Ditib ist der falsche Partner Die Ditib stärkt konservatives Erdogan-Denken

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Konfliktmanagerin und Coach

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Melek Henze ist Sozialwissenschaftlerin und interkulturelle Trainerin. Sie hat türkische Wurzeln, lebte lange im Ruhrgebiet und seit 2012 in Berlin.

Religiösen Organisationen wie der Ditib ist es gelungen, sich als Sprachrohr der türkeistämmigen Menschen in Deutschland zu inszenieren. Die Folgen davon zeigten sich beim Türkeireferendum.

Bei der Mobilisierung türkeistämmiger Wähler für Erdogans Verfassungsreferendum haben die von Ankara gesteuerten Ditib-Gemeinden eine Schlüsselrolle gespielt. Ein Blick auf die regionalen Unterschiede zwischen den 13 Stimmbezirken zeigt: Ausgerechnet dort, wo Landes- und Kommunalpolitiker in den vergangenen Jahren besonders auf den organisierten Islam als Partner der Integration gesetzt haben, war am Ende das Votum gegen die Demokratie besonders deutlich. So liegt der Anteil der Ja-Stimmen im Gebiet der Generalkonsulate Düsseldorf und Essen,  bei über 70 Prozent. In Köln, Standort der Bundeszentrale von Ditib, waren es 64 Prozent. Im eher säkular geprägten Berlin, wo sich die Integrationsdebatte auf eine fast unüberschaubare Vielfalt von Akteuren verteilt, stimmten dagegen nur 50 Prozent für die Verfassungsreform.

Bei dieser Beobachtung geht es nicht um antiislamische Ressentiments. Der muslimische Glaube gehört zur Lebenswelt vieler Türkeistämmigen mit der gleichen Berechtigung wie der christliche Glaube zum Alltag vieler in der Mehrheitsgesellschaft – als eines von vielen Merkmalen kultureller Identität. Religiösen Organisationen wie Ditib ist es jedoch gelungen, sich als Sprachrohr der türkeistämmigen Menschen in Deutschland zu inszenieren und der Integrationsdebatte an vielen Orten einen religiös-nationalen Stempel aufzudrücken.

Die Folgen von 9/11 wirken bis heute

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Diese Engführung geht zurück auf die Zeit nach den Terroranschlägen vom 11.September 2001. Plötzlich gerieten alle Muslime (und solche, die man dafür hielt) unter Generalverdacht. Gerade jenen, die sich erfolgreich integriert und es zum Beispiel auf Universitäten geschafft hatten, schlug plötzlich ein tiefes Misstrauen entgegen. Zugleich suchte die Politik Ansprechpartner auf muslimischer Seite und fand sie bei straff geführten Organisationen wie Ditib oder dem Islamrat. Gerade diese zentralistischen Strukturen galten nun als Ausdruck von Verlässlichkeit und Berechenbarkeit – im Unterschied zu den schwer durchschaubaren Strukturen der vielen kleinen Hinterhofmoscheen und dem eher basisdemokratischen Aufbau liberaler religiöser Minderheiten wie den Aleviten. Auf Bundesebene initiierte der Innenminister die Islamkonferenz, in vielen Kommunen entstanden Runde Tische, in Städten wie Duisburg und Köln fand Ditib breiten gesellschaftlichen Rückhalt für den Bau großer repräsentativer Moscheen.

Es war ein höchst ungleiches Geben und Nehmen. Die Organisationen mussten kaum mehr tun, als sich als moderate Stimme gegen Terrorismus und salafistische Extremismus zu präsentieren – im Gegenzug erfuhren sie eine enorme gesellschaftliche Aufwertung und im Fall der lange vom Verfassungsschutz beobachteten Milli Göres auch eine politische Rehabilitierung.

Säkulare und liberale Gruppen gelten als Störenfriede

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Unter dem Primat der Abgrenzung vom islamistischen Terrorismus wurde großzügig darüber hinweg gesehen, dass die Partner weder in ihrer inneren Verfasstheit noch in ihrem Gesellschaftsbild an einer ehrlichen Öffnung zu einer pluralistischen Demokratie interessiert waren. So wurden die Vorstände der Moscheen nicht nur von Oberbürgermeistern an Rhein und Ruhr hofiert, sie wurden auch zu bevorzugten Partnern von Integrationsprojekten. Vertreter säkularer Gruppen oder religiöser Minderheiten, die vor der Dominanz der großen Moscheeverbände warnten, gerieten häufig in die Rolle der Nörgler. Ausgerechnet die liberalen Kräfte galten nicht selten als lästige Störenfriede für das vermeintlich harmonische Miteinander. Für staatliche Geldgeber war es darüber hinaus oft schlicht bequemer, Projekte zentral gesteuerter Organisationen zu fördern, als sich mit der dezentralen Vielfalt kleinerer Institutionen abzumühen.

