Öffentlichkeit und Zensur Politische Korrektheit führt zur geistigen Knechtschaft

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Medienwissenschaftler Technische Universität Berlin

Expertise:

Norbert Bolz ist seit 2002 Professor für Medienwissenschaften am Institut für Sprache und Kommunikation der Technischen Universität Berlin. Die Schwerpunkte seiner Forschungsarbeit sind die Themen Netzwerklogik, Mediengeschichte und Kommunikationstheorie.

Unter dem Deckmantel der Politischen Korrektheit wird die Meinung an die Moral gebunden. Damit wird die Gesellschaft zum Opfer eines politisch motivierten "Tugendterrors".  

Politische Korrektheit ist ursprünglich ein Campus-Phänomen. Man hat den Politikern erfolgreich eingeredet, Universitäten seien pluralistische Institutionen, die nach Proporz und Quote besetzt werden müssten. Es geht also um die Bevorzugung bestimmter politisch organisierter Gruppen, die Erhöhung von Gruppenanteilen. Die ideologische Färbung eines Bewerbers wiegt seither viel schwerer als seine Qualität. Vor allem die Freiheit der Berufung ist durch Gleichstellungspolitik und Quotierung radikal beschnitten worden.

Die vermeintliche Moralisierung der Sprache verfolgt politische Interessen.

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Das ist wohl eine Spätfolge der Studentenbewegung. Sie wiederholt sich heute als die Farce der Politischen Korrektheit. Ihr Diskurs setzt sich zusammen aus „Demobürokratie“ (Niklas Luhmann) und Sprachhygiene, aus Moralismus und Heuchelei, aus Sozialkitsch und einer politisch gefährlichen Perversion der Toleranz. Und der Ton verschärft sich zusehends. Denn man wird politisch aggressiv, wenn man theoretisch nicht mehr weiter weiß. Unsere Gesellschaft wird so zum willenlosen Opfer eines Tugendterrors, der in Universitäten, Redaktionen und Antidiskriminierungsämtern ausgebrütet wird. Man darf ihn übrigens nicht offiziell als Politische Korrektheit ansprechen – das wäre politisch unkorrekt.

Die neuen Ingenieure der Seele arbeiten mit Sprachcodes, Gruppenidentitätszuschreibungen und Trainingscamps für „sensitivity“ und „awareness“. Hier ist die offene Diskussion freier Individuen längst durch Zensur, Einschüchterung und Indoktrination ersetzt worden. In der Vergangenheit diskriminierte Gruppen sollen durch positive Gegendiskriminierung Wiedergutmachung erfahren. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht. Abweichende Meinungen werden heute schärfer sanktioniert als abweichendes Verhalten. Diese Sanktionen laufen zumeist nicht über Diskussionen, sondern über Ausschluss.

Die Zensur ist das zwangsläufige Ende von öffentlichem Diskurs und Meinungsvielfalt.

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Nun könnte man denken, dass ja immerhin noch die Gedanken frei sind. Aber es ist ein Irrtum, zu glauben, dass derjenige, dem man das Sprechen und Schreiben beschneidet, noch frei denken könne. Es gibt keine Freiheit des Denkens ohne die Möglichkeit einer öffentlichen Mitteilung des Gedachten. Und das gilt nicht nur für die wenigen Schreiber, sondern gerade auch für die vielen Leser. Gedankenfreiheit bedeutet für die meisten Menschen nämlich nur die Möglichkeit, zwischen einigen wenigen Ansichten zu wählen, die von einer kleinen Minderheit öffentlich Redender und Schreibender verbreitet worden sind. Deshalb zerstört das Zum-schweigen-bringen abweichender Meinungen die Gedankenfreiheit selbst.

Aus Angst vor Isolation beobachtet man ständig die öffentliche Meinung. Und öffentlich heißt eben genau die Meinung, die man ohne Isolationsangst aussprechen kann. Wir fürchten also nicht, eine falsche Meinung zu haben, sondern mit ihr allein zu stehen. Die Isolationsangst regiert die Welt. Wer aber den Zorn der anderen fürchtet, schließt sich leicht der Meinung der scheinbaren Mehrheit an, auch wenn er es eigentlich besser weiß. Er bringt sich selbst zum Schweigen, um seinen guten Ruf nicht aufs Spiel zu setzen.

Das ist der Ansatzpunkt für eine Dynamik, die Elisabeth Noelle-Neumann „Schweigespirale“ genannt hat. Und die wird heute von der Politischen Korrektheit genutzt. Sie ist zum einen durch die Verschmelzung von Thema und Meinung gekennzeichnet – man darf zu bestimmten Themen nur eine Meinung haben. Zum andern haben wir es mit einer Moralisierung am Medienpranger zu tun – dem politisch Unkorrekten wird der Schauprozess gemacht.

