Feminismus ist mehr Nein, Merkel ist keine Feministin!

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Leiterin des Gunda-Werner-Instituts der Böll-Stiftung

Expertise:

Ines Kappert ist eine Literaturwissenschaftlerin, Kulturtheoretikerin und Journalistin. Seit 2015 leitet sie das Gunda-Werner-Institut der Böll-Stiftung.

Die Ungerechtigkeiten, mit denen Frauen ringen, haben Angela Merkel nie interessiert.

Seltsame Debatten kreisen um Angela Merkel: Ist die Kanzlerin am Ende doch noch Feministin? Nein. In der „Zeit“ darauf angesprochen, welche Rolle die weibliche Anhängerinnenschaft für sie spiele, antwortet sie verhalten: „Ich wende mich selten nur an Frauen.“ Das sei auch nicht nötig: „Dass sich Frauen mit mir vergleichen, ergibt sich daraus, dass ich eine Frau bin und andere Frauen mitunter auch vor schwierigen Aufgaben stehen.“ „Automatisch" entstehe so Kommunikation. Interessant wie offenherzig einseitig und apolitisch Angela Merkel, dieses „von Frau zu Frau“ beschreibt.

Bei Feminismus geht es nicht um Frau-zu-Frauen-Vibes.

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Mit Feminismus hat das nichts zu tun. Feminismus bündelt Strategien, die aktiv gegen die strukturelle Benachteiligung von Frauen und für die Gleichstellung aller Geschlechter arbeiten. Es geht darum, den im Grundgesetz verankerten Gleichheitsgrundsatz endlich umzusetzen. Das Thema ist also Gerechtigkeit, und die verlangt Umverteilung. Gefühlte Frau-zu-Frauen-Vibes reichen für einen solchen Kulturwandel nicht aus. Dafür braucht es Politik.

Merkel bremst Gleichberechtigung und Chancengleichheit eher aus.

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Wer Merkel als Politikerin ernst nimmt und sich ihre Haltung bei den Debatten auch nur der letzten Jahre vor Augen führt, sieht sofort, dass Merkel Gleichberechtigung und Chancengleichheit eher ausbremste. Die prinzipiell schlechtere Bezahlung für Frauen liegt bei 23 Prozent, die fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten für Nicht-Männer, die notwendige finanzielle Besserstellung von Erziehungs- und Pflegeberufen, die Armut von Frauen im Alter oder die Tatsache, dass noch immer Männer kaum für andere unbezahlt sorgen, Frauen aber ständig - all diese Ungerechtigkeiten haben Merkel nicht interessiert.

Während Merkels Kanzlerschaft sank die Zahl der Frauen im Bundestag.

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Einen Anspruch auf einen Krippenplatz gewährte sie nur im Austausch mit einer ominösen Herdprämie. Eine gesetzliche Quote für Frauen in Führungspositionen verwässerte sie gemeinsam mit der damaligen Familienministerin Schröder zur Flexiquote. Auch für die eigene Partei lehnte sie die Quote ab. So sank der Frauenanteil in der CDU unter ihrem Parteivorsitz stetig, und zwar sowohl im Kabinett als auch in der Partei, die heute gerade noch 25 Prozent Politikerinnen aufweist. Als Merkel 2005 zur Kanzlerin gewählt wurde, saßen 42 Prozent weibliche Abgeordnete im Parlament, heute sind es 31 Prozent.

Das Ziel ist nicht, dass Frauen besser im Männersystem mitspielen können.

