Offene Gesellschaft und ihre Feinde Der politische Islam ist eine totalitäre Herausforderung

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Professor für Politikwissenschaft

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Heinz Theisen ist Professor für Politikwissenschaft an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln. Im Juli erscheint sein Buch: "Der Westen in der neuen Weltordnung"

Der Islamismus will keinen Lebensstil zerstören, sondern die Ungläubigen selbst besiegen. Er ist eine totalitäre Herausforderung. Darauf mit Liberalität zu reagieren, ist falsch. Es braucht einen dritten Weg.

Nach jedem Terroranschlag ergießt sich eine Flut von Leitartikeln über den Leser, denen zufolge wir jetzt erst recht unsere Offenheit schützen müssen. Und dies nicht etwa vor dem islamistisch motivierten Terrorismus, sondern gegen den befürchteten Übereifer bei der staatlichen Verteidigung der Freiheit.

Dass die offene Gesellschaft sich selbst verliert, wenn sie Offenheit begrenzt, ist ein Klischee

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Denn es sei gerade das strategische Ziel des Terrors, die Freizügigkeit dieser Gesellschaften so lange zu strapazieren, bis diese ihre konstitutive Liberalität preisgebe. Bis sie ihre demokratischen Prinzipien infrage stellen und in ein Sicherheitsregime umschlagen, das ganze Bevölkerungsgruppen als Gefährder betrachte und entsprechend behandele. Doch wo die offene Gesellschaft ihre Offenheit einschränke oder gar aufgebe, um sich zu sichern, beginne sie, sich selbst politisch und moralisch zu verlieren. Bei dieser Denkfigur handelt sich um ein abgestandenes Klischee. Warum sollten jenseits der Extreme Freiheit und Sicherheit überhaupt Gegensätze sein?

Vor jeder Flugreise lassen wir uns durchleuchten, ohne dadurch Freiheit zu verlieren

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Niemand ist unfreier als ein ermordeter Mensch und Ängste, die mittlerweile jedes öffentliche Event begleiten, sind kaum Ausdruck eines freiheitlichen Lebensgefühls. Vor jeder Flugreise lassen wir uns klaglos durchleuchten, ohne deshalb die offene Gesellschaft in Frage gestellt zu sehen.

Das dialektische Denken ist mit dessen Missbrauch im Marxismus-Leninismus aus der Mode gekommen. Es ist nicht mehr üblich, Gegensätze in ihren Zusammenhängen zu denken und daraus dritte Wege, Kompromisse und neue Feinabstimmungen abzuleiten. Zwar werden längst neue Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, aber dies wird kaum thematisiert. Dies würde nämlich mit dem Eingeständnis vorangegangener Versäumnisse einhergehen. Über das nur klammheimliche Nachbessern wird aber der notwendige Diskurs über den Schutz der offenen Gesellschaft weiter verschleppt.

Die Diskurselite kann sich Kritik an den Populisten sparen, denen folgt sie nämlich

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Mit der Kritik an „Populisten“ sollte sich die Diskurselite schon deshalb zurückhalten, weil sie meist nach und nach, nur mit Verzögerung, deren Forderungen umsetzt, oft sogar - wie besonders deutlich in den Niederlanden – deren Sprache übernimmt. Dies wäre im Sinne demokratischer Lernprozesse. Aber die Diffamierungen verhindern einen offenen und rechtzeitigen Diskurs über eine neue gemeinsame Strategie.

Die Islamisten wollen Freiheit nicht zerstören, sie nutzen sie aus, um Ungläubige anzugreifen 

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Es ist keineswegs das Hauptziel der Islamisten, die Freiheit der offenen Gesellschaft so lange zu strapazieren, bis diese ihre „konstitutive Liberalität“ aufgibt“. Sie will vielmehr diese Liberalität so lange wie möglich ausnutzen, um die Ungläubigen besiegen und beherrschen zu können. 

