Eine heroische Haltung Konservatismus heißt: Kampf um Gerechtigkeit

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freier Publizist

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Konstantin Sakkas ist freier Publizist in Berlin, Er studierte Philosophie und Geschichte an der FU Berlin. Seine Magisterarbeit schrieb er über "Hannah Arendts Theorie des Gesellschaftlichen". 2014 veröffentlichte er gemeinsam mit Ralf Georg Reuth "Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein" (Piper). Seine Gedanken veröffentlicht er auch auf http://misterdarcysblog.wordpress.com.

Wer heute Konservatismus sagt, meint viel zu oft nur Neoliberalismus und Fremdenhass. Konservativ sein ist aber etwas ganz anderes: Es ist der heroische Kampf um Gerechtigkeit. Es ist eine Kerntugend.

Die bevorstehende Wahl zum 19. Bundestag der Bundesrepublik Deutschland wird die erste Bundestagswahl seit der Wiedervereinigung sein, in der die Frage nach dem wahren Konservatismus eine dominante, vielleicht sogar eine wahlentscheidende Rolle spielen wird. Als deutscher Intellektueller der so genannten Generation Y fühle ich mich daher aufgerufen, einen Beitrag zu leisten zur Aufklärung darüber, was konservativ eigentlich ist – und was es nicht ist beziehungsweise nicht sein sollte.

Die Leitwerte des Konservatismus heißen Gerechtigkeit, Ordnung und Heroismus

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Wirklich konservativ zu sein, heißt, ein besonderes Gespür für Gerechtigkeit zu haben, nicht für Dominanz. Die Leitwerte des guten, richtigen Konservatismus heißen Gerechtigkeit, Ordnung und Heroismus. Diese Werte entziehen sich aber dem politischen Koordinatensystem von links und rechts – einem Produkt, wie wir alle wissen, des 19. Jahrhunderts. Die Grundwerte des guten Konservatismus aber, Gerechtigkeit, Ordnung und Heroismus, sind historisch älter. Der politische Diskurs seit der Französischen Revolution hat Gerechtigkeit als eher linken, Ordnung und Heroismus als eher rechte Werte deklariert. In Wahrheit aber sind alle drei menschliche Grundwerte, unabhängig von politischer Couleur.

Die Flüchtingskrise hat unsere Hilfsbereitschaft auf die Probe gestellt, und die Probe wurde bestanden

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Gerecht ist, dass wir als Angehörige einer der reichsten und mächtigsten Nationen der Erde Menschen in der Not helfen. Die Orientkrise, die schon seit dem 11. September unsere levantinische Nachbarregion aufs schwerste erschüttert, hat unsere Hilfsbereitschaft auf die Probe gestellt – wir haben diese Probe bestanden. Darauf sollten wir stolz sein – anstatt kleinlich nachzurechnen, wie viel uns das jetzt gekostet hat oder wie viele von den Hunderttausenden, die zu uns gekommen sind, Verbrecher oder potenzielle Terroristen sein mögen. Verbrecher und Terroristen wird es immer und überall geben, ob mit oder ohne Flüchtlingskrise.

Der konservative Staat ist klassisch ein Ordnungsstaat - und auch ein Sozialstaat

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Der konservative Staat ist klassisch ein Ordnungsstaat – und hat als solcher viel mit dem linken Sozialstaat gemein. Doch neben der inneren geht es hier auch um die äußere Ordnung. Europa ist, wenn es nicht bloß eine fromme Idee sein will, ein imperiales Konstrukt, ist es immer gewesen. Wir haben nur die Wahl, auch ein zeitgemäßes imperiales Bewusstsein hierfür zu entwickeln – oder aber die europäische Idee zu Grabe zu tragen.

