Nach dem Referendum für den Brexit: Wie geht es Großbritannien? Die Alten haben den Brexit gewählt. Aber wir, die jungen Briten, müssen die Schuld bei uns suchen 

Bild von Christopher Ruff
Mitglied von Polis180 e.V., Mitarbeiter Europäisches Parlament

Expertise:

Der Brite Christopher Ruff hat in Bath, Paris und Berlin Politikwissenschaften studiert. Er ist Gründungsmitglied Polis180, einer Initiative von Studierenden, jungen Wissenschaftler und Berufstätigen, die sich mit Außen- und Europapolitik beschäftigen. Er arbeitet (noch?) als Assistent eines britischen Abgeordneten im Europaparlament.

Der Brexit zeigt die Kluft zwischen Jung und Alt in Großbritannien. Wir haben nicht genug für Europa gekämpft, sagt der junge Brite Christopher Ruff - und zugelassen, dass die "working class" zu ihrem eigenen Nachteil abgestimmt hat.

Etwa um vier Uhr morgens wusste ich, dass es vorbei ist. Während ich die Live-Berichterstattung der BBC sah, färbten sich immer mehr Wahlkreise blau - dort, wo die „Vote Leave“-Kampagne gewonnen hatte, von Wolverhampton zu Eastbourne, Barnsley zu Swansea. Auf einmal schlug sich die antieuropäische Stimmung in diesen Städten handfest nieder, genauso wie die Ressentiments gegen die aktuelle britische Regierung, gegen Großbritannien, gegen die Eliten, gegen David Cameron, oder was auch immer die Wählerinnen und Wähler am modernen Großbritannien momentan kritisieren. Der britische Premier Cameron ist nun zurückgetreten. Das Land und die EU sind in eine Krise gestürzt. Die Märkte reagierten so, wie sie es immer tun bei Instabilität. Im Kontext des Referendums zeigt sich eben diese Instabilität von ihrer brutalsten, destruktivsten Art. Wer weiß schon, was als nächstes passieren wird?

Die "working class", die für den Brexit gestimmt hat, wird am meisten darunter leiden.

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Das Referendum ist ein riesengroßer kollektiver Mittelfinger an die Adresse des politischen Establishments. Diejenigen, die ihren Mittelfinger zeigen, sind Menschen der britischen „working class“. Die kleinen Leute, jene, die sich zurückgelassen fühlen in Anbetracht der Globalisierung. Wie auch immer wir sie nennen wollen: Jene, für die in Anbetracht eines möglichen Brexits am meisten auf dem Spiel stand, waren zugleich die größten Unterstützer des Referendums. Und, wie so oft, werden es auch wieder die Schwachen sein, die unter der wirtschaftlichen Instabilität leiden müssen. Nur haben sich diese Wähler durch ihre Stimme für den Brexit diesmal selbst diese Instabilität gewünscht.

Der Brexit zeigt, dass die britische Gesellschaft tief gespalten ist, vor allem die Spaltung zwischen Jung und Alt.

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Das britische EU-Referendum zeichnet ein Bild von einer britischen Gesellschaft, die tief gespalten und zerklüftet ist: Norden gegen Süden, Alte gegen Junge, London gegen den Rest.

Am Tag der Entscheidung fällt mein Blick immer wieder auf mein Handy. Meine Facebook-Timeline und Twitter vermitteln mir ein anderes Bild: Alle meine Freunde, jeder, mit dem ich irgendwie durch die sozialen Netze verbunden bin, sie alle schienen leidenschaftliche Befürworter eines Verbleibs zu sein. Dieses Gefühl, dass die sozialen Medien ein verzerrtes Bild liefern, entstand schon während der Parlamentswahlen 2015, als mein eigenes soziales Netzwerk den Sieg der Konservativen komplett unverständlich erscheinen ließ. Wir sehen die sozialen Medien fälschlicherweise als Spiegel der Gesellschaft. In Wahrheit machen sie die entscheidende Kluft sichtbar: Jene zwischen Alten und Jungen.

Die junge Generation muss die Schuld bei sich selbst suchen: Sie hat nicht leidenschaftlich genug für Europa gekämpft.

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Mehr als 60 Prozent der 18-30-Jährigen stimmten für den Verbleib ihres Landes in der EU. Umgekehrt verhält es sich mit den über 65-Jährigen; auch bei den mittleren Altersklassen bis zu 49 Jahren hat es das „Remain“-Lager gerade so geschafft. In den Altersklassen darüber lag das „Brexit“-Lager klar vorn. Daran konnte auch eine in letzter Minute gestartete Kampagne nichts ändern, in der junge Wählerinnen und Wähler an ihre Großeltern appellierten: „Wählt für uns und unsere Zukunft, stimmt gegen einen Brexit.“ Frustriert von der modernen Welt, wollten die Alten ein Zeichen setzen. Dafür wählten sie das effektivste aller Mittel: Sie gingen einfach in großer Zahl wählen.

Und doch ist es falsch, der älteren Generation die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben. Vielmehr müssen wir die Schuld bei uns selbst suchen. Die Ergebnisse zeigen: Wir haben nicht leidenschaftlich genug für unser europäisches Projekt gekämpft.

Wenn man selbst von einem Argument so überzeugt ist, aber so viele andere Mitbürger etwas ganz anderes in diesem Referendum zu sehen scheinen, dann stellt man automatisch seine eigene Identität in Frage. Habe ich wirklich den Bezug zu meinem Land verloren? Jedenfalls scheint es mir so.