Immer neue Rockkonzerte gegen Terror verkennen den Ernst der Lage

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Solange unsere Kanzlerin von „unbegreiflichen Gewalttaten“ redet, befinden wir uns jedenfalls analytisch in keinen guten Händen. Solange die Briten mit neuen Rockkonzerten auf vorangegangene Massaker reagieren, verdrängen auch sie den Ernst der Lage. Die uns immer wieder empfohlene Gelassenheit reicht nicht aus, um die Wehrhaftigkeit der Demokratie zu sichern. Dafür müssten wir den gesamten und damit auch den politischen Islam in den Blick nehmen, gerade um dort nach Freunden, Gegnern und Feinden differenzieren zu können. Nicht alle Nationalisten waren Nazis und nicht alle Sozialisten Stalinisten. Der Kampf gegen die jeweiligen Extremisten wird nur mit den jeweils gemäßigten Kräften gewonnen.  

Der Islamismus ist nach Hitler und Stalin die nächste totalitäre Herausforderung

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Wenn Israel sich nicht mit ganz anderem Ernst des Terrors zu erwehren wüsste, würde es nicht mehr existieren. Europa muss sich die zunehmende Ähnlichkeit seiner Lage mit der Israels eingestehen. Der politische Islam wurde lange zu einer radikalen Form von Religiosität verklärt. Er bedeutet aber eine - nach Hitler und Stalin - dritte totalitäre Herausforderung. Dem Islamischen Staat gelingt es, Rekruten in aller Welt zu mobilisieren. Dies ist angesichts seiner totalitären Versuchung keineswegs „unerklärlich“. Eine Weltanschauung, die selbst den Tod für den Siegeszug ins Paradies zu instrumentalisieren versteht, stellt für alle Marginalisierten eine attraktive Versuchung dar. Asymmetrische Kriege gewinnen diejenigen, welche auf Dauer die meisten Toten in Kauf zu nehmen bereit sind. 

Die Verweigerung des Diskurses produziert Ängst, statt zu beruhigen

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Die Verweigerung eines offenen Diskurses vertreibt keine Ängste, sondern droht diese zu isolieren und zu radikalisieren. Die so genannten Rechtspopulisten sind eine Reaktion auf die Gefährdungen der Grenzenlosigkeit. Der Verdrängung dieser Gefährdungen folgt die Projektion auf die vergleichsweise kleinere Gefahr der Geängstigten. Die unablässigen Attacken gegen „rechts“ suggerieren, dass unsere Freiheit und Sicherheit durch diese stärker gefährdet würde als durch Islamisten.

Der Feind steht "rechts", heißt es in alter Ideologietreue, Weltoffenheit wird verabsolutiert

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Diese Verdrehung der Prioritäten erfolgt in eigener Sache. Sie soll die alte Ideologie einer verabsolutierten Weltoffenheit im Kampf gegen „rechts“ bewahren helfen. Die ideologische Überhöhung der Offenheit behindert längst die notwendige Unterscheidung, wogegen man offen und wogegen man lieber verschlossen sein sollte, wo differenziert und wo mehr kontrolliert werden müsste.  

Kontrollierte Offenheit wäre ein dritter Weg

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Die von Angela Merkel propagierten „offenen Grenzen“ waren ein Gegenextrem zu Donald Trumps geplanter Aussperrung von Muslimen und seiner Mauer zu Mexiko. Begehbare Wege zwischen Entgrenzung und Abschottung liegen jenseits dieser Extreme: in einer effektiven Kontrolle von Offenheit. An der großen Frage unserer Zeit, wo und in welchen Funktionssystemen Grenzen offen bleiben sollen und wo Schutz und Abgrenzung gefordert sind, kommt keine Partei mehr vorbei. Wer sich dieser Aufgabe wie „Die Grünen“ verweigert, gerät ins Abseits. Wie Karl Popper über die Feinde der offenen Gesellschaft, so müssen wir heute über die Grenzen der offenen Gesellschaft nachdenken.

Die Links-Rechts-Begriffsachse aus dem 19. Jahrhundert hilft zudem nicht mehr zu begreifen. Die Unterscheidung nach „Kosmopoliten und Kommunitarier“ (Wolfgang Merkel) bringt den neuen Großkonflikt weit besser auf den Begriff.

