Gasversorgung in Europa Nord Stream 2 kann warten

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Ökonom Bruegel

Expertise:

Georg Zachmann ist Senior Fellow des beim europäischen Thinktank Bruegel in Brüssel. Er ist Experte für Klimaschutz, Strommärkte und Energiepolitik. Vorher arbeitete als Berater im Bundesfinanzministerium sowie bei DIW in Berlin.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Bau einer weiteren Pipeline durch die Ostsee unsinnig, weil er die Abhängigkeit der EU-Staaten von russischen Gas erhöht und die Ukraine politisch isoliert.

Gazprom will einen zweiten Strang der Ostseepipeline zwischen Russland und Deutschland bauen. Nord Stream 2, so der Name des Projekts, wird in Europa äußerst kontrovers diskutiert. Dennoch ist geplant, die Pipeline schon 2019 in Betrieb zu nehmen. Die Befürworter von Nord Stream 2 bringen zwei Argumente vor: die Ukraine sei kein zuverlässiger Transitpartner, und Europa benötige mehr Gas aus Russland. Beide Behauptungen sind fragwürdig, und es gibt gute Gründe, mit dem Bau zu warten.

Die Ukraine stellt kein Transitrisiko dar, weil Kiew die finanzielle Unterstützung durch die EU nicht gefährden will.

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Erstens stellt der Gastransit durch die Ukraine kein großes Risiko für die Versorgungssicherheit Deutschlands dar. Es ist kaum vorstellbar, dass die heutige Ukraine auch nur in Erwägung zieht, den Gastransport in die EU zu unterbrechen. Schließlich profitiert die Ukraine stark von der politischen und wirtschaftlichen Unterstützung durch die EU. Das wird Kiew nicht aufs Spiel setzen wollen. Darüber hinaus würde ein Transitstopp nicht nur den Bau einer Umgehungspipeline auslösen. Ein Transitstopp würde auch die Gasversorgung der Ukraine selbst gefährden, denn die Ukraine bezieht heute ein Drittel seiner Gasmengen aus der EU durch aus der Slowakei zurückfließendes russisches Gas.

Der Bau von Nordstream 2 wäre ein Mißtrauensvotum gegen die Ukraine.

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Demgegenüber müsste die Ukraine den Bau von Nord Stream 2 als Misstrauensvotum wahrnehmen. Die Ukraine hat ihre Bemühungen verstärkt, den Gassektor im Land tiefgreifend zu reformieren. Die Reformen tragen bereits erste Früchte. Der Geldbedarf des staatlichen Gasunternehmens ist massiv zurückgegangen, der Gasverbrauch deutlich geschrumpft. Westliche Gasfirmen fassen auf dem ukrainischen Markt Fuß und es besteht berechtigte Hoffnung, dass sich die Ukraine in einigen Jahren mit eigenem Gas vollständig versorgen kann.

Ohne den Gastransit durch die Ukraine würden in Osteuropa kaum genug Gasmengen zur Verfügung stehen, um die Ukraine aus dem Westen zu beliefern. Bei dem Gas, das von der EU an die Ukraine geliefert wird, handelt es sich vorwiegend um Gas, welches ursprünglich durch die Ukraine in die Slowakei geflossen ist. Somit würde die Umgehung der Ukraine mittels Nord Stream 2 Kiew zwingen, Gas wieder direkt von Gazprom zu beziehen. Eine solche Abhängigkeitsbeziehung wäre wahrscheinlich kaum allein wirtschaftlicher Natur. Will die EU das wirklich fördern?

Nord Stream 2 ist überflüssig, weil der Importbedarf mit existierenden Pipeline gedeckt werden kann.

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Laut dem zweiten Argument für Nord Stream 2 sei eine weitere Importleitung aus Russland nötig, weil die Gasproduktion in Nordwesteuropa sinkt. Aber der steigende Importbedarf kann zumindest im kommenden Jahrzehnt noch mit existierenden Pipelines gedeckt werden. 2014 gab es 100 Mrd m³ ungenutzte Kapazität aus Russland. Dazu lassen erneuerbare Energien und stärkere Energieeffizienz eher ein Sinken der Gasnachfrage erwarten. Sollte der Importbedarf unerwartet schnell zunehmen, riskiert Europa dennoch keine Versorgungskrise. Notwendige zusätzliche Gasmengen können jederzeit kurzfristig aus Übersee mittels der vorhandenen Flüssiggasimportterminals eingeführt werden.

Der Bau von Nordstream 2 erhöht die Abhängigkeit der EU von russischem Gas.

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Demgegenüber würde Gazprom nach dem Bau von Nord Stream 2 versuchen die Pipeline auszulasten. Dieser konstante Strom von Erdgas für mehrere Jahrzehnte, welcher preislich flexibel auf neue Konkurrenz reagieren kann, würde es der EU in den kommenden Jahrzehnten erschweren, Alternativen zu russischem Erdgas zu entwickeln.

Nord Stream 2 ist sowohl energiewirtschaftlich als auch geopolitisch von strategischer Bedeutung für Russland und die EU. Aber die Interessen sind nicht deckungsgleich. Ein vorschneller Bau der Pipeline würde die Ukraine in direkte Abhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen bringen und den Ausbau von Alternativen zu russischem Erdgas behindern. Außerdem scheint in den nächsten fünf bis zehn Jahren das Mengen- und Transitrisiko mit der existierenden Infrastruktur handhabbar. Also wäre es am vernünftigsten, die Bauentscheidung hinauszuzögern. Falls klar wird, dass eine Umgehung der Ukraine notwendig ist oder zusätzliche Importmengen benötigt werden, kann man die Pläne immer noch aus der Schublade holen. Im Moment würde das Projekt der EU mehr schaden als nutzen.

 

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