Viele der Linken werden sagen, sie hätten es kommen sehen. Während ich diese Zeilen verfasse, füllt sich meine Timeline bei Facebook auch mit zahlreichen Kommentaren von wütenden Labour-Wählern – wütend auf Jeremy Corbyn und das kürzlich gewählte Parteipräsidium. Es ist wirklich fraglich, ob Corbyn, der selbst lange euroskeptisch dachte, die beste Wahl war, um die Verbleib-Kampagne zu leiten.

Während meiner eigenen Erfahrung mit der Kampagne, habe ich festgestellt, dass die sozialdemokratischen Argumente hinsichtlich der Arbeitnehmerrechte nicht griffen. Für Labour-Wähler, war Immigration das Thema und darauf hatten wir keine Antwort. Bis Mai dieses Jahres – ja Mai! wussten die sozialdemokratischen Wähler nicht einmal, was die Parteiparole zum Referendum war. Die Situation hätte eine starke Führung verlangt, doch diese war bei Labour weit und breit nicht zu finden.

Der historische Graben innerhalb der Tories ist der Grund dafür, dass es überhaupt zu einem Referendum ausgerufen wurde. Camerons Spielereien innerhalb der Parteiführung sind nach hinten losgegangen. Er ist über seinen eigenen Strick gefallen. Der Brexit wird wohl seinen ehemaligen Schulfreund Boris Johnson zum mächtigsten Mann Englands machen – Worte, von denen ich mir nie träumen ließ, sie einmal zu schreiben. Wir dachten, die progressiven Kräfte hätten in den letzten sechs Jahre unter Cameron gelitten. Im Großbritannien unter Boris werden wir uns wohl zurücksehnen nach den guten alten Zeiten mit Dave.

Das Resultat spricht eine deutliche Sprache. Schottland hat mit großer Mehrheit für den Verbleib gestimmt (62 Prozent). In Nordirland fiel das Ergebnis etwas weniger deutlich aus. Wales und England hingegen haben sich deutlich für den Brexit ausgesprochen. Somit wird die ohnehin schon geschwächte 300 Jahre alte Union der Englischen und Schottischen Völker in den kommenden Jahren zusätzlich herausgefordert. Die Aasgeier der „Scottish National Party“ (SNP) werden mit ihrer talentierten Anführerin Nicola Sturgeon über dem post-Brexit Großbritannien ihre Kreise ziehen wie über einem verletzten Tier.

Aber kann man den Schotten dafür Vorwürfe machen? Als Engländer wünsche ich meinen progressiven schottischen Freunden alles Gute. Wenn ich jetzt aus dem Brexit wieder herauskommen könnte, würde ich diese Chance ebenfalls ergreifen. Für den Rest von uns beginnt nun der Kampf. Und er wird schwieriger sein, wenn wir die Schotten nicht mehr an unserer Seite haben.

Auch eine gewaltige Mehrheit der Londoner stimmte für einen Verbleib in der EU. Mit 79 Prozent für den „Bremain“ wurden die schon hohen Erwartungen übertroffen. Es zeigt sich ganz deutlich: Der Graben zwischen Stadt und Land ist tiefer denn je.

It’s like turkeys voting for Christmas - Es ist, als würden die Weihnachtsgänse sich für Weihnachten entscheiden. Ich denke an die wehrlosen Menschen, die glauben, dass dieses Referendum die Lösung all ihrer Probleme sei. Es sind genau jene Menschen, die in deindustrialisierten, notleidenden Städten wohnen.

Die Auseinandersetzung in UK wird härter werden - das Ergebnis wird die gemäßigten Tories aus der Regierung zwingen.

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Jetzt wird das Ergebnis des EU-Referendums viele gemäßigte Konservative aus der Regierung zwingen. Bleiben werden die fanatischen, wirtschaftsliberalen und rechtskonservativen Euroskeptiker. Die Aussage, dass das Geld, das Großbritannien bis jetzt der EU zahlen musste, im Falle eines Brexits in das nationale Gesundheitssystem und in andere öffentliche Dienste gesteckt wird, ist lächerlich – und Ukip-Chef Nigel Farage hat sie schon halb zurückgenommen.

Man braucht sich ja nur anschauen, wer in Zukunft damit beauftragt wird, die politischen Versprechen umzusetzen.

Mit dem Referendum ist die Auseinandersetzung zwischen Norden und Süden, Alten und Jungen, London und dem Rest in Großbritannien keineswegs vorbei, im Gegenteil. Es ist wie mit den Kakerlaken. Tötet man eine Kakerlake, sagt man, kommen hundert zur Beerdigung. Die Probleme vermehren sich unter dem „Parkettboden des britischen politischen Systems“ weiter und kriechen heraus, um zu einem späteren Zeitpunkt ihr hässliches Gesicht zu zeigen. Ob jung oder alt, Schotte, Nordire, Waliser oder Engländer, Stadt- oder Landbewohner, Konservative oder Labour.

Dieser Text ist zuerst auf Englisch auf dem Blog von Polis180 e.V. erschienen. Übersetzung: Kassandra Becker et al. Die englische Fassung lesen Sie hier.

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Wie weiter nach dem Brexit?

Heidi Kuhlmann vom Jacques Delors Institut Berlin analysiert fünf Szenarien.

Der Großbritannienkenner und Politikwissenschaftler Gerhard Dannemann sagt: Der Brexit ist nicht die einzige gefährliche Idee der Tories. Sie könnten nun auch ernst machen mit einer "British Bill of Rights" - mit gravierenden Folgen.

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