Nur auf Abschottung zielen, wird globalen Herausforderungen nicht gerecht

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Eine nur nationale oder sogar auf regionale Abschottung abzielende Politik wäre regressiv. Sie würde globalen und europäischen Herausforderungen so wenig gerecht wie universalistische Utopien. Gegenextreme sind keine Lösungen. Niemals darf der Untergang Europas in den Zersplitterungen des Dreißigjährigen Weltkrieges der Nationen von 1914 bis 1945 vergessen werden. Zwischen Kosmopolitismus und Partikularismus müssen dritte Wege gefunden werden.

Funktionierende Grenzen sind für ein Staatsfunktionieren unabdingbar

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Ein neues Sowohl-Als-auch von Offenheit und Kontrolle erfordert statt der Utopie universeller Gemeinsamkeiten das Austarieren neuer Gegenseitigkeiten, wie nicht zuletzt zwischen offener Gesellschaft und staatlichem Gewaltmonopol. Die „offene Gesellschaft“ hat weltweit längst wieder mehr Feinde als Freunde. Zwischen den Extremen Entgrenzung und Abschottung müssen demokratische Staaten ihr Gewaltmonopol und ihre Kontrollpflichten hüten. Dafür sind funktionsfähige Grenzen unabdingbar, wo immer sie konkret gezogen werden.

Offene Gesellschaft brauchen das Standbein eines wehrhaften demokratischen Staates, um die Spielbeine des grenzüberschreitenden Verbrechens ausgleichen zu können. Ansonsten droht mit der Loyalität für den Staat auch die Loyalität für die offene Gesellschaft verloren zu gehen.

Lesen Sie auch die Antwort auf diesen Text von Markus Löning, ehemaliger Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung: Die Terroristen haben den Kampf längst gewonnen. Die deutsche Gesellschaft ist in Muslime und Nicht-Muslime gespalten.

13 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Frank Fidorra
    Wahr ist: Diskurs ist gut und wichtig.
    Und: Eine offene Gesellschaft muss auch wehrhaft sein und insbesondere auf neue Gefahren reagieren können.

    Leider ist der Rest des Beitrags ziemlich tendenziöser Mist. Z.B.:

    "Vor jeder Flugreise lassen wir uns durchleuchten, ohne dadurch Freiheit zu verlieren" - Nicht das Durchleuchten beeinflusst unsere Freiheit, wohl aber, dass wir z.B. keine Flasche Wasser mehr mitnehmen dürfen.

    "Die Islamisten wollen Freiheit nicht zerstören, sie nutzen sie aus, um Ungläubige anzugreifen" - Umgekehrt wird ein Schuh draus: die Islamisten greifen Ungläubige an, um die freien Systeme zu zerstören. Niemand kann doch glauben, dass durch den Tod von ein paar 100 Menschen die Ungläubigen aussterben. Wohl aber, dass dadurch unsere FDGO auseinanderbricht. Erste Tendenzen sind bereits sichtbar, wie der Artikel zeigt.

    "Über das nur klammheimliche Nachbessern wird aber der notwendige Diskurs über den Schutz der offenen Gesellschaft weiter verschleppt." - Schon die Wortwahl ist entlarvend. Es wird nicht klammheimlich nachgebessert, sondern maßvoll reagiert, die Gratwanderung zwischen Sicherheit und Freiheit im Auge behaltend. Wer da mit der Brechstange vorgehen will, gefährdet in Wahrheit den Diskurs.

    Der Vergleich mit Israel ist unlauter, Israel ist klar in einer besonderen Situation, ist nicht mit Europa vergleichbar.

