Extremismusbekämpfung bei Jugendlichen Sicherheitspolitische Anstrengungen können das Denken der Menschen nicht verändern

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Geschäftsführer, Violence Prevention Network e.V.

Expertise:

Thomas Mücke ist Dipl.-Pädagoge und Dipl.-Politologe. Zusammen mit Judy Korn ist Thomas Mücke Mitbegründer und Geschäftsführer von Violence Prevention Network, das Beratungsstellen zu religiös begründetem Extremismus u. a. in Berlin, Stuttgart, München und Frankfurt unterhält. Als Dozent, Referent und Coach arbeitet er bundesweit zu Methoden der Antigewaltarbeit, Konfliktmanagement, Jugendarbeit, Straßensozialarbeit, Islamismus und Rechtsextremismus.

Extremismusbekämpfung kann langfristig nicht auf Verbote, sondern nur auf Dialog aufbauen. Wir müssen auf die Probleme junger Menschen früher reagieren als die Extremisten, um sie vor diesen zu schützen. 

Es wurde Zeit, die extremistische Vereinigung „Die wahre Religion“ zu verbieten. Die umstrittenen Koranverteilungen waren ein Einfallstor für verbrecherische Rekrutierungen, die letztlich auch zur Unterstützung der Terrororganisation „IS“ und damit zu zahlreichen Toten führten. Staatliches Handeln ist notwendig, wenn es darum geht, Religionen und Religionsfreiheit zu schützen, wenn Kindeswohlgefährdung vorliegt, wenn Gewaltverbrechen hier und anderswo Leben gefährdet. Politische Extremisten sind im Kern antireligiös, denn sie handeln gegen jeglichen religiösen und humanistischen Wert. Sie instrumentalisieren und missbrauchen Religionen, um ihre menschenverachtenden Hassideologien durch eine religiöse Fassade zu verbreitern. Wir leben in einer religionsoffenen und pluralistischen Gesellschaft, und dürfen Extremisten, Hass und Gewalt keine Chance lassen.

Verbote schwächen das Rekrutierungspotential von Extremisten nur kurz

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Verbote von extremistischen Vereinigungen stören deren operatives Vorgehen und tragen zur Verunsicherung der Szene bei. Für einen Moment wird das Rekrutierungspotential geschwächt. Doch die extremistische Szene organisiert sich immer wieder neu. Daher kann repressives Handeln nur dann nachhaltig sein, wenn es durch präventive Maßnahmen und zivilgesellschaftliches Engagement begleitet wird. Wir dürfen es nicht zulassen, dass Extremisten junge Menschen zum Hass verführen. Hierzu reichen Verbote nicht aus. Doch wie geht man mit den jungen Menschen um, die sich dem Extremismus zugewandt haben?

Jeder Familie kann es passieren, dass ihr Kind den Seelenfängern verfällt 

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Es ist wichtig und möglich, mit diesen jungen Menschen zu arbeiten, auf sie zuzugehen, statt sich abzuwenden, mit ihnen zu sprechen, sie selbst erzählen zu lassen, statt nur über sie zu debattieren. Wenn wir mit den gefährdeten Jugendlichen nicht mehr reden, werden es die Extremisten tun. Die Identitätskrisen und die Labilität dieser jungen Menschen müssen wir ernstnehmen. Es sind Kinder aus unserer Gesellschaft, die sich in unserer Gesellschaft radikalisiert haben, und in unserer Gesellschaft müssen wir dieses Problem auch wieder lösen. Jede Familie kann betroffen sein. Es sind nicht nur die jungen Menschen aus prekären Lebensverhältnissen. Das Spektrum der Beratungsfälle zeigt: Jeder Familie kann es passieren, dass ihr Kind den Seelenfängern verfällt.

