Grossbritannien nach der Wahl Was zählt, sind die Zeichen der Solidarität

Bild von Christopher Ruff
Mitglied von Polis180 e.V., Mitarbeiter Europäisches Parlament

Expertise:

Der Brite Christopher Ruff hat in Bath, Paris und Berlin Politikwissenschaften studiert. Er ist Gründungsmitglied Polis180, einer Initiative von Studierenden, jungen Wissenschaftler und Berufstätigen, die sich mit Außen- und Europapolitik beschäftigen. Er arbeitet (noch?) als Assistent eines britischen Abgeordneten im Europaparlament.

Im Ausland erreichen uns überwiegend chaotische und erschreckende Nachrichten aus Großbritannien. Doch genau jetzt fallen die vielzähligen Zeichen des Zusammenhalts ganz besonders ins Gewicht. 

Der Juni 2016 wird aus vielen Gründen im Gedächtnis bleiben, nicht zuletzt wegen des Mordes an Jo Cox, einer jungen und populären Labour-Abgeordneten, die auf offener Straße von einem Rechtsextremisten niedergestochen und angeschossen wurde. Seitdem haben Terroristen wiederholt versucht, die ohnehin schon angespannte Situation auszunutzen, um die Gesellschaft noch weiter zu spalten – unter anderem in Manchester und gleich zweimal in London. Aus der Ferne betrachtet drängt sich das Bild eines Landes im Chaos auf, zumal aus Sicht der politischen Berichterstattung. So berichtete Alastair Campbell, Journalist und ehemalige PR-Berater Tony Blairs, kürzlich von einem deutschen Freund, der Großbritannien als den “ersten gescheiterten Staat der Ersten Welt” bezeichnete. Trotz alledem hat das vergangene Jahr aber auch einige der besten Eigenschaften dieses Landes zum Vorschein gebracht.

Vor einem Jahr schrieb ich auf Causa über die starke Spaltung in der britischen Gesellschaft, welche sich durch den Brexit offenbart hat. Offensichtlich hatte sich unter dem klaren Himmel von David Camerons friedvollem Großbritannien unbemerkt ein Sturm zusammengebraut. Die Unzufriedenheit über die Austeritätspolitik der letzten Jahre wurde verborgen von Camerons Charme und dem Mehrheitswahlsystem, welches kleinere Parteien auf Abstand hält. Das Referendum am 23. Juni 2016 entfesselte gewaltige und teils verworrene Kräfte, wodurch eine Menge richtungslose und ungeschönte Wut an die Oberfläche trat. Obwohl die EU nicht der Grund für die Verzweiflung der Briten war, so wurde sie doch zu ihrer Zielscheibe.

Experten und Umfrageinstitute wurden vom Ergebnis des Referendums kalt erwischt. Die Wenigsten hatten es kommen sehen. Und jene, die es kommen sahen, wurden des Wunschdenkens verdächtigt. Nicht einmal Nigel Farage hatte geglaubt, dass es tatsächlich möglich wäre. Spulen wir ein Jahr vor, so scheint es, dass das politische Establishment aus dieser grundstürzenden Erfahrung noch immer nicht die nötigen Lehren gezogen hat. Einmal mehr ließen sich die Konservativen, in Gestalt ihrer jetzigen Premierministerin, von guten Umfragewerten verführen und wagten eine Wette auf die Zukunft des Landes. Einmal mehr ging ein konservativer Premier beschämt und geschwächt daraus hervor, dass eine Abstimmung eben nicht immer nach Plan läuft. Statt “stark und stabil”, wie Mrs. Mays Slogan versprochen hatte, hinterlässt das Vereinigte Königreich einen Eindruck, der noch “schwächer und wackliger” ist als zuvor.

Es scheint, als hätte das britische politische Establishment noch immer nicht aus dem Brexit gelernt.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Der anstehende Brexit selbst hat bei der Unterhauswahl eine verblüffend kleine Rolle gespielt, auch wenn er natürlich nicht gänzlich ohne Einfluss auf die Stimmabgabe geblieben ist. Der seinerzeit von vielen Seiten belächelte Jeremy Corbyn hat zu Recht erkannt, dass – ebenso wie das ganze Land – auch das Remain-Lager kein monolithischer Block ist. Stattdessen hat er im Wahlkampf mit Erfolg auf innenpolitische Themen gesetzt und dabei gleichzeitig junge Wähler für sich gewonnen. Wie man hört, soll sich Martin Schulz bereits nach Geheimtipps für den Bundestagswahlkampf erkundigt haben – ich sehe hier allerdings bis auf die hohe Denkerstirn wenig Gemeinsamkeiten zwischen Corbyn und Schulz.

