Deutsch-polnische Beziehungen Die Geschichte der deutschen Überheblichkeit beginnt mit der Geschichte

Bild von Stephan Lehnstaedt
Touro College Berlin

Expertise:

Dr. habil. Stephan Lehnstaedt ist Professor für Holocaust-Studien und Jüdische Studien am Touro College Berlin, einer privaten amerikanischen Hochschule in Berlin, die seit 2006 staatlich anerkannt ist. Von 2010-2016 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut Warschau.

Die deutsch-polnische Krise hat ihre Ursachen auch in der Geschichtspolitik beider Länder. Die Deutschen wähnen sich als Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung - und treiben so den Konflikt. Was das ändern könnte.

Der Holocaust ist zentraler Ausgangspunkt des deutschen Geschichtsverständnisses. Er ist viel wichtiger als positiv besetzte Erinnerungsorte wie die Revolution von 1848, die Weimarer Republik oder das Land der Dichter und Denker. Aus der Monstrosität des Judenmordes resultiert die Überzeugung, dass Nationalismus und Intoleranz Kern allen Übels sind. Das „nie wieder“ als zentraler Leitsatz führt zu einem Bekenntnis zu Europa, weil Deutschland nicht mehr den Kontinent beherrschen, sondern mit Partnern gestalten möchte.

Die Deutschen sind stolz auf diese idealistische, humanistische Interpretation. Das zeigte zuletzt die einhellige Empörung über eine Äußerung des Thüringer AfD-Politikers Björn Höcke, der das Berliner Holocaustdenkmal als Schande bezeichnet. Doch es ist eine groteske Verirrung, wenn das Mahnmal an das deutsche Menschheitsverbrechen nun zur Auszeichnung für den eigenen Umgang mit der Vergangenheit wird. Selbst ein oberflächlicher Blick auf die „Vergangenheitsbewältigung“ zeigt nämlich, dass es für Stolz wenig Grund gibt: Bis heute erhalten Millionen Opfer des Nationalsozialismus keine finanziellen Leistungen, während zugleich zehntausende Täter ohne Strafe blieben. Und das Holocaustmahnmal, wie fast alle Gedenkstätten, entstand nicht aus staatlicher Initiative: Es war zivilgesellschaftliches Engagement, das über lange Jahre und gegen viele Widerstände zum Bau führte. 

Trotzdem fühlen sich die Deutschen als Vergangenheitsbewältigungsweltmeister, dem Ausland empfehlen sie gerne, doch auch endlich die Vergangenheit „aufzuarbeiten“: Aus dieser Perspektive gilt Polen als hoffnungslos nationalistisch und antisemitisch. Dabei diskutierte man dort in den letzten 15 Jahren viel mehr und viel erbitterter über den eigenen – geringen – Anteil am Holocaust, als die Deutschen. Es gibt in Polen eine Auseinandersetzung über die Vergangenheit, die hier nicht stattfindet. Die Deutschen identifizieren sich inzwischen mit den jüdischen Opfern. An die Tatsache, dass die eigenen Vorfahren den Holocaust ermöglichten und durchführten, verschwenden sie keinen Gedanken.

Die Deutschen kritisieren die Geschichtspolitik der Polen. Das ist bevormundend, belehrend und ignorant.

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Die Ermordung von über zwei Millionen Polen ist im deutschen kollektiven Gedächtnis sowieso nicht vorhanden. Und so ereifern sich Besucher über das Museum des Warschauer Aufstands, dessen militaristische und heroisierende Darstellung sie unmöglich finden. Sie beklagen, dass das Museum für die Familie Ulma, die ihre Hilfe für Juden mit dem Leben bezahlte, nicht gleichzeitig Kollaboration und polnischen Antisemitismus thematisiert. Und sie befürchten Justizmissbrauch, wenn Polen in einem Gesetz festschreibt, welche Verbrechen wem anzulasten sind. Über all dies lässt sich mit guten Gründen diskutieren. Aber die Kritik ist oft bevormundend, belehrend und ignorant, denn es fehlt ihr an Verständnis für Polen und seine Geschichte.

Der deutsch-polnische Reparationsstreit beruht auch Unkenntnis der jeweils anderen Position.

