Interview: Was ist von Macron zu erwarten? "Macron ist ein Kompromiss-Präsident"

Bild von Cyril  Graziani
Journalist

Expertise:

Cyril Graziani ist Politik-Reporter bei France Inter.

Emmanuel Macron zieht in den Élysée-Palast ein. Was den neuen Präsidenten nun erwartet und wie er von der Bundestagswahl profitiert, erklärt der französische Journalist Cyril Graziani im Interview.

Monsieur Graziani, Emmanuel Macron wurde mit 66% der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Trotzdem kann von einem triumphalen Sieg nicht die Rede sein, oder?
Nein, das Resultat trügt. Macron hatte die komplette Zustimmung der Konservativen und Sozialisten, weil sie eine Präsidentin Le Pen verhindern wollten. Diese Zustimmung ist ihm aber nicht sicher. Schon bei den anstehen Parlamentswahlen kann das Resultat ganz anders aussehen. Vier Millionen Franzosen haben sich ihrer Stimme enthalten, die Wahlbeteiligung war historisch niedrig – das sind keine Zeichen der Unterstützung.

Macron ist mehr Kompromiss- als Wunsch-Präsident?
Absolut. Er ist ein Kompromiss-Präsident, der aber selber keine Kompromisse eingehen will. Bei den Parlamentswahlen wird sich zeigen, ob er eine Mehrheit hinter sich vereinen kann. Ich bin da skeptisch. Die Wahl gestern hat noch nichts entschieden. Man muss sich vor Augen führen, dass über 10 Millionen Franzosen Marine Le Pen als Präsidentin wollen -katastrophal! Das muss einem zu denken geben. Die Herausforderungen für Macron kommen erst noch. Wenn er keine Mehrheit bei den Parlamentswahlen gewinnt, sind ihm die Hände gebunden. Dann wird das Regieren fast unmöglich.

Macron ist nur ein Kompromiss-Präsident

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Nach der Wahl atmet Europa auf. Kann das Wahlergebnis tatsächlich als pro-europäisches Bekenntnis verstanden werden?
Wir müssen uns vor Augen führen, dass im ersten Wahlgang die Hälfte der Wähler Kandidaten mit einem anti-europäischen Kurs gewählt haben. Präsident Hollande hat im Vorfeld der Wahl gesagt, dass Frankreich sich für oder gegen Europa entscheiden wird. Die Wähler haben sich glücklicherweise für Europa entschieden. Macron gab sich von  Anfang an als Kandidat Europas zu erkennen. In einem Land, in dem die Euroskepsis groß ist, ist das eine mutige Entscheidung.

Macron bewies Mut sich als Kandidat Europas zu präsentieren.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Macron will die schwache Wirtschaft des Landes umkrempeln – eine Mission, die seinen Vorgängern nie gelang. Wie schätzen Sie seine Chancen ein?
Das wird sich schnell zeigen. Er will vor allem Änderungen am Arbeitsmarkt vornehmen, ohne das Parlament darüber entscheiden zu lassen. Dazu muss er sich allerdings erst gegen die Gewerkschaften behaupten können.

Le Pen wurde aus Überzeugung gewählt, Macron aus Not.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Würde ein Scheitern von Macron dem Front National zu noch mehr Zustimmung verhelfen?
Davon ist auszugehen. Allerdings muss sich Marine Le Pen jetzt innerhalb der Partei beweisen. Nach der Wahl wird es bestimmt Stimmen geben, die ihren Rücktritt fordern oder sich eine strengere und radikalere Linie wünschen. Ihre schärfste Konkurrentin ist ihre Nichte Marion Maréchal – Le Pen. Was man aber nicht vergessen darf: Le Pen wurde bei dieser Wahl aus Überzeugung gewählt, Macron aus Not.

Was kann Europa sich vom frischgewählten Präsidenten erwarten?
Da sollte man vorsichtig sein. Hollande trat damals mit viel Elan und großen Versprechen an, die sich später als viel warme Luft erwiesen. Ich kann noch nicht absehen, wie viel Einfluss Macron auf Europa nehmen kann. Das hängt auch von der Bundestagswahl ab. Angela Merkel wird sich die nächsten Monate vielleicht mehr auf den Wahlkampf fokussieren, was Macron etwas Freiraum verschafft.

Angela Merkels Wahlkampf kann Macron Freiraum innerhalb der EU schenken.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Wie glaubfast ist die Erneuerung der französischen Politik, die Macron vorantreibt?
Macron hat sich als politische Jungfrau inszeniert, dabei gehört er zu dem Politikbetrieb, den er jetzt reformieren will. Macron ist der Mann hinter Hollandes Wirtschaftspolitik. Es ist ihm aber gelungen, sich davon zu distanzieren. Ich habe aber meine Zweifel, dass ihm das auch weiterhin gelingt. Seine Vergangenheit wird ihn einholen.  

 

 

 

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.