Gesellschaftliche Akzeptanz Der Sexismus liegt im sicheren Hafen

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Journalist und Autor

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Nils Pickert ist dreifacher Vater, freier Autor und Journalist. Als Chefredakteur der Nichtregierungsorganisation Pinkstinks organisiert er Kampagnen gegen Sexismus.

Frauenfeindliche Äußerungen sind hierzulande immer noch salonfähig. Damit sich das ändert, darf das Problem nicht länger kleingeredet werden.

"Ich versuchte, sie zu ficken. Sie war verheiratet. Ich konnte nicht bei ihr landen. Ich fange einfach an, sie zu küssen ... Ich warte nicht einmal."

Was haben sich viele nicht die Augen gerieben und die Ohren geputzt, als das Video mit den widerlichen Sexismen und dem beiläufigen Bekenntnis zu Übergriffen und sexualisierter Gewalt vom Präsidentschaftskandidaten Donald Trump bekannt wurde. Hätte man ja auch nicht ahnen können. Ganz besonders weite Teile der US-amerikanischen Republikaner nicht, die diesen Mann wider besseren Wissens aufs Schild gehoben haben. Trumps frauenverachtende Einstellung ist hinlänglich bekannt und dokumentiert. Sie waren von Anfang an Inhalt des Wahlkampfs und auch schon in früheren Jahren Thema. Da störte sich das konservative Amerika nicht dran. Frauen wie Vieh zu klassieren und sie nicht mit Respekt zu behandeln, ist  in Ordnung.

Wer Sexismus offen beklagt, wird schnell als wehleidig und humorfrei tituliert.

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Aber jetzt soll alles anders sein. Nach gefühlt einer Million roter Linien, die Trump überschritten hat, soll diese eine nun die sein, an der er ein für alle Mal zu weit gegangen ist. Obwohl es auch alte Weggefährten wie den Ex-Bürgermeister von New York, Rudy Giuliani, gibt, die immer noch zu ihm halten und ihm nach dem Mund reden. Schließlich habe Trump gesagt, dass es ihm Leid täte. Genau genommen hat Trump zu Protokoll gegeben, dass es ihm Leid täte, „falls jemand beleidigt sein sollte“ und dass dies sowieso nur Gequatsche sei, wie Männer es unter sich in Umkleidekabinen von sich geben. Zwei beliebte Strategien, um sexistische Ausfälle zu rechtfertigen. Erstens hat nicht etwa der Adressant einer sexistischen Nachricht einen Fehler begangen, sondern die Adressaten. Die sind grundsätzlich zu wehleidig, zu politisch korrekt und leider auch humorbefreit. Zweitens sind Männer eben Männer. Jagende, testosterongesteuerte Affen vom Mars. Die reden nun mal so.  In ihrem misogynen Schutzraum namens Umkleidekabinen.

Das Männer-Patriarchat der Politik wird viel zu sehr in Schutz genommen.

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Das sind Strategien, die auch in Deutschland funktionieren. Auch hier werden Sexismus immer wieder sichere Häfen geboten: Aber es ist doch eine junge, attraktive Frau. Aber sie stand doch im Ruf, sexuell freizügig und offen für Affären zu sein. Aber sie trug doch immer so aufreizende Kleidung. Aber sie war zu schnell an zu viel Macht interessiert. Nichts aber. Der Fall Jenna Behrends zeigt exemplarisch wie in solchen Fällen verfahren wird. Anstatt zumindest die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass an Behrends umsichtig formulierten Schilderungen etwas dran sein könnte, wird aus vollen Rohren aus den sicheren Häfen für den Sexismus auf sie gefeuert. Ein paar Schüsse aus der „Sei doch nicht so wehleidig!“ Richtung. Eine volle Breitseite aus der Frauenunion, die zeigt, dass patriarchale Diskriminierungsstrukturen gerne auch mal von Frauen durchgesetzt werden.

Und natürlich dürfen auch ein paar Querschläger von ranghohen Parteipersönlichkeiten nicht fehlen, die es für unter ihrer Würde befinden, sich mit den Details der Sachlage zu befassen. Sie setzen ganz auf die beliebte ad hominem Munitionierung und beschriften jede ihrer Kugeln mit dem Satz „Da will sich eine nur wichtigmachen!“ Das ist insofern besonders perfide, als dass die vielen Beispiele der letzten Jahre und Jahrzehnte zeigen, wie ungeeignet Sexismusvorwürfe zur Mehrung von Reputation, Macht und Erfolg für die Betroffenen sind.  

Frauenfeindliche Äußerungen dürfen nirgendwo auf gesellschaftliche Akzeptanz treffen.

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Sich mit der Offenlegung von Diskriminierungserfahrungen geplant wichtigmachen zu wollen, ist ungefähr so aussichtsreich wie extra nicht sein Fahrzeug zu betanken, weil man mal raufinden will, ob man auf Reserve nicht auch das doppelte der angegebenen Strecke schafft. So werden nicht nur Menschen zu Opfern gemacht, sondern auch Debatten so nachhaltig vergiftet, dass ihr Nachklang andere potentielle Opfer präpariert. Das Wegducken vor Trumps offenkundiger Frauenverachtung und die Delegitimierung von Jenna Behrends Person und Aussagen sorgen dafür, dass andere nicht mehr die Kraft finden werden, ihr Schweigen zu brechen. Denn in den genannten Strategien geht es niemals darum, tatsächlich Sexismus zu bekämpfen. Vielmehr wird damit die Vertretbarkeit von Sexismus in gewissen Grenzen zementiert. Sexismus ist aber nie vertretbar. Nicht, wenn er von Donald Trump ausgeht, und nicht, wenn er gegen Jenna Behrends gerichtet wird.

Deshalb sollte eine Umkleidekabine kein sicherer Hafen für Sexismus sein. Kein Ort, an dem Männer die zivilisatorische Maske fallen lassen, um sich so zu geben, wie sie wirklich sind. Glücklicherweise gibt es Menschen, die klarstellen, dass weder Männer noch Umkleidekabinen zwangsläufig so sind. "Ich habe eine Schwiegermutter, eine Frau, eine Mutter und eine Tochter. So reden wir nicht über Frauen!" sagte der Basketballspieler LeBron James vor kurzem in einem Interview und machte damit deutlich, worum es bei der Bekämpfung von Sexismus auch immer gehen muss: Den zahllosen Ausnahmen, die für sexistisches Verhalten immer wieder geltend gemacht werden, den Boden zu entziehen.

Die Politik muss ihrer Vorbildfunktion gerecht werden und Sexismus eine klare Absage erteilen.

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Und deshalb ist es umso wichtiger, dass Politik auch kein sicherer Hafen für Sexismus ist. Zum einen, weil sie als legislative Gewalt die gesetzlichen Eckpfeiler für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft zu schaffen hat und darin nur danach gestalten kann, was sie an Gestalt ist. Zum anderen, weil Politik immer auch informelle Züge trägt, die den Nachweis einer Diskriminierung aufgrund des Geschlechts schwer greifbar machen.

Erst wenn Sexismus in jedem Fall inakzeptabel ist, wird er wirklich beginnen, aus unseren Köpfen zu verschwinden. Erst wenn wir keine Ausflüchte, Einwände und Entschuldigungen für sein zerstörerisches Wirken mehr zulassen, können wir wirklich anfangen, eine dauerhaft geschlechtergerechte Gesellschaft zu errichten. Alles andere sind nur Luftschlösser, die sich bei einem „Ja, aber“ in nichts auflösen.

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