Sicherheitspolitische Anstrengungen können das Denken der Menschen nicht verändern

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Lange reagierte die Politik in Deutschland eher einseitig auf dieses Phänomen des Extremismus. Die Angst vor Anschlägen führte zu einem erhöhten Sicherheitsdenken, für präventive Maßnahmen fehlte oft die notwendige Unterstützung. Aber sicherheitspolitische Anstrengungen alleine reichen nicht aus, denn sie können das Denken der Menschen nicht verändern. Niemandem ist geholfen, wenn Wegsehen und Wegsperren die einzigen Reaktionen auf Radikalisierung sind – weder den Jugendlichen noch der Gesellschaft insgesamt. Wir müssen versuchen zu verstehen, was in jungen Menschen vorgeht, die bereit sind, sich im Extremismus und im Terror selbst aufzugeben, und wir müssen sie auf einem Weg jenseits von Gewalt und Hass unterstützen. Nur so kann es gelingen, sie aus dem extremistischen Milieu wieder herauszuführen und sie in die Gesellschaft zurückzuholen.

Deutschland hat langjährige und erfolgreiche Erfahrung mit radikalisierten Jugendlichen

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Durch die langjährige Erfahrung mit radikalisierten Jugendlichen gibt es in Deutschland bereits gute und nachhaltige Konzepte, um mit extremistischen Gefährdungen junger Menschen umzugehen. Da sind die Angehörigen-Beratung und die präventiven Bildungsangebote, die aufsuchende Arbeit mit den gefährdeten jungen Menschen und die Arbeit im Strafvollzug und last but not least die Ausstiegsbegleitung. Zahlreiche junge Menschen konnten so an lebensgefährlichen Ausreisen in die Kriegsgebiete gehindert werden, viele – auch RückkehrerInnen – konnten wieder in die Gesellschaft integriert werden. Wir haben in den letzten Jahren viel Wissen angesammelt, welche Maßnahmen tatsächlich wirksam sind. Jetzt müssen diese Angebote breit umgesetzt werden.

 

Nach den Terroranschlägen in Europa haben die meisten Bundesländer eigene Programme implementiert; verschiedene Bundesministerien fördern ebenfalls vermehrt Projekte zur Extremismus-Prävention. Es hat sich einiges getan, und dieser Weg muss weiter beschritten werden. Aber die Beratungsstellen sind noch nicht ausreichend finanziell ausgestattet. Die Zahl der Beratungsfälle ist hoch, die der Berater und Beraterinnen im Vergleich immer noch gering. Die Präventions- und Beratungsangebote sind nicht verstetigt. Gerade in Berlin zeigt sich diese Situation. Bisherige Präventionsangebote, besonders im schulischen Bereich, sind für das nächste Jahr nicht abgesichert. Es ist aber von großer Bedeutung, in der Schule mit jungen Menschen über pseudo-religiös begründeten Extremismus zu reden. Ihr Wissen über den Islam muss genauso erweitert werden, wie das über Extremismus und Rekrutierungsstrategien. Gleichzeitig geht es darum, mit den Jugendlichen Handlungsstrategien zu erarbeiten, wenn sie feststellen, dass sich andere in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis radikalisieren. Es ist wichtig, Distanzfähigkeit zum Extremismus zu stärken. So stehen sie den Rekrutierungs- und Manipulationsbemühungen der Szene nicht ohnmächtig, sondern kritisch gegenüber.

 

Die neue Regierung in Berlin wird daran zu messen sein, ob sie die bisherigen Beratungs- und Präventionsangebote in Berlin zumindest aufrechterhält. Wenn nicht, werden betroffene junge Menschen schnell wieder in die Fänge extremistischer Rattenfänger geraten. Extremismusabwehr hat langfristig nur dann eine Chance, wenn wir jungen Menschen einerseits Vorbilder für ein tolerantes Zusammenleben geben und sie andererseits gegen extremistische Verführer stärken und schützen - nicht nur durch Verbote extremistischer Organisationen, sondern indem wir auf die Probleme junger Menschen früher reagieren als die Extremisten.

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