Familiennachzug lebensnah Integration braucht Familie

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Zoya Mahfoud studierte in Damaskus Journalismus und arbeitete für Magazine und Zeitungen. Sie lebt seit 2016 in Deutschland und arbeitet hier als freie Journalistin.

Unsere Autorin kam aus Syrien nach Deutschland. In ihrem Zwischenruf fragt sie, was für die Integration nötig ist - und kommt dabei schnell auf die Familie. Wir schaffen das? Ohne Familie ist das kaum möglich.

Ja, doch, Integration ist wichtig. Um Integration zu erreichen, muss die Grundbedingung erfüllt sein: die Sprache. Um die Sprache sprechen zu können, müssen wir uns in die Gesellschaft integrieren. Und um das tun zu können, brauchen wir als Wichtigstes: unsere Familie, unsere kleine Kernfamilie

Es ist ein schwieriges  Dilemma.

Und über den Familiennachzug wird mit einer Wildheit eines fanatischen Fußballspiels gekämpft. Jürgen Trittin von den Grünen sagte, die Verhinderung der Zusammenführung von Flüchtlingsfamilien sei "eine Verleugnung christlicher Werte". Das stehe allen Bemühungen um die Integration von Flüchtlingen in Deutschland entgegen. Die Vorschläge der FDP zum Nachzug von Familien mit subsidiärem Schutz  in Einzelfällen oder mit ausreichendem Einkommen sind dagegen inakzeptabel und unlogisch. Sie bedeuten, dass Flüchtlinge warten sollen, bis sie perfekt Deutsch sprechen und dann in den Arbeitsmarkt eintreten. Wir wissen sehr wohl, dass eine große Zahl von Flüchtlingen aus dem Syrienkrieg ohne ihre Familien geflohen sind, weil sie wussten, dass dies viel Geld kostet. Die meisten syrischen Familien waren finanziell nicht in der Lage, zusammen zu fliehen.

CDU und CSU hatten sich darauf geeinigt, dass die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, 200 000 im Jahr nicht überschreiten sollte. Auch die Aussetzung der Familienzusammenführung von Flüchtlingen  mit subsidiären Schutzrechten und die Erweiterung der Liste der als sicher eingestuften Länder gehört zum Maßnahmenkatalog der Union. Aber das ist eine Verletzung der grundlegenden menschlichen Rechte. Und stellt nicht gerade die deutsche Verfassung Familien unter besonderen Schutz?

Ich habe einen Freund gefragt, wie es sich in Deutschland ohne seine Familie und seine Kinder lebe, wie er sich da integrieren könne. Er hat mir geantwortet,er integriere sich so sehr, dass er Integration schätzen gelernt habe, ja, dass er und die Integration Freunde geworden seien: „Glaub mir, gestern bin ich zur Schule gegangen, ich habe mit der Lehrerin  ein bisschen gesprochen  ,Wie geht es dir' und solche Sachen.  Ich habe sonst niemanden, mit dem ich Deutsch reden kann. Wenn ich zum Markt gehe, ist es leider nicht wie bei uns in Syrien, wo wir mit dem Verkäufer Gespräche am Rande führen.Wenn ich meinen sechsjährigen Sohn in Syrien anrufe, sagt er mir auf Deutsch: ,Bis bald in Berlin.' Meine  Frau sagt mir, er sei sehr glücklich, lerne Briefe auf deutsch zu schreiben und warte darauf, dich bald zu sehen. Am Ende sagt mir meiner Frau immer: ,Wir schaffen das.'"

Wir schaffen das, hat Angela Merkel gesagt hat. Seither ist einiges passiert. Die Gespräche ändern sich, die Vorstellungen der Flüchtlinge ändern sich und die Asylpolitik ändert sich auch. Meine Familie interessiert sich für mich. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass es eben nur meine Familie ist. Ich brauche meine Familie daher. Ohne Familie lässt es sich schwer integrieren, ohne Familie schaffen wir das einfach nicht.

Nach der Schule gehe ich in einen Laden. Wenn man ein Mitglied in der deutschen Gesellschaft ist, muss man auch einkaufen, das ist wichtig für die Integration, wie zum Beispiel einen Rucksack zu tragen oder eine große Tasche über der Schulter oder Fahrrad zu fahren. Und man darf hier nicht vergessen, leere Flaschen zurückzugeben. Auch das versuche ich, glaub mir, ich versuche alles, um mich integrieren zu können.

Abends, wenn ich nach Hause komme, und wie jeden Tag einsam, einfach nur einsam bin, surfe ich im Internet, und schaue was es Neues zur Integration gibt. Mein Nachbar, der einen sehr netten Hund hat, sagt zu mir: "Der Hund ist sehr nett und liebevoll. Versuchen Sie ihn zu streicheln. Er weiß, wem er vertrauen kann und wen er gern hat." Für eine Minute denke ich, er mag es wissen, aber wir wissen immer noch nicht, wer uns gern hat und wem wir vertrauen können. Dabei ist doch auch das wichtig für die Integration.

Wenn nun mein Nachbar in Urlaub fährt, passe ich auf seinen Hund auf. Sein Hund ist wunderbar, ein wirklich freundliches Wesen, wir verbringen den ganzen Tag miteinander. Ich habe schließlich einen Freund gefunden, aber leider spricht er nicht. Doch wenn ich ihm sage, er solle sich hinsetzen, setzt er sich. Und wir spielen zusammen. Es ist toll, eine Familie zu haben.