In der Flüchtlingskrise liegt die Chance, euopäische Imperialität offensiv zu leben

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Auch diese Imperialität ist – eigentlich – etwas Konservatives, und wieder hat die Flüchtlingskrise uns die Chance eröffnet, diese europäische Imperialität offensiv zu leben. Syrien liegt nicht in der Südsee, sondern ist altes orientalisch-europäisches Kernland. Auch der Islam ist nichts eo ipso Fremdes, sondern ist hervorgegangen aus Judentum und Christentum und hat viele Elemente traditioneller europäisch-orientalischer Spiritualität bewahrt, die im so genannten christlichen Abendland leider schon lange verschüttet sind. Ich spreche von Tugenden wie Mitleid, Gottvertrauen und, ja: auch Toleranz – einer Toleranz, die aus dem Herzen kommt, keiner anerzogenen, die man sich leider nur allzu leicht – wir erleben das gerade – auch wieder aberziehen kann.

Konservative sind stolz auf Merkel, statt sie als "Rechtsbrecherin" zu beschimpfen

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Ein Deutschland, das sich durch seine großzügige Haltung in der Flüchtlingskrise um diese Länder verdient gemacht hat, hat damit einen Beitrag zur Stabilisierung der europäisch-orientalischen Beziehungen geleistet, der nicht hoch genug geschätzt werden kann. Anstatt mit künstlicher Empörung, die einfach nur lächerlich wäre, wenn sie nicht auch so gefährlich wäre, „Rechtsbrecherin Merkel“ zu schreien, sollten so genannte Konservative, wie sie sich in der AfD, aber auch im Herzen der CDU und gewiss auch in der SPD tummeln, stolz auf Angela Merkels Leistung in der Flüchtlingskrise sein. Dass eine syrische Flüchtlingsfamilie ihre neugeborene Tochter standesamtlich auf den Vornamen „Angela Merkel“ eintragen lässt, sollte jeden echten Konservativen jubeln lassen. Mit der Griechenlandrettung – auch wenn das von vielen Griechen selber nicht so gesehen wird – und ihrem Handeln in der Flüchtlingskrise hat Angela Merkel so viel für die Reputation Deutschlands und für die europäisch-orientalische Idee getan wie zuvor nur Gerhard Schröder im Jahr 2002 mit seiner Weigerung, sich am Irakkrieg zu beteiligen.

Heroismus ist kein rechter Wert, er wird nur von den Rechten gekapert

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Drittes essentielles Element von Konservatismus ist schließlich Heroismus. Leider ist dieser Begriff durch den sozialwissenschaftlichen Diskurs nach 1968 – nur in Deutschland, wohlgemerkt – völlig in Misskredit gebracht worden. Dabei ist unsere gesamte Popkultur voll von heroischen Narrativen, von Kollegah bis Ellie Goulding , von „Homeland“ bis „The Revenant“. Heroismus ist kein genuin „rechter“ Wert – deshalb sollten wir aber auch nicht zulassen, dass Rechte und Rechtsextreme ihn kapern.

Der deutsche Politdiskurs taumelt zwischen linksgrüner Folklore und empörungssatter Ausgrenzungsrhetorik

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Emmanuel Macron, Frankreichs linksliberaler Präsident, sprach bei seiner Inauguration von „neuen Eroberungen“, auf die er Frankreich Lust machen wolle. Wieso nicht auch dieser Duktus in Deutschland? Dass der deutsche politische Diskurs sich fast ausschließlich zwischen pathosfreier, linksgrüner Folklore hier und rechter, empörungsgeschwängerter Ausgrenzungsrhetorik dort bewegt, wird sich bei dieser Bundestagswahl definitiv als schwere Hypothek erweisen.

