Die Bundeswehr in der Gesellschaft Freiheit und Dienst

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Evangelischer Militärbischhof

Expertise:

Dr. Sigurd Rink ist seit 2014 evangelischer Militärbischof.

Wir brauchen in unserer Gesellschaft eine Debatte, wie wir uns die Zukunft unseres Landes in der Welt wünschen – und was wir dafür zu tun bereit sind. Eine Orientierungschance für junge Menschen ist eine gute Möglichkeit. Um die Mühen einer fundierten Bildungsarbeit kommen wir aber nicht herum.

Soll die 2011 ausgesetzte Wehrpflicht wieder in Kraft gesetzt werden? Oder soll es einen allgemeinen Pflichtdienst für junge Menschen geben, der wahlweise in der Bundeswehr oder einer sozial-karitativen Einrichtung abgeleistet werden könnte? Letzteres wäre wohl in der ganzen westlichen Welt ein Novum. Gleichwohl fordern viele in Deutschland eine derartige Dienstpflicht für nachwachsende Staatsbürger. Wie ist aus Sicht des evangelischen Militärbischofs, in der Perspektive eines politisch wachsamen christlichen Bekenntnisses, mit solchen Erwägungen umzugehen?

Die Bundeswehr war groß und dementsprechend teuer, jedoch nur zu einem geringen Anteil "einsatztauglich".

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Zunächst einmal gilt es ohne alle ideologischen Scheuklappen zu prüfen, welche Gründe vor knapp acht Jahren zur faktischen Abschaffung der Wehrpflicht führten. Neben der oft genannten nicht mehr gegebenen „Wehrgerechtigkeit“ waren es die besonderen Belange der Einsatzarmee, die sich mit der im Grundgesetz beschriebenen Wehrpflicht nicht vertrugen. Die Bundeswehr, in die – theoretisch – alle Männer jedes Jahrgangs für mehrere Monate einrücken mussten, war groß und dementsprechend teuer, jedoch nur zu einem geringen Anteil „einsatztauglich“.  Die Wehrpflicht im Sinne des Grundgesetzes betrifft hingegen die Landesverteidigung, eine durch unmittelbare äußere Bedrohung Deutschlands hervorgerufene akute Notwendigkeit militärischen Handelns. Die Auslandsmissionen – deren politische und ethische Begründung ich nicht bestreiten will – können nicht einfach als Landesverteidigung in diesem Verständnis aufgefasst werden. Deshalb wurde bis 2011 auch nie ein Nur-Wehrpflichtiger in einen Einsatz geschickt, sondern immer nur solche Soldaten, die sich freiwillig zu längerem Dienen und dabei auch zur Teilnahme an den Auslandseinsätzen verpflichtet hatten. Bei einer Wiederaufnahme der Wehrpflicht würde sich an diesem Grunddilemma nichts ändern.

Mit der Wehrpflicht war die Basis, um freiwilligen Soldatennachwuchs zu gewinnen, deutlich größer als heute.

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Was die Wehrpflicht allerdings brachte, war eine starke gesellschaftliche Verankerung der Bundeswehr und ein „Hineinschnuppern“ vieler junger Männer in die Realität unserer Armee. Die Basis zur Gewinnung freiwilligen Soldatennachwuchses war ungleich größer als heute, wo die Bundeswehr auf dem Arbeits- bzw. Ausbildungsstellenmarkt mit allen möglichen Arbeitgebern konkurrieren muss. Da – glücklicher Weise – die Konjunktur gut ist und die meisten jungen Menschen relativ leicht gute Stellen finden, ist die Bewerbersituation für die Bundeswehr unbefriedigend. Es hat schon handfeste Gründe, dass derzeit über eine Wiederaufnahme der Wehrpflicht nachgedacht wird – auch wenn diese kaum die geeignete Lösung sein kann.

Eine bessere soziale Kontrolle der Institution Bundeswehr als durch die Wehrpflicht war gar nicht möglich.

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Die Wehrpflicht sorgte dafür, dass sich die Gesellschaft in ihrer Breite für die Zustände interessierte, wie sie in der Bundeswehr herrsch(t)en. Schließlich war jede Familie mit einem Sohn im wehrpflichtigen Alter indirekt mitbetroffen, wenn es eklatant an Ausstattung mangelte oder im Bereich der Führungskultur Dinge grob schiefliefen. Eine bessere soziale Kontrolle der Institution Bundeswehr als durch die Wehrpflicht war gar nicht möglich. Jetzt, so nehme ich mit Sorge wahr, schwindet in der „Mitte“ der Gesellschaft das Interesse an der Bundeswehr. Das schadet letztlich den Soldatinnen und Soldaten.

Anders als die Bundeswehr ist die US-Armee längst eine Unterschichtarmee.

