Schottlands Unabhängigkeit nach dem Brexit "England hat uns betrogen"

Bild von A.L. Kennedy
Schriftstellerin

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Die schottische Schriftstellerin A.L. Kennedy wurde durch Bestseller wie "Alles was du brauchst" oder "Day" einem breiten Publikum bekannt. Zeitweilig betätigte sie sich auch als Kolumnistin für die Zeitung The Guardian. Sie setzt sich öffentlich für die Unabhängigkeit Schottlands ein.

Die schottische Schriftstellerin A.L. Kennedy glaubt, dass es beim britischen EU-Referendum um Protest und Profit ging, nicht aber um die Zukunft des Vereinigten Königreichs. Im Interview erklärt sie, wieso England ohne Schottland verloren ist und wieso über die Hälfte des Landes für den Austritt gestimmt hat, aber niemand ihn will. 

Frau Kennedy, in Ihren Büchern beschreiben Sie oft die politischen und gesellschaftlichen Missstände Großbritanniens. Haben die vergangenen Wochen Sie reichlich inspiriert?
Leider ja. Es ist erschreckend zu sehen, wohin dieses Land steuert. Es brennt an allen Ecken und Enden. Kürzlich veröffentlichte die UN einen Bericht, der zeigt, dass das soziale Ungleichgewicht hierzulande weiter wächst und grundlegende Menschenrechte dadurch bedroht werden. Die Politik zieht sich aber komplett aus der Verantwortung. Die Regierung in Westminster verhält sich wie eine Okkupationsmacht im eigenen Land.

Sie haben den Engländern einmal einen hohen Grad an Gehorsam unterstellt. Hat das zu dieser Situation geführt?
Das britische Bildungswesen wurde komplett vernachlässigt. Die meisten Schulen sind ein Witz und es wird kein eigenständiges und kritisches Denken gefördert.  Die Arbeiterklasse wird kategorisch unterdrückt und in prekären Lebensumständen gehalten. Ihr werden nicht nur die Jobs, sondern auch die Würde geraubt. Diese Leute lesen dann in den Boulevard-Blättern, dass die Syrer oder die EU die Schuld daran tragen. Aber dass die britische Regierung es vorzieht, Milliarden in marode Banken zu pumpen anstatt den Bürgern zu helfen, darüber berichten nur wenige.

Niemand in Großbritannien will den EU-Austritt

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Die britische Presse gilt als reißerisch und europakritisch. Es sollte nicht überraschen, dass das Referendum mit einem Sieg des „Leave“-Lagers endete.
Die ganze Kampagne baute auf Lügen auf. Nach der Bekanntgabe des Endresultats fingen die Zeitungen auf einmal an, anders zu berichten. Plötzlich waren es deutlich weniger Flüchtlinge, die ins Land kommen oder weniger Millionen, die wir an die EU zahlen. Auch bei den Politikern gab es einen Mentalitätswechsel. Glauben Sie wirklich, dass Boris Johnson den Brexit wollte?

Er war einer der stärksten Befürworter.
Weil er Camerons Job wollte. Johnson wollte die Kampagne nutzen, um bei den vielen Europaskeptikern zu punkten und sich zu positionieren. Austreten wollte er genau so wenig wie alle anderen. Deshalb werfen die stärksten „Leave“-Befürworter jetzt auch alle das Handtuch. Niemand hat mit diesem Ausgang gerechnet und niemand will sich nun den Konsequenzen stellen.

Wie wird es denn Ihrer Meinung nach weitergehen?
Die Regierung hat viele Möglichkeiten: das Votum muss nicht anerkannt und ratifiziert werden, man kann ein neues Referendum abhalten - dafür will sich aber auch niemand stark machen. Die britische Politik steht still und niemand weiß, wohin es gehen soll. Der Mythos des britischen Empire beruhte auf der Annahme, dass wir anderen Nationen überlegen sind und ihnen unser System aufzwingen müssen. Jetzt schaut die Welt kopfschüttelnd auf uns.

Die schottische Unabhängigkeit lässt sich nicht totschweigen. 

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Sie setzen sich seit Jahren für ein unabhängiges Schottland ein. Denken Sie, dass ein neuer Volksentscheid hierzu bevorsteht?
Es wird sehr schwierig werden, das Thema tot zu schweigen. Auch der Grenzkonflikt zwischen Irland und Nordirland droht sich wieder zu verschärfen. Der Brexit verstärkt Abspaltungstendenzen und die Stimmung in Schottland ist deutlich angespannter als beim letzten Unabhängigkeitsreferendum. Die Schotten wissen, dass sie Europa brauchen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Es geht aber über puren Pragmatismus hinaus.

