Gesundheitswesen Deutsche Kliniken sind selbst ein Notfall

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CEO bei Asklepios

Expertise:

Kai Hankeln ist seit Anfang 2019 alleiniger Vorsitzender des Vorstands des Klinikkonzerns Asklepios. Der Betriebswirt war auch zuvor lange Jahre in dem Konzern in verschiedenen Positionen tätig und verantwortet die Region Nord Ost.

Chronische Unterfinanzierung, ausufernder Sanierungsstau - und keine Aussicht auf Besserung. So kann es nicht weitergehen!

Im deutschen Gesundheitssystem tobt ein stiller Überlebenskampf. Die Kliniken hierzulande sind chronisch unterfinanziert und fahren auf Verschleiß. Es fehlt an Geldern für beste medizinische Versorgung sowie für eine moderne Ausstattung. Ergebnis ist gesundheitspolitischer Darwinismus unter den Krankenhäusern. Jeden Tag ringen die Betreiber mit den Lücken im System, werden dafür öffentlichkeitswirksam angeprangert. Die tatsächlichen Verursacher aber werden nicht benannt: die Träger der dualen Finanzierung, namentlich die Krankenkassen und die Bundesländer.

Den Kliniken wird der Geldhahn abgedreht.

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Die gesetzlichen Krankenkassen haben mit einem Einnahmeüberschuss von 2 Mrd. Euro im Jahr 2018 im dritten Jahr in Folge ein positives Finanzergebnis erzielt. Ihre Rücklagen entsprechen mittlerweile mehr als dem Vierfachen der gesetzlich vorgesehenen Mindestreserve. Grund dafür ist auch ein Fallpauschalen-System, bei dem 15 Jahre nach Einführung ein immenser Reformstau besteht. Die Kassen bezahlen pro Behandlung schlicht zu wenig an die Krankenhäuser, das zeigt der internationale Vergleich: Bei den durchschnittlichen Fallkosten ist Deutschland unter allen OECD-Staaten mit Abstand Schlusslicht. Es darf bezweifelt werden, ob es Deutschland unter diesen Umständen schaffen wird, dauerhaft einen international wettbewerbsfähigen Gesundheitssektor aufrechtzuerhalten.

Die Investitionsquote der Länder ist massiv gesunken.

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Noch unverständlicher ist das Verhalten der Bundesländer: Deren Investitionsquote ist seit der Wiedervereinigung massiv gesunken – im Vergleich zu 1991 investieren die Länder aktuell rund 50 Prozent weniger. Trauriges Schlusslicht ist Berlin, wo heute nicht einmal ein Viertel von dem investiert wird, was früher die Qualität der Gesundheitsversorgung gesichert hat. Wenn man sich vor Augen hält, wie sich die Bundesrepublik seitdem wirtschaftlich entwickelt hat, ist das Resultat alarmierend.

Der Gesundheitsminister will immer nur eins: Kosten senken.

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Statt diese eklatanten Missstände zu beheben, ändert die Politik permanent die Spielregeln. Ob Pflegepersonaluntergrenzen-Gesetz, Digitale-Versorgung-Gesetz oder Reha- und Intensivpflege-Stärkungsgesetz – die aktuellen Gesetze aus dem Bundesgesundheitsministerium haben zwar viele klangvolle Namen, aber immer nur ein Ziel: Ausgaben zu senken und zu begrenzen. Aber auch gut gemeinte Ideen, wie mehr Pflegepersonal auf ausgewählten Stationen zu verordnen, haben absehbar fatale Wirkungen: Weil das notwendige Pflegepersonal gar nicht verfügbar ist, werden die politisch festgelegten Personallücken mit Pflegekräften aus nicht reglementierten Abteilungen gestopft. Dort wird die Arbeitsbelastung noch eklatanter steigen. Und da, wo die Personallücken nicht geschlossen werden können, werden die Krankenkassen die Sanktionsmöglichkeiten des Gesetzes dankbar aufgreifen und hohe Vergütungsabschläge berechnen.

Der MDK wurde zur Drückerkolonne umfunktioniert.

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Ähnliches erleben wir bereits mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen, der zur Kostendrückerkolonne umfunktioniert wurde. Unterm Strich führen die neuen Vorgaben und Gesetze der Bundespolitik zur massiven Mehrbelastung von Kliniken in Form von Mindereinnahmen, Sparzwang und weiter zunehmender Arbeitsverdichtung – und früher oder später zu harten Einschnitten in der Gesundheitsversorgung in Deutschland.

Zugleich verhalten sich die Bundesländer geradezu irrwitzig generös, wenn es darum geht, längst defizitäre Kliniken künstlich am Leben zu erhalten. Kein Landrat will die Schließung einer Klinik in seinem Wahlbezirk verantworten, egal ob dort noch ein medizinisch sinnvolles Qualitätsniveau erreicht wird. Aktuelle Studien – etwa die der Bertelsmann Stiftung – belegen, dass mit nur halb so vielen Krankenhäusern in Deutschland eine deutlich bessere Versorgung möglich wäre. Statt in weniger, aber besser ausgestattete Häuser zu investieren, werden in den Wahlbezirken knappe Ressourcen in überkommenen Strukturen gebunden. Das gefährdet das ganze Gesundheitssystem.

