Digitale Arbeitswelt statt Pendlerpauschale Überall sein? Wir müssen umdenken! 

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Geschäftsführer Innoz

Expertise:

Dr. Andreas Knie ist Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ). InnoZ berät Unternehmen und Politik und erarbeitet Studien zu den Themen Mobilität, Verkehr, Digitalisierung und Automatisiertes Fahren.

Wir sind mobiler denn je – doch das schränkt die Lebensqualität erheblich ein. Die Politik muss sich vom veralteten Modell Pendlerpauschale verabschieden und stattdessen auf neue Chancen für die Arbeitswelt, wie etwa die digitalen Medien, setzen. 

Warum fahren wir in Deutschland so viel und warum ist auch die Entfernungspauschale daran Schuld? Es hat damit zu tun, wie wir leben und nach welchen Vorstellungen wir uns organisieren. Wie sieht der Traum von einem guten Leben eigentlich aus? Kurt Tucholsky hat ihn schon 1927 in seinem Gedicht „Das Ideal“ kurz und knackig zusammengefasst: „ Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;  mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehen – aber abends zum Kino hast du es nicht weit“.  Urbane Dichte und ländliche Beschaulichkeit – alles zusammen, alles sofort, jederzeit erlebbar und im wahrsten Sinne des Wortes erfahrbar. 

Das dazu passende Programm nennt sich in Deutschland „Daseinsvorsorge“.  Jeder Bundesbürger und jede Bundesbürgerin hat den Anspruch auf gleichwertige Lebensverhältnisse, egal wo er oder sie wohnt! Die Idee war zwar nicht exakt das, was Tucholsky beschrieben hat, aber im Kern war es gut gemeint: Menschen, die auf dem platten Land wohnen, sollten sich nicht abgehängt fühlen und auch uneingeschränkten Zugang haben zur Krankenversorgung, zu Schulen, zu Bildung, sie sollten über Strom und Kommunikation verfügen und auch Busse und Bahnen nutzen können. Mit ins Paket der Daseinsvorsorge gehört auch die Entfernungspauschale. Wenn die Fahrt zwischen Wohn- und Arbeitsort zu weit ist, dann kann man die Kosten steuerlich geltend machen. Früher war dies nur für das Auto möglich, jetzt können alle Transportmittel abgerechnet werden. Die Botschaft der Politik ist daher bis heute eindeutig: keine Benachteiligung aufgrund räumlicher Unzulänglichkeiten. 

Ursprünglich war die Entfernungspauschale eine sinnvolle Idee. 

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Was ist aus dieser guten Idee geworden? Wir haben sie alle weidlich genutzt. Ein sehr erfolgreiches Programm. Die jährlich zurückgelegten Entfernungen haben sich beispielsweise von rund 3.500 Kilometer in den 1950er Jahre auf mehr als 14.000 Kilometer im Jahre 2016 gesteigert. Entstanden sind dabei auch riesige Agglomerationsräume, die gigantische Siedlungsgebiete erzeugt haben. Wo fängt Stadt an, wo hört sie auf? Zu mehr als 60 Prozent besteht die Bundesrepublik zwar aus ländlichen Räumen, wie aber sehen diese heute aus? Dort sind mehr als 700 Autos pro 1000 Einwohner zugelassen. Als Faustformel gilt: Außerhalb der Städte hat in Deutschland jeder Haushalt so viele Fahrzeuge wie es Führerscheininhaber darin gibt. Entstanden ist eine immer größer werdende Pendlergemeinde. Mittlerweile pendeln mehr als 60 Prozent der sozialversichert Beschäftigten zum Arbeitsplatz. Gemeint ist damit, dass Wohn- und Arbeitsort nicht in einer Kommune liegen. Die Zahl und die dabei zurückgelegten Entfernungen steigen beständig an. Die dazu notwendigen Straßen und Schienen reichen kaum noch aus, obwohl in Deutschland immer noch jeden Tag für die Erschließung der entsprechenden Verkehrsinfrastruktur mehr als 70 Fußballfelder Land verbraucht wird. Wir bauen Straßen, als ob es keinen Morgen gibt.

In Deutschland werden zu viele Straßen gebaut.

