Zehn Thesen zum Sexismus in Karriere und Gesellschaft  Niemand will in einer misstrauensgrundierten Verdächtigungsgesellschaft leben

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Autorin, WeltN24

Expertise:

Susanne Gaschke ist Autorin für WeltN24. Von 2012 bis 2013 war sie Oberbürgermeisterin von Kiel, da vor viele Jahre politische Redakteurin bei der ZEIT. Sie ist die Autorin zahlreicher Sachbücher, darunter "Volles Risiko. Was es bedeutet, in die Politik zu gehen" (2014)

Die joviale Schulterklopf- und Herrenwitz-Kultur war vielleicht ehrlicher, vielleicht sogar meritokratischer als das prüde, humorlose PC-Unwesen, das heute die Machtsrukturen maskiert. Den Sexismus von damals wollen wir trotzdem nicht. Zehn Thesen. 

Zehn Thesen zum Sexismus:

1. Geschlecht ist ein Zufall, so wie sexuelle Orientierung oder soziale Herkunft. In einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft darf niemand auf diese Kategorien reduziert werden: Jeder hat das Recht, sich zu verändern, sich zu verbessern oder sein Leben zu verpfuschen. Keine dieser vom Schicksal zufällig verteilten Kategorien, darf jemandem zum Vorwurf gemacht werden.

2. Sexismus aber ist eine Praxis, die genau das tut: jemandem sein Geschlecht zum Vorwurf machen, es ihm zum Nachteil gereichen lassen, eine geschlechtsbedingte Schwäche oder Eigenheit feindselig ausnutzen. In einer Gesellschaft mit patriarchalischer Tradition kommt am häufigsten Sexismus vor, der von Männern ausgeht und sich gegen Frauen wendet. Aber es gibt viele andere Spielarten.

Frauen versucht man grundsätzlich bei ihrem Frausein zu packen 

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3. Die politische Sphäre ist vielleicht deshalb besonders anfällig für Sexismus und sexistischen Machtmissbrauch, weil es hier noch schwieriger ist als in Wirtschaft, Wissenschaft oder Verwaltung, Leistung objektiv zu messen. Beziehungen sind die Währung des politischen Fortkommens und Beziehungen sind anfällig für Manipulation, üble Nachrede, Gerüchteattacken und Charakterattentate. All diese Instrumente können auch gegen Männer eingesetzt werden, aber das geschieht in einer anderen Form als gegen Frauen. Frauen versucht man grundsätzlich bei ihrem Frausein zu packen.

4. Sexismus kann eine plumpe Austauschbeziehung sein: Wenn du mit mir schläfst (mit mir flirtest, über meine bescheuerten Witze lachst, mit mir Essen gehst, mir nicht widersprichst), fördere ich dich beruflich, sichere ich dir einen guten Listenplatz, ergreife ich das Wort für dich. Man darf nicht verschweigen, dass die schwächere Partei oft in diesen Austausch-Sexismus einwilligt. Dann ist sie immer noch die schwächere Partei, darf sich aber nicht ganz so doll beklagen.

5. Dann gibt es den Sprüche-Sexismus, der eine konzeptionelle Trenn-Unschärfe zum Flirt aufweist. Die eine findet die Bemerkung, sie könne mit ihrer Oberweite ja locker ein Dirndl ausfüllen, vielleicht ganz charmant. Die andere haut Rainer Brüderle dafür öffentlich in die Pfanne.In Fällen von Sprüche-Sexismus empfiehlt es sich meist, einen strukturalistisch geschulten Sprachwissenschaftler einzuschalten. Every decoding is another encoding.

Die hübsche junge Frau, die auch noch politischen Erfolg hat, gilt schnell als Schlampe.

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6. Das Aussehen. Frauen in traditionell patriarchalischen Gesellschaften haben tief verinnerlicht, dass ihr Wert sich niemals allein nach ihrem Intellekt, ihren wissenschaftlichen Leistungen, ihrem Humor oder ihrer Führungsfähigkeit bemißt, sondern immer auch nach ihrem Aussehen. Das ist in einigen Ländern stärker ausgeprägt als in anderen: Amerikanerinnen und Britinnen wundern sich zum Beispiel oft, wie hemmungslos in Deutschland ihre Beine/Brüste/Outfits kommentiert werden, wenn sie eigentlich mit Argumenten zu punkten versuchen. Bei Männern ist das Aussehen weit seltener ein Thema, außer sie sind so schön wie Giovanni di Lorenzo.

7. Das Alter. Gegen sein Alter kann man genau so wenig tun wie gegen sein Geschlecht oder seine Herkunft. Deshalb ist es unfair, das Alter zum Ausschlußkriterium für irgendetwas zu machen. Gleichwohl: In einer Gesellschaft mit patriarchalischer Tradition ist eine Frau im gebärfähigen Alter tendenziell mehr wert als eine Frau, die dieses Alter hinter sich hat. Darum fragt der Journalist, der eine Politikerin in der Krise interviewt, ob sie "eigentlich schon in den Wechseljahren" sei (der verantwortliche Kollege von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wird sich vielleicht erinnern). Darum verwendet eine neu installierte Unternehmensführung das Alter ihrer langjährigsten, aber eben auch bedrohlich souveränen Mitarbeiterinnen gegen sie. Und gleichzeitig, in Abweichung von der Grundform: Darum gilt die hübsche junge Frau, die auch noch politischen Erfolg hat, als Schlampe, die sich hoch schlafen will (ein Vorwurf, der Männern wirklich selten gemacht wird).

 Frauen gehen mit Frauen leider nicht automatisch solidarisch um

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8. Die Psyche. Am Ende einer Skandalisierung kann jeder und alles mit schmutziger Psychologie übergossen werden. Als "hysterisch" und potenziell verrückt werden aber doch überwiegend Frauen apostrophiert. Und was bei Frauen in Männerkommentaren ganz schnell "Hybris" ist, wird bei Männern als gesundes Durchsetzungsvermögen und Selbstbewusstsein gedeutet.

9. Frauen. Frauen gehen mit Frauen leider nicht automatisch solidarisch um. Ist es eine tief einverseelte Fixierung auf alpha-males, die Frauen einander immer wieder in den Rücken fallen lässt? Auch und gerade in Parteien ist das keine Seltenheit – trotz Quoten und Quoren verteilen ja immer noch überwiegend Männerseilschaften die Plätze an der Sonne.

Niemand von uns will in einer misstrauensgrundierten Verdächtigungsgesellschaft leben

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10. Nebenwirkungen. Niemand von uns will in einer misstrauensgrundierten Verdächtigungsgesellschaft leben. Die joviale Schulterklopf- und Herrenwitz-Kultur der siebziger und achtziger Jahre war vielleicht ehrlicher, vielleicht sogar meritokratischer als das prüde, humorlose, apfelschorletrinkende PC-Unwesen, das heute die Machtsrukturen maskiert.

Deshalb wäre es in der Sexismusfrage wohl das Beste, wenn sich alle wie vernünftige Erwachsene verhalten könnten. Und ihr Gegenüber stets so behandeln würden, wie sie auch selbst gern behandelt werden.

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