Politische Korrektheit darf nicht die Bedingung für soziale Akzeptanz sein.

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Wenn die veröffentlichte Meinung in unserer Gesellschaft gesprochen hat, bringt kaum mehr jemand den Mut zum Widerspruch auf. Ihr Druck ist so groß, dass gesetzlicher Zwang vielfach überflüssig wird. Und so breitet sich ein ewiger Friede des Intellekts aus. Niemand wagt es, einem unabhängigen Gedankenzug zu folgen. Deshalb gibt es auch keine großen Denker mehr. Abweichende Meinungen, die sich doch noch aus der Deckung wagen, werden sozial bestraft. Wie eh und je ergeht dann das Scherbengericht. Die soziale Intoleranz fügt heute zwar niemandem mehr körperlichen Schaden zu, aber wer anders denkt, muss seine Meinung maskieren oder auf Publizität verzichten.

Nietzsche hat einmal gesagt, der große Mensch sei ohne Furcht vor der Meinung. Der Satz ist aktueller denn je, denn heute wird eine abweichende Meinung schärfer kontrolliert als eine abweichende Handlung. Auf die abweichende Meinung reagieren die Politiker und ihre Mediengetreuen nicht mit Widerspruch, sondern mit Empörung.

Wenn abweichende Meinungen als unmoralisch gelten, führt das in eine geistige Knechtschaft.

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Längst haben die neuen Jakobiner die Stellen der sozialen Kontrolle dessen besetzt, was als diskutabel gilt. Damit koppeln sie die Moral vom gesunden Menschenverstand ab. Der Politischen Korrektheit geht es nicht darum, eine abweichende Meinung als falsch zu erweisen, sondern den abweichend Meinenden als unmoralisch zu verurteilen. Man kritisiert abweichende Meinungen nicht mehr, sondern hasst sie einfach.

Schlechte Vorzeichen also für das kommende Lutherjahr. Luther predigte noch spirituelle Freiheit in politischer Knechtschaft; wir haben heute spirituelle Knechtschaft in politischer Freiheit.

36 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Beat Leutwyler
    1. Zitat: "Man hat den Politikern erfolgreich eingeredet, ..." - Der Autor bezeichnet bereits im 2. Satz, dass es sich bei den Initianten dieser Problematik um "man" handelt. Mit man sind gewöhnlich Unbekannte oder aber alle Bekannten als Gesellschaft gemeint. Da Unbekannte nicht angesprochen werden können bleibt nur noch die Gesellschaft als kulturelle Gemeinschaft übrig.

    2. Zitat: "Deshalb gibt es auch keine großen Denker mehr." - Oh doch, die gibt es. Einer der zu den weltweit(!) 5 grössten Denkern unserer Zeit zählt ist sogar Deutscher und lehrt als Soziologe an Universitäten in Deutschland und der Schweiz.

    Er kämpft aus Überzeugung mit seinen Anhängern per Flaschenpost zu mehr Selbstverantwortung und generell Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Dass er z.B. nicht mehr wählen geht, kann nur an seiner Überzeugung liegen. Denn obgenannte Gesellschaft ist sich zu vornehm selber Verantwortung zu übernehmen. Zugleich aber fordert sie diese auch von ihren gewählten politischen Repräsentanten nicht ein.

    Eine absolut gefährliche Mischung - sie wird sogar unterlegt mit Umfragen der letzten Tag, dass über 50% Prozent der Deutschen politisch geführt werden wollen. Sogar und auch im 2-stelligen Prozentbereich schneidet ab, dass eine Diktatur eine gute Regierungsform sei.

    Mit "man" ist der Herdentrieb gemeint, dem sich ohne nachzudenken fast alle anschliessen. Geistige Knechtschaft ist in dieser Gesellschaft offenbar sogar erwünscht. Da lohnt sich wählen wirklich nicht mehr.
  2. von Reinhard Selke
    Um dies an Beispielen zu verdeutlichen:
    Wer die Politik des Westens gegen Russland kritisiert ist ein Putin-Versteher.
    Wer das Verhalten der AfD-Wähler zu verstehen meint ist selber Populist, Rechtsradikaler.
    Wer den Trump versteht ist rechtsradikaler Populist.
    Wer eine Wagenknecht nicht geistig zerlegt ist linksradikaler Populist.
    Wer gefehlt habende Bürger der DDR meint verstehen zu können ist Förderer der Stasi.
    Verständnis wird gleich gesetzt mit Unterstützung, das eigene Denken wird denunziert als Unterstützung von etwas verbotenem, wenn es sich von der vorgegebenen Denkschiene entfernt.
    Es ist tatsächlich so, dass das Denken außerhalb der vorgegebenen Norm bereits soziale Sanktionen nach sich zieht. Das Ausmaß der Nichttolerierung der individuellen Gedankenwelt, damit die Setzung der Gedankenwelt der "Mitte der Gesellschaft" als Norm, führt zum Ausschluss der individuellen Gedankenwelt, konkret zum Veröffentlichungsverbot in der veröffentlichten Meinung, Tendenz stark steigend.
    1. von Frank Fidorra
      Antwort auf den Beitrag von Reinhard Selke 14.01.2017, 13:59:23
      Was Sie hier ansprechen, ist das verbreitete Phänomen des Schubladendenkens. Das geht über die politische Korrektheit noch hinaus.

