Was Israelis sich fragen War es das mit dem "anderen Deutschland"?

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Autor und Journalist

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Eldad Beck ist Deutschlandkorrespondent der israelischen Tageszeitung "Israel Hayom". Zuvor war er viele Jahre Deutschland- und Europa-Korrespondent für "Yediot Aharonot". Er hat Arabisch und Islamwissenschaften in Israel und an der Sorbonne in Paris studiert.

Die AfD ist in den Bundestag einzogen. Für viele Israelis ist damit der Traum vom "La-La-Deutschland" geplatzt. Dabei sind Neonazis nicht die einzige Bedrohung. 

Plötzlich interessiert sich die deutsche Öffentlichkeit für die Meinung Israels und der Israelis. Nicht über palästinensische Terror und Gewalt oder islamistische antisemitische Hetze, die auch in Deutschland verbreitet ist. Sondern über die AfD und ihren Wahlerfolg.  Vor allem ist es wichtig geworden, wie schnell der israelische Premier, Netanjahu, darauf reagiert. Und wie.

Die Israelis sollen den Nazi-Vorwurf an die AfD stärken

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Da gibt es aber ein kleines Problem: vor wenigen Monaten hat sich Netanjahu sehr aufgeregt, weil ein deutscher Außenminister sich erlaubt hat, öffentlich in den internen politischen Angelegenheiten Israels einzumischen, und als der Minister dafür kritisiert wurde, beklagten er und seine Anhänger einen „Demokratiemangel“ in Israel. Und jetzt wird erwartet, dass Netanjahu sich in internen deutschen politischen Angelegenheiten interveniert. Um es den Deutschen leicht zu machen, die AfD in der Nazi-Ecke zu stellen.

Man glaubte in Israel an "das andere Deutschland", das offen, liberal und tolerant ist

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Deutschland war noch nie so beliebt in Israel, wie das vor dem 24. September 2017 der Fall war. Eine langjährige PR-Arbeit, die viel Geld kostete, hat die Israelis – 70 Jahre nach dem Holocaust – überzeugt, dass es ein „anderes Deutschland“ gibt – offen, liberal, tolerant, billig. Deutschland Symbol der Aufarbeitung der Geschichte und der perfekten Demokratie.

Israelis reisten gern nach Deutschland. Holocaust, Nazis? Vergangenheit!

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Nach Jahren von Distanzierung zwischen beiden Völkern, ist Deutschland ein populäres touristisches Ziel für die Israelis geworden und Berlin ein Ort der Flucht für manche Israelis, die die politische Lage in Israel „nicht mehr aushalten könnten“ oder ganz einfach eine Auswahl von billigeren Schokopuddings im Supermarket haben wollten. Nach den Erzählungen dieser Israelis, ist Deutschland ein Paradis geworden, das neue gelobte Land. Nazis? Antisemitismus? Holocaust? Dies ist alles Vergangenheit, und Deutschland hat sein Vergangenheit exemplarisch aufgearbeitet.

Mit dem AfD-Einzug ins Parlament ist der Traum vom La-La-Deutschland geplatzt

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Und plötzlich ist die AfD im Bundestag, sogar die drittgrößte Partei. Und all die Israelis, die keine Nazis in Deutschland gesehen oder getroffen haben, oder sehen und treffen wollten, schreien: „Die Nazis sind wieder im Reichstag!“.  Die Fantasie über das schöne Leben in La-La-Deutschland ist geplatzt. Und die letzten Israelis, die an „das andere Deutschland“ nie geglaubt haben, behaupten mit prophetischen Ruhe: „Wir haben es euch gesagt, es gibt nur ein Deutschland“.

Die komplexe deutsche Realität interessiert nicht, es reichte das positive "Anders"-Image

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Aber die Geschichte der AfD ist viel komplizierter. Die hat vor allen mit Schweigen und Verdrängung der deutschen Realitäten zu tun. Wenn man sich hauptsächlich mit Image beschäftigt statt mit richtigen Problemen, endet man in einem Realitätsverlustzustand. Viele Israelis haben das Image vom „anderen Deutschland“ angenommen, ohne sich wirklich für die komplexe deutsche Realität zu interessieren.  Und so „sind die Nazis wieder da“.

Nichts sollte das perfekte Deutschland-Bild in Israel in Frage stellen 

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Als ich vor drei Jahren ein Buch über das aktuelle Deutschland in Israel veröffentlicht habe, hat die deutsche Botschaft in Tel Aviv wie auch die politischen Stiftungen, die in Israel tätig sind, einen Kampf gegen dieses Buch erklärt. Nichts sollte das perfekte Bild Deutschlands in Israel in Frage stellen. Soweit zum Thema "Demokratiemangel", und vielleicht wäre es auch eine Teilerklärung für den Erfolg der AfD: Wer jede Kritik verbietet, versteht nicht was um sich passiert.                   

Es gibt Deutsch-Israelis, die AfD gewählt haben - wegen der "islamischen Invasion Europas"

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Es gibt Heute Israelis, nicht wenige, die auch Verständnis für das Phänomen AfD haben. Es gibt auch Deutsch-Israelis, die die AfD gewählt haben. Für die ist die „islamische Invasion Europas“ eine echte Gefahr, eine jetzige Bedrohung, die viel größer sind als irgendwelche Neo-Nazis und Geschichtsrevisionisten. Vor allem, erklären sie, weil Heute – nicht als wie vor 80 Jahren – wir, Juden, unseren eigenen Staat haben, den es uns wichtig ist zu behalten. Und die Feinde dieses Staates sind nicht unbedingt bei der AfD zu finden, sondern eher bei den Linken, gegen die niemand protestiert.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Christian Starke
    Was da zum Entsetzen der großen Mehrheit rechts außen in den Bundestag eingezogen ist, ist in Israel an der Regierung.