Deutsch-polnische Beziehungen Zwei Arten der Erinnerung

Bild von Pawel Ukielski
Stellvertretender Direktor Museum des Warschauer Aufstands

Expertise:

Pawel Ukielski ist stellvertretender Direktor des Museums des Warschauer Aufstands.

In Deutschland wird das polnische Gesetz zur Holocausterinnerung sehr kritisch gesehen. Worin sich die Erinnerungskultur Polens von der Deutschlands unterscheidet.

Die polnische kollektive Erinnerung und historische Sensibilität  unterscheidet sich von der deutschen diametral, was aus den völlig verschiedenen Erfahrungen der letzten Jahrhunderte resultiert. Enorm vereinfachend kann man sagen, dass die deutsche Kultur der reformatorischen, bürgerlichen und absolutistischen Tradition entstammt, die polnische dagegen einer gegenreformatorischen, adligen und republikanischen. Im Verlauf der letzten 300 Jahre musste Polen (oft erfolglos) um seine Existenz kämpfen, und gewöhnlich wurde es dabei von Deutschland bedrängt. Was die Geschichte der Polen und der Deutschen betrifft, so unterscheidet sich diese also fast völlig. Mit einer Ausnahme: In beiden Fällen nimmt der Zweite Weltkrieg in der kollektiven Erinnerungskultur einen zentralen Platz ein, was allerdings nicht bedeutet, dass die Erinnerung in Polen und in Deutschland diesbezüglich eine gemeinsame wäre. Natürlich besteht auf generellem Niveau kein Streit – beide Seiten sprechen mit einer Stimme, wer der Aggressor und wer das Opfer war, wer die Verantwortung für die Maschinerie der Verbrechen trägt und wer infolgedessen Millionen seiner Staatsbürger verloren hat. Aber der Teufel steckt im Detail – und in den Emotionen, und damit sieht es dann nicht mehr so rosig aus.

Der zentrale Unterschied: Deutsche vernichteten Juden im Namen ihres Staates, Polen taten es ihrem Staat zuwider.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Als erstes Opfer der deutschen Aggression im Jahre 1939 sind die Polen, deren Land proportional die größten Verluste an Menschenleben erlitten hat, sehr empfindlich, was die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg betrifft. Und eben diese Sensibilität bewegt sie, gegen Formulierungen zu protestieren, die eine systematische Beteiligung Polens am Völkermord suggerieren, was nicht heißen soll, dass die von einzelnen Polen begangenen Verbrechen negiert werden. Aber das sind zwei ganz verschiedene Situationen – während Deutschland von staatlicher Seite aus eine auf die Vernichtung von Menschen ausgerichtete Maschinerie schuf, mussten die legalen Behörden Polens gegen diese ankämpfen und waren immer bemüht, alle polnischen Staatsbürger einschließlich der Juden zu retten. Das bedeutet, dass deutsche Staatsbürger die Juden im Namen ihres Staates vernichteten und von ihm dazu ermutigt wurden, während die polnischen „Schmalzowniki”, welche Juden töteten oder an die Deutschen auslieferten, dies ihrem eigenen legalen Staat zuwider taten.

Die deutsche Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wurde vom Holocaust dominiert, und dieser bildet den Imperativ in der deutschen Politik einer „Aufarbeitung” der Vergangenheit. Dies bringt zwei Implikationen mit sich: Erstens wird die Erinnerung an die Opfer sehr oft ganz vom Völkermord an der jüdischen Bevölkerung Europas ausgefüllt, so dass dann kein Raum mehr bleibt für die Millionen anderer Opfer, darunter auch für die Erinnerung an die Polen nichtjüdischer Herkunft. Zweitens haben die Deutschen, wenn sie an die beispiellose Grausamkeit des Holocaust erinnern, oft die Tendenz, ihre Erfahrung auf andere zu übertragen und von diesen eine ähnliche „Aufarbeitung der Geschichte” zu erwarten, auch von Völkern mit einer ganz anderen Vergangenheit.

Aus Sicht vieler Polen wird oft nicht genug zwischen staatliche angeordneten und individuellen Verbrechen unterschieden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Manchmal nimmt dies seltsame Formen an. So wird erwartet, die anderen Völker müssten sich mit den Verbrechen gegen ihre jüdischen Mitbürger auf ähnliche Weise wie die Deutschen auseinandersetzen. Natürlich muss sich jede Gesellschaft auch den schwarzen Seiten ihrer Geschichte stellen. Aber manchmal empfinden die Polen, dass bei diesen Erwartungen überhaupt nicht zwischen individuellen und staatlich angeordneten Verbrechen unterschieden wird, ja sie sehen das sogar als einen Versuch an, sich die Verantwortung für den Holocaust mit anderen „teilen” zu wollen.

Überlagert wird dies dann auch noch vom Trauma eines verschwiegenen und ungestraften Verbrechens wie im Fall des Gemetzels im Stadtteil Wola – der planmäßigen Exterminierung von etwa 40.000 Polen in den ersten Tagen des Warschauer Aufstandes im Jahre 1944. Der dafür verantwortliche Heinz Reinefarth wurde im Nachkriegsdeutschland nie für seine Taten zur Verantwortung gezogen, sondern war noch viele Jahre lang als geachteter Politiker und Jurist tätig. Erst zum 70. Jahrestag des Aufstandes kam die Bürgermeisterin Petra Reiber nach Warschau und bat die Polen um Vergebung des ihnen von ihrem Amtsvorgänger zugefügten Leids. Über diese Rede wurde in Polen umfassend berichtet und sie stieß durchaus auf Anerkennung.

Über 45 Jahre nach dem Krieg blieb Polen ein der Sowjetunion unterworfenes und von Kommunisten regiertes Land. Es blieb ein Land „hinter dem Eisernen Vorhang”, das in dieser Zeit nicht frei von seiner Geschichte sprechen konnte. In einer Zeit, als sich weltweit die Narration über den Zweiten Weltkrieg gestaltete, fanden die polnischen Erfahrungen darin nicht den angemessenen Platz. Heute bemüht sich das freie Polen, diesen Sachverhalt zu ändern, was außerordentlich schwierig ist, weil dies eine Veränderung der Denkschemata erfordert und mit den verfestigten kollektiven Erinnerungen anderer Völker zusammenstößt.

Polen und Deutsche sollten sich stärker um Sensibilität für die jeweils andere Erinnerungskultur bemühen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Im heutigen Polen wird der Diskurs über die Vergangenheit, ihre Interpretation und ihre Bedeutung für die Gegenwart außerordentlich intensiv geführt. Gleichzeitig wissen die Polen zuwenig über den Verlauf der Debatte in Deutschland (so wie die Deutschen sich deren Existenz in Polen nicht bewusst sind). Wir werden einander nie gleichen, wir werden nicht dieselbe historische Sensibilität besitzen, ja nicht einmal eine identische Sicht der Vergangenheit. Aber wir sollten uns zumindest bemühen zu verstehen, wo diese Unterschiede herstammen.

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.