Politischer Islam Der Extremismusvorbehalt gegen Muslime hilft nicht

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Vorsitzender, Zentralrat der Muslime in Deutschland

Expertise:

Aiman A. Mazyek ist ein deutscher Medienberater und Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Die Arbeit für die Demokratie, die muslimische Gemeinden seit Jahrzehnten leisten, wird nicht gesehen. Stattdessen werden unbequeme Meinungen und Positionen aus der Öffentlichkeit verbannt. Das ist gefährlich und höchst undemokratisch.

Viele Islamkritiker folgen bis heute dem abenteuerlichen Ansatz, es gebe keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus. Damit diskreditieren sie 1,6 Milliarden Muslime weltweit und eine 1.400 Jahre alte Weltreligion, die große Zivilisationen hervorgebracht hat. Ihr friedliche Kernbotschaft und Praxis sind unbestreitbar und unübersehbar. Die Light-Version dieses Ansatzes, die nun auch zunehmend konservative wie linke Milieus erreicht, ist die vage Formulierung: Islam ja, nicht aber der politische Islam.

Die friedliche Kernbotschaft und Praxis des Islam sind unbestreitbar

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Was immer sich hinter diesem Begriff verbirgt, er bleibt dabei äußerst vage. Das ist auch gewollt, denn so bleibt es das Geschäft und die Interpretationshoheit des Angreifers, der ohne echte Beweise solche Zuschreibungen vornimmt. Meist muss sogar der Betroffene die Beweisumkehrlast auf sich nehmen, um sich des Vorwurfes Anhänger des „Politischen Islams“ zu sein, zu erwehren. Das widerspricht jeder rechtsstaatlichen Idee, passt aber ganz gut in das Stimmungsraster des aktuellen Islamdiskurses, wo immer wieder ein Extremismusvorbehalt gegen Muslime herrscht. Die Narrative liegen dabei auf der Hand: Der sogenannte Islamische Staat,  Al-Kaida, der Terrorismus und  Muslime generell werden alle zusammen als gewaltaffine und rückwärtsgewandte Masse dargestellt.

Es herrscht ein Extremismusvorbehalt gegen Muslime

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Unsere Haltung als Verband ist dabei klar: sich für das Wohl unserer Gesellschaft und für den Frieden hier einsetzen. Wer das tut, der ist bei uns willkommen. Wer sich jedoch dem Islam in Form einer Ideologie nähert, wird bei uns keine Heimat finden. Das ist bekannterweise die Linie des Zentralrates. Wir dulden keine Beeinflussung  einer Ideologie, sei sie religiös oder nationalistisch, sei sie links oder rechts. Moscheen dürfen nicht für Ideologien, Parteien, Bewegungen oder Nationalismen missbraucht werden. Wer das tut, hat mit uns nichts gemein. Die Community weiß, dass wir und ich auch persönlich dafür seit Jahren eintreten. Das Bekenntnis zu den demokratischen Grundprinzipien, zum staatlichen Gewaltmonopol und zur rechtsstaatlichen Ordnung gehört zum Selbstverständnis des Zentralrats der Muslime. Alle Mitglieder haben sich daran zu halten.

Ich habe schon vor einem Jahrzehnt in einem Interview gegenüber der Zeitung „Das Parlament“ gesagt, dass die „Demokratie derzeit die beste Staatsform ist“. Das gilt auch weiterhin. Für mich stellt Demokratie mit ihrer säkularen Ordnung, der organischen Trennung von Staat und Religion und der Möglichkeit, freiheitlich und selbst- und mitbestimmend leben zu können, die beste Staatsform da. Es gibt keine bessere Regierungsform. Ich verstehe mich hierbei als Verfassungspatriot und stehe zu den Werten des Grundgesetzes ohne Einschränkungen. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat das vor mehr vor fast 20 Jahren in einem langen Prozess mit seinen Mitgliedern über die sogenannte „Islamische Charta“ ausgehandelt. Ich bin stolz, damals auch daran mitgewirkt zu haben.

Es sind immer Menschen, die aus einer Religion dieses oder jenes machen

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Es sind immer Menschen, die aus einer Religion dieses oder jenes machen. Es sind aber auch wiederum Menschen, die nicht der Religion angehören, die den politischen Islam für jegliches Übel der Welt verantwortlich machen. Und wer dieser kruden These widerspricht, dem wird mit dem Totschlagargument begegnet, die wahren Absichten würden nur verheimlicht. Die Arbeit, die muslimische Gemeinden dabei seit Jahrzehnten leisten, zählt dabei nicht. Es zählen nicht die unzähligen Beteiligungen und eigenen Veranstaltungen zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft und Demokratie, es zählen nicht die die vielen Arbeiten im Bereich der Extremismusprävention, der Dialog und die Aufklärung in den Moscheen oder die seelsorgerische Begleitung für Tausende von Gläubigen jeden Tag.

