Wohin steuert Großbritannien nach dem Brexit-Referendum? "Ein klares "Leave" wäre besser gewesen"

Bild von Billy  Bragg
Sänger

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Billy Bragg ist ein britischer Singer-Songwriter. Seine Themen reichen von Liebesballaden über traditionelle Arbeiterlieder bis zu Protestliedern zu aktuellen politischen Ereignissen. In seiner Musik verbindet er Elemente von Pop, Folk, Rock und Punk.

Der britische Sänger Billy Bragg hält den geplanten EU-Austritt seines Landes für Schwachsinn. Ihn anfechten will er aber nicht - der Demokratie wegen. Im Interview erklärt Bragg wie ein unabhängiges Schottland England retten kann und was ihn mit Nigel Farage verbindet. 

Herr Bragg, in einem Ihrer bekanntesten Lieder singen Sie „I am not looking for a new England“. Tun Sie es jetzt?
Die Frage erübrigt sich, weil wir bereits in einem neuen England leben. Großbritannien wie wir es kennen, wird höchstwahrscheinlich nicht überleben. Die Schotten streben nach dem Referendum wieder ihre Unabhängigkeit an und die Nordiren werden es sicherlich auch tun. Das macht mir Angst.

Weil Sie befürchten, dass der Frieden in Irland auf dem Spiel steht?
Ja, der Frieden in Nordirland beruht auf einer erfolgreichen europäischen Friedenspolitik und europäischen Werten. Beide Seiten fühlten sich auf einmal europäisch, was sie verband und verbrüderte. Ich will mir nicht einmal vorstellen, was passieren würde, wenn es plötzlich wieder eine Grenze zwischen einem europäischen Irland und einem nicht-europäischen Nordirland geben würde.

 Man hätte auch einen Verbleib im europäischen Wirtschaftsraum zur Auswahl stellen müssen

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Glauben Sie, dass diese Folgen den britischen „Nein“-Wählern bekannt waren?
Das glaube ich nicht, den meisten ging es um Selbstbestimmung und die Macht des britischen Parlaments. Wenn Schottland und Nordirland sich aber abkapseln, wird das Parlament an Macht verlieren. Das hat niemand durchdacht. Das Problem des Referendums war die Fragestellung. Man kann nicht mit einer Ja/Nein Antwort einen so wichtigen und komplexen Sachverhalt klären.

Man hätte den Wählern mehr Antwortmöglichkeiten geben müssen?
Eine dritte Möglichkeit hätte schon gereicht. Man hätte auch einen Verbleib im europäischen Wirtschaftsraum zur Auswahl stellen müssen. Das hätte zumindest den Zugang zum europäischen Binnenmarkt und ein Minimum an Niederlassungsrechten und Personenfreizügigkeit sichergestellt.

Ging es beim Referendum nicht gerade darum, Grenzen wieder aufzurichten?
Glaube ich nicht. Ich habe kürzlich eine BBC-Reportage gesehen, die die Absichten der „No“-Wähler analysierte. Es wurde natürlich viel über Immigration gesprochen, aber das Hauptanliegen war die schwache Wirtschaft und die sozialen Unterschiede. Nicht jedes „No“ war rassistisch begründet.

Wer an Demokratie glaubt, muss das Resultat akzeptieren

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Ich war genau wie Sie bei der Bekanntgabe des Resultats auf dem legendären Glastonbury Festival. Blur-Frontmann Damon Albarn eröffnete das Festival mit den Worten: „Unsere Demokratie hat versagt, weil sie uns nicht über die Konsequenzen informiert hat“. Stimmen Sie ihm zu?
Nein, man kann vieles für das Resultat verantwortlich machen, aber man sollte unsere Demokratie nicht für nichtig erklären. Wer an Demokratie glaubt, muss das Resultat akzeptieren – so bitter das auch ist. Das Votum zu ignorieren, würde unser politisches System untergraben und ihm jegliche Legitimität rauben. Die Schuld muss anderswo gesucht werden.

Wo zum Beispiel?
Wir haben den Verlust des Empire nie wirklich verdaut und Politiker wie Boris Johnson oder Nigel Farage glauben, dass wir jetzt von einem anderen Empire – der EU – unterdrückt werden. Es hieß immer, dass wir ständig von den anderen Mitgliedsstaaten überstimmt werden. Entsetzt hieß es, dass wir zwischen 1995 und 2014, 72-mal überstimmt wurden. Das sind gerade mal 3% aller Entscheidungen. Die „Leave“-Kampagne war voll von solchen verdrehten Halb-Wahrheiten.

