Rassistische Sprache  Menschen wird das Menschsein abgesprochen

Bild von Susan Arndt
Universität Bayreuth

Expertise:

Susan Arndt ist Professorin für Englische Literaturwissenschaft und Anglophone Literaturen an der Universität Bayreuth.

In Büchern wie Robinson Crusoe und Winnetou wird rassistische Sprache verwendet und Menschen das Menschsein abgesprochen. Wir müssen uns Fehler eingestehen und rassistische Sprache aufgeben.

Die Bedeutung von Sprache lässt sich schwerlich überschätzen. Im Kontext von Rassismus dient sie seit jeher dazu, Menschen das Menschsein abzusprechen, um koloniale Gewalt zu rechtfertigen.

Rassistische Sprache dient dazu, den Menschen das Menschsein abzusprechen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Wie Robinson den Menschen, den er versklavt, einfach Friday nennt (statt nach seinem Namen zu fragen), erfand der Kolonialismus unablässig neue Begriffe, um kolonisierte Menschen und deren Kulturen in Afrika, den Amerikas und Asien zu benennen. Das I-Wort, mit dem Karl May Winnetou bezeichnete, geht auf einen Irrtum des Columbus’ zurück. Und obwohl keine*r Fehler mag, bleibt es fast allen europäischen Sprachen heilig.

So ergeht es auch anderen Worten. Mir sitzt noch immer der 27. Januar 2013 vor Schreck in den Knochen. Denis Scheck setzte sich FÜR den Verbleib rassistischer Begriffe in Kinderbüchern ein. Dafür stellte er sich in der Tradition rassistischer Minstrel Shows ins sonntägliche öffentlich-rechtliche Fernsehen. Das N-Wort in Pippi Langstrumpf sei ihm wichtig.

Die Aufgabe rassistischer Wörter in unserer Sprache erfordert das Eingeständnis, dass wir Fehler gemacht haben.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Mal abgesehen davon, dass es ja Übersetzungen eigen ist, dass sie zeitgerecht übersetzt werden müssen: was reitet einen erwachsenen Mann, sich dafür einzusetzen, dass Kinder dieses rassistische Wort lesen sollen? Warum hängen viele wie er so inbrünstig an ihnen? Vielleicht weil die Aufgabe dieser Begriffe auch das Eingeständnis erfordern würde: ich habe mich geirrt? Ganz in der Tradition von Columbus, Kant, Lindgren und Scheck?

Zum Schutz der rassistischen Wörter werden immer wieder die gleichen Floskeln bemüht. Das sagen doch alle so. Früher ist das Wort nicht diskriminierend gewesen, und ich persönlich meine das Wort auch gar nicht rassistisch. Ich kenne einen Schwarzen, und der hat gar nichts gegen das Wort. Oder: Schwarze bezeichnen sich doch selbst so. Dieses Wort ist nun einmal ein historischer Begriff oder ein historisches Zeugnis. Es gehört einfach zu uns. Wörter sind ja ‚nicht so wichtig’. Du weißt doch, was ich meine/dass ich nicht so denke. Wir sollten nicht zu sehr an der Wortwahl kleben.

"Du weißt doch, dass ich nicht so denke" ist keine Ausrede für den Gebrauch rassistischer Sprache.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Bestenfalls heißt es noch: Vermeiden rassistischer Wörter ändert auch nichts. Oder: Das mag ja alles stimmen, aber es gibt (leider) keine anderen Begriffe. Kurzum: Das ist mir viel zu pc! Was aber ist schlimm daran, korrekt zu sprechen – weil es politisch ist? Ist es weniger schlimm, unkorrekt zu sprechen und weniger politisch, Menschen zu diskriminieren?

Also, wenn Sie das nächste Mal sagen (hören): Ich habe gar nicht gewusst, dass dieses Wort diskriminiert, dann sagen Sie doch bitte nicht – und deswegen spreche ich weiter so. Versuchen Sie es einfach mal mit einem: Ach so, das will ich jetzt aber anders sagen (und dafür gibt es immer eine Wortidee) und dadurch Geschichte mit einem Fragezeichen und Erinnerung mit einem Ausrufezeichen versehen. Und wenn dann rassistische Wörter im Alltag gemieden werden, können sie im Museum und Geschichtsunterricht kritisch auf ihre Macht und Gewalt hin untersucht werden.