Wenn dieses Bekenntnis in Wort und Tat – und zwar proaktiv durch Hunderte von Projekten und Aktivitäten -  bei einigen nichts mehr gilt, dann ist dies höchst besorgniserregend. Das ist nichts anderes, als unbequeme Meinungen und Positionen aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Dies ist gefährlich und höchst undemokratisch.

Debatten wie im Falle des „Politischen Islam“ sorgen dafür, dass der Dialog mit Muslimen immer schwieriger werden

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Debatten wie im Falle des „Politischen Islam“ sorgen dafür, dass der Dialog mit Muslimen und islamischen Religionsgemeinschaften immer schwieriger werden. Inzwischen scheuen Politiker, Behörden und gesellschaftliche Gruppen sich davor, auf Vertreter des Islam zuzugehen - aus Sorge, von Boulevardmedien und Rechtspopulisten als Terrorversteher gebrandmarkt zu werden.

Ich appelliere an alle Seiten zum fairen, demokratischen Umgang und rufen dazu auf, eine faire Auseinandersetzung mit unserer Arbeit zu führen. Dies erreicht man insbesondere durch Dialog und Gespräch miteinander und nicht übereinander. Mit Pauschalverdächtigungen sowie vagen und verdachtsbekräftigenden Vorbehalten gegenüber einem „Politischen Islam“ erreicht man höchstens die Hardliner auf beiden Seiten. Deren hasserfüllte Mitläufer sehen damit dann ihr geschlossenes Weltbild bestätigt.

5 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Hara Winkler
    "Viele Islamkritiker folgen bis heute dem abenteuerlichen Ansatz, es gebe keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus. Damit diskreditieren sie 1,6 Milliarden Muslime weltweit ..."

    Islam und Islamismus gleichzusetzen, das ist natürlich Unsinn. Aber wovor Herr Mazyek hier geschickt abzulenken versucht ist, dass sowohl Islam als auch Islamismus aus der selben Quelle schöpfen, dem Koran. Zudem keine scharfe Grenze zwischen Islam und Islamismus existiert, die Übergänge fließend sind, eine Abgrenzung immer willkürlich sein muss.

    Was nun der Begriff "politischer Islam" betrifft, so meint das wohl etwa soviel wie: Islamismus ohne Terror, oder den Islam wie praktiziert in Iran oder in Saudi-Arabien. Darüber weiter zu diskutieren erübrigt sich wohl, weil irrelevant für unser demokratisches Gemeinwesen.

    Mazyeks Argumentation, der Islam sei eine Weltreligion und hätte große Zivilisationen hervorgebracht und sei deshalb eine Religion des Friedens, ist schlicht geschichtsfälschend, denn die Verbreitung des Islam erfolgte vornehmlich mit Gewalt. Und auch die "großen Zivilisationen" haben mit Demokratie nicht viel zu tun.

    Das Problem der deutschen und europäischen Muslime ist, dass sie ein Problem mit der Abgrenzung zum "politischen Islam" haben, denn sie beziehen sich beide auf den Koran.

    Christen und Muslime können und sollen debattieren und diskutieren soviel sie wollen, nur aus der Politik sollten sie die Religionen heraushalte, denn das schafft Ungemach.
  2. von Tobias Schneider
    Ich würde mal empfehlen nach dem Artikel ,,Es gibt keinen marktkonformen Islam" zu googeln bzw. hier den Artikel zu lesen (den Link poste ich ganz unten meines Kommentars) da es erstens nie schadet verschiedene Sichtweisen miteinander zu vergleichen und zweitens zu wissen, worum es wirklich geht bzw. was das eigentliche Problem ist...
    Genauso wie eine ECHTE Demokratie nicht marktkonform sein kann, kann auch der Islam nicht marktkonform sein

    Dieser Artikel soll einmal dazu anregen, sich intensiver und unabhängig von der marktkonformen Propaganda mit der Thematik zu beschäftigen:

    http://www.muslim-markt-forum.de/t1657f2-Es-gibt-keinen-marktkonformen-Islam-oder-Warum-der-Islam-die-einzig-verbliebene-Befreiungschance-fuer-Deutschland-ist.html
  3. Bild von Bolko Bartsch
    Autor
    Bolko Bartsch, Bolko Bartsch ist seit vielen Jahren aktives Mitglied der Tagesspiegel Community. Community-Manager schätzen ihn für seinen Diskussionsstil.
    Lieber Herr Mazyek,

    halte es für sinnvoll, immer wieder die Gemeinsamkeiten von Judentum, Christentum und Islam zu erklären.

