Die gesellschaftlichen Konsequenzen des Sexismus Nicht jeder Herrenwitz ist gleich Sexismus, nicht jede Frau ist automatisch Opfer

Bild von Liane Bednarz und   Enzio Rességuier de Miremont
Publizistin und Rechtsanwalt

Expertise:

Liane Bednarz ist Publizistin. Sie veröffentlichte u.a. in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, im „Kursbuch“, im „Tagesspiegel“ und auf den Autoren-Blogs „Starke Meinungen“ und „CARTA“. Enzio Rességuier de Miremont ist Rechtsanwalt in München mit Schwerpunkt im Medien- und Äußerungsrecht sowie Spezialist für Verhandlungsmanagement. Politisch ist er im liberalen Spektrum angesiedelt.

Ein anstößiges Kompliment mag unangenehm sein, ist aber nicht zwingend sexistisch. Sexismus beginnt erst mit der Diskriminierung. Wo diese beginnt, ist nicht immer klar. 

Viel ist in diesen Tagen von Sexismus die Rede. Anlass hierzu gab ein offener Brief, den die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends kürzlich an die eigene Partei schrieb. In der ohnehin aufgeheizten gesellschaftlichen Stimmung, die in Deutschland spürbar ist, wird auch die Sexismus-Debatte mit großer Vehemenz geführt. Wichtige Differenzierungen bleiben dabei manchmal auf der Strecke.

Nicht jeder „Herrenwitz“ ist gleich Sexismus, nicht jede Frau ist automatisch Opfer, wenn ihr ein leicht anzügliches Kompliment gemacht wird. Zudem kommt es immer auf die Situation an. So waren etwa die Vorwürfe, die die Journalistin Laura Himmelreich Anfang 2013 gegen den damaligen FDP-Fraktionsvorsitzenden Rainer Brüderle erhob, reichlich übertrieben. Eine Art aseptisches gesellschaftliches Klima, in dem ein Mann aus Angst vor Sexismus-Vorwürfen auf Komplimente lieber verzichtet oder gar, wie oft im beruflichen Alltag in den USA der Fall, nicht zu einer Frau in den Aufzug steigt, ist gewiss nicht erstrebenswert.

Sexismus beginnt erst mit der Diskriminierung 

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Sexismus beginnt erst dort, wo mit einer anzüglichen Bemerkung zugleich eine auf das Geschlecht abstellende Diskriminierung einhergeht. Meistens geht es dabei um Bemerkungen sexuellen Bezugs, die gleichzeitig zum Ausdruck bringen, dass die Frau keinen hinreichenden Respekt genießt. Eine solche Diskriminierung liegt allerdings nicht bereits dann vor, wenn Männer harmlose, real existierende biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern ansprechen, sondern erst dann, wenn die Karrierefrau ins Visier genommen wird, die vermeintlich die männliche Vormachtstellung streitig macht oder wenn Angriffe nur darauf abzielen, die Frau als ernstzunehmende Debattengegnerin zu disqualifizieren.

Es gibt indes, und das fällt vor allem im medialen Bereich auf, noch eine andere Form, die man als "Kryptosexismus" bezeichnen könnte. Bei dieser liegt keine sexuelle Komponente vor, es erscheint in den davon erfassten Fällen aber zweifelhaft, ob der betreffende Mann sich genauso auch gegenüber einem anderen Mann verhalten würde. Man muss dieses Phänomen nicht unbedingt als Sexismus bezeichnen, aber es stellt jedenfalls keine angemessene Form des Umgangs dar.

Weibliche Attribute werden als Zeichen der Schwäche oder Unvernunft gedeutet

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So werden Frauen auffällig häufig als Person angegriffen statt sich auf eine Auseinandersetzung mit ihren Thesen einzulassen. Bisweilen geht dies mit einer Herabsetzung der gesamten Tätigkeit oder Qualifikation einher. Insbesondere ordnet man der Frau Eigenschaften zu, die als typisch weiblich gelten und behaftet diese mit einer negativen Konnotation. Übertriebene Emotionalität, Naivität, Gefühlsduseligkeit und Weinerlichkeit bis hin zur Hysterie sind typische Attribute, die aus dem Köcher gezaubert werden. Auf diese Weise erscheinen das Handeln beziehungsweise die Thesen der betroffenen Frau zwangsläufig irrational. Gefühl statt Vernunft bestimme ihr Handeln. Besonders deutlich zu beobachten ist dies bei dem seit Monaten anhaltenden „Merkel-Bashing“ diverser Autoren, auf das kürzlich der F.A.Z.-Kulturkorrespondent Patrick Bahners aufmerksam gemacht hat. Er sprach von „misogynen Klischees“ und erkannte den Mechanismus: „Hinter der Sorge um die überforderte Kanzlerin steckt das Bild der Frau, die sich von Gefühlen übermannen lässt. Die Legende vom Kontrollverlust des Staates kam in die Welt in Form eines sentimentalen Romans, dessen Hauptperson nicht Herrin ihrer Sinne ist.“ Dass die Argumentation von Menschen, die vor „Staatsversagen“, „Destabilisierung“ oder einer „Überflutung“ warnen, selbst mehr auf asthenischen Affekten als auf kühlem Abwägen beruht, wird von ihnen selbst geflissentlich übersehen.

