Reicht Hartz IV zum Leben? Wege aus der Armutsfalle

Bild von Gesine Bär und Raimund Geene
Prof. für Kindergesundheit/Prof. für Sozialwissenschaften

Expertise:

Raimund Geene ist Professor für Kindergesundheit an der Hochschule Magdeburg-Stendal, Gesine Bär Professorin für Partizipative Ansätze in den Sozial- und Gesundheits- wissenschaften an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Gemeinsam lehren die beiden das Fach Gesundheitsförderung an der Berlin School of Public Health.

Der Zusammenhang zwischen Armut und gesundheitlichen Risiken ist eklatant. Auch das ist ein Grund, um Fördersätze zu erhöhen. Allein damit ist es aber nicht getan.

Als wir 1995 in einem Bündnis von Berliner Ärztekammer, Gesundheit Berlin e.V. und Public Health-Studierenden zum 1. Kongress Armut und Gesundheit aufriefen, antwortete uns der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer abschlägig: Das Thema des Kongresses sei unsinnig, ließ er uns mitteilen, in Deutschland gebe es keine Armut, denn diese sei durch Sozialhilfe verhindert und könne also auch keine Gesundheitsprobleme auslösen.

Als Kohl, Seehofer und seine damalige Kabinettskollegin Claudia Nolte, die aus dem gleichen Grund sogar den Familienbericht unabhängiger Wissenschaftler stoppte, 1998 abgewählt wurden, schien der Spuk der Armutsverleugnung aus Deutschland verbannt. Zu eindeutig waren seitdem die Armuts- und Reichtumsberichte, problemsensible Sozialreportagen und auch die Beschlüsse des Bundesgerichtshofs, der eine Neuberechnung des Regelsatzes für Kinder verlangte. Nun reiben wir uns verwundert die Augen, dass 20 Jahre nach Seehofers letztem Auftritt im Bundeskabinett der Fünfte seiner Nachfolger als Bundesgesundheitsminister wieder den gleichen Unsinn von sich gibt, der dem - so ist zu hoffen - bald altersweisen neuen Heimatminister wohl nicht mehr über die Lippen kommt.

Arme Menschen haben gegenüber reichen ein doppelt so hohes Risiko, krank zu werden.

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Der Zusammenhang von Armut und schlechter Gesundheit ist vielfach belegt, gerade in dieser Woche wieder durch das Kindergesundheitssurvey KiGGS. So haben arme Menschen gegenüber reichen (unteres verglichen mit oberem Einkommensfünftel in Deutschland) in jeder Lebensphase ein mindestens doppelt so hohes Risiko, zu verunfallen, von Gewalt, Depressionen oder Adipositas betroffen zu sein, schwer oder chronisch zu erkranken, sogar vorzeitig zu sterben. So ist die Lebenserwartung bei den Frauen mehr als fünf Jahre geringer, bei den Männern mehr als zehn.

Anstatt die Lebensverhältnisse armer Familien zu verbessern, hat die Große Koalition 2007 mehr Bürokratie geschaffen.

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Um Kinder- und Familienarmut zu verringern, wurde von der großen Koalition 2007 das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) aufgelegt. Doch leider hat dies nicht die Lebensverhältnisse armer Familien verbessert, sondern vielmehr eine umfassende Bürokratie erschaffen, die alleine bis zu einem Drittel der aufgewendeten Milliarden verschlingt. So konnten wir in der Studie „Kinderarmut in Deutschland“ an der Hochschule Magdeburg-Stendal (Sterdt, Geene & Morfeld 2017) die Angaben von über 200 Familien und zahlreicher Expertinnen und Experten auswerten. Sie zeigen auf erschreckende Weise die Vorbehalte in Jobcentern, Sozialämtern und auch in Sportvereinen und Musikschulen, die direkte und indirekte Stigmatisierung und auch sogenannte Klebeeffekte, weil bei Einkommen die BuT-Mittel gegebenenfalls sogar zurückbezahlt werden müssen.

Für ein Mindestmaß an Teilhabe braucht es eine deutliche Erhöhung der SGB-II-Sätze.

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Für eine wirksame Bekämpfung der Kinderarmut ist eine deutliche Erhöhung der SGB-II-Sätze sinnvoll, um ein Mindestmaß an Teilhabe zu ermöglichen. Fast noch wichtiger ist es, die strukturellen Bedingungen zu verbessern. Kommunale Präventionsketten, koordinierte Bildungslandschaften und Familienbündnisse gegen Kinderarmut können diesem gezielt entgegenwirken. Frühe Hilfen, Familienzentren, Schulsozialarbeit, Gesundheitsförderung in Kitas, Schulen und Betrieben - dies alles sind erfolgreiche Maßnahmen, die Wege aus der Armutsfalle aufzeigen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von X Violett
    Wer von den Hartz-IV-Sätzen leben will/muss, ist gezwungen, ein gehöriges Mass an wirtschaftlichem Denken und viel Zeit für das Auffinden von Sonderkonditionen aufzuwenden. Dazu braucht man eine entsprechende Intelligenz, an der es fatalerweise gerade solchen Menschen mangelt, die in diese Hartz-IV-Falle geraten sind. Dazu bedarf es außerdem eines immerwachen Bereitseins, das den Betroffenen oft fehlt - kein Wunder, sie werden ja von der dauernden Jagd nach Verdienstmöglichkeiten und Sonderkonditionen zermürbt.

    Jens Spahn könnte allenfalls dann Recht haben, wenn er dafür sorgen würde, dass jedem Hartz-IV-Empfänger ein vom Staat bezahlter Engel beigeordnet wird, der dem Betroffenen die für ihn lebenswichtige Aufgabe in jeder Lebenslage abnimmt.

    Mit anderen Worten: die völlig unüberlegte und wohl wesentlich am vollen Portemonnaie orientierte Spahn-Äußerung ist FALSCH, denn einen solchen Engel gibt es nicht und kann es nicht geben.