Reformen statt allgemeine Dienstplicht Wie ein echtes "Deutschlandjahr" aussehen kann

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Geschäftsführerin

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Diana Kinnert leitete von 2015 bis Ende 2016 das Büro des Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, Peter Hintze MdB (CDU). Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin der Globalo News Publishing GmbH und der newsgreen GmbH. Im Mai 2017 erschien ihr Buch "Für die Zukunft seh' ich schwarz. Plädoyer für einen modernen Konservatismus."

Verschleiert die Politik den Nachwuchsmangel mit einer Dienstplicht, ist keinem geholfen. Die Sozial- und Verteidigungspolitik muss die Ursachen und die Mängel beheben.

Sicherlich, ein Lebensjahr im Dienste der Gesellschaft bedeutet gerade in Zeiten manischer Selbstoptimierung und penibelster Karriereplanung einen Segen. Wer heute mit so manchem Senior spricht, der zu seiner Zeit den verpflichteten Wehr- oder Zivildienst ableistete, kommt schnell dahinter: Mit Menschen unterschiedlichster Sozialklassen und Herkünfte kameradschaftlich in geteilter Mission zu dienen, war für beinahe alle von ihnen herzensbildend und augenöffnend. Allein Maurersohn und Akademikersprößling in eine Stube zu sperren, sollte von unschätzbarem Wert für beide sein. Was verzogene Jugendliche im Wehrdienst an Disziplin und Teamfähigkeit zulernten, bildeten die jungen Männer im Zivildienst an Empathiefähigkeit und Solidarvermögen aus. Alle, mit denen ich sprach, dachten sentimental an eines der wichtigsten Jahre in ihrem Leben zurück.

Gegen ein Symbol für das Einende und den Zusammenhalt kann niemand etwas haben.

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Umso nachvollziehbar ist auch der Applaus, den der Vorschlag einzelner Christdemokraten und der Jungen Union für eine Neuauflage von Wehr- und Zivilpflicht, diesmal für Männer und Frauen, auslöste. In Zeiten splitternder Individualinteressen und aufkeimender Feindbilder konnte gegen ein Symbol für das Einende und den Zusammenhalt der Gesellschaft niemand etwas haben. Insbesondere die Unionler entdeckten im alten Herzensthema Wehrpflicht die Wiederbelebung einer urkonservativen Programmatik, endlich mal wieder, - und zugleich die Chance zur innerparteilichen Zusammenführung ihrer gegenwärtig so sehr zerstrittenen Parteiflügel. Lobeshymnen auf den Vorschlag zum neuen "Deutschlandjahr" sangen auch Stimmen aus der Gesundheits- und Sozialpolitik, - hier aber liegt die Crux.

Die Zwangseinziehung verschleiert die wahren Ursachen für den Nachwuchsmangel.

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Wer aufgrund nachlassender Beschäftigungszahlen im Militär-, Sozial- und Pflegewesen zwangsrekrutiert, entzieht sich der wahren Ursachensuche für den Mangel an Interessenten. Hat das Nachwuchsloch nicht etwa mit der Unterfinanzierung der Bundeswehr zu tun, die sowohl eine strukturelle Neuausrichtung als auch ein zukunftsorientiertes Beschaffungsvorhaben verhindert? Die Transformation der deutschen Streitkräfte zu einem sicherheitspolitisch zeitgemäßen Apparat verlangt Reformbereitschaft und Investitionsfähigkeit. Bleibt beides aus, ist nicht verwunderlich, die Bundeswehr als Arbeitgeber zu meiden. Dieser kluge Wettbewerbsmechanismus zeigt Missstände auf und formuliert einen Reformdruck.

Die Verantwortlichen entziehen sich dem Rechtfertigungs- und Veränderungsdruck, in dem sie die Mängel kaschieren.

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Wer durch eine Zwangseinziehung ein natürliches Interesse am Wehrdienst inszeniert, kaschiert die Mangel und entzieht sich einem Rechtfertigungs- und Veränderungsdruck. Für die Jungs und Mädels in den Kasernen wird nichts besser. Ganz im Gegenteil: Länder und Menschen, die auf die operative Einsatzbereitschaft und Zuverlässigkeit deutscher Truppen setzen, werden noch lange enttäuscht. Noch eindeutiger sind die Ursachen für die Unterbeschäftigung im Sozial- und Pflegewesen. Kaum ein Berufsbild ist für die Zunahme von physischem und psychischem Druck bei zugleich erniedrigender Entlohnung und gesellschaftlicher Geringschätzung bekannt. Wer die Unattraktivität in dieser Beschäftigungsindustrie durch zwangseingezogenen Nachwuchs verschleiert, gar ganze Sozial- und Pflegestellen durch Dienstpflichtige ersetzt, schadet dem Gesundheitswesen inklusiver seiner Patienten mehr, als dass es ihm und ihnen nützte.

Grundlegende Reformen und eine wertvolle und faire Beschäftigung sorgen für Nachwuchs ohne Zwangsrekrutierung.

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Wie ein echtes "Deutschlandjahr" aussähe? Noch in diesem Jahr würden grundlegende Reformen und Investitionen für das bundesdeutsche Militär- und Verteidigungswesen beschlossen, auch unter Berücksichtigung zunehmender operativer Komplexität durch Globalisierung und Technologisierung. Das Sozialwesen, unter dem nun auch umweltschützende und integrationsfördernde Maßnahmen zusammengefasst wären, erhielte durch Entlastung und Anerkennung in Tätigkeit und Lohn endlich jene gesellschaftliche Stellung, die ihm zustünde. So führte man mündige Bürgerinnen und Bürger zu modernen staatlichen und staatsnahen Arbeitgebern mit Vorbildfunktion für eine wertvolle und faire Beschäftigung. Die Beschäftigten von heute würden es danken, - und der Nachwuchs käme auch ganz ohne sozialistisch gedachte Zwangsrekrutierung.

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