Großbritanniens Zukunft nach der Wahl  "Die politische Realität lacht uns ins Gesicht"

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Schriftsteller

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Will Self ist ein britischer Schriftsteller und Journalist. Sein Roman Umbrella stand 2012 auf der Shortlist des Booker Prize.

Die britische Politik befindet sich seit dem Brexit-Votum im Sturzflug. Das wackelige Hung Parliament macht Schriftsteller Will Self aber Hoffnung, wie er im Interview verrät. Großbritannien muss der Spiegel vors Gesicht gehalten werden. 

Herr Self, vor fast genau einem Jahr entschied sich das britische Volk für den Brexit und ringt seitdem mit den Konsequenzen, wie die gestrige Wahl unterstrich. Wo steht Großbritannien heute?
Das ist so unklar, wie die Zukunft der neuen Regierung. Das Hung Parliament verdeutlicht, wie gespalten dieses Land ist. Das britische Volk will die EU verlassen, aber keinen harten Brexit. Ich bin froh über dieses Wahlergebnis, denn es spiegelt diesen Zwiespalt wieder und kann zu einem politischen Dialog führen, auf den wir schon lange warten.

Welche Themen müssen den angesprochen werden? Die Wahl war ja schließlich keine reine Brexit-Abstimmung.
Es war zu weiten Teilen eine Brexit-Wahl, es fiel nur nicht sonderlich auf. Andere Themen haben sich manifestiert, aber unterschwellig ging es immer um den Brexit. Labour konnte viele seiner traditionellen Wähler zurückgewinnen, die kurzzeitig zur rechtspopulistischen UKIP übergelaufen waren. Wieso? Weil Corbyn die Realität und Konsequenzen des Brexit anspricht und angeht. Auch die jungen Wähler haben massiv für Labour votiert. Nicht nur weil die Sozialisten ihnen die Abschaffung der Studiengebühren versprachen, sondern auch weil ihnen das Brexit-Thema wichtig ist. Labour steht für einen weichen Brexit und den wünscht sich mittlerweile die Mehrheit.

Weil er gegenwärtig die einzige Möglichkeit ist, sich nicht komplett von der EU zu verabschieden?
Wir Briten nehmen das demokratische Fair Play sehr ernst. Am Tag nach dem Brexit-Referendum gab es für viele ein böses Erwachen. Aber es war sofort klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Der Brexit war sofort alternativlos. Ein Zurückrudern hätte die gesamte Demokratie in Frage gestellt. Wir sind also an den Brexit gebunden, auch wenn wir Zweifel an seiner Richtigkeit haben. Es geht nur noch um Schadensbegrenzung. Corbyn versprach, dass EU-Ausländer in Großbritannien die meisten ihrer Rechte behalten. Theresa May hingegen hat die EU-Bürger hierzulande für ihre Verhandlungstaktik in Geiselhaft genommen. Das ist widerwärtig. Ich bin zuversichtlich, dass der Dämpfer der gestrigen Wahl sicherstellt, dass damit jetzt Schluss ist und dass der Brexit in einer sehr weichen Variante stattfinden wird.

Der harte Brexit wird jetzt durch einen weichen Brexit abgelöst werden.

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Genau wie das Brexit-Votum ging auch die gestrige Wahl fast mit einem Patt aus. Liegt das daran, dass die britische Bevölkerung so gespalten ist?
Welches europäisches Land ist das nicht? Schauen Sie nach Frankreich: Macrons Sieg war ein Kompromiss, er war das kleinere Übel. Ich weiß nicht ob Großbritannien gespaltener ist, als Deutschland oder Frankreich. Unsere Spaltung tritt nur stärker hervor, weil wir enorme politische Umwälzungen erleben. Die Probleme dahinter kennt aber so ziemlich jedes Land Europas.

