Entwicklung der Entfremdung Welche Rolle hat Russland in einer post-europäischen Welt?

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Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen

Expertise:

Prof. Alexander Dynkin ist Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen (Institute of World Economy and International Relations, IMEMO), und Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Russland möchte nicht länger ein Teil Europas sein. Das lässt sich durch zahlreiche historische Entwicklungen begründen. Der Westen muss nun den richtigen Umgang mit Russland finden. Stete Isolation und Sanktionierung bergen dabei die Gefahr einer neuen Bipolarität.

Es ist ein Faktum, dass Russland nicht länger ein Teil Europas werden möchte. Diese Entwicklung zeichnete sich vor dem Hintergrund jahrzehntelanger und doch fehlgeschlagener Verhandlungen über die Klassifikation von Wirtschaftsgütern ab und über visafreie Reisen in die Schengen-Zone. Während seiner ersten Amtszeit brachte Putin einen Nato-Beitritt ins Gespräch – ohne ernsthafte Reaktionen. Stattdessen wurde Russland mit einem einseitigen Austritt der USA aus dem Vertrag zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen konfrontiert, mit zwei Wellen von Nato-Erweiterungen und dem Versuch einer dritten – für Georgien und die Ukraine.

Das ist die kurze Erklärung. Um die Frage, ob Russland ein Teil Europas ist, vollständig zu beantworten, bedarf es jedoch eines Blickes auf tiefer wurzelnde Probleme und auf äußere Einflüsse.

Geographisch ist Russland näher an Asien als an Europa.

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Zuerst wäre das das weitläufige Territorium Russlands. Es umfasst elf Zeitzonen, seine Grenzen mit europäischen Staaten sind weitaus kürzer als jene mit islamischen Staaten. Die Grenze zu China erstreckt sich über 4.200 Kilometer, plus 17 Kilometer mit Nordkorea. Das pazifische Russland ist eine Realität, die Mühen und Ressourcen erfordert.

Russlands häufige territorialen Verteidigungen haben zu einer erhöhten Gefahrenwahrnehmung geführt.

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Zweitens hatte Russland im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche imperiale Ambitionen abzuwehren und zu zerschlagen – der Mongolen, Polen, Schweden, Franzosen und Deutschen. Das hat zu einer erhöhten Gefahrenwahrnehmung geführt. Wir kennen noch immer nicht die genaue Zahl unserer Todesopfer im Zweiten Weltkrieg. Diesen Februar wurde in einer Anhörung des Parlaments die Zahl 42 Millionen genannt: 42 Millionen!

Die politische Transformation in Russland war ein schmerzhafter Prozess.

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Drittens ist die Theorie der Pfadabhängigkeit nicht einfach eine Erfindung von Soziologen. Russland, ein Land ohne demokratische Traditionen und Erfahrungen, durchlief einen schmerzhaften Wandel seines politischen Systems und den Niedergang des Reiches. Diese Entwicklungen haben zu großer Frustration unter Russinnen und Russen geführt.

Zuletzt, einige persönliche Erfahrungen. 1993/94 wurde ich von der Akademie der Wissenschaften in ein Team von Beratern der Russischen Regierung berufen, dessen Vorsitz Prof. Jeffrey Sachs innehatte. Er kam gerade aus Warschau und war inspiriert von der Aufgabe, die er dort erfolgreich abgeschlossen hatte. Immer, wenn er von einer Reise aus Washington zurückkam, sah er jedoch sehr unglücklich aus. “Wenn ich aus Warschau kam”, erklärte er, “und nach einem Schuldenschnitt, günstigen Krediten, Trainingsprogrammen, etc. fragte, erhielt ich immer volle Unterstützung.  Wenn ich aus Moskau kam mit den gleichen Forderungen, bekam ich eine kalte Dusche mit dem Hinweis: Die Russen haben den Kalten Krieg verloren. Wir werden sie nicht behindern, aber sie auch nicht unterstützen.” Der Geist des Sieges im Kalten Krieg und das Narrativ vom Ende der Geschichte blockierte jede strategische Weitsicht.

Gewiss werden das kulturelle und historische Erbe, die geographische Nähe, die dichte Wirtschaftsaktivität und Bevölkerung im europäischen Teil des Landes, die Pipelines und andere logistische Projekte, die nach Westen weisen, Russland noch einige Weile im kulturellen und wirtschaftlichen Gravitationsfeld Europas halten.

