G-20-Krawalle in Hamburg Antikapitalismusbewegung? Erlebnisgesellschaft!

Bild von Kurt  Edler
Lehrer und Politiker

Expertise:

Kurt Edler war 2004-2015 in der Hamburger Lehrerbildung und Schulberatung für Extremismusprävention zuständig und ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik sowie deutscher Länderkoordinator im Europarats-Programm „Education for Democratic Citizenship and Human Rights“.

Bei den Marodierenden in Hamburg ist kaum auszumachen, wer wirklich dahinter steckt. Um solche Ausschreitungen zukünftig zu verhindern, muss man die Motive der Teilnehmer gut auseinander halten. Denn die Gewaltbereitschaft der Randalierer hat letztlich etwas Faschistisches. 

Bei Erscheinungsformen von organisierter Menschenfeindlichkeit, die in neuen Formen auftauchen, haben wir häufig ein Zuordnungsproblem. Eine ordentliche Terrororganisation hat ein Manifest, Attentäter verbreiten Bekennerschreiben, und Hooligans kommen mit Baseballschlägern. Nach ungewohnten Ereignissen regnet es Prädikate aus dem politischen Raum. Doch seien wir vorsichtig. 

Was während des G-20-Gipfels an der Hamburger Schanze explodiert ist, ist eine krude Mischung aus Event-„Action“ und Abenteuer, Destruktionslust, partisanenhafter Feldbeherrschung und Selbstberauschung an internationaler Aufmerksamkeit. Es ist unsinnig, die Täter mit Dschihadisten zu vergleichen. Was sie treibt, ist nicht die „finale Selbstinszenierung“ als Selbstmordattentäter, sondern die Teilnahme an einem fatalen Spiel, dem sie selbst unbeschadet entkommen können.

Die Teilnahme ist für gewaltbereite Demonstranten ein Spiel, dem sie unbeschadet entkommen können.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Damit bietet sich ihnen ein äußerst günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis. Wer nun verzweifelt nach einer internationalen Extremistenkartei ruft, sollte sich erstmal die Frage stellen, ob wir es bei diesen jungen Leuten überhaupt mit Extremisten im eigentlichen Sinne zu tun haben. Sind sie wirklich Tag und Nacht für die böse Sache unterwegs? Viel eher wirken sie, wenn ich ihre Gesichter sehe, wie Hooligans, die in der neuen Woche wieder zurückgleiten in ihre studentische oder sonstige Normal-Existenz.

Viele Demonstranten wirken nicht wie Extremisten, sondern wie Hooligans. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Im Vorprogramm bei Fritz Bauch an der Bartelsstraße und in anderen Lokalen sitzt ein Szene-Publikum, das das Prickeln spürt, ganz dicht vor der Aktion in aller Ruhe seine Schorle zu trinken. Die Massen, die auf der Wohlwillstraße noch um halb zehn auf dem Asphalt sitzen, sind völlig friedlich. Hier kommt zwar kein Polizeikonvoi durch, aber auch der Schwarze Block schlägt erst zu, wenn die Straße halbwegs frei ist. Bleiben wir mal fair: Der Beifall für ihn hält sich sehr in Grenzen, und ein „Verpisst euch!“ hören die Brandstifter sehr viel häufiger. Ist das nun Antikapitalismus? Ich würde sagen: Nein, es ist Erlebnisgesellschaft. Und dass die verdammt destruktiv sein kann, wussten wir immer schon. Eines aber ist gewiss: Das Linksmilieu, das diesen vermeintlich revolutionären Hooliganismus mit klammheimlicher Freude unterstützt hat, bekommt zunehmend kalte Füße.

Die Randalierer von Hamburg sind keine Kapitalismus-Kritiker, sondern Teil einer Erlebnisgesellschaft.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Der heilige Ernst der Empörung, den manche als Tatmotiv annehmen, ist beim Schwarzen Block weniger stark als wir vielleicht denken. Es gibt einen kalten Hass auf das System, verbunden mit einer gehörigen Portion Zynismus, die einen dann moralische Hemmungen verlieren lässt. Das sind Leute, die sich über die gewaltfreien Öko-Moralisten lustig machen, die friedlich und naiv auf sogenannten Latsch-Demos vorbeiziehen. "Solange es nicht knallt, passiert doch nichts."

Dennoch können wir nach dem neuesten Ermittlungsstand vermuten, dass der marschierende „Schwarze Block“ nicht unbedingt personalidentisch ist mit den kleinen, aus dem Nichts auftauchenden Gruppen von Marodeuren. In Untersuchungshaft sitzen etliche Benjamins und Maximilians, die um ihre Zulassung zum Lehramts- oder Psychologiestudium fürchten. Am Abfackeln von Autos und Plündern von Seifenhäusern hingegen war ein Mob beteiligt, der beispielsweise Russisch oder Italienisch sprach und kein Deutsch verstand. In den Szenevierteln Europas hingen schon seit Wochen ironische Aufrufe an der Wand: „Au revoir au Fischmarkt“. Die Werkzeuge, die die Anreisenden benötigten, lagen in Hamburg schon bereit. Mit politischen Spontaneismus hatte das also offenbar wenig zu tun.   

Die Randale hatte mit politischem Spontaneismus nichts zu tun.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Produktiver für unser eigenes Nachdenken über das Wochenende wäre es, die Frage zu stellen, ob die pure Freude an der Gewalt nicht doch etwas Faschistisches hat, ob also unter der Kruste der linken Deklamation ein rechter Kern zu entdecken ist. Die Geschichte der Massenbewegungen Europas zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann uns da schlauer machen.  