      Und Sie haben recht, das Problem geht tatsächlich weiter. Es betrifft die Grundeinstellung, dass auch der Andersdenkende erst mal ein Mitmensch ist, dem Respekt entgegengebracht werden sollte. Stattdessen ist die Verunglimpfung und Denunzierung von Andersdenkenden eher die Regel, als die Ausnahme. Wir müssen an unserer Streitkultur arbeiten, allesamt.
  3. von George Müller
    Endlich mal wieder die stets kluge "Stimme" von Herrn Norbert Bolz! Danke dafür!

    Lieber Tagesspiegel... ick liebe Dir (auch) dafür!

    George Müller
    Berlin
  4. von Ma Schneider
    Ein witzig gemachtes und m.E. empfehlenswertes Filmchen als Einstimmung zum Thema findet sich hier (OmU):

    https://www.youtube.com/watch?v=3JOjIUr1JSU
  5. von Rainer Auerbach
    Ich sehe die Gefahr der Meinungsknechtschaft auch und teile die Sorge mit Herrn Bolz.
    Für mich ein alltäglicher Meinungsterror sind die meisten politische Talkshows und eines der erschreckenden Beispiele für hemmungslos künstlich erzeugte " Politische Korrektheit".
    Da sind die (mediengerecht) aussortierten Vertreter der politischen Klassen und machen zunächst überdeutlich, was auf keinen Fall gesagt werden darf. Und dann ergießt sich ein Wortbrei, der dafür stehen soll, was derzeit angesagt zu sein hat. Ein Deutungsrahmen wird vorgelegt. Andersdenkende kommen vorsorglich an den Pranger. In der Tat, kein offener Diskurs, sondern fein gesponnene Manipulation.
    Einerseits.
    Anderseits entlädt sich mehr denn je ein völlig enthemmtes Meinungsgewitter in den sozialen Netzwerken und den Kommentarspalten der Medien, das gleichfalls eines Korrektivs bedarf. Die (Zitat) "öffentliche Mitteilung des Gedachten" wird hier zur Freiheit des Hasses, der Erniedrigung und der Ausgrenzung.
  6. von Peter Lemke
    Das kann man eigentlich nur unterstreichen. Das politisch korrekte Gewand, in das ein Kommentar gekleidet wird, wird als wichtiger erachtet, als der Inhalt. In von der eigenen Meinung abweichenden Botschaften wird krank- und zwanghaft nach Formfehlern gesucht, die dann die Debatte prägen, um nicht auf die Botschaft an sich eingehen zu müssen.
  7. von Klaus Paatzsch
    "Es gibt keine Freiheit des Denkens ohne die Möglichkeit einer öffentlichen Mitteilung des Gedachten."
    Diese Mitteilungsmöglichkeit ist aber sehr beschränkt, weil eine privilegierte Gruppe von Journalisten darüber wacht, wer öffentlich zu Wort kommt. Entweder ist man selbst Journalist, ein bekannter Politiker oder ein populärer Sportler, Schauspieler usw., dann hat man Chancen. Als namenloser Leser von Meinungen würde ich gern selbst dazu Stellung nehmen, aber mit eigenen Gedanken, oft nicht politisch korrekt. Diese Möglichkeit hatte ich nur in geringem Maße, oft bekam ich auf meine Beiträge nicht einmal eine kurze Antwort. Die Printmedien verschließen sich immer mehr dem schreibenden Leser, Magazine und Zeitungen veröffentlichen nur im obengenannten Kreis, Seiten für Leserkommentare werden eingeschränkt. Damit bleibt der exklusive Kreis unter sich, was einerseits "Schwimmen im eigenen Brei" und andererseits politische Korrektheit mit sich bringt. Der Diskurs mit dem Leser, der auch ein Schreibender sein kann, bleibt so auf der Strecke, externe Gedanken werden nicht öffentlich. Die strikte Trennung von Schreibenden und Lesenden sollte, vielleicht auch durch Einrichtung einer eigenen Rubrik, überwunden werden.