Ich denke, dass solche Prozesse in Deutschland zu mehr Protest führen würden.
Deutschland hat auch noch eine funktionierende und vor allem produzierende Wirtschaft. Die De-industrialisierung Großbritanniens hat die Arbeiterklasse vernichtet. Dieser Zusammenschluss von gemeinsamen Interessen hatte eine enorme politische Kraft. Heute basiert unsere Wirtschaft darauf, mit dem Geld von anderen Leuten zu spielen. Corbyns Labour-Partei ist mehr Protestbewegung als politische Partei. Corbyn ist ein linksradikaler Rebell und hat die Partei nach seinen Vorstellungen umgestaltet. Die Labour-Partei ist mittlerweile ein Zusammenschluss junger Aktivisten, die besonders in den Sozialen Netzwerken sehr aktiv sind. Es gibt jedoch nicht mehr die harte Konfrontation mit dem Establishment, wie man sie noch aus den 1980er-Jahren kennt.

Großbritannien ist nicht gespaltener, als Frankreich oder Deutschland. 

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Woran liegt das?
Die Trennungslinien in der Politik verlaufen nicht mehr nur zwischen rechts und links. Konflikte entstehen heute an vielen Stellen.

Zum Beispiel?
Der Konflikt zwischen Jung und Alt ist meiner Meinung nach der entscheidende. Was May das Genick bei der Wahl gebrochen hat, war ihre Kehrtwende bei der Sozialfürsorge. Ihre ursprünglichen Pläne waren sehr progressiv und verschreckten die traditionellen Tory-Wähler, die meist schon älter sind. Als sie von den Plänen zurückwich, erntete sie viel Kritik von jungen Wählern, die nicht die Kosten für eine alternde Gesellschaft tragen wollen.

Großbritannien wird nie wieder ein globaler Hegemon sein. 

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Ist der Konflikt zwischen Briten und Ausländern nicht noch wichtiger?
Es gibt so viele Konflikte, dass sie mittlerweile überlappen und sich die Trennlinien überschneiden. Natürlich ist dieser Konflikt wichtig, gerade beim Brexit-Votum war er ausschlaggebend. Die Kampagne des Leave-Lagers basierte auf der Erzählung der Einzigartigkeit der britischen Nation, der Wiege der westlichen Demokratie. Das ist absurd. Die britische Identität auf die sich die Brexit-Befürworter berufen ist atavistisch, sie gehört der Vergangenheit an. Es ist ein Rückzugsort für den imperialen Phantomschmerz, den viele Briten verspüren. Wir werden niemals wieder ein globaler Hegemon sein. Die politische Realität lacht uns ins Gesicht. Wir sind nur zu selbstverliebt, um es zu bemerken.

Großbritannien ist in der Vergangenheit gefangen. 

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Könnte nicht gerade eine nationale Identität oder ein gesunder Patriotismus dem Land aus der Misere helfen?
Der Brexit ist der Elefant im Raum und macht jeden Versuch eine progressive britische Identität zu formen zunichte. Der Brexit hat den internen Zusammenhalt des Landes auf die Probe gestellt. Wir sind in der Vergangenheit und ihren Konflikten gefangen. Außerdem fehlt uns ein geostrategischer Platz in der Welt. Wir gehören nicht mehr zu Europa und das transatlantische Bündnis wird durch einen gefährlichen und launischen US-Präsidenten gefährdet.

Ein Land ohne Platz in der Welt und im Inneren gespalten: Muss Großbritannien sich mit dem Chaos abfinden?
Wenn man sich anschaut, an wie vielen Fronten gerade gekämpft wird, kann man nur schlussfolgern, dass wir dazu verdammt sind, im Chaos zu leben. Business-as-usual funktioniert nicht mehr. Wir brauchen dringend eine Verfassungsreform, die das Wahlsystem ändert und die Beziehungen zwischen England und den restlichen Ländern des Vereinigten Königreiches regelt. Auch außenpolitisch muss unser Stand neuverhandelt werden. Nur so können wir wieder zur Normalität zurückkehren. 

Übersetzung aus dem Englischen. Das Interview führte Max Tholl 

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