4 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.
  1. von Peter Porzig
    Klar, Sprache bildet Realität nicht nur ab, sondern schafft sie auch, keine Frage. Aber rassistische Worte/Passagen in Literatur zu ändern, ist schon sehr nahe an Zensur. Sollte man dann nicht vielleicht die entsprechenden Bücher gleich verbieten? Oder verbrennen? Dann könnten sie kein Unheil mehr anrichten. - Will sagen: Man sollte sich offen damit auseinandersetzen (und man kann auch einem Kind erklären, warum das Wort oder der Inhalt vielleicht nicht so toll ist) und ansonsten einfach aushalten, dass es nicht immer so war und längst nicht überall so ist, dass Rassismus erkannt und geächtet wird.
  2. von Gabriele Flüchter
    "Wie Robinson den Menschen, den er versklavt, einfach Friday nennt (statt nach seinem Namen zu fragen),"

    Die Abänderung literarischer Werke aufgrund von politischen Erwägungen stellt für mich persönlich einen erheblichen Eingriff in die künstlerische Freiheit dar, den ich selbst nicht akzeptiere.

    Daniel Defoe hat den Robinson nun einmal in der Weise erschaffen, dass dieser seinen Gehilfen "Friday" nannte und diesen eben nicht fragte wie er heiße.

    Wer außer Daniel Defoe hat das Recht, das Werk Daniel Defoes zu erschaffen oder umzugestalten?

    Niemand hat das Recht dazu.
    Gleiches gilt für alle anderen Werke. Ich kann nicht einfach hingehen und aufgrund einer politischen Motivation Änderungen an Kunstwerken oder an Literatur vornehmen. Das ist übergriffig und zeugt auch davon, dass Werke überhaupt nicht in ihrer Ganzheit gewürdigt werden - ähnlich übrigens wie bei dem mir völlig unverständlichen Urteil zum Böhmermann-Gedicht, wonach ein paar Strophen stehen bleiben dürfen und der Rest nicht mehr öffentlich gemacht werden soll.

    Ein Werk ist ein Werk, es kann für sich genommen auch gar nicht "rassistisch" sein, es kann nur in rassistischer Absicht oder aber auch in nicht-rassistischer Absicht verwendet werden.

    Ich möchte abschließend noch einmal betonen, dass ich es für einen ungeheuerlichen Eingriff in die künstlerisch-literarische Freiheit halte, an anderer Leute Werk herumzustreichen und herum zu formulieren.

    Ein klares Nein dazu!
  3. von Lilo Start
    Ich werde die von "Expertinnen" angeregten unf politisch verordneten Umschreibung literarischer Originale, die Entfernung von als rassistisch deklarierten Bildwerken im öffentlichen Raum, als auch Strassen-Umbenennungen mit allen Mitteln bekämpfen.
    In einer demokratisch liberalen Welt, stellt man sich immer neu den Prozessen der Geschichte, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Disskusion. Dunkelhäutige sind emanzipiert, kennen ihre Geschichte, sind keine kleinen beleidigten Kinder und wehren sich. Bewustheit statt Stalinismus. Jede von oben verordnete Bereinigung von Kultur steht dem bewussten sich ständig verändernden und neu zu bewertenden Umgang mit der Vergangenheit entgegen.
    Zum Wort "Neger". Das hatte bei mir als Kind je nach literarischen Zusammenhängen eine sehr organische Bewertung zwischen exotisch und fremd. Was wäre mir an Bewusstheit entgangen, hätte ich nicht auch durch Literatur vom selbigen Schimpfwort erfahren.
    Ich nehme selber dieses Wort seit Jahren nicht mehr in den Mund! Es bleibt mir in der Kehle stecken. Ich sage auch nicht "vergast" u.ä. aber ich kämpfe für das Recht mich und Andere mit den Rassismen unserer Kultur und Sprache anhand von Originalen immer wieder konfrontieren zu dürfen. Ich bin kein beliebig manipulierbares Menschenmaterial, bitte schön, sondern ein denkender fühlender kreativer Homo Sapiens.
  4. von Heiko GEBHARDT
    "Rassistische Sprache dient dazu, den Menschen das Menschsein abzusprechen."
    Rassistische Sprache dient [oft, manchmal, häufig, bisweilen aber nicht immer, dazu, den Menschen das Menschsein abzusprechen.

    Das N-Wort in Pippi Langstrumpf [ist mir] wichtig, es zu ändern ist Fälschung und dasselbe wie dies unselige "für die Jugend bearbeitet" im Impressum mancher Klassiker oder das Verhüllen von Plastiken für moslemische oder christliche Augen.

    Die Handlungsanleitung der Utorin in den letzten beiden Absätzen sind bestenfalls kindlich naiv: "wie erkläre ich PC meinem Kind".

    Habe ich doch tatsächlich alle ****** vergessen.