Europa und Atomwaffen Nukleare Aufrüstung ist nicht praktikabel 

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Wissenschaftler Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Christian Stock ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für internationale Beziehungen und europäische Politik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er promovierte im Jahr 2016. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Vereinten Nationen, sicherheitspolitische Fragestellungen und der Wandel des Multilateralismus.

Die nukleare Aufrüstung in Europa würde lange dauern und die  Wirtschaft schwer belasten. Zudem geht keine so große Gefahr von Putin aus, wie angenommen. Andere Lösungen zur Abwehr sind deutlich effektiver. 

Der Tabubruch hat ungebrochene Hochkonjunktur. Die Welt scheint sich nach "echten" Wahrheiten zu sehnen, die sich vorher niemand getraut hat auszusprechen. Besonders beliebt sind solche vorgeblichen Wahrheiten, die anscheinend deshalb vor der Bevölkerung verborgen werden, weil man ihr es nicht zutraut, den harten Realitäten ins Auge zu sehen.

Solche Wahrheiten mag es durchaus geben. Bisweilen ist der Grund für die "Unterschlagung" bestimmter Themen oder Argumente aber schlichtweg, dass sie unsinnig sind. Hierzu zählt der lautstark geäußerte Gedanke, Deutschland oder Europa müssten über eine eigenständige Nuklearbewaffnung nachdenken, um die womöglich nicht mehr unbedingte Bündnistreue der USA auszugleichen. Prominent hat dies vor einigen Wochen die graue Eminenz der polnischen Politik, Jaroslaw Kaczynski, gefordert. Aber auch in der Wissenschaft haben sich Einzelne bereits entsprechend geäußert.

Man kann sich dagegen mit historischen oder moralischen Argumenten wenden oder sich, wie Jakob Augstein im Spiegel, empört gegen die Rationalität atomarer Abschreckung in die Brust werfen und den „Dr.-Seltsam-Wahnsinn der nuklearen Spieltheorie“ anprangern. Damit wird man aber zumindest jene bestätigen, die alle Atomwaffengegner für realitätsferne Weicheier halten.

Die nukleare Aufrüstung wäre praktisch nur sehr schwer zu bewältigen.

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Sinnvoller wäre es, zu fragen, wie das eigentlich konkret ablaufen sollte: die eigene nukleare Aufrüstung. Lassen wir rechtliche Hürden für einen Moment beiseite (in den Augen raubeiniger Realisten ohnehin nur eine Stütze für Schwächlinge) und konzentrieren uns auf die praktischen Herausforderungen. Zunächst muss man sich fragen, wie man abschrecken will – die Theorie kennt hier die "Abschreckung durch Verwehren" oder die "Abschreckung durch Bestrafung". Im ersten Fall reduziert man die Handlungsmöglichkeiten des Gegners, im zweiten Fall ist er prinzipiell in der Wahl seiner Mittel frei, muss jedoch damit rechnen, dass die (politischen) Kosten immens wären.

Werkzeuge beider Strategien wären zum Beispiel eine wirksame Raketenabwehr im ersten und ein glaubwürdiges Zweitschlagspotenzial im letzteren Fall. Da Russland im Unterschied zum Beispiel zu Nordkorea nicht über ein paar, sondern ein paar tausend Nuklearsprengköpfe verfügt, scheidet die erste Option aus. Bleibt also nur ein glaubwürdiges Zweitschlagspotenzial. Dafür braucht man aber erstens Trägersysteme, die relativ sicher vor schneller Vernichtung sind (in der Regel mit Atomwaffen bestückte U-Boote) – und eine ganze Menge Atomwaffen. Während zumindest eine europäische Nuklearmacht auf eine Handvoll französischer und vielleicht sogar britischer U-Boote zurückgreifen könnte, hapert es an der Anzahl nuklearer Sprengköpfe: Im Januar 2016 stand das Verhältnis Europa–Russland bei 515 zu 7.290.

Die nukleare Aufrüstung würde die europäische Wirtschaft massiv belasten.

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Unabhängig davon, dass die Kosten einer Aufrüstung selbst die europäische Wirtschaft massiv belasten würden, kann man nicht einfach so auf nukleare Shoppingtour gehen. Atomwaffen gibt es nicht von der Stange. Sie müssten wohl erst entwickelt und übrigens auch getestet werden, sofern man nicht ähnlich wie die Briten bei den USA bestehende Waffenysteme kaufen könnte. Die Produktionszahlen hierfür sind jedoch derzeit im niedrigen zweistelligen Bereich pro Jahr und können nicht beliebig hochgefahren werden.

Eine nukleare Aufrüstung würde viel zu lange dauern, Russland würde bereits davor reagieren.

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Lassen wir abschließend naheliegende finanzielle, rechtliche, militärische und politische Einwände gegen ein solches Unterfangen bei Seite und schauen nach Russland. Wie auch immer sich Putin oder seine Nachfolger entscheiden würden zu reagieren: sie hätten ziemlich viel Zeit für ihre Antwort. Wenn Russland wirklich bereit zu solch gefährlichen Schritten sein sollte, dass es uns als Grund für eine eigene nukleare Bewaffnung überzeugt, dann würde uns ein derart aggressiver Gegner wahrscheinlich (militärisch?) in den Arm fallen, bevor wir das nukleare Gleichgewicht hergestellt hätten. Ist Russland aber nicht so gefährlich oder sitzt langfristig gar aufgrund seiner prekären wirtschaftlichen Lage am kürzeren Hebel, dann sollten wir Europäer uns nicht auf eines jener wenigen Spielfelder begeben, wo Putins Russland die Oberhand hat und diese verteidigen kann.

Putin kann nicht mit realen nuklearen Schlägen drohen.

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Außerdem: Russland ist nicht Nordkorea. Das gilt sowohl für die Qualität der Bedrohung, als auch für die allseits erwartete Verantwortlichkeit. Putin mag phasenweise in der internationalen Politik herumstreifen wie ein Halbstarker, er ist aber wohl kaum ein Amokläufer. Mit anderen Worten: Russland kann die nukleare Karte nicht so hemmungslos spielen, dass sie wirklich eine reale Bedrohung wäre. Und selbst wenn, dann nicht, ohne die USA zurück ins Spiel zu zwingen. Egal, wie weit sich Donald Trump bis dahin schon von der NATO weggetwittert haben könnte.

Manchmal ist es also gut, nicht jeden Unfug weiterzuverfolgen, damit man sich auf die wirklich relevanten Themen konzentrieren kann. Reale Probleme, die als Ausgangspunkt für beidseitig sinnvolle Kooperation dienen könnten, gibt es wahrlich genug.

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