Organspende Solidarität muss Vorfahrt haben

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Bundesminister a. D.

Expertise:

Norbert Blüm war Arbeits- und Sozialminister der Regierung Helmut Kohl, langjähriger Vorsitzender der Sozialausschüsse der CDU und des CDU-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen. Er ist Botschafter und Vorsitzender des Stiftungsrates der Kindernothilfe-Stiftung und neben seinem umfangreichen ehrenamtlichen Engagement auch als Kabarettist und Autor tätig.

Die Verweigerung der Organspende ist eine Art von Streik gegen die Solidarität oder im weitesten Sinne ein Vergehen wie eine "unterlassene Hilfeleistung".

Stell‘ Dir vor, Deine Niere versagt, oder Dein Herz bleibt stehen, und Du liegst im Bett und wartest auf Lebensrettung durch Organspende. Was würdest Du dann in der gegenwärtigen Diskussion über Organspende sagen!

Organspende: Wer nicht spenden will, muss ausdrücklich „Nein“ oder wer spenden will, muss ausdrücklich „Ja“ sagen. Das ist die Alternative, über die gestritten wird. In Sachen Freiwilligkeit unterscheiden sich die beiden Möglichkeiten nicht. Die Differenz besteht darin, dass die Last der Offenlegung seiner Position einmal auf der Seite des Widerspruchs, das andere Mal auf der der Zustimmung liegt.

Die Zustimmungslösung gibt den Verweigerern die Möglichkeit der stillen Flucht.

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Es geht um die Frage, „Wer hat die Meldepflicht“; die „Nein-Sager“ – oder die „Ja-Sager“. In einem Fall muss der Widerspruch angezeigt werden, im anderen Fall die Zustimmung. Die Anstrengung, Position zