Politische Korrektheit der Sprache  Sprache ist nie neutral und immer streitbar

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Linguist Universität Heidelberg

Expertise:

Ekkehard Felder ist Professor für germanistische Linguistik an der Universität Heidelberg. Die Analyse von Sprache als Indikator für Identität, Mentalität und Authentizität gehört zu den Schwerpunkten seiner Forschungsarbeit.

Unsere Sprache darf sich an politischer Korrektheit orientieren. Aber die Sprache nimmt Schaden, wenn in der Öffentlichkeit einzelne Wörter grundlos verteufelt werden.

Sprachtabus – also die Vorgabe, bestimmte Ausdrucksweisen dürfe man aus ethischen Gründen nicht verwenden – fokussieren die Wörter selbst. Dazu ein Beispiel:

Bertolt Brecht machte sich im Exil 1935 Gedanken über „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit!“ Dort formulierte er: „Wer in unserer Zeit Bevölkerung statt Volk sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht.“ Brecht rät zum Vermeiden des Ausdrucks, denn dann verbreite man nicht die nationalsozialistische Gesinnung. Wie chamäleonartig sich allerdings der Volksbegriff zu wandeln vermag, zeigt der Umstand, dass das Wort Volk 1989 in der DDR zur Freiheitsvokabel avancieren konnte – nur um wiederum 25 Jahre später im Kontext von Pegida als Anmaßungsvokabel kritisiert zu werden.

Unsere Sprache ist ein sehr wandelbares, aber nie neutrales Medium.   

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Daraus folgt: Die Sprache ist kein Hort der Stabilität. Was hilft dieses Beispiel im Hinblick auf die Frage, ob „wir“ (?) es mit der Politischen Korrektheit übertreiben? Sehr viel!

1. Es gibt keine unschuldigen Sprachzeichen, und Sprache ist kein neutrales Medium. (Und das ist gut so.) Viele Ausdrücke haben schon einmal einen Inhalt verbreitet, den wir ablehnen oder gar für gefährlich halten. Es ist jedoch zu fragen, ob das Verwerfliche am Ausdruck haften geblieben ist. Und wer bestimmt darüber, was von dem Verwerflichen immer noch am Ausdruck klebt, wenn andere Sprecher diesen Ausdruck in veränderten Zusammenhängen verwenden?

Auf der Sprachebene ist politische Korrektheit nicht immer eindeutig. 

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2. Darauf gibt es nur eine Antwort: Wir Diskursakteure im Aushandlungsprozess. Wer über die Sache streitet, streitet auch über die Worte. Das ist sinnvoll, solange wir über die Durchsetzung bestimmter Bezeichnungen die eigene Denkhaltung stark machen wollen und uns nicht mit Anspruch auf Absolutheit zu wissen anmaßen, welche Wirkungen allgemeingültig Ausdrücke auf die Menschen haben.

3. Ist diese Aussage ein Freifahrtschein für Verleumdung und Hate Speech? Mitnichten. Die ideologische Infektion von Wörtern wie Durchrassung oder Halbjude steht außer Frage. Warum? Weil wir uns hoffentlich alle einig sind, dass das Menschenbild, für das diese nationalsozialistischen Wortkreationen stehen, zu verachten ist. Und wenn wir uns nicht einig sind, dann wissen wir über unser Gegenüber Bescheid. Die Klärung kommt also über die Sachebene. Eine Sprachfrage wird über einen Konsens in der Sache entschieden: Wer kein Nazi ist oder sein will, kann die genannten Wörter nicht ohne Distanzierung gebrauchen. Hier hat Politische Korrektheit ihre Berechtigung.

4. Weitaus komplexer ist es, wenn behauptet wird, dass das Wort Flüchtling (im Gegensatz zu Geflüchtete) durch seine Nachsilbe (Suffix) -ling Menschen herabwürdige, weil der Wortbaustein -ling auf Grund seines Vorkommens in Wörtern wie Häftling oder Sträfling negative Assoziationen hervorrufe. Darf ich nun ein Neugeborenes nicht mehr Säugling nennen und im Frühling nicht zu meinem Liebling? Wer bestimmt über das Assoziationspotential des -ling-Suffixes? Über die Sachebene – wie beim NS-Beispiel – lösen wir die Streitfrage nicht. Von daher hat Politische Korrektheit hier keine Berechtigung.