 Mein Nachbar sagte mir, dass ich mich hier in Deutschland schnell integrieren werde. 

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Sonja Menzel
    Wir lesen immer über diese positiven Beispiele. Ich würde sofort unterzeichnen, dass die Ehefrau und das Kind dieses Mannes kommen dürfen. Aber, bedauerlicherweise zeichnet sich jetzt schon das ab, was wir über Jahre mit Gastarbeitern erlebte: Die Mehrheit bildet Parallelgesellschaften; 40 Jahre in unserem Land und sie können so gut wie kein Wort Deutsch. Ihre Frauen ohnehin nicht. Ja, auch von denen gibt es einige, die sich super integriert haben. Aber, auch hier gibt es viele Nachkommen, die so radebrechend unsere Sprache können, dass ich die Lehrer bewundere, die das aushalten (müssen). Wenn wir ehrlich sind, wissen wir: Wer Geld hat zieht in Berlin aus den Gegenden weg, wo seine Kinder keine Chancen mehr haben, weil sie unsere Sprache nicht mehr lernen. In Kitas wird soviel sprachlich durcheinandergesprochen. Es ist eine Katastrophe, die sich in vielen Schulen fortsetzt. Ich gehöre zu einer Familie, aus der 1934 ausgewandert (geflohen) wurde nach Argentinien, Australien, Kanada. Und einige sogar noch in den 50er Jahren. Eines hörte u. höre ich bis heute: Niemand half uns, von Kirchen bekamen wir Essen, als Erstes Wörterbuch und büffeln Tag und Nacht. Das Wichtigste ist die Sprache. Nur so war Überleben möglich, ein neues Leben aufbauen. Und heute u. hier: Es ist überhaupt nicht notwendig, ein Wort Deutsch zu können - staatliche Rundumversorgung ist auf jeden Fall bis ans Grab garantiert. Und dieses Dilemma vor dem Hintergrund einer bisher in den letzten Jahrzehnten in keinem Land vorhandenen Massenzuwanderung, wird sich verschärfen. Es fehlt völlig der Anreiz, sich wirklich integrieren zu müssen. Vielleicht wäre die Lösung: Mindestens Sprachniveau C 1 oder höher nachweisen als Voraussetzung für ein dauerhaftes Bleiberecht u. 5 Jahre sozialpflichtversicherte Tätigkeiten. Wer in 10 Jahren nicht die Voraussetzungen für eine Einbürgerung erhält (Sprachniveau hoch ansetzen!), muss zurückkehren. Ich befürchte: Es wird weiter weggeschaut. Die braune Brühe wird befüllt.
  2. von Uwe R.
    Mit der eigenen Familie fühlt man sich schneller heimisch, weil die eigene Familie die Heimat mitbringt. Das aber ist eine andere Heimat als die deutsche.

    Die Erfahrung aus 55 Jahren Familiennachzug für Kontraktarbeiter ("Gastarbeiter") zeigt eben genau, dass viele Menschen sich nicht in unsere Gesellschaft einfügten (integrierten) und so Teil von uns wurden, sondern dass sie zunehmend Parallelgesellschaften bildeten.

  3. von Harald Mertes
    Bevor man die Frage nach der Integration stellt, muss man klären, wer da überhaupt zu uns kommen will.

    Da gibt es zum einen die Einwanderer, die dauerhaft bei uns bleiben wollen. Sie sollten eine für uns wertvolle Qualifikation mitbringen, um sich bei uns selbst versorgen zu können und auch einen Nutzen für das Gemeinwesen zu erbringen. Diese sollten möglichst schnell einschließlich ihrer Familien integriert werden. Leider fehlt in Deutschland ein entsprechendes Gesetz, das das wie in Kanada oder Australien regelt.

    Da gibt es dann noch die „Flüchtlinge“. Das sind zum einen politisch Verfolgte, die nach Art. 16a GG Anspruch auf Asyl haben. Zum andern gibt es Kriegsflüchtlinge, die sich auf die Genfer Flüchtlingskonvention berufen. Beiden kommen in den seltensten Fällen aus der Gefahrenzone, sondern reisen durch mehrere Länder, wo ihnen weder Gefahr noch Verfolgung drohen. Inwieweit sie also wirklich hier diese Rechte beanspruchen dürfen, ist eine Frage, die man hierzulande nicht einmal stellen darf.

    Ebenso unerwünscht ist die Frage, ob sie das Recht auf Aufenthalt auch dann haben, wenn im Heimatland keine Gefahr mehr droht. Rein vom Gesetz her müssten sie dann möglichst zügig wieder in ihrer Heimatländer zurückkehren. In diesem klaren Fall ist eine Integration nicht gewünscht. Ebenso wenig kann dann auch ein Nachzug der Familie gewünscht sein. Das ist eine einfache Logik. Konterkariert wird das durch ein absolut unfähiges Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das diese Verhältnisse nur im Ausnahmefall überprüft. Faktisch wird massenhaft das Gesetz gebrochen, sodass es in der Regel hinaus läuft auf: wer einmal da ist, darf für immer bleiben. Das macht Deutschland für alle zu Hause Gescheiterten so attraktiv.

    Das Problem sind die von der CDU verschuldete unterbliebene Regelung der Einwanderung wie auch das beharrliche Vollzugsdefizit bei zeitlich befristetem Schutz aufgrund internationaler Regelungen, was zulasten des deutschen Steurzahlers geht.