Angela Merkel bei Trump Was Deutschland von Kanada lernen kann: Die Trump-Diplomatie

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Historikerin

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Die Historikerin Heidi Tworek unterrichtet an der University of British Columbia, Vancouver, und ist derzeit Fellow der Transatlantic Academy in Washington D.C.

Kanada ist bisher geschickter und erfolgreicher im Umgang mit der Trump-Regierung als viele andere europäische Länder. Was Angela Merkel von Justin Trudeau lernen kann.

In der kommenden Woche reist Angela Merkel nach Washington und trifft zum ersten Mal mit US-Präsident Donald Trump zusammen. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau war schon dort Videos, die zeigen, wie geschickt er den US-Präsidenten körperlich auf Abstand hält, um Verbrüderungsszenen zu vermeiden, wurden ein Renner im Internet. Von seinem engen Partner Kanada kann Deutschland aber mehr lernen, als wie man Trumps Hand schüttelt: Das Land verfolgt eine sehr durchdachte Strategie gegenüber den USA.

Genau wie Deutschland ist Kanada existenziell abhängig von den USA. Kanada gibt ein Prozent seines Bruttoinlandsproduktes für die Verteidigung aus, sogar weniger als Deutschland mit 1,2 Prozent. 75 Prozent aller kanadischen Exporte gehen in die USA. Trump droht, das Freihandelsabkommen Nafta zwischen den USA, Kanada und Mexiko nachzuverhandeln eine große Gefahr für die kanadische Wirtschaft.

Doch Kanada selbst wird von Trump und seinen Beratern nicht offen angegriffen, im Gegenteil. Trump hat sogar vorgeschlagen, die Handelsbeziehungen mit Kanada auszubauen. Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr.

Es ist klüger, die Trump-Regierung nicht frontal anzugreifen, sondern die eigenen Werte zu betonen.

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Man kann drei Lehren aus dem kanadischen Umgang mit Trump ziehen. Erstens kann auch die ausgefeilteste diplomatische Rhetorik nur dann funktionieren, wenn man nicht gleichzeitig die Trump-Regierung frontal angreift. Als Trump am 27. Januar den Einreisestopp für Menschen aus sieben muslimischen Ländern verhängte, kritisierte Trudeau den Stopp an sich nicht. Er und seine Sprecherin betonten stattdessen die kanadischen Werte, ohne Trump auch nur zu erwähnen. Trudeau twitterte noch am selben Tag: „An jene, die vor Verfolgung, Terror und Krieg fliehen, Kanada heißt euch willkommen, egal welchen Glauben ihr habt.“

Wer die Trump-Regierung kritisiert, muss auch entsprechend handeln - etwa konsequent Flüchtlinge aufnehmen.

Zweitens ergibt die schönste Rhetorik nur dann Sinn, wenn man sie durch Handeln bekräftigt. Innerhalb von 16 Stunden nach der Unterzeichnung des Einwanderungsstopps bot die kanadische Regierung an, gestrandete Flüchtlinge aufzunehmen. Das Land nimmt auch all jene auf, die aus Angst über die Grenze kommen. Die Universitäten reagierten ähnlich. Meine Universität stellte 250 000 kanadische Dollar zur Verfügung, um betroffenen Studenten und Professoren zu helfen.

Die Personen, die Beziehungen zu Trumps Regierung aufbauen, sollten, wie in Kanada, sorgfältig gewählt werden.

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Drittens wählen die Kanadier sehr geschickt die Personen aus, die zu höheren Beamten und Regierungsmitgliedern in den USA Beziehungen aufbauen. Da Trump offenbar am liebsten mit Milliardären und Generälen zusammenarbeitet, wählte Kanada seine Emissäre entsprechend. Der ehemalige konservative Premier Brian Mulroney redete mit seinem persönlichen Freund Wilbur Ross, Trumps Handelsminister. Trudeau berief den Generalleutnant a. D. Andrew Leslie zum Staatssekretär für kanadisch-amerikanische Beziehungen, auch wegen seiner engen Beziehungen zu US-Verteidigungsminister James Mattis.

Kurz vor der Vereidigung von Trump im Januar baute Trudeau sogar sein Kabinett mit Blick auf die neue Herausforderung um. Seine frühere Handelsministerin Chrystia Freeland, die das europäisch-kanadische Freihandelsabkommen Ceta erfolgreich abgeschlossen hatte, wurde Außenministerin: zum einen aufgrund ihrer Erfahrung mit schwierigen Verhandlungen, zum anderen setzte Trudeau so ein Zeichen in der Russlandpolitik, ohne ein Wort zu sagen. Russland hatte 2014 ein Einreiseverbot gegen Freeland verhängt, weil sie Putin kritisiert hatte, als sie noch Journalistin war.

Weil er auf große Worte verzichtet, bekommt Trudeau im Vergleich zu Merkel zwar weniger Lob im internationalen Feuilleton, könnte aber die kanadischen Beziehungen zu den USA retten. Die funktionieren seit 150 Jahren ziemlich gut, trotz des Machtgefälles. Kanadas Strategie nachzuahmen, wäre für Deutschland gar keine so schlechte Idee. 

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