    U.s.w.u.s.f. - der Platz reicht nicht aus.
    Die Essenz:
    "Begehbare Wege zwischen Entgrenzung und Abschottung liegen jenseits dieser Extreme: in einer effektiven Kontrolle von Offenheit." - klingt wieder okay, ich würde nur sagen: sie liegen in einer sinnvollen, maßvollen und angepassten Kontrolle von Offenheit. Kleine, aber wichtige Unterschiede, den ideologischen Bias betreffend.
    1. von Thomas Hellerberger
      Antwort auf den Beitrag von Frank Fidorra 26.06.2017, 15:31:43
      Ihr erstes Beispiel ist eine Tautologie. Wenn wir kein Wasser mehr mitnehmen dürfen (was übrigens falsch ist - wir müssen es nur nach der Sicherheitskontrolle kaufen, statt davor, was aber eher ein Kosten- und Bequemlichkeitsproblem ist) dann erfordert die Durchsetzung dieses Verbotes Kontrollen, ansonsten wäre es wirkungslos. Ein Verbot wird erst durch seine Kontrolle, gleich ob diese sozial oder physisch erfolgt. Es gab von 9/11 keine Sicherheitskontrollen an den Flughäfen, da konnte man so ungehindert in den Flieger einsteigen wie heute (noch) in einen BVG-Bus oder ICE.

      Im zweiten Absatz bestätigen Sie denn Autor doch, warum konstruieren Sie daraus einen Widerspruch? Für Muslime sind alle Nichtmuslime Ungläubige, deren Existenz und Anwesenheit man nur solange hinnimmt (und niemals gutheißt) solange man selbst in der Minderheit ist. So steht es im Koran, und der ist für einen Muslim nicht diskutierbar. Insoweit wollen Islamisten natürlich keinen Genozid in Europa oder dem Westen durchführen, aber sie wollen, daß alle hier Lebenden Muslime werden. Wer das nicht freiwillig wird, der darf in der Tat getötet werden. Das kann man versuchen wie der IS oder, erfolgreicher und weniger gewalttätig, wie die Osmanen in Anatolien, doch immer führt eine Islamisierung zum Verschwinden der vorislamischen Kultur.
      Muslime sind dadurch immer auf eine asymmetrische Toleranz angewiesen, wenn sie nicht in der Herrschaftsposition sind. Maximale Toleranz für sich, minimale Toleranz ihrerseits für Nichtmuslime. Wir leisten diesen Selbstverzicht über Toleranz und offene Gesellschaft, aber bekommen eben als Belohnung dafür nicht die fröhliche, bunte Gesellschaft, sondern eine schleichende Islamisierung.
    2. von Frank Fidorra
      Antwort auf den Beitrag von Thomas Hellerberger 26.06.2017, 16:22:25
      Im ersten Beispiel ging es mir darum, zu zeigen, dass unsere Freiheit durch Kontrollen und natürlich durch Gesetze, deren Einhaltung die Kontrollen erzwingen, tatsächlich eingeschränkt wird. Es ist nur so, dass im Fall der Fluggastkontrollen diese Einschränkungen weitgehend Konsens sind. Das übergeordnete Thema war ja die Behauptung, Freiheit und Sicherheit sei kein Gegensatz, was so nicht stimmt.