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Jenseits der Oder herrscht aktuell Enttäuschung über Brüssel, weil das Versprechen vom wirtschaftlichen Aufschwung längst nicht bei allen eingelöst und man vom westlichen Wohlstandsniveau noch weit entfernt ist. Europa wird in weiten Kreisen als Fremdbestimmung empfunden, Ausländer als bedrohlich. Die eigene Geschichte scheint dafür Rezepte bereit zu halten: Heldenhafter Widerstand auch jenseits realistischer Erfolgschancen, Märtyrertum für die nationale Sache, und vor allem Zusammenhalt gegen alles Fremde.

Natürlich wird hier Geschichte instrumentalisiert, aber das passiert in Deutschland ebenfalls: Westlich der Oder propagiert man Offenheit als Weg in die Zukunft, östlich Geschlossenheit – weil Europa und die Globalisierung entsprechend als Chance bzw. als Bedrohung gelten. Diese Gegensätze spiegeln die deutsch-polnische Geschichte, die selten partnerschaftlich verlief, sondern meist mit eindeutigen Gewinnern und Verlierern. Aber daraus lässt sich keine Handlungsanleitung für Gegenwart und Zukunft gewinnen! Vielmehr sollten die gegenläufigen Deutungen gemeinsamer Vergangenheit ein Ansporn sein, deren Ursachen genauer zu verstehen. Ein zentrales Problem der aktuellen deutsch-polnischen Verstimmungen ist deshalb das Halbwissen übereinander. Die aktuellen polnischen Reparationsideen sind ein Beispiel dafür: Tatsächlich hat Deutschland bislang nichts gezahlt, aber es hat Städte wie Danzig, Stettin und Breslau verloren und mit Freude mehrere Verzichtserklärungen früherer polnischer Regierungen vernommen. Gute Argumente also – auf beiden Seiten. Aber man sollte sie kennen. Ein deutsch-polnisches Museum, in Warschau und Berlin, könnte helfen.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Dieter Stork
    "Der Holocaust ist zentraler Ausgangspunkt des deutschen Geschichtsverständnisses." Dieser Satz Herrn Lehnstaedts ist - bedauerlicherweise - wohl richtig. Schon von Strauß und Adenauer wurde das unbestreitbar wünschenswerte Schuldbewusstsein dieser Generation auf den Massenmord an Juden verengt, um so die rüstungspolitische Beteiligung an dem Landnahmeprojekt des Staates Israel in Palästina zu begründen. Die große Anzahl von Juden, die im sowjetisch beherrschten Teil Europas weiterlebten, erhielten keinerlei Wiedergutmachung. Infolge der Konzentration auf den Massenmord an Juden, der später als Holocaust bewusstseinsdominierend wurde, konnte man den Massenmord (durch Hunger) an den sowjetischen Kriegsgefangenen, den Massenmord an der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten, den an Zigeunern und Kommunisten - all das konnten wir so aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängen. Heute wird man in diesem Land schon als Antisemit verdächtigt, wenn man Veranstaltungen gegen die völkerrechtswidrige Besetzung Palästinas organisiert. Nur wer kritiklos die von England 1917 initiierte neuerliche Eroberung des Heiligen Landes bzw. Unterdrückung und Vertreibung der dort lebenden Semiten - diesmal durch religiös verfolgte, jüdische Europäer - unterstützt, darf sich hierzulande als Philosemit rühmen. Zu hinterfragen, ob diese Beteiligung an der Enteignung und Unterdrückung der autochthonen palästinensischen Bevölkerung über die von der UNO legitimierten Grenzen Israels hinaus wirklich die richtige Lehre aus der rassistischen Barbarei in den Ghettos und Vernichtungslagern zieht, kommt einem Sakrileg, einem Verstoß gegen die neudeutsche Staatsräson gleich.
    Dass den Polen – wie auch den anderen Osteuropäern - diese deutsche "Trauerarbeit", die über die jüdischen Opfer die Millionen anderer ziviler Mordopfer in den östlichen Besatzungsgebieten einfach vergisst, suspekt ist, wird man bei aller berechtigten Kritik an der polnischen Geschichtskultur doch verstehen können.