menschlichen Motiven erweitert worden sein: Die Motivation zur Veränderung, Expansion und Optimierung der Strukturen und Lebensbedingungen der Gemeinschaft auf der einen, und das Bedürfnis nach Aufrechterhaltung der bestehenden Gruppenhierarchie und Verteidigung der Ressourcen gegen äußere (z.B. andere Gruppen) und innere Bedrohungen (z.B. Abweichler) auf der anderen Seite. Beide Zielorientierungen sind essentiell für den Überlebenserfolg einer Gruppe und einige Wissenschaftler argumentieren, dass die erstere Zielorientierung die motivationale Basis hinter progressiven oder liberalen Orientierungen reflektiert, während das Bedürfnis nach Beständigkeit, Sicherheit und Schutz vor strukturgefährdenden Bedrohungen die motivationale Basis von konservativen Grundhaltungen darstellt.

Aus psychologischer Sicht sind alle Menschen konservativ - nur in unterschiedlichem Ausmaß.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Konservatismus als ein grundlegendes menschliches Merkmal zu betrachten bedeutet nicht, dass es den typischen Konservativen gibt. Konservatismus beschreibt vielmehr eine vielgestaltige Haltung, die zwischen Menschen im Ausprägungsgrad variiert. Wir alle sind gewissermaßen konservativ, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaße. Die individuelle Ausprägung ist jedoch keinesfalls festgelegt, sondern kann sich im Laufe des Lebens und abhängig von dem kulturellen Kontext, dem Grad der Religiosität (unabhängig von der Religion), gesellschaftshistorischen Ereignissen und individuellen Lebenserfahrungen verändern.

In Zeiten, die als bedrohlich wahrgenommen werden, verstärken sich psychologische konservative Grundhaltungen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Im Einklang mit der oben geschilderten evolutionstheoretischen Perspektive konnten Studien zeigen, dass sich in Zeiten wahrgenommener Bedrohungen (z.B. Terrorgefahr) politische Grundhaltungen in Richtung Konservatismus verlagern können. Dabei ist es völlig unerheblich, ob die Bedrohung real oder irrationaler Natur ist. Auch scheint es mit steigendem Lebensalter einen Trend hin zu mehr konservativen Einstellungen zu geben. Während jüngere Menschen stärker bestrebt sind, ihre Nische zu finden und ihre Identität aus verschiedenen sozialen Rollen in der Gesellschaft zu gestalten, verlagern sich die Ziele mit zunehmenden Alter in Richtung Stabilität des Erreichten und Geschaffenen. Das Bedürfnis nach mehr Stabilität und Sicherheit geht mit einem Zuwachs an Konservatismus einher. 

Obwohl zahlreiche Studien die geschilderten Zusammenhänge bestätigen konnten, sind die kausalen Mechanismen nahezu unbekannt. Derzeit wird an der Universität Bielefeld eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Langzeitstudie über alle Altersgruppen ab 14 Jahren und eine Zwillingsfamilienstudie durchgeführt, die den Zusammenhang moralischer Grundhaltungen und Wertorientierungen mit Persönlichkeitseigenschaften und grundlegenden menschlichen Motiven aufdecken und die spezifische Weitergabe über Generationen sowie die Rolle genetischer Faktoren und Erfahrungen beleuchten möchte. Diese Studie könnte in naher Zukunft mehr Aufschluss über den Ursprung und die Entwicklung von Konservatismus geben. Gegenwärtig werden noch Daten von Personen verschiedener Altersgruppen und Zwillingsfamilien erhoben und viele Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer gesucht, um ein ausreichend repräsentatives Abbild der Gesellschaft zu erhalten.

___________________________________________________________________________________

Was ist konservativ?

Auf Tagesspiegel Causa, dem Debatteportal des Tagesspiegels, diskutieren darüber unter anderem der Historiker Andreas Rödder, CDU-Generalsekretär Peter Tauber und der Mitinitiator des konservativen Berliner Kreises in der Union, Christean Wagner. Hier geht es zur Debatte.

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.