Die Schotten fühlen sich Europa deutlich mehr verbunden als die Engländer.
Weil wir über die Vorteile informiert werden! Die Schulen und Medien vermitteln uns europäische Werte. Wir Schotten sind traditionell eher sozialistisch geprägt, weil ein Großteil unserer Bevölkerung der Arbeiterklasse angehört. Daher sind uns Werte wie Solidarität und Toleranz sehr wichtig. In England hingegen glaubt die Arbeiterklasse, dass jeder Fortschritt den Verlust der Souveränität mit sich bringt.

Den "Nein"-Wählern ging es nicht um den EU-Austritt

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Glauben Sie, dass den meisten „Leave“-Wählern bewusst war, dass ihr Votum den Zusammenbruch des Vereinigten Königreichs bedeuten könnte?
Nein, ich glaube nicht. Ich gehe davon aus, dass es vielen nur um Protest ging. Niemand glaubte daran, dass der Verbleib in der EU ernsthaft in Gefahr sei. Die „Nein“-Stimmen waren Ausdruck der Unzufriedenheit, nichts weiter.

Es ging niemandem um den EU-Austritt?
Naja, ein paar geisteskranke Idioten gingen wohl davon aus, dass ein „Nein“ automatisch dazu führt, dass sämtliche Ausländer in ihrer Nachbarschaft abgeschoben werden, aber im Kern denke ich, dass es den meisten nur darum ging, den beiden großen Parteien einen Denkzettel zu verpassen.

Das Ziel scheint auch erreicht: David Cameron ist zurückgetreten und Jeremy Corbyn hat seine Anhänger verloren.
Corbyn ist ein anständiger Politiker. Man wirft ihm vor, dass er sich nicht für den Verbleib stark gemacht hat, das ist unfair. Er steht der EU seit Jahrzehnten kritisch gegenüber und hat sich trotzdem für den Verbleib ausgesprochen, weil er weiß, wie wichtig es ist. Was hätte er denn noch tun sollen?

Die Engländer brauchen den Rest des Vereinigten Königreichs

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Kann ein isoliertes England ohne den Rest des Vereinigten Königreichs Ihrer Meinung nach erfolgreich bestehen?
Die Engländer dachten immer schon, dass Großbritannien eigentlich nur England mit Anhang ist. Das ist eine sehr engstirnige Sicht der Dinge und komplett falsch. Die Engländer brauchen uns. Wir Schotten sind da viel weltoffener. Viele Immigranten werden von London nach Schottland abgeschoben, aber anstatt diese Menschen als Fremde anzusehen, betrachten wir sie als unsere Nachbarn. Und wir lassen nicht zu, dass man unsere Nachbarn einfach wieder abschiebt.

Normalerweise geht es bei Abspaltungsbewegungen um Abschottung, in Schottland hingegen versucht man sich Europa und der Welt zu öffnen.
Die Bewegung wird nicht von Rechtspopulisten angeführt, sondern von Menschen, die ihren demokratischen und toleranten Staat haben wollen, das ist einzigartig. Die Engländer sollten sich daran ein Beispiel nehmen.

George Bernard Shaw meinte einst „Gnade Gott England, wenn es keine Schotten mehr hätte, die für es denken würden“.
Er hatte recht. Wir sehen jetzt schon, dass viele Engländer darüber nachdenken, nach Irland oder Schottland zu emigrieren, weil sie dort Vorfahren hatten und die Staatsbürgerschaft erlangen können. Es kommen schwere Zeiten auf das Land zu.

Die meisten schottischen Kunstschaffenden befürworten die Unabhängigkeit, die englischen wollen das Vereinigte Königreich erhalten. Sie leben und arbeiten als Schottin in England. Wie gehen Sie damit um?
Ich lebe in England, weil ich einen englischen Mann liebe und es als Schriftstellerin einfacherer ist, nahe London zu leben, aber mein Herz gehört Schottland. Ich liebe England auch und es bricht mir das Herz, den Untergang des Landes zu erleben, aber ich fühle mich betrogen. England hat uns betrogen.

Das Interview führte Max Tholl

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