      Zum zweiten Teil: Sie pauschalisieren, indem sie Muslime mit Salafisten oder Wahabiten gleichsetzen. Auch die strenge Auslegung der Bibel wäre streckenweise nicht mit unserer zivilisierten Lebensweise vereinbar, will sagen: es gibt genügend Muslime (die überwiegende Mehrzahl), die sich im Zusammenleben mit "Ungläubigen" sehr gut arrangieren kann, trotz Koran. Die Zuspitzung, dass alle Muslime Ungläubige bekehren oder töten wollen, ist vom Autor der Artikels natürlich ideologisch gewollt.
    3. von Thomas Hellerberger
      Antwort auf den Beitrag von Frank Fidorra 26.06.2017, 17:18:25
      Der säkulare, gar heimlich atheistische Muslim ist ein westliches Konstrukt, daß es in der Realität nicht gibt. Der Islam ist mit dem Christentum (und damit mit dem, was uns Deutsche kulturell geprägt hat) in keiner Weise vergleichbar. Selbstverständlich "arrangieren" sich Muslime in Deutschland mit Nicht-Muslime, etwas anderes bleibt ihnen nicht übrig, denn sie sind unverändert eine Minderheit, wenn sie auch regional schon in Stadtteilen in der Mehrheit sind. Es ist aber bezeichnend, daß dort kaum noch ein Nichtmuslim freiwillig wohnen will, denn diese "Landnahme" erfolgte ja nicht mit Gewalt, sondern dem resignativen Rückzug der Alteingesessenen. Der Koran fordert nicht die Tötung von Nichtmuslimen, aber er ist eine bedingungslos missionierende Religion. Es gibt kein islamisches Land, das liberal, offen oder freiheitlich wäre. Die Türkei taugt nicht als Beispiel, weil sie eine Phase erzwungener Säkularität hinter sich hat, die von Erdogan beendet wurde und sich nun zu einem rein islamischen Land zurückentwickeln wird. Ich lese aus dem Beitrag des Autors nicht die Annahme, alle Muslime wollten alle Nichtmuslime töten, aber müssen Sie das überhaupt? Reflektieren Sie doch einmal: Schon Sie übernehmen unbesehen deren Terminus des "Ungläubigen" also des Khuffars, der jedoch eine Beleidigung ist, denn warum glaubt ein Christ oder Buddhist nicht? Ist ein Wohlstandsatheist moderner Prägung wirklich völlig glaubenslos?
      Ich verstehe den Beitrag des Autors als Appell, uns den Islam nicht länger schönzureden. Unsere Überzeugung, wir bräuchten maximale Einwanderung, um freiwillige Kinderlosigkeit und Selbstverwirklichung haben zu können, sollte hinterfragt werden. Ich denke, WENN man dieser Überzeugung folgt, muß man auch für Islam in Deutschland sein, denn andere Einwanderer als Muslime werden wir in Deutschland kaum bekommen in Zukunft. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sich diejenigen auch des Preises klar sind, den sie dafür zahlen werden. Bunt wird es nicht werden.
    4. von Reimund Noll
      Antwort auf den Beitrag von Thomas Hellerberger 26.06.2017, 17:53:37
      "Der säkulare, gar heimlich atheistische Muslim ist ein westliches Konstrukt, daß es in der Realität nicht gibt." Da frage ich mich schon, mit wievielen Muslimen Sie jemals gesprochen haben.
    5. von Frank Fidorra
      Antwort auf den Beitrag von Thomas Hellerberger 26.06.2017, 17:53:37
      Wir unterscheiden uns hauptsächlich in der Einschätzung der sogenannten "normalen Muslime", sagen wir der Mehrheit der Muslime. Sie sagen, die wollen, bewusst oder unbewusst, aus Deutschland ein islamisches Land machen (missionarisch), wie auch immer. Sie glauben, dass der Islam als Religion dieses von ihnen direkt fordert und dass die Muslime dieser Forderung mehrheitlich Folge leisten.

      Das glaube ich nicht. Auch in der Geschichte des Islam lässt sich das nicht belegen. In Spanien, in Jugoslawien, im Nahen und Mittleren Osten haben über viele Jahre die verschiedenen Religionen nicht nur relativ friedlich, sondern auch konstruktiv zusammengelebt.

      Ich sehe das Problem immer im Extremismus, also in der kompromisslosen Auslegung. Daraus entsteht Konfrontation, Gewalt und schließlich der Wunsch, sich zu separieren, Grenzen zu ziehen, sich abzusichern. Diese Konfrontation betrifft nicht nur den "Westen", sondern auch und sogar vor allem die Muslime untereinander.

      Mir würde es darum gehen, diesen Automatismus zu unterbrechen und sich von den terroristischen Extremisten nicht für deren Eskalationsmechanismus einspannen zu lassen.
    6. von Reimund Noll
      Antwort auf den Beitrag von Thomas Hellerberger 26.06.2017, 16:22:25
      "Für Muslime sind alle Nichtmuslime Ungläubige, deren Existenz und Anwesenheit man nur solange hinnimmt (und niemals gutheißt) solange man selbst in der Minderheit ist. " Ach wie einfach doch die Welt ist. Dass es viele religiös gemischte Städte gab, in denen dieses merkwürdigerweise nicht passiert...komisch. Es gibt nicht DEN Muslim oder DEN Christen. Es gibt nur Menschen, und die sind zufälligerweise dies oder das, weil sie in der entsprechenden Umgebung aufwachsen. Worauf es ankommt, ist, ob religiös-politische Fundamentalisten ihr Spiel treiben.
    7. von Thomas Hellerberger
      Antwort auf den Beitrag von Reimund Noll 26.06.2017, 18:00:55
      Herr Noll, wir werden uns beide hier nicht überzeugen. Aber ich lade Sie zu einem Gedankenexperiment ein: Stellen Sie sich ein Deutschland vor, in dem es keine Muslime gäbe. Oder nur sehr wenige. Also etwa so, wie es in derzeit immer noch in Osteuropa der Fall ist. Gehen wir davon aus, daß die Bundesregierung in den 60ern dem Drängen der Amerikaner widerstanden hätte, massenhaft Türken nach Deutschland einwandern zu lassen. Oder sie nach 1970 konsequent wieder zur Ausreise gedrängt hätte.