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Diese Erfahrung haben andere Länder uns voraus, insbesondere die Vereinigten Staaten, wo es seit 1973 keine Wehrpflicht mehr gibt. Anders als die Bundeswehr ist die US-Armee längst eine Unterschichtarmee. Kritische Köpfe wie der Moralphilosoph Michael J. Sandel beklagen die allen demokratischen Grundsätzen Hohn sprechende Unfairness und Klassendiskriminierung, die sich aus der Rekrutierung via Arbeitsmarkt ergibt. Sandel nennt das mit Blick auf den Vietnam- und Irakkrieg „Unexcused Absence of America‘s Upper Class from Military Service - unerlaubte Entfernung der Oberklasse von der Truppe.“ Dass die Verteidigung der Heimat eine staatsbürgerliche Pflicht ist, verbietet im Prinzip die Nachwuchsgewinnung nach Gesetzen der Marktlogik. Wo ein Soldat nur Soldat wird, um seinen Lebensunterhalt zu erschwingen, spielt seine bürgerschaftliche Motivation keine Rolle mehr.

Nicht zu Unrecht wird auch beklagt, dass es in einem Staat, dessen Armee von der Mitte der Gesellschaft entkoppelt ist, der Regierung leichter falle, außenpolitisch zur militärischen Option zu greifen. Wo die Lebenswelt der Soldaten – der Menschen, die die gefährliche Wirklichkeit der Einsätze am eigenen Leib erleiden – nicht mehr gesellschaftlich beachtet wird, könnte die Hemmung, Soldaten loszuschicken, schwinden.

Was tut also Not?

Das Thema der globalen Sicherheit muss in den Schulen einen wesentlich höheren Stellenwert erhalten.

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„Bildung“ ist nach meiner Überzeugung das Stichwort. Es muss jungen Menschen vermittelt werden, dass unsere Nation in der Welt Verantwortung trägt für gerechte, menschenfreundliche, von Freiheit und Möglichkeiten der Teilhabe geprägte Verhältnisse. Die Deutschen sind Exportweltmeister und bei Reisen in ferne Länder ganz vorn dabei. Wer so stark von freien Handelswegen und globaler Bewegungsfreiheit profitiert wie wir, dem darf nicht gleichgültig sein, wie Menschen leben. Globale Sicherheit ist eine Bedingung unserer gemeinsamen Wohlfahrt. Wir müssen gemeinsam Interesse und Engagement entwickeln für ein vernetztes Konzept von Sicherheit, das ökonomische, soziale, politische und eben auch militärische Komponenten intelligent verbindet. Das Thema der globalen Sicherheit muss in den Schulen einen wesentlich höheren Stellenwert erhalten. Dass es zu einer entwickelten Persönlichkeit gehört, für die Welt Verantwortung mittragen zu wollen, muss ein zentrales Erziehungsziel werden.

Wir brauchen den „demokratisch überzeugten Wehrbürger“, also das Gegenteil des nur Befehle ausführenden Gefolgsmannes.

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Der Militarismus von einst, der insbesondere im wilhelminischen Zeitalter militärische Elemente regelrecht zur Norm der bürgerlichen Kultur überhöhte, kann heute nur abschreckendes Negativbeispiel sein. Nach wie vor ansprechend und überzeugend finde ich hingegen die in den 1950er-Jahren durch Wolf Graf Baudissin entwickelte Konzeption des Staatsbürgers in Uniform. Sie will die guten Grundsätze der Bürgerlichkeit im westlich-liberalen Sinn – persönliche Verantwortung des Einzelnen für das Gemeinwesen, Respekt für kritische Positionen, Offenheit für begründete Einsprüche, Partizipation möglichst aller an wichtigen Entscheidungen – in der Führungskultur der Armee verankern. Baudissins Ideal ist der „demokratisch überzeugte Wehrbürger“, also das Gegenteil des nur Befehle ausführenden Gefolgsmannes. Baudissin betonte, das gemeinsame Bewusstsein der neuen Bundeswehr müsse durch geteilte Überzeugungen geschaffen werden, nicht aber durch ein Feindbild. Das kann heute, wo es angesichts der unbestreitbaren Bedrohung durch islamistische Kräfte leicht zu negativen Verallgemeinerungen kommt, gar nicht nachdrücklich genug in Erinnerung gebracht werden. Unsere Bundeswehr steht für etwas – für Demokratie, Menschenrechte und eine Weltordnung, die möglichst allen faire Bedingungen garantiert.

Wir brauchen eine offene gesellschaftliche Debatte, wie wir uns die Zukunft unseres Landes in der Welt wünschen.

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Wo junge Bürger für diese Fragen begeistert werden, wird die Bundeswehr den Nachwuchs bekommen, den sie braucht: Demokratisch überzeugte, kritische junge Menschen, die sich bereitwillig dafür einsetzen, dass Konflikte auf der Erde immer seltener kriegerisch eskalieren. Das erfordert eine offene gesellschaftliche Debatte, wie wir uns die Zukunft unseres Landes in der Welt wünschen – und was wir dafür zu tun bereit sind. Mir ist eine Orientierungschance für junge Menschen sehr sympathisch. Um die Mühen einer fundierten Bildungsarbeit kommen wir nicht herum.

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