    Alle Drei besitzen ein gemeinsames Grundethos, den man im jüdisch-christlichen Dekalog (Ex 20,1 - 21) und dem islamischen Pflichtenkodex (Sure 17,22 - 38) nachlesen kann.

    Ausschnitte:
    Judentum + Christentum: Islam:
    Ich bin der Herr, dein Gott Im Namen des
    barmherzigen und
    gnädigen Gottes.

    Du sollst keine anderen Götter Setz nicht (dem einen) Gott
    neben mir haben. einen anderen zur Seite.

    Du sollst nicht töten. Und tötet nicht eure Kinder
    aus Furcht vor
    Verarmung!...Und tötet
    niemanden, den (zu töten)
    Gott verboten hat.

    PS: NIcht so bescheiden, es wird wohl 1,6 Milliarden Muslime auf dieser Erde geben, nicht nur 1,6 Millionen.

    Und dass die überwältigende Mehrheit aller Muslime weltweit im weiten Rahmen ihrer religiösen Glaubenssätze und Verrichtungen selbst entscheiden, was sie über weltliche Dinge denken und wie sie ihr Leben führen, sollte auch immer wieder betont werden.

    Im Gegensatz dazu schaffen sich einige der islamischen fundamantalistischen Bewegungen ein eigenes Territorium, eine gesellschaftliche Vision und eine politische Anschauung, in der der Westen eine ungeheure negative, aber zentrale Rolle spielt.

    (Quellen: Hans Küng und Amartya Sen)

    Einem großen Teil unserer Bevölkerung in Deutschland ihre politische Existenzberechtigung abzusprechen, unter anderem da sie Muslime sind, das muss sehr sorgfältig thematisiert werden.

    1. Bild von Bolko Bartsch
      Autor
      Bolko Bartsch, Bolko Bartsch ist seit vielen Jahren aktives Mitglied der Tagesspiegel Community. Community-Manager schätzen ihn für seinen Diskussionsstil.
      Antwort auf den Beitrag von Bolko Bartsch 04.03.2019, 19:12:16
      PS: Leider verrutsche die Gegenüberstellung zu dem jüdisch-christlichen Dekalog und dem islamischen Pflichtkodex.
    2. Bild von Bolko Bartsch
      Autor
      Bolko Bartsch, Bolko Bartsch ist seit vielen Jahren aktives Mitglied der Tagesspiegel Community. Community-Manager schätzen ihn für seinen Diskussionsstil.
      Antwort auf den Beitrag von Bolko Bartsch 04.03.2019, 19:14:06
      Hier nochmals eine lesbare Gegenüberstellung zum Grundethos von Juden- und Christentum (Ex 20,1-21 (JC)) vom Islam in der Sure 17, 22 - 38 (I):

      JC: "Ich bin der Herr, dein Gott"
      I: "Im Namen des barmherzigen und gnädigen
      Gottes."

      JC: "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben."
      I: "Setz nicht (dem einen) Gott einen anderen Gott zur
      Seite."

      JC: "Du solltest dir kein Gottesbild machen. Du sollst den
      Namen des Herrn, deines Gottes, nicht
      missbrauchen."
      I: "Und dein Herr hat bestimmt, dass ihr ihm allein
      dienen sollt."

      JC: "Ehre deinen Vater und deine Mutter."
      I: "Und zu den Eltern (sollst du) gut sein. Und gib dem
      Verwandten, was ihm zusteht, ebenso dem Armen
      und dem, der unterwegs ist."

      JC: "Du sollst nicht töten."
      I: "Und tötet nicht eure Kinder aus Furcht vor
      Verarmung!...Und tötet niemand, den (zu töten) Gott
      verboten hat."

      JC: "Du sollst nicht ehebrechen."
      I: "Und lasst euch nicht auf Unzucht ein."

      JC: "Du sollst nicht stehlen."
      I: "Und tastet das Vermögen der Waise nicht an."

      JC: "Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deines
      Nächsten."
      I: "Und erfüllt die Verpflichtung (die ihr eingeht).

      JC: "Du sollst nicht begehren nach dem Hause deines
      Nächsten."
      I: "Und gebt, wenn ihr zumesst, volles Maß und wägt
      mit der richtigen Waage! Und geht nicht einer Sache
      nach, von der du kein Wissen hast!"

      JC: "Du sollst nicht begehren nach dem Weibe deines
      Nächsten, nach seinem Sklaven oder Sklavin, nach
      seinem Rinde oder seinem Esel, nach irgendetwas,
      was dein Nächster ist."
      I: "Und schreite nicht ausgelassen auf der Erde
      einher!"

      Man sieht auffällig viele Parallelen zu den "Zehn Geboten".

      (Quelle:Hans Küng "Der Islam", Piper 2004)