      Man kann dieses Gedankenexperiment nicht darauf beschränken, daß wir dann heute keine Dönerimbisse hätten. Denn Deutschland hätte ja nicht die Option gehabt, auf den demographischen Wandel seit 1969 mit maximierter Einwanderung zu reagieren, Infolgedessen hätten wir auch keine Gesellschaft, die Zuwanderung als grundsätzlich positiv erachtete oder gar wollte (so wie es eben heute auch in Osteuropa ist bzw. schon in Ostdeutschland). Da die Folgen des Gebärverzichtes schon sehr viel früher durchgeschlagen hätten, hätte man also eine ganz andere Gesellschaftspolitik verfolgen müssen, die Geburtenzahl wieder erhöhten müssen. Sehr viel Geld, daß in die Bewältigung der Einwanderungsfolgen geflossen ist, wäre in Familienpolitik geflossen, aber ich denke auch, die Förderung von Frauenerwerbstätigkeit wäre weder erfolgt noch nötig gewesen. Auch das Selbstbild der Deutschen wäre ein anderes, Kosmopolitismus, offene Grenzen oder Internationalismus wäre nicht die politisch korrekte und dominante Moral.
      Ich bin davon überzeugt, daß unsere Zugehensweise auf den Islam davon geprägt ist, daß wir antizipieren, daß wir Einwanderung und damit Muslime im Land brauchen. Die Zurückweisung von Migration durch Osteuropa entsteht, weil Migration nach Europa heute primär muslimisch ist und man dort keine islamische Minderheit entstehen lasen will. Wir aber sind über den Punkt hinaus wo wir das steuern können. Und so beginnen wir den Islam zu schützen, weil wir glauben, die Einwanderung schützen zu müssen.
    8. von Frank Fidorra
      Antwort auf den Beitrag von Thomas Hellerberger 26.06.2017, 18:44:30
      Muslimische Einwanderer sind verantwortlich für den "Pillenknick"??
      Das stimmt so nicht. Die Kinderlosigkeit der Deutschen ist m.E. eine direkte Folge der Abschaffung der klassischen Geschlechterrollen, verbunden mit dem Wunsch und der Möglichkeit nach Selbstverwirklichung und der medizinischen Möglichkeit, mit einfachen Mitteln zu verhüten. Dass dies mit finanzellen Anreizen hätte kompensiert werden können, halte ich für ausgeschlossen. Trotz der Flüchtlinge haben wir heute einen ziemlich ansehnlichen Haushaltsüberschuss, aber offensichtlich glaubt niemand ernsthaft, dass man damit mehr Kinder erzwingen kann.

      "Brauchen" wir Zuwanderung? Demographisch wäre das naheliegend, ich bezweifele allerdings, dass dies eine Lösung ist. In der Vergangenheit waren Zuwanderer einfach gern gesehene Arbeitskräfte (Gastarbeiter), das trifft auch für die Zuwanderung der meisten Türken in den vergangenen Jahrzehnten zu. Die heutige Zuwanderung besteht zu einem Großteil aus Kriegsflüchtlingen, denen Deutschland aus humanitären Gründen Schutz gewähren möchte und einer Reihe von Trittbrettfahrern, die sich von und in Deutschland ein besseres Leben erhoffen. Dass Deutschland die Zuwanderer gezielt zum Herkommen animiert, sehe ich so nicht.
    9. von Heiko GEBHARDT
      Antwort auf den Beitrag von Thomas Hellerberger 26.06.2017, 16:22:25
      Thomas Hellerberger 26.06.2017, 16:22 in seiner
      Antwort auf den Beitrag von Frank Fidorra 26.06.2017, 15:31
      " Es gab von [vor???¨] 9/11 [2001] keine Sicherheitskontrollen an den Flughäfen, da konnte man so ungehindert in den Flieger einsteigen wie heute (noch) in einen BVG-Bus oder ICE."