Wenn derartige Äußerungen von Männern aus jenem Milieu stammen, in dem man gegen die „political correctness“ kämpft, dann verwundert das gemeinhin weniger: Denn in diesen Kreisen erscheint es nicht sonderlich erstrebenswert, als "Gentleman" zu gelten, weil man sich als "Haudrauf" gefällt.

Oft sind es Männer, die gegen Sexismus kämpfen und sich hinter betroffene Frauen stellen

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Immer wieder ist überdies die Frage nach der Mutterschaft ein Thema, auch wenn diese keinen Bezug zu der jeweiligen Sachdebatte hat. Sowohl das Vorhandensein vieler Kinder (z.B. im Hinblick auf Ursula von der Leyen) als auch die Kinderlosigkeit (etwa die von Angela Merkel) sehen sich bei allen möglichen Anlässen gleichsam zusammenhangslos erwähnt. Nicht selten ist die Erwähnung der Kinderlosigkeit mit einem mindestens negativen Unterton versehen und wird fast automatisch der angeblich mangelnden Gebärfreudigkeit der Frau zugerechnet.

Nun könnte man meinen, dass Frauen, die derartige Sprüche hören, einfach gelassen bleiben und darüber hinweggehen könnten. So einfach ist es jedoch nicht. Denn diese herablassenden Worte sind je nach Qualität und Quantität zum einen verletzend, zum anderen signalisieren sie das fehlende Interesse des Gegenübers an einer sachlichen Auseinandersetzung mit der betreffenden Person. Auch darin liegt eine Herabwürdigung, die dem Diskurs jegliche Grundlage entzieht. Wer als Frau häufig solche Äußerungen über sich selbst liest, kann irgendwann dünnhäutig und misstrauisch werden.

Gleichwohl ist nicht zu übersehen, dass sich gesellschaftlich viel getan hat: Häufig sind es gerade männliche Autoren, die sich in den genannten Fallkonstellationen öffentlich strikt gegen solche Verhaltensweisen aussprechen und hinter die betroffenen Frauen stellen. Nur ist diese Entwicklung nicht bei allen angekommen.

All das heißt nicht, dass Frauen im Journalismus und in der Politik mit Samthandschuhen angefasst werden möchten. Kritik ist immer willkommen, sie kann auch gerne polemisch sein. Die scharfe Debatte ist bei vielen Themen sogar erwünscht. Dass der Tonfall von Männern oftmals rauer ist, muss eine Frau in diesen Metiers ertragen können.

Hillary Clinton ist eine bessere Galionsfigur der Frauenbewegung als Alice Schwarzer

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Die insgesamt positive Entwicklung stellte Hillary Clinton kürzlich zutreffend heraus. Als Studentin wagte sie nicht einmal in der Theorie davon zu träumen, die Präsidentin des wichtigsten Landes der Welt werden zu können, weil zu damaligen Zeiten Frauen der Zugang zu derart hohen beruflichen Positionen de facto verwehrt war. Auf ihrem Weg dorthin ist sie durch ihren Opponenten Donald Trump durchaus auch kryptosexistischen Äußerungen ausgesetzt, mit denen er ihr beispielsweise mangelnde Ausdauer oder labile Gesundheit bescheinigte. Ihre Souveränität im Umgang mit dem plumpen Trump´schen Gockelgehabe zeigt sich als Teil ihrer Stärke. Viele Frauen dürften sich eher von ihr repräsentiert fühlen als von Alice Schwarzer, der Protagonistin der deutschen Frauenbewegung. Diese hat sich zuletzt mit schier verbissenem Kampf für die zweifelhaften Galionsfiguren Gina-Lisa Lohfink und Claudia Dinkel in die Nesseln gesetzt. Wenn der Eindruck entsteht, dass die Dogmatik wichtiger ist als der Gerechtigkeitssinn, erweist man der vermeintlich guten Sache einen Bärendienst.

Mehr Respekt, Augenmaß, Gelassenheit täten der Gesellschaft gut.

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