Die kulturellen Fragen wurden zu religiösen, es ging um Kopftuch statt Demokratieförderung

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Im Ergebnis wurde die interkulturelle Öffnung der Gesellschaft immer stärker religiös verengt. Auch in der öffentlichen Debatte fanden Fragen von Moscheebauten, Kopftuchverbot und islamischem Religionsunterricht deutlich mehr Aufmerksamkeit als Themen wie Bildungsgerechtigkeit, Aufstiegsmöglichkeiten in der Arbeitswelt und Demokratieförderung. Ditib und andere bekamen eine Deutungshoheit über Fragen der Integration, die ihnen mit Blick auf die Pluralität der türkeistämmigen Bevölkerung nie hätte zugestanden werden dürfen.

Erdogans Anti-Assimilierungskampagnen fruchteten im religiösen Kontext

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Das gilt umso mehr, als die Autorität und Bindekraft solcher Organisationen ja gerade auf der Abgrenzung ihrer Mitglieder gegenüber den pluralen Angeboten der Mehrheitsgesellschaft beruht. Erdogans schon vor Jahren betriebene Polemik gegen eine vermeintliche Assimilierung der Deutschtürken fand in diesen Kreisen deshalb einen kräftigen Resonanzraum. Ausgerechnet für diese Premiumpartner deutscher Politik und Zivilgesellschaft gehörte die Verweigerung einer wirklichen Integration – allen Lippenbekenntnissen zum Trotz – immer zur Sicherung des eigenen Einflusses.

Differenzierter wurde der Blick auf Ditib & Co. erst nach der Armenienresolution

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Eine differenzierte Kritik an der thematischen Engführung und der Dominanz muslimischer Organisationen wurde jahrelang durch die pauschale Hetze rechtsradikaler und –populistischer Kräfte erschwert, die zur Solidarisierung zwang. Erst in den vergangenen Monaten hat sich das Bild gegenüber Ditib und anderen Organisationen gewandelt. Das begann mit den maßlosen Protesten gegen die Armenienresolution des Bundestages und verstärkte sich mit Blick auf die Rolle von Ditib nach dem Putschversuch in der Türkei. Doch für viele war es immer noch ein Schock, als Zehntausende in Köln Präsident Erdogan feierten und lautstark nach der Todesstrafe riefen. Auch für diese Kundgebung war in vielen DitibB-Gemeinden massiv mobilisiert worden.

Es gibt also gute Gründe zu vermuten, dass viele der 472.000 Ja-Stimmen für Erdogans Verfassungsreform ausgerechnet von denen kamen, die in den vergangenen Jahren nicht zu wenig, sondern zu viel Aufmerksamkeit erfahren haben. Das muss vor allem für jene ernüchternd sein, die in Städten wie Köln, Duisburg und Essen über Jahre ehrlich dafür geworben haben, die DitibB-Gemeinden als Dialogpartner zu gewinnen.

Integration ist mehr als eine Religionsfrage. Man kann darüber nicht nur mit Religionsgemeinschaften diskutieren

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Diese Einsicht kann aber auch eine Chance sein, die religiöse Verengung zu überwinden und die ganze lebensweltliche Vielfalt der 3,5 Millionen türkeistämmigen Mitbürger in Deutschland in den Blick zu bekommen. Dazu gehören übrigens auch viele Muslime, für die es sehr viel dringendere Probleme als das Kopftuch oder den islamischen Religionsunterricht gibt. Kein Moscheeverband hat das Mandat, in Namen dieser Menschen zu sprechen oder gar mit staatlichen Stellen zu verhandeln.  Es ist Zeit, die privilegierte Rolle religiöser Verbände in der Integrationsdebatte zu beenden. Politik und Gesellschaft müssen Raum schaffen für neue Akteure und Ansprechpartner, denen es wirklich um Demokratie, Teilhabe und Pluralismus geht. Die gute Nachricht: es gibt diese Akteure – sie warten seit langem darauf, wahrgenommen zu werden.

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  1. Bild von Ruprecht  Polenz
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    Ruprecht Polenz, Ruprecht Polenz ist ein deutscher Politiker der CDU und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde. Er war von 2005 bis 2013 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages und von April bis November 2000 Generalsekretär der CDU.
    Richtig. Wir haben in der Integrationsdebatte den Türken zum Muslim gemacht. Probleme werden nicht mehr auf Bildung oder soziale Lage zurückgeführt, sondern auf Religion. Beim Umgang mit DITIB muss man nur wissen: Von den ca 2200 Moscheen in Deutschland gehören ca 900 zu DITIB. Würde dort ein Vakuum entstehen, etwa weil die von der Türkei bezahlten Imame nach Hause geschickt würden, würden andere einspringen. Vielleicht Saudi Arabien, das in Deutschland ca 200 Moscheegemeinden unterstützt.