Deutschland ist das einzige Land, das Großbritanniens Platz in der EU einnehmen kann

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Wie geht es Ihrer Meinung nach mit der EU weiter?
Sollte Großbritannien die EU wirklich verlassen, wird ein Machtvakuum entstehen. Jemand muss die Lücke füllen, die wir hinterlassen. Deutschland ist das einzige Land, das dazu in der Lage ist. Die Union verliert mit Großbritannien ihren größten Kritiker und Reformer. Ich weiß nicht, ob Deutschland diese Rolle übernehmen wird, oder die ever-closer-Union haben will.

Sie haben kürzlich behauptet, das Referendum habe die britische Politik vergiftet. War die in Sachen Europa nicht immer schon giftig?
Natürlich, aber es hat eine andere Dimension angenommen. Es wäre besser gewesen, wenn das „Leave“-Lager deutlich gewonnen hätte. Das knappe Resultat hat die Nation noch tiefer gespalten und Politiker wie Boris Johnson oder Nigel Farage sind daran maßgeblich schuld.

Wie kann man das zukünftig verhindern?
Das ist eine Mammutaufgabe. Eine Reform des Wahlsystems hier in Großbritannien wäre ein wichtiger Schritt. Durch unser Majorz-Wahlsystem ist es so, dass einige Bezirke automatisch an eine Partei gehen. Mein Wahlkreis in Dorset ist seit 1886 in der Hand der Konservativen und es gibt eine Menge solcher Wahlkreise. Viele Wähler glauben deshalb, dass ihre Stimme nicht ins Gewicht fällt. Beim Referendum war das anders: jede Stimme zählte einzeln und viele wurden als Protestmittel genutzt - kann ich gut verstehen.

Schützt das Majorz-Wahlsystem nicht vor Parteien wie UKIP die an der Hürde scheitern?
Wir können diese Krise nur mit mehr Demokratie lösen. Selbst wenn später 50 UKIP Abgeordnete im Parlament sitzen – das ist der Preis, den wir zahlen müssen. Wir tun gerne so, als gäbe es in Großbritannien keine Klassenunterschiede mehr, aber es gibt sie. Bürger aus sozialschwachen Bezirken werden oft ignoriert und nutzen ihr Wahlrecht deshalb als Protestmittel.

Die Unabhängigkeit Schottlands würde Westminsters Machtmonopol zerstören

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Könnte die Unabhängigkeit Schottlands diese Situation ändern?
Ja, deshalb mach ich mich dafür stark. Wenn die Schotten sich abkapseln, brauchen wir eine neue Verfassung und ein neues Parlament. Es deutet vieles darauf hin, dass ein Proporzwahlrecht eingeführt würde. Die Unabhängigkeit Schottlands würde Westminsters Machtmonopol zerstören.

Werden die Engländer das zulassen?
Kommt darauf an, wie man es vermittelt. Bei jeder Diskussion die sich aus einem Brexit ergeben würde, ist England der Elefant im Raum. Es ist auch eine Frage der Identität.

Wie meinen Sie das?
Westminster liegt in England, nicht in Schottland, Wales oder Nordirland. Uns Engländern fällt es daher oft schwieriger zu definieren, wo das Britische aufhört und das Englische anfängt. Das ist einfacher, wenn es Landesgrenzen gibt. Ich glaube die Engländer brauchen eine stärkere Identität, einen gesunden Patriotismus der auf Toleranz basiert. Ich bin Patriot – durch und durch. Nigel Farage auch – aber ein ganz anderer.

Wo sehen Sie Großbritannien in zwei Jahren?
Das hängt alles davon ab, wann von Artikel 50 Gebrauch gemacht wird. Die beste Entscheidung, die David Cameron in seiner Amtszeit getroffen hat, war es Artikel 50 nicht sofort am Morgen nach dem Referendum auszulösen. Niemand wagt diesen Schritt, weil niemand weiß, was es bedeuten würde. Deshalb traten Farage und Johnson auch zurück. Es gibt keinen Präzedenzfall für dieses Unternehmen und wir müssen sehr vorsichtig sein. In England sagt man: We are up shit creek without a paddle – Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße. 

Das Interview führte Max Tholl

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