Wie hat Obama das Land verändert? Obama hat Präsident Trump erst ermöglicht 

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Historiker

Expertise:

Mischa Honeck ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Washington DC. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte der USA in transnationaler Perspektive.

Barack Obama wurde schnell zum Symbol eines postrassistischen Amerikas. Dabei hat sich der Rassismus während seiner Amtszeit noch verschärft.   

In den letzten Tagen von Obamas Amtszeit ist die Betriebstemperatur im Weißen Haus noch einmal angestiegen. Ob Obama Meeresgebiete unter Naturschutz stellte, neue Sanktionen gegen Russland erließ, oder letzte Verteidigungslinien um die Gesundheitsreform, die seinen Namen trägt, zog – fieberhaft stemmt sich der amtierende Präsident gegen die nahende republikanische Lawine, die sein politisches Lebenswerk zu erdrücken droht. Eine tiefe Abneigung gegen seinen Nachfolger treibt den ersten afroamerikanischen Präsidenten zusätzlich an. Schließlich war es Donald Trump, der als Sprachrohr der „Birther“-Bewegung nicht nur versuchte, Obamas Präsidentschaft zu delegitimieren, sondern ihn mit der Behauptung, er sei kein amerikanischer Staatsbürger, auch persönlich traf. Entbrannt ist der Kampf um ein doppeltes Erbe: Obamas Präsidentschaft als ein politisches und historisch-kulturelles Phänomen.

Obama war ein zentristischer Reformer, kein Linksrevolutionärer. 

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Bereits der Aufstieg Barack Obamas ins höchste Amt der Vereinigten Staaten begann mit einem fundamentalen Missverständnis. Hinter den Slogans „Hope“ und „Change“ verbarg sich kein umstürzlerisches Programm, wie seine konservativen Gegner befürchteten, oder eine linksrevolutionäre Agenda, wie seine progressiven Anhänger hofften. Schon bald wurde deutlich, dass ein zentristischer Reformer die Regierungsgeschäfte leitete, der eine Politik der behutsamen Sozialdemokratisierung betrieb. Entschlossen und maßvoll zugleich nahm Obama die Gesundheitsreform in Angriff, die zwar eine Krankenversicherungspflicht für alle Amerikaner einführte, aber weiter auf marktwirtschaftliche Lösungen setzte. Man mag einwenden, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise Obama zu einem Krisenmanager wider Willen machte. Erst spät, vielleicht sogar zu spät, als die Demokraten ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus eingebüßt hatten, legte er sein ganzes politisches Gewicht in die Waagschale, um den Klimaschutz und strengere Waffengesetze voranzutreiben. Ohne den Kongress blieben Obama nur Exekutivdekrete, die ihm den Vorwurf einbrachten, eine imperiale Präsidentschaft etablieren zu wollen.

Obama war kein impulsiver, sondern ein abwägender Präsident.

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Burschikoses Zupacken war Obamas Sache nicht. Seine mitreißenden Reden konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein abwägender und vorsichtig agierender Intellektueller im Weißen Haus saß, der stundenlang zurückgezogen über die nächste Entscheidung reflektierte statt im Washingtoner Politikbetrieb Fäden zu ziehen. In Abgrenzung zum cowboyhaften Auftreten von George W. Bush verkörperte der ehemalige Universitätsdozent für Verfassungsrecht eine weiche, kultivierte Männlichkeit, wohl auch, um dem negativ besetzten Stereotyp des „angry black man“ zu entgehen.

 Außenpolitisch waren dieser neuen Besonnenheit jedoch Grenzen gesetzt. Trotz der Truppenabzüge aus dem Irak und Afghanistan verzichtete Obama nicht auf die Drohnenkriegführung, und im Syrien-Krieg wurde ihm das abwägende Für und Wider hinsichtlich einer militärischen Intervention als Halbherzigkeit ausgelegt. Auch auf die neo-imperiale Politik Vladimir Putins fand der sonst konziliant auftretende amerikanische Präsident außer süffisantem Spott lange keine Antwort. Zu sehr war er an der innenpolitischen Genesung seines Landes interessiert – eine Haltung, die angesichts der gesellschaftlichen Fliehkräfte in den USA nur verständlich ist.

So zwiespältig die politische Bilanz erscheint, so ambivalent muss auch das Urteil über die kulturell-historische Dimension von Obamas Präsidentschaft ausfallen. Mit Obama wurde nicht nur ein begabter Politiker gewählt, sondern auch der Botschafter eines anderen Amerika, das für Pluralismus, Gleichberechtigung und Weltoffenheit stand. Die Strahlkraft des ersten afroamerikanischen Präsidenten reichte weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus, wie an der globalen popkulturellen Vereinnahmung Obamas, vor allem durch Jugendliche und ethnische Minderheiten, zu erkennen ist.

Obamas Präsidentschaft hat den Rassismus nicht verringert, sondern verschärft. 

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Dieser postrassistischen Symbolik, die immer auch Projektionsfläche für linke Fortschrittsträume war, wohnte jedoch von Anfang an ein utopischer Überschuss inne. Die Wahl und Wiederwahl Obamas, eines kosmopolitischen Afroamerikaners, zum ersten Mann in einem traditionell von Weißen regierten Staat verringerten den Rassismus nicht. Sie verschärften ihn. In den letzten acht Jahren machten nicht nur zahlreiche Vorfälle tödlicher Polizeigewalt gegen junge schwarze Männer Schlagzeilen. Dazu organisierte sich ein reaktionärer weißer Nationalismus, den Donald Trump wie kein zweiter für sich zu nutzen wusste. Es mag eine tragische Ironie der Geschichte sein, dass Obama im Moment des scheinbaren Triumphs der schwarzen Bürgerrechtsbewegung mit ansehen musste, wie sich unter seiner Präsidentschaft viele seiner afroamerikanischen Mitbürger einer neuen schwarzen Protestbewegung, Black Lives Matter, zuwandten.

 

Es wäre verfehlt, die Widersprüche zwischen beflügelnder Vision und ernüchternder Realität, jener gewaltigen Chiffre für die letzten acht Jahre, allein an der Person Obamas festzumachen. Man könnte ihn retrospektiv etwas wohlfeil, aber nicht ganz unberechtigt, dafür kritisieren, gleichzeitig eine Abkehr von George W. Bush proklamiert und an dem Versprechen festgehalten zu haben, ein Land einen zu wollen, in dem sich viele Bürger nach wie vor politisch und kulturell in der Welt des Amtsvorgängers beheimatet fühlten – eine Rechnung, die nicht aufgehen konnte. So wie es ohne Bush keinen Präsident Obama gegeben hätte, würde es wohl ohne Obama keinen Präsident Trump geben. Diese Dialektik wird, wenn auch von Barack Obama unbeabsichtigt, mit seinen zwei Präsidentschaften verbunden bleiben. Daran ändern auch seine Verdienste nichts. Ähnlich formulierte es vor mehr als 150 Jahren Abraham Lincoln, als er sagte, „Ich behaupte nicht, die Ereignisse kontrolliert zu haben, sondern gebe offen zu, dass die Ereignisse mich kontrolliert haben.“

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