      Das stimmt nicht. Kontrollen beim Abflug gab es in Europa schon während der ganzen 90er Jahre, spätestens seit PaAms Lockerbie (1988). Vielleicht weniger effizient als heute, schlampiger wenn man so will, aber schlampige (und schikanöse) Kontrollen kann man auch heute noch immer wieder einmal beobachten oder erfahren.
  2. von Reimund Noll
    Der Autor ist ja schon in der Vergangenheit als Pegida-Versteher aufgetreten. Geradezu klassisch läuft die Argumentation in dem Text vom bösen Islamisten über die zu liberale Gesellschaft zu den Populisten, die doch eigentlich Recht hätten. Wenn jemand nicht begreift, dass Menschen durch Kultur statt Hass bei sich bleiben können...naja.

    Im Übrigen sterben mehr Menschen durch Unfälle in der Badewanne als durch terroristische Attacken. It´s psycho, stupid. Der Rest ist Ideologie, Herrrrr Professor.
  3. von Thomas Hellerberger
    Ich halte es für falsch, den Konflikt mit dem Islamismus nur auf Gegensätze wie Kosmopolitismus vs. Regionalismus oder Pazifismus vs. Wehrhaftigkeit zu reduzieren. Das Problem greift für mich viel weiter und grundsätzlicher.

    Unsere Anfälligkeit gegen islamischen Terror resultiert nicht originär aus offenen Grenzen, sondern aus unserem mangelnden Willen zu Begrenzung und Identität.
    Die westlichen Gesellschaften sind nun nahezu ein Jahrhundert Wohlstandsgesellschaften, in denen fast alle Mitglieder der Polis weder Krieg noch Armut kennen (das, was wir bei uns heute als Armut bezeichnen, ist für die Mehrheit der Menschheit eher Wohlstand). Den Menschen im Westen ist daher der Zusammenhang zwischen Wohlstand und seinem Entstehen verlorengegangen, er wird als natürlich vorhanden angesehen, daher die Nichtbereitschaft, dafür Opfer zu bringen, stattdessen ein passives und oft larmoyantes Einfordern. Auch auf andere Bereiche strahlt das aus: Rentensysteme haben zur Illusion geführt, eine Gesellschaft könne folgenlos auf Kinder verzichten zugunsten einer Fixierung auf sich selbst. (Selbstverwirklichung)
    Dies macht dekadente Wohlstandsgesellschaften schwach und anfällig. Sie werden zum Sehnsuchtsziel armer Kulturen, die aber deren Dekadenz zugleich ablehnen und verachten. Aggressiver, fertiler und zahlreicher drängen sie in die Wohlstandsgesellschaften, die zu faul zur Abwehr geworden sind und sich endlich ergeben und überrennen lassen – in heimlichem Neid auf die Vitalität der Eindringlinge. Alle Symptome sind in Deutschland erfüllt: Wir geben die Grenzen auf, deuten Selbstbewahrung als Rassismus um und betrachten die archaische Kultur der Zuwanderer als Bereicherung und „bunt“. Zugleich hoffen wir, daß sie unsere ungeborenen Kinder ersetzen. Ohne Diskussion dieser Zusammenhänge kommt man nicht weiter.
    Für mich ist dies ein Zyklus aller erfolgreichen Gesellschaften, die am Ende an sich selbst scheitern und untergehen. Früher Rom, davor das alte Ägypten, heute der Westen.
  4. von Roland Hahn
    Das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit ist sensibel und völlig richtig beschrieben. Warum sollte es nicht möglich sein, eine Verteidigung unserer Freitheit mit Augenmaß aber wirkungsvoll zu organisieren ? Roland Hahn, Blankenfelde-Mahlow