Ärzte, Pfleger und Patienten leiden unter dem Investitionsstau.

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Während Krankenkassen mit cleveren Erlösvermeidungsstrategien Überschüsse erzielen und die Bundesländer strukturelle Überkapazitäten pflegen, trocknen die einzelnen Klinken finanziell aus. Der komplette Sektor ist selbst zum Patienten geworden. Unsere Krankenhäuser befinden sich in einem dramatischen Überlebenskampf – zu Lasten von Patienten, Ärzten und Pflegekräften. Hinzu kommt, dass das Personal mehr und mehr unter überbordender Bürokratie leidet: 36 Prozent ihrer Zeit wenden unsere Pflegekräfte täglich für die Dokumentation auf, bei den Ärzten sind es sogar 44 Prozent. Wenn Ärzte fast die Hälfte ihrer Arbeitszeit für Papierkram aufwenden, anstatt den Patienten zu helfen, kann etwas im System nicht stimmen!

Die Kliniken versinken im Sanierungsstau.

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Deutschlands Kliniken versinken in einem kontinuierlich wachsenden Sanierungsstau, und dem Gesundheitssystem wird ein irreversibler Schaden zufügt. Das ist längst breiter wissenschaftlicher Konsens. Zahlreiche Studien belegen die desolate Lage der deutschen Kliniklandschaft. Laut der „Roland Berger Krankenhausstudie 2019“ erwartet fast die Hälfte aller Kliniken (47 Prozent) für 2019 einen Verlust. Vier von fünf Befragten (81 Prozent) prognostizieren eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation von Krankenhäusern. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen in aktuellen Untersuchungen beispielsweise auch das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und das Deutsche Krankenhausinstitut.

Allein diese wenigen Beispiele schon zeigen: Die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Deutschland wird von Politik und Kostenträgern gefährdet!

Dabei befinden wir uns derzeit noch in einer vergleichsweise entspannten Lage. Schon in wenigen Jahren wird der demografische Wandel absehbar die Finanzierungsbasis der Sozialversicherungen erodieren lassen. Ohne echte Reformen wären dann erhebliche Beitragssteigerungen unvermeidbar.

Wie kann der Turnaround gelingen?

Erstens: Wir fordern Krankenkassen und Bundesländer dazu auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Anstatt den Investitions-Hahn weiter zuzudrehen und Rücklagen anzuhäufen, sollte endlich damit begonnen werden, die von Pflegekräften und Ärzten erbrachten Leistungen angemessen zu vergüten – wie es in anderen Ländern üblich ist. Die Kliniken brauchen schlichtweg die Gelder von allen finanzierenden Institutionen, so wie der Gesetzgeber es vorschreibt.

Zweitens: Wir müssen weg von einem Gesundheitssystem, das dem Credo folgt: „Masse statt Klasse“. Was wir stattdessen brauchen sind hochspezialisierte, wettbewerbs- und leistungsfähige Gesundheitseinrichtungen. Dafür müssen wir die Krankenhaus-Planung auf Bundesebene heben. Die Politik muss ein klares, zukunftssicheres Konzept für Deutschland entwickeln, welche Gesundheitsversorgung wir wo erbringen wollen. Das kann beispielsweise durch eine Finanzierung analog dem Digitalpakt für Schulen erreicht werden: Der Bund übernimmt die Steuerung und vergibt die Gelder aus einem Strukturfonds und zur Digitalisierung. Dies erfordert allerdings auch den Mut, Kliniken zusammenzulegen oder zu schließen, die seit Jahren rote Zahlen schreiben, sich einfach nicht mehr lohnen und auch nicht die erforderliche Behandlungsqualität vorhalten können.

Drittens: Um die Gesundheitsversorgung in Deutschland fit zu machen für die kommenden Generationen, müssen wir auch die starren Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung aufheben. Der Bund sollte die Planung für beide Sektoren übernehmen. Im Rahmen eines Strukturfonds für zu schließende Kliniken können ambulante Folgekonzepte entwickelt werden, die langfristig eine optimale Gesundheitsversorgung sicherstellen.

Bei allem berechtigten Interesse an finanzieller Effizienz, am Ende darf für alle Beteiligten nur ein Ziel wirklich entscheidend sein: die beste medizinische Versorgung für alle Patienten in Deutschland langfristig sicherzustellen. Dieses Ziel können wir im Gesundheitswesen nur erreichen, wenn alle Akteure bereit sind, ihren Teil der Verantwortung konsequent zu übernehmen.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Andreas Richter
    Herr Hankel solange Ihre Gewinnmarge von 12% für die Kliniken vorgegeben wird, kann es dem Konzern Asklepios nicht schlecht gehen. Ausbeutung an den Beschäftigten heißt bei Ihnen im Unternehmen keine Tarifverträge für die Mehrheit der Mitarbeiter abzuschließen. Wo ist denn Ihre Wertschätzung gegenüber den Beschäftigten in den Kliniken?