Die pure Freude an Gewalt hat etwas Faschistisches.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Es ist wie bei Kommissar Maigret. Wir müssen uns in die Täter genau einfühlen und ihre Typen so genau wie möglich unterscheiden, um die richtige Strategie entwickeln zu können, zukünftig solche Gewaltorgien wie vom 6. bis 8. Juli 2017 in Hamburg zu verhindern. 

4 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.

  1. von Vorstadt Strizzi
    "Die pure Freude an Gewalt hat etwas Faschistisches."

    Mag sein. Eine Frage wäre also: Wieviel?

    Steckt da mehr oder weniger Faschistisches drin, als zum Beispiel im quer durch alle Medien und Verlautbarungen verbreiteten krampfhaften Ausschluss jeglicher politischer und gesellschaftlicher Motivation auch nur einiger der Akteure?

    "Was während des G-20-Gipfels an der Hamburger Schanze explodiert ist, ist eine krude Mischung aus Event-„Action“ und Abenteuer, Destruktionslust, partisanenhafter Feldbeherrschung und Selbstberauschung an internationaler Aufmerksamkeit."

    Ziemlich genau mit dieser 'kruden Mischung', nämlich mit 'Event-Action', 'Destruktionslust' und 'Selbstberauschung an internationaler Aufmerksamkeit' ließe sich auch der G20 Gipfel selbst beschreiben, nimmt man den Zustand der Welt und die Antworten des Gipfels als Ausweis der Betätigung der dort anwesenden Akteure.
  2. von Berthold Grabe
    Es gibt wohl in Deutschland kaum etwa Konservativeres als das linke Protestspektrum. Sie bedienen sich zwar aus dem Reservoir gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten, sind aber gleichzeitig intellektuell ziemlich unterbelichtet, wenn es um deren Lösungen geht. Sie hängen dabei Ideologien von Kommunismus und Sozialismus an, die eines eindeutig bewiesen haben, das sie die Ungleichheit und Ungerechtigkeit nicht verhindern, ja sogar verschärfen.
    Das macht diese Ideologien spätestens seit dem Mauerfall zu reinen Alibiveranstaltungen für egoistische Allmachtsphantasien, die schon immer Bestandteil jeder radikalen Ideologie waren und Dank gesellschaftlicher Fehlentwicklungen 1968 nicht bemerkt und bis heute in ihrer Unmoral unterschätzt wurden.
    Das faschistoid zu nennen führt in die Irre, weil es die politische Präferenz der Gewalttäter und ihrer Sympathisanten, die sie als Alibi nutzen verkennt und wiederum versucht diese als verkappte Faschisten zu diskreditieren. Nein die Linke hat ihre eigenen Idioten.und es ist die Anmaßung andere zu ihrem Heil Dominieren zu wollen, die Rechtsradikale und Linksradikale gemeinsam haben und letztlich zu vergleichbaren Ergebnissen führt
    Das Festhalten an gescheiterten Ideologien macht das Ganze noch heuchlerischer, weil es nur die Unbequemlichkeit zeigt, die die Vertreter beim selber Denken und Verantwortung tragen scheuen.
    Denn Schaden den sie dabei ihren propagierten Zielen zufügen ist dabei sogar maximal.
  3. von Franz Fuchser
    Das politische Etikett "links" gilt in Deutschland mit seinem historischen Trauma der ultimativen rechten Diktatur immer noch als Synonym für "gut". Es ist daher für politische Hooligans in zweifacher Weise ideal: als Identifikationsplattform und als Tarnung.

    Hooligans prügeln sich ja nicht nur einfach so. Sie tun das für eine gute Sache. Das ist bei der Fußballmannschaft, deren Ultra-Fan man ist, nicht anders als in der Politik. Damit man sich mit voller Kraft und vollem Risiko einsetzen kann, braucht man etwas, womit man sich identifizieren kann, etwas, das in einer nicht in Frage zu stellenden Weise positiv besetzt ist. Dass das politisch Linke, der antikapitalistische Impetus, bis hinein in Beamten- und Unternehmerfamilien in einer verspäteten Reaktion auf den Nationalsozialismus und einem untergründigen Unbehagen an den Zwängen des Kapitalismus als moralisch gilt, ist der ideologische Nährboden, auf dem sich die Benjamins und Maximilians guten Gewissens als Quartalsextremisten Straßenschlachten mit der Polizei liefern.

    Auch die Tarnung beruht auf der Gleichsetzung von "links" und "gut". Wenn jemand etwas für eine gute Sache tut, kann es kaum ein Verbrechen sein, oder wenn, dann zumindest ein verzeihliches. Deshalb bietet das Label "links" ideale Voraussetzungen, unter ihm ungeschoren Verbrechen begehen zu können. Die nun in U-Haft auf ihre Identifizierung wartenden Söhne des Bürgertums können nicht nur wegen ihrer Herkunft und des vom verachteten Vater gezahlten Anwalts, sondern auch wegen ihrer Motivation auf die Milde der Gerichte hoffen. Ich würde mich nicht wundern, wenn trotz lebensgefährlicher Zwillenangriffe auf Polizisten, trotz geplünderter Supermärkte am Ende kein einziger der Gewalttäter von Hamburg eine Freiheitsstrafe verbüßen müsste. So lange das so bleibt, besteht eine Dauereinladung des Staates an "linke" Hooligans auf Kosten von Polizei und Steuerzahler.
  4. von Hartmut Zeeb
    Kann es sein, dass Generationen, die keinen Krieg erleben müssen, sich ihre Kriegserlebnisse selbst schaffen? Temporär und mit Rückfahrkarte und, wenn's sein muss, mit Anwälten, die gerne das Geld der Eltern nehmen, um die verzogenen Kinderchen rauszuhauen? Mit Politik oder Haltung oder Linkssein hat das alles nichts zu tun. Viel mehr mit Rollerball und Paintball.