Was die USA sich von Merkel erhoffen Deutsche Macht darf sich jetzt nicht provinzialisieren

Bild von Crister S. Garrett
Professor für US-Geschichte und Kultur Universität Leipzig

Expertise:

Der US-Amerikaner ist Professor für amerikanische Geschichte und Kultur an der Uni Leipzig. Er studierte Zeitgenössische Geschichte und Politik an der University of California, Los Angeles und lehrte u.a. am Middlebury Institute of International Studies in Kalifornien und an der University of Wisconsin-Madison. Zu seinen Forschungsinteressen zählen die Zeitgenössische Amerikanische Geschichte, Politik und Gesellschaft in einem internationalen Kontext.

Auch nach der Wahl setzen die amerikanischen Transatlantiker auf die Merkel-Karte. Die Kanzlerin steht für Kontinuität und Kooperation. Die größte Sorge in Washington ist, dass der Tumult nach den Wahlen die Machtposition Deutschlands schwächen könnte.

Liegt die Kraft der Analyse in der Ruhe? In Anlehnung an den Lieblingsspruch der amtierenden deutschen Kanzlerin, nimmt die amerikanische politische Klasse nach der Bundestagswahl zur Kenntnis, dass der deutsche Fels namens Angela Merkel weiter in der gegenwärtigen deutschen Brandung steht. Das beruhigt die meisten Politiker und Transatlantiker in Washington D.C., auch in der Trump-Regierung.

In der Mitte der amerikanischen Politik gelten Europa und die Europäischen Union weltanschaulich als wichtigste Partner in der Gestaltung globaler Politik, mit Deutschland als zentrale Macht in Europa; ein de facto europäischer Hegemon. Washington D.C. sieht das  als "natural order of power" an und stört sich nicht daran, solange Berlin und Brüssel Politik nicht gegen Amerika, sondern in Koordination, wenn nicht in Kooperation, mit den Vereinigten Staaten gestalten. Bisher hat Angela Merkel dafür gesorgt, eine konstruktive transatlantische Allianz weiter zu pflegen oder gar zu intensivieren. Deshalb wird die Kanzlerin von Demokraten und vielen Republikanern als Stabilisator sehr geschätzt. Amerika setzt viel auf die Merkel'sche Karte.

Merkels Wiederwahl beruhigt die meisten Transatlantiker - auch in der Trump-Regierung.

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Inzwischen sind wir daran gewöhnt, dass Präsident Trump gern in einem anderen, konfrontativeren Ton über transatlantische Politik tweetet und tönt. Sei es Handelspolitik, Sicherheitspolitik, Europapolitik (Trump als Brexit-Befürworter) oder Migrationspolitik, der Präsident setzt ganz klare Akzente auf nationale bis nationalistische Prioritäten. Die Wahlresultate für die AfD sind für Trump kein Schreckensresultat, sondern wurden eher erwartet und begrüßt. "Wir holen unser Land zurück" - Alexander Gaulands Satz am Wahlabend entlehnt sich direkt aus dem Trump'schem Repertoire.

Gleichzeitig sollte man nicht außer Betracht lassen, dass President Trump freiwillig Schlüsselfiguren für seine Administration ins Weiße Haus holte, die überzeugte und langjährige Transatlantiker sind: Verteidigungsminister Mattis, der Nationale Sicherheitsberater McMaster und Außenminister Tillerson. Die drei Weisen haben immer betont, dass NATO, die EU und konstruktive deutsch-amerikanische Beziehungen Kerninteressen der USA, ja nationalen Interessen, grundsätzlich dienen. Diese Botschaft gibt in letzter Zeit in der Trump-Regierung den transatlantischen Ton an. Amerikas Beitrag zur NATO steigt statt zu sinken. Der Präsident hat wohl eingesehen, dass Amerikas Sicherheit durch transatlantische Kooperation kostengünstiger, wenn nicht wirkungsvoller, zu gewährleisten ist.

Zwischen Deutschland und Amerika geht es nicht um Freundschaft, sondern um eine gut funktionierende Beziehung.

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Wird Merkel die schon lange geltende Einsicht, dass "Amerika Deutschlands wichtigster Partner außerhalb Europas" sei weiter gelten lassen? Das ist zur Zeit die Annahme in Washington D.C.: Merkel als Garant, als Mutti der deutschen Hegemonie in Europa und Gestalter der transatlantischen Zusammenarbeit. Es wird sich in erster Linie nicht—und das hat es nie—um eine transatlantische Freundschaft drehen. Inzwischen wissen wir sehr genau, dass Deutschland in Amerika spioniert(e), und Amerika in Deutschland. Und Freunde spionieren einander nicht aus. Es geht um gut funktionierende Beziehungen, die nationale Interessen stärken, ganz besonders für Deutschland.

Amerikas größte Sorge ist, dass sich deutsche Macht provinzialisiert

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Das ist für Amerika die offene Rechnung, bis eine neue Regierung in Berlin steht und die Regierungsvereinbarung umgesetzt wird. Inwieweit werden die Eingeständnisse, die Kanzlerin Merkel sicherlich machen muss, um eine Regierung zu bilden, sie schwächen? Deutschland hat gerade erlebt, wie sich Themen der Sicherheit auf nationale Politik auswirken können. Werden innenpolitische Interessen von möglichen Partnern in einer Koalition den Gestaltungsraum für Merkel spürbar einengen? Amerikas größte Sorge nach dieser politischen Aufwühlung in Deutschland ist nicht, dass sich deutsche Macht ausweitet, sondern dass deutsche Macht sich spürbar provinzialisiert.

 

 

 

 

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