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Merkel nährte bewusst oder vielleicht auch „automatisch“ die Illusion, dass wenn eine Frau wie sie, ohne mächtigen Vater und aus dem Osten, Kanzlerin werden kann, das Patriarchat hinter uns läge. Doch Horst Seehofer und Jens Spahn profilieren sich ja nicht umsonst mit offener Frauenfeindlichkeit. Vieles deutet darauf hin, dass sie den Kampf für einen Rechtsruck der Partei gewonnen haben. Zwar ist Annegret Kramp-Karrenbauer Parteichefin geworden. Doch die will keine Ehe für alle, dafür die Migrationspolitik der Kanzlerin überprüfen: Selbst wenn sie die Quote für die Partei und auch so etwas wie die gesetzliche Parität einführen will: Das ist zwar gut - hat aber mit Feminismus wieder nichts zu tun. Denn dieser sorgt nicht dafür, dass Frauen besser an einem männerdominierten System beteiligt werden, sondern wendet sich gegen Ungerechtigkeit.

Es geht um die Musealisierung von Merkel - sie soll fehlerlos sein. 

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Was steckt also hinter dem Wunsch, dass die Kanzlerin am Ende doch eine Feministin sei? Der Grund liegt in der nun auf Hochtouren laufenden Musealisierung von Merkel. Die Nation möchte offenbar eine Superheldin haben, die zu kämpfen weiß und doch die strukturelle Benachteiligung von Frauen akzeptiert. Die den ein oder anderen Konkurrenten absägt und ihre Macht ausweitet, diese aber nichts einsetzt, um das Privileg von Männern grundsätzlich anzugehen. Die sich öffentlich nie herablassend über Frauen äußert, und doch auch nie dafür eintritt, Gewalt gegen Frauen auf die politische Agenda zu setzen.

Merkel verdient eine Würdigung - auch ohne feministische Verdienste.

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Angela Merkel ist eine herausragende Führungsfigur, die über viele Jahre die Politik der Bundesrepublik prägte. Natürlich verdient sie eine vielfache und vielfältige Würdigung. Auch ganz ohne feministische Verdienste. Wer für letztere eine Lanze brechen möchte, sollte Politiker*innen in den Blick nehmen, die tatsächlich dafür arbeiten, Ungleichheiten zwischen allen Geschlechtern zu beseitigen.

Demokratie ist ohne Feminismus nicht zu haben.

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Der 8. März, der in Berlin gesetzlicher Feiertag wird, bietet einen guten Anlass, sich ernsthaft mit dem Auftrag zu beschäftigen, den uns die Kämpferinnen für das Wahlrecht vor hundert Jahren gegeben haben: Ein Parlament zu schaffen, das die Vielfalt der Bevölkerung widerspiegelt und vertritt, und Verhältnisse zu schaffen, die allen Menschen gleiche Chancen und Risiken eröffnen. Vielleicht mag sich Angela Merkel im Ruhestand damit beschäftigen. Denn Demokratie ist ohne Feminismus nicht zu haben. Die Ära Merkel hat das einmal mehr gezeigt.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Vladimir Koval
    Solange sich der Feminismus mit leeren Phrasen und Zahlen aus der Wirtschaft und Privathaushalten stützt, ist er nicht ernst zu nehmen. Das geringere Gehalt bedingt durch freiwillige Berufswahl und das instinktive Mutterverhalten von Frauen sind kein Grund für Quoten oder deuten auf Ungerechtigkeit hin. Auch tun es marktwirtschaftliche Unterschiede in Gehältern von Pflegepersonal und IT Fachkräften nicht. In dieser Hinsicht ist Merkel feministischer als die gesamte Truppe hinter der Autorin. Sie hat ohne Quoten und geebneten Wegen die höchste politische Position Deutschlands erreicht. Sie ist für gleiche Chancen für alle. Warum ist sie an einem Rückgang der Frauen in ihrer Partei Schuld? Und wer sagt, dass dieser Rückgang auf frauenfeindliche Verhältnisse zurückzuführen ist? Sämtliche Behauptungen in diesem Artikel basieren auf zusammenhanglosen statistischen Zahlen. Lieber Tagesspiegel, Gleichberechtigung ist toll. Aber das heißt nicht, blind Artikel dazu zu veröffentlichen, die sogar kontraproduktiv sind.