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Wo kommt denn diese steigende Zahl an Pendlern her? Die Bevölkerungszahl explodiert in Deutschland keineswegs. Ganz im Gegenteil. Im Jahre 2002 waren in Deutschland einmal 82 Mio. Einwohner registriert, dieser Wert ging kontinuierlich zurück, im Jahre 2013 waren es gerade noch  80 Mio. Einwohner. Deutschland schrumpfte also. Im Jahre 2016 ist diese Zahl nur dank der registrierten Flüchtlinge wieder gestiegen. Ohne Zuwanderung geht die Einwohnerzahl in Deutschland weiter zurück, es sterben einfach mehr Menschen als geboren werden. Im Ergebnis bedeutet das, dass immer weniger Menschen immer weitere Strecken zurücklegen und sich dabei ungünstig im Raum verteilen.

Die Zahl der Autos schränkt die Lebensqualität ein.

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Ist das noch der Traum vom guten Leben? Seit Jahrzehnten befragt das Umweltbundesamt die Menschen nach Ihrem Wohlbefinden. Vor allen Dingen in den Städten wird seit mehr als 10 Jahren die Belastung der Umwelt durch den Verkehr beklagt und die Einschränkung der Lebensqualität durch viel zu viele Autos zu einem immer größeren Thema. Wir haben einfach zu viel vom Gleichen, was die Zeit Journalistin Petra Pinzler schon vor Jahren beklagte.

Wir haben die Möglichkeiten der Mobilität ausgereizt.

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Doch wir kommen aus diesem selbst gewählten Korsett nicht so ohne weiteres heraus. Es wäre aber schon mal ein erster Schritt, diesen polyvalenten und entfernungsintensiven Lebensstil als Teil eines überkommenen Politikmodells zu erkennen und diesen jedenfalls nicht weiter zu beschleunigen. Die Widerständigkeit des Raumes muss eine neue Bedeutung bekommen, sprich die Überwindung muss teurer werden. Es ist weder förderlich, dass wir für 19 EUR quer durch Europa fliegen können, noch, dass Deutschland jedes Jahr den Dieseltreibstoff mit 8 Mrd. EUR subventioniert. Die Entfernungspauschale gehört abgeschafft, denn natürlich ist sie eine Zersiedlungsprämie. Als Alternative wäre ein Recht zu verankern, dass jedem Arbeitnehmer mindestens an zwei Tagen in der Woche erlaubt, von zu Hause aus zu arbeiten. Obwohl wir ja bereits vom Internet der Dinge reden, die Digitalität permanent beschreiben, ist das Verständnis von einer Arbeitsstätte noch die des 19. Jahrhunderts. Nur, dass die Tore heute offen sind.

Arbeitnehmer sollten das Recht erhalten, mindestens an zwei Tagen in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten.

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Mit mehr Flexibilität wäre eine erhebliche Einsparungen an Verkehr und eine Entzerrung der Verkehrsspitzen möglich. Mit den Optionen der digitalen Medien könnte am Ende das Land wieder Land werden und die Stadt eine Stadt bleiben. Es gäbe wieder räumliche Kontraste und sehr unterschiedliche Angebote für Lebensentwürfe. Die Vielfalt wäre eine Option ohne die soziale Teilhabe zu gefährden. Die Möglichkeitsräume wandeln sich von einer analogen Raumüberwindung zur digitalen Gemeinschaft. Es wäre ein etwas neuer Traum vom guten Leben und noch ohne literarische Veredelung.   

 

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Hansjörg Bay
    Der Bericht übersieht einen wesentlichen Teil der Realität. Prekäre Arbeitsverhältnisse sind öfters Präsenzpflichtig. Wo sollen die Putzfrau, die Verkäuferin beim Bäcker, der Busfahrer und das gesamte Service-Desk-Personal wohnen? In der Stadt unzahlbar. ÖPNV außerhalb der Zentren der großen Städte nicht engmaschig vorhanden. Werneuchen nach Mitte West bis 2 h mit Öffentlichen?
    In der Fläche noch schlimmer.

    Es gilt erst zu realisieren, dass weltweit die Urbanisation weitergeht, dann Verkehrskonzepte dann Abschaffung.

    Übrigens wurde die Eigenheimzulage genau deswegen gestrichen - Zersiedelung der Landschaft - hat aber im den letzten 15 Jahren nicht geholfen.

    Mit der Pendlerpauschale kommt eh wirtschaftlich nur der ÖPNV Nutzer hin.

    Mehr Recherche bitte!