Doch in meiner Wahrnehmung ist die ganze Weltordnung heute post-europäisch. Die Attraktivität des europäischen Models schwindet spürbar in der russischen Gesellschaft. Der Gesellschaftsvertrag, nach dem jede Generation besser dastehen soll als die vorangegangene, hat sich erschöpft. Technologie untergräbt die Mittelschicht – die Säule der Demokratie. Der katastrophale Entwurf eines “Großraum Mittlerer Osten” führt in Verbindung von arabischem Frühling und ISIS zu Terroranschlägen in europäischen Städten und einer unvorhergesehenen Flüchtlingswelle. Hinzu kommen der “Basar der Beleidigungen” in den USA, wie die Financial Times schrieb, und der Brexit.

Die heutige Weltordnung ist post-europäisch.

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Die Stalin-Chruschtschtow-Grenzen, die innerhalb der Sowjetunion gezogen wurden, haben ein territoriales “Minenfeld” hinterlassen. Putin hat den Westen wiederholt gewarnt, dass die Zeit der russischen Zurückhaltung und die Zeit, in der der Westen die Unruhen des postkommunistischen Wandels würde nutzen können, um Russland zu isolieren und zu demütigen, vorbei sind. Im Westen gab es keinen Politiker, dessen Vorstellungskraft ausreichte, um aus konventionellen Denkmustern auszubrechen.

Henry Kissinger hat jüngst eine interessante Frage gestellt: “Ist es der klügste Kurs, Russland unter Druck zu setzen und notfalls sogar zu bestrafen, bis es die westliche Ansicht seiner inneren und globalen Ordnung akzeptiert?”

Die Antwort ist einfach: Es würde zu einer neuen Bipolarität führen. Auf der einen Seite Russland, China, die Mitgliedsstaaten der “Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit”, dazu der Iran, Nordkorea, vielleicht die Türkei, Ägypten, Katar und Südafrika. Auf der anderen Seite die USA, die Nato, Japan, Saudi-Arabien, etc. Die jüngsten US-Sanktionen gegen drei sehr verschiedene Staaten (Nordkorea, Iran, Russland) treiben die Welt in einzigartiger Weise in Richtung dieses angsteinflößenden Szenarios.

Was wäre eine post-europäische Ordnung des 21. Jahrhunderts in einer polyzentrischen und multikulturellen Welt? Das ist offen. Allerdings habe ich Sorgen, dass das Zeitfenster für die Wahl der richtigen Antwort nicht lange geöffnet bleiben wird.

Die vorliegenden Beiträge basieren auf der Teilnahme der beiden Autoren am 165. Bergedorfer Gesprächskreis der Körber-Stiftung, der im Mai 2017 in St. Petersburg stattfand.

 

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Bernhard Keim
    Despotismus und Illiberalismus ist also der Weg des Heils? Na, ich weiss nicht. Es gibt einen schlichten Grund, weshalb es Menschen in Liberalen Gesellschaften besser geht: sie können sich dort frei entfalten.
    Was mit einer Gesellschaft passiert in der wenige fast alles und die meisten fast nichts haben, lässt sich in Russland eigentlich ganz gut studieren. Ein Viertel aller Russen verdienen weniger als den Mindestlohn und der liegt dort nicht bei 8 Euro in der Stunde. Der deutsche Mindestlohn würde einen Russen zu den obersten 10% der Einkommen rechnen. Ich weiss, der Kaufkraftvergleich relativiert vieles, aber eben bestenfalls die Hälfte. Mit 140 Euro im Monat, macht man auch in Russland keine großen Sprünge.

    Wollte man die Besonderheit des russischen Weges charakterisieren so zeichnen ihn massive Korruption, mangelnde Rechtssicherheit und alltägliche Willkür aus. Aber da sich daran nichts ändern soll, verklärt man den Missstand zur Tugend und schimpft auf das liberale Europa.

    Im Ergebnis fällt die russische Wirtschaft und Gesellschaft immer weiter zurück. Neidvoll blickt man auf die früheren Sowjetrepubliken, die sich diesem "verkommenen" Westen angeschlossen haben und bezichtigt sie des Verrats. Woran denn bitte?
  2. von Wolfgang Heubach
    Eine sehr kluge Analyse von Alexander Dynkin.

    Ich teile sie.