Die Medien fördern eine unnötige Tabuisierung einzelner Begriffe. 

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Und damit sind wir bei des Pudels Kern: Die naive Suggestion, Wörtern oder Wortendungen wohne eine ‚eigentliche‘ Bedeutung inne, ist gespeist von einer Sehnsucht nach Unmittelbarkeit, die jenseits der Sachdebatte Halt und Orientierung verspricht. Und in Folge dessen erscheint vieles, was sich zwischen das Individuum und diese Wahrheit drängt, als störend! Der Sprachwissenschaftler Andreas Gardt spricht in diesem Zusammenhang von dem Drang nach „Eigentlichkeit“.

Gegenwärtig in Anti-Establishment-Zeiten stehen Vermittlungsinstanzen (z. B. Parlamente, Medien), Vermittler (z. B. Experten, Journalisten) und Vermittlung im Allgemeinen (Transfer von Gedanken, Ereignisberichten) häufig unter Generalverdacht. Und dieser Verdacht färbt auf das Vermittlungsmedium ab – nämlich die Sprache und die Wörter als manifeste Repräsentanten von Ideen, die uns die Zugänge zu den Gedankeninhalten überhaupt erst ermöglichen. In der Folge dieses Verdachts wird Sprache mitunter als authentischer Repräsentant der Gedanken sakralisiert, und in dichotomischer Manier werden einzelne Wörter exemplarisch verteufelt (z. B. Flüchtling) oder überhöht (z. B. Geflüchtete).

Doch nicht ‚die Sache‘ spricht unmittelbar zu uns, sondern wir sprechen mittelbar (zeichenvermittelt) über Sachen, indem wir sie in unsere begriffliche Gedankenwelt integrieren. Die Wörter instruieren zwar unser Denken, determinieren es aber nicht in einem 1:1-Verhältnis. Es existieren unweigerlich Unschärfen zwischen Ausdruckshülle und Inhaltsseite.

Eine lebendige Sprache erfordert immer einen regen gesellschaftlichen Diskurs.

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Diese Vagheiten gilt es auszuhalten und auszuhandeln – denn Herrschaft und Macht werden auch über Semantik ausgeübt. Zur Bearbeitung der Unbestimmtheit benötigen wir einen Diskurs über die Angemessenheit eines Wortes und seines Bezugs zur Wirklichkeit. Ob man Flüchtlingswelle oder Flüchtlingsflut wegen seiner Bildgewalt wirklich sagen darf, darüber kann man trefflich streiten – und das ist gut so! Solche Auseinandersetzungen um Bezeichnungen zur Prägung der Denkhaltung tragen zum politischen Bewusstsein bei; sie dürfen nicht durch Eigentlichkeitstopoi in eine sakrale Sphäre verschoben werden. „Gebt Wortfreiheit jenseits der Verleumdung!“, lautet mein Aufruf an alle Diskursakteure, „und führt auch einen semantischen Kampf für das Richtige. Wehrt Euch aber gegen eine rhetorische Praxis, welche ‚hinter‘ Worten das Eigentliche, das nicht mehr Hinterfragbare zu finden behauptet.“

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Klaus Paatzsch
    Danke für den exzellenten Beitrag. Es wäre wünschenswert, wenn Sie die Beispiele in regelmäßigen öffentlichen Wortmeldungen ergänzen würden, denn Sprachtabus oder vermeintliche Sprachverbote oder auch "moderne" Sprachindoktrinationen gibt es, vorgegeben von der Politik und ihren Transformatoren, in großer Zahl. Ich denke, dass es eine große Leserschaft gibt, die schon lannge darauf gewartet hat, dass sich mehr tatsächlich Sachverständige und nicht nur ideologiegefärbte Meinungsmacher zu aktuell brisanten Themen äußern. Wissenschaftliche Publikationen sind dafür wegen ihres geringen Verbreitungsgrades wenig geeignet.
    1. von Maxim Graf
      Antwort auf den Beitrag von Klaus Paatzsch 22.01.2017, 10:46:11
      Volle Zustimmung!