Konservative Werte in der CDU Moderne Politik muss konservativ denken

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Politikerin, Bloggerin CDU

Expertise:

Jenna Behrends ist Kandidatin der CDU für die Bezirksverordnetenversammlung Berlin Mitte. Neben dem Jurastudium hat sie eine journalistische Ausbildung abgeschlossen (u.a. mit Stationen bei der Welt, der Deutschen Presseagentur und dem Focus). Sie schreibt den Blogg mitte-maedchen.de.

In der heutigen schnelllebigen Zeit braucht konservative Politik endlich mehr Emotionen, meint die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends. Mit einem Adenauer-Zitat erklärt sie ihr Verständnis vom Konservativ-Sein.  

Die Weltsicht meines Großvaters ist noch klar: Es gibt links und rechts, schwarz und weiß. Es gehört zu seiner Selbstdefinition CDU zu wählen. Ich habe mir die Frage, ob ich wirklich konservativ bin, erst gestellt, als andere für sich beanspruchten im Gegensatz zu mir wahre Konservative zu sein.

Ich bin weiblich, 26 und lebe mit meiner Tochter in Berlin Mitte. Statistisch gesehen bin ich wahrscheinlich alles - außer konservativ. Bin ich es trotzdem? Mir geht es nicht um Ideologien. Für mich sind „links" und „rechts" Begriffe aus dem Geschichtsunterricht, Kapitel Paulskirche. Ich will einen starken Staat, der sinnvoll mit Steuergeldern umgeht, in die Zukunft investiert, Chancengleichheit herstellt, sich selbstbewusst außenpolitisch betätigt und mir ermöglicht mich sicher zu fühlen, wenn ich nachts alleine U-Bahn fahre. Welcher Aufkleber auf dieser Politik klebt, ist mir grundsätzlich egal.

Konservativ ist, wer allen Teilen der Gesellschaft Aufmerksamkeit schenkt.

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Geschrieben wurde zum Konservatismus viel, auch viel Kluges. Aber was bedeutet das konkret, hier und heute, abseits von Parteitagsphrasen? An welchen Themen lässt sich bemessen, ob jemand den Konservativen zuzurechnen ist? Umringt von einem vermeintlich übermächtigen linksliberalen Mainstream fühle ich mich jedenfalls nicht. Also frage ich die, die sich ihrer konservativen Haltung sicher sind, nach weiteren Beispielen: Sie seien gegen das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare, weil Kinder besser mit beiden Geschlechtern groß würden. Das sehe ich anders. Auch das aktuell wieder diskutierte Burka-Verbot finde ich eine ganz schlechte Idee. Nächster Versuch: Die jahrzehntelange Frauenförderung habe dazu geführt, dass es nun die Männer seien, die diskriminiert würden. Ich merke, dass mich diese Gespräche der Frage, ob ich konservativ bin, nicht näher bringen.

Kürzlich aber traf ich in der Schlange beim Bäcker einen LKW-Fahrer. Wir kannten uns gar nicht, trotzdem erzählte er mir, was er gerade auf seinem Smartphone las. Einen Artikel mit der Überschrift: „Diese Jobs werden bald aussterben". Neben dem Briefträger war sein Beruf ganz vorne mit dabei. Ich bin mir sicher, dass er sich noch nie zuvor mit der Digitalisierung befasst hat. Aber jetzt hat er Angst davor. Dank dieses LKW-Fahrers habe ich verstanden, was an mir konservativ ist. Das Lebenswerk dieses Mannes droht durch die sich immer schneller beschleunigenden Veränderungen in Wissenschaft und Beruf entwertet zu werden. Was bei Menschen wie diesen LKW-Fahrer bleibt, ist ein ungutes Gefühl des Abgehängtwerdens.

Die Politik muss die Sorgen der Menschen nicht nur hören, sondern nach den Ursachen fragen. 

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Wie viele Menschen gibt es wohl in Deutschland, die Angst davor haben, nicht mehr mithalten zu können? Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins. Die Sorge keinen Einfluss auf die Dinge und am Ende das eigene Leben zu haben. Diese Ängste um die eigene Rolle im Leben vermischen sich auf ungute Weise mit anderen Themen wie dem Euro, der Flüchtlingskrise oder dem Islam. Aber all diese Sorgen ohne großes Nachdenken als „rechtsradikal" oder schlicht „dumm" abzutun, finde ich zu einfach und gefährlich. Denn wer entscheidet, was die richtigen Sorgen sind und was die falschen?

Konservativ zu sein heißt für mich als erstes zuzuhören und Ängste ernstzunehmen. Dann folgt aber noch ein zweiter Schritt, nämlich zu verstehen, was die eigentlichen Ängste hinter den vorgetragenen Befürchtungen sind. Es überrascht nicht, dass wir einander fremd werden, wenn die einen sich für genderneutrale Sprache einsetzen, während andere sich um ihre bloße Existenz sorgen.

Die eigenen Wurzeln und Traditionen müssen das Maß des Fortschritts sein. 

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Für mich ist Fortschritt grundsätzlich etwas Großartiges und ich sehe darin vor allem Chancen. Aber ich verstehe genauso die Ängste vor den übermächtig erscheinenden technologischen und ökonomischen Logiken und der Globalisierung. Und das ist der Punkt, an dem deutlich wird, was konservative Politik für mich ist: Konservative stellen sich an die Spitze des Fortschritts und können ihn gerade dadurch moderieren und gestalten. So gelingt es ihnen, die eigenen Wurzeln und Traditionen nicht zu vergessen sowie Halt und Zuhause zu bieten. Es muss unser Ziel sein, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, um bei der Entwicklung unseres Landes am Ende möglichst alle intellektuell und vor allem emotional mitzunehmen.

Konservative Politik steht für mich in erster Linie für die Wahrung der Werte unseres Grundgesetzes über alle wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen hinaus. Konservativ sein heißt das Grundgesetz und Europa im Herzen zu tragen. Denn die Werte sind nicht, nur weil sie einmal auf Papier gebracht wurden, für immer gesichert. Wir müssen sie täglich neu erringen, auch und vor allem im Kampf gegen Populisten. Das ist im Zweifel anstrengend. Wir müssen genau hinhören, unsere Politik immer wieder erklären und dabei endlich emotionaler werden. Ich als Konservative liebe unser Land und alle Menschen, die hier leben – und zwar genauso, wie sie sind.

Auch ein Konservativer darf seine Meinung ändern und dem Zeitgeist anpassen.  

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Häufig wird der CDU vorgeworfen opportunistisch zu sein. Ich denke dann immer an unseren ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer, dem vorgehalten wurde, über Nacht seinen Standpunkt gewechselt zu haben. Seine Reaktion: „Dat kann schon sein, aber et kann mich doch schließlich keiner daran hindern, alle Tage klüger zu werden." Das ist für mich die Stärke des Konservativen.

Konservativ sein heißt auch Fehler machen zu dürfen, wenn anschließend daraus gelernt wird. Es ist dieser Pragmatismus, der es uns erlaubt, selbst der Fortschritt zu sein und gestern, heute und morgen in eine Linie bringen. Und nur so können wir den ganz großen Themen wie Migration, Globalisierung, innere und äußere Sicherheit, Digitalisierung und der Wahrung unseres Wohlstands sinnvoll begegnen.

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Was ist konservativ?

Auf Tagesspiegel Causa, dem Debatteportal des Tagesspiegels, diskutieren darüber unter anderem der Historiker Andreas Rödder, CDU-Generalsekretär Peter Tauber und der Mitinitiator des konservativen Berliner Kreises in der Union, Christean Wagner. Hier geht es zur Debatte.

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