Der Brexit selbst hat bei der letzten Wahl eine überraschend kleine Rolle gespielt.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Hinzu kam noch eine schleichende Politikverdrossenheit, denn viele Briten waren der ständigen Wahlen müde. Die vorgezogene Unterhauswahl so kurz nach dem nervenzehrenden EU-Referendum 2016, welches ebenfalls nur ein Jahr nach den Parlamentswahlen statt fand, hatte sie schlicht entkräftet.  Als Theresa May zu Neuwahlen aufrief, fanden sich viele Briten in Brenda aus Bristol wieder, die in einem viel geteilten Video ihrem Verdruss über die anstehenden Wahlen Ausdruck verlieh: „Oh nein, nicht schon wieder eine Wahl! Es  geht nur noch um Politik, es ist einfach zu viel! Warum hat sie [May] das getan?“

Corbyn und der Labour Party ist es gelungen, sich die Sehnsucht nach Veränderung zum Nutzen zu machen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Corbyn und der Labour Party ist es gelungen, sich die Sehnsucht nach Veränderung zum Nutzen zu machen – dennoch drängt sich mir das Gefühl auf, dass sich viele eigentlich nur die Rückkehr einer gewissen Normalität wünschen. Im Gespräch mit älteren Generationen wird der gegenwärtige politische Aufruhr als Widerhall der 1970er Jahre beschrieben. Auch damals gab es ein Referendum zur EU-Mitgliedschaft und verschiedene britische Regierungen mit schwachen Mehrheiten fanden sich im simultanen Spannungsfeld komplexer wirtschaftlicher Probleme im Inland und internationaler politischer Krisen wieder. In 1974 gab es zwei Parlamentswahlen und es sieht zunehmend so aus, als würde Brenda sich zu ihrem Missfallen auch jetzt auf eine weitere Wahl bereit machen müssen. 

Die meisten Briten wünschen sich einfach nur eine Rückkehr zur Normalität.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Sollten die Briten geglaubt haben, dass weniger Wahlen auch ein ruhigeres Leben bedeuten würde, ist dies nach den Terrorangriffen in Manchester und London garantiert nicht mehr das Fall. Trotz des Schocks nach den unfassbaren Grausamkeiten war die Reaktion der Briten höchst bewundernswert. Manchester ist meine Heimatstadt und ich war am Tag des Anschlags zufällig dort bei meinen Eltern zu Besuch. Als ich am darauffolgenden Tag durch das Stadtzentrum spazierte, war ich erstaunt darüber, wie wenig Argwohn ich spürte und wie schnell die Stadt sich wieder aufgerafft hatte. Mehr noch: weniger als einen Monat nach der entsetzlichen  Gräueltat eines islamistischen Terroristen, bei der 22 Menschen umkamen, hat die Stadt nun ihren ersten muslimischen Parlamentsabgeordneten, Afzal Khan, das Mandat erteilt. Aller Unkenrufe zum Trotz hat dieses vermeintlich geteilte Land gerade das diverseste Parlament seiner Geschichte gewählt. Der berühmte britische Geist zeigte sich auch nach dem Terrorangriff auf der London Bridge, als ein Augenzeuge der grausamen Taten am nächsten Morgen an den Ort des Geschehens zurückkehrte, um das in einem Restaurant zurückgelassene Dessert zu essen und seine Rechnung zu begleichen. Auch wenn es wahrscheinlich nicht immer leicht sein wird, so ist es genau dieses Vereinigte Königreich, das ich mir während der unvermeidlichen Krisen des nächsten Jahres immer wieder ins Gedächtnis rufen werde.

Die turbulenten Zeiten in Großbritannien haben auch zu Zeichen des Zusammenhalts und der Stärke geführt. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Am vergangenen Wochenende hat Jo Cox’ Mann Brendan eine Reihe von Straßenfesten und anderen Veranstaltungen unter dem Namen “The Great Get Together” (etwa: das Große Beisammensein) organisiert, die das Ziel verfolgten, in Cox’ Namen die nationale Einheit zu fördern. Kontrahenten aus Politik und Medien haben ihre Differenzen beiseite geräumt, um unsere gemeinsamen Werte zu feiern. Der linksgerichtete Guardian und der rechtsstehende Telegraph haben kürzlich einen gemeinsamen Leitartikel veröffentlicht - das hat es bisher noch nicht gegeben - und politische Feinde umarmten sich während einer Unterbrechung der Wahlkampagnen. Bei ihrer Antrittsrede im britischen Unterhaus sagte Jo Cox: “Wir sind viel vereinter und haben viel mehr miteinander gemein als das, was uns voneinander trennt.” Nach einem turbulenten Jahr für die britische Politik kommen diese Veranstaltungen genau zur richtigen Zeit, um uns an Cox’ Botschaft zu erinnern, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat.

 

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.