Für eine echte Mobilitätswende Diesel-Bashing schadet der Umwelt

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Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg IG Metall

Expertise:

Roman Zitzelsberger (Jahrgang 1966) ist seit Dezember 2013 Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg. Er ist Mitglied in zahlreichen wirtschafts- und landespolitischen Gremien und nimmt Aufsichtsratsmandate bei Daimler und Heidelberger Druckmaschinen wahr. In 28 Jahren bei der IG Metall hat er an zahlreichen Tarifabschlüssen der Metall- und Elektroindustrie in Deutschland mitgewirkt und sich zudem in St. Gallen zum Master of Management fortgebildet.

Die Diesel-Technologie und mit ihr Zehntausende Arbeitsplätze sind zu Unrecht in Verruf geraten. Bis flächendeckend emissionsfreies Fahren möglich ist, wird der Diesel als Übergangstechnologie weiter gebraucht.

Die meisten Menschen haben klare Vorstellungen von bestmöglicher Mobilität: Wir wollen jederzeit mobil sein, schnell und günstig von A nach B kommen und die Umwelt dabei so wenig wie möglich belasten. Deshalb brauchen wir schnellstmöglich eine Mobilitätswende, bei der neben einem deutlich besser ausgebauten öffentlichen Nahverkehr das Auto der Zukunft eine wichtige Rolle spielt. Ein Auto, das wenig bis gar kein Kohlendioxid und Schadstoffe ausstößt und von der Produktion über die Nutzung bis zur Verwertung die bestmögliche Klima- und Umweltbilanz aufweist.

Das Elektroauto ist in der Umweltbilanz noch keine Alternative zum Verbrennungsmotor

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Das ist die Anforderung der IG Metall. Eine solche Mobilitätswende lässt sich allerdings nicht von heute auf morgen erreichen, sondern bedarf einer längeren Phase des Übergangs. Selbst wenn bereits morgen nur noch Elektromobile unterwegs wären, wäre das Problem nicht gelöst, da das Elektroauto bisher in der Umweltbilanz noch keine echte Alternative zum Verbrenner ist. Es ist zwar beim Fahren emissionsfrei, die Herstellung von Batteriezellen ist allerdings mit einem gigantischen Energieaufwand und damit CO2-Ausstoß verbunden. Erst wenn nur erneuerbare Energie zum Einsatz kommt und insgesamt weniger Energie verbraucht wird, kommt das Elektrofahrzeug als massenhafte Alternative in Frage. Mal ganz abgesehen von weiteren Problemen wie zum Beispiel einer unzureichenden Lade-Infrastruktur.

Der Diesel ist weiterhin unverzichtbar, um die Klimaziele von Paris zu erreichen

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An diesen Fragen muss mit Hochdruck gearbeitet werden. Zugleich gilt es, sich auf die besten Technologien für den Übergang zu konzentrieren. Neben Hybridantrieben und effizienten Ottomotoren muss dabei auch der Diesel eine Rolle spielen: Die Technologie hat in jeder Phase bewiesen, dass sie noch optimiert werden kann. Bei Modellen der neuesten Generation ist es gelungen, den Stickoxidausstoß massiv zu reduzieren; gleichzeitig haben sie eine günstige CO2-Bilanz. Dieser Mix macht den Diesel – vermutlich auch noch im nächsten Jahrzehnt - unverzichtbar, um die Klimaziele von Paris zu erreichen.

Auch mit Blick auf potenzielle technologische Alternativen macht die weitere Optimierung von Dieselmotoren Sinn. Besonders dann, wenn es gelingt, CO2-neutrale synthetische Kraftstoffe herzustellen und alle sonstigen Schadstoffe, die beim Verbrennungsprozess entstehen, so zu minimieren, dass sie keine Rolle mehr spielen.

Die aktuelle Entwicklung bei den Autozulassungen geht ökologisch betrachtet in die falsche Richtung

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Unbestritten: Die Vertrauenskrise gegenüber dem Diesel wurde durch Fehler und falsches Verhalten der Automobilindustrie ausgelöst. Hinzu kam, dass von der Politik festgelegte Abgas-Messverfahren zu wenig mit dem realen Fahrbetrieb zu tun hatten. Das aktuelle Diesel-Bashing verbunden mit einem deutlichen Absatzeinbruch verschärft die Situation: Seit Monaten steigen die CO2-Flottenwerte, da mehr Benziner als früher zugelassen werden. Das Stickoxid-Problem bleibt derweil bestehen, weil die älteren Diesel-Modelle weiter auf den Straßen fahren und neueste Modelle mit besserer Technologie es zu selten dorthin schaffen. Die Gefahr, die Klimaziele zu verfehlen, steigt somit und die aktuelle Entwicklung geht in einer gesamt-ökologischen Betrachtung in die falsche Richtung.

Nicht zuletzt darf in der Diskussion um die Zukunft der Automobilindustrie nicht vergessen werden, dass die Branche bundesweit mehr als 900 000 Menschen beschäftigt. Allein in Baden-Württemberg hängen rund 150 000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt an allen Arten von Verbrennungsmotoren – einschließlich der Beschäftigten im Werkzeugmaschinenbau, in Gießereien sowie bei Lieferanten sonstiger Vorleistungen. Die Ingenieure und Monteure haben klare Signale aus der Politik und Wertschätzung für ihre Arbeit verdient – immerhin leisten sie einen erheblichen Beitrag für den Wohlstand in unserem Land.

Die Interessen von Beschäftigten dürfen nicht gegen Umweltaspekte aufgerechnet werden

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Die Interessen von Beschäftigten dürfen aber nicht gegen Umweltaspekte aufgerechnet werden. Stattdessen müssen die Fehler und Verfehlungen aus der Vergangenheit schnellstmöglich aufgearbeitet werden – zum Beispiel durch Nachrüstungen und den Austausch älterer Fahrzeuge. Für eine echte Mobilitätswende in der Zukunft ist ein Dreiklang notwendig: Aus besten Umweltstandards, einer wettbewerbsfähigen Autoindustrie und sicherer und guter Beschäftigung.

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