Politik als Unterscheidung von Freund und Feind ist inhuman, dumm - und nicht konservativ

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Die Flucht von Millionen Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten vor Hunger, Folter und Tod nach Europa ist ein wunderbares heroisches Narrativ. Heroismus bedeutet Individualität, bedeutet Kampf für Gerechtigkeit, Kampf für Menschlichkeit – nicht für bestimmte wirtschaftliche, nationale oder egoistische Interessen. Das Krebsgeschwür des heutigen so genannten Konservatismus ist aber, dass er sich im Kern im stumpfen Nachbeten von Carl Schmitt erschöpft: Politik als Unterscheidung von Freund und Feind. Diese Maxime aber (der bekanntlich nicht wenige auf der Linken ebenso folgen) ist nicht nur inhuman, und sie ist auch nicht nur dumm; sondern sie ist insbesondere ganz und gar nicht konservativ.

Nicht Dominanz des Stärkeren ist konservativ, sondern der Kampf um Gerechtigkeit

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Dominanz des Stärkeren über den Schwächeren, politischer und gesellschaftlicher Sadismus, wie er heute ja leider in Mode ist, ist kein konservatives Narrativ; Kampf, auch heroischer Kampf, für Gerechtigkeit und Stabilität ist eines.

Der heutige Konservatismus entstand um 1800 als direkte Reaktion auf die Französische Revolution. Sein Ziel war die Widerherstellung der absoluten Königsherrschaft. Schon die ersten Konservativen vergaßen dabei aber geflissentlich, dass die Könige des Achtzehnten Jahrhunderts, ganz im Geiste des aufgeklärten Absolutismus, oftmals die größten Vertreter des Fortschritts waren. Ihre größten Gegner waren nicht Bauern und Bürger, sondern der Adel, die wirtschaftliche Elite ihrer Staaten – die sich nach der Revolution dann auf Seiten der Konservativen wiederfanden.

Konservatismus heute erschöpft sich leider im Bewahren wirtschaftlicher Besitzstände

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Entsprechend erschöpft sich etablierte Konservatismus heute leider großenteils im Bewahren wirtschaftlicher Besitzstände, im Wiederherstellen von Klassengegensätzen und insbesondere in einem immer schärfer werdenden Rassismus. Wir haben es bei der AfD zu tun mit einem neuen „Bündnis zwischen Mob und Eliten“ (Hannah Arendt); hier das klein- und unterbürgerliche Pegida-Fußvolk; dort die sie steuernden Eliten beziehungsweise die sich dafür halten in der „Bibliothek des Konservatismus“, in manchen Studentenverbindungen und in Teilen der Wirtschaftselite. Doch mit ihrem Treiben verstoßen diese Leute nicht nur gegen das Gebot der Menschlichkeit und gegen die von ihnen scheinheilig beschworenen christlichen Werte; sie verstoßen auch und nicht zuletzt gegen die von ihnen so hochgehaltenen deutschen Interessen. Denn diese deutschen Interessen liegen in Europa – nicht  allein in „Kerneuropa“, sondern in jenem europäisch-orientalischen, jüdisch-christlich-islamischen Ordnungsraum, dessen Bedeutung uns durch die Syrienkrise schockartig in Erinnerung gerufen wurde. Ohne seine mediterrane Peripherie – de Gaulle und Adenauer wussten das – wird das deutsch-französische Zentraleuropa politisch nicht überleben.

Zu viele, die Konservatismus sagen, meinen doch nur Neoliberalismus und Fremdenhass

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Angela Merkel hat mit der ihr eigenen Nüchternheit vorgemacht, wie man diesen europäisch-orientalischen Ordnungsraum mit viel Gerechtigkeitssinn und einem modernen Heroismus zusammenhalten kann trotz furchtbarer, militärischer und wirtschaftlicher, Gegenschläge. Daraus aber auch ein zündendes politisches Narrativ zu formen, fehlte ihr – was nicht ihre Schuld ist – das Charisma. Das ändert nichts daran, dass dieses Narrativ richtig und notwendig ist – und dass es verteidigt werden muss gegen Leute, die, wenn sie Konservatismus sagen, doch nur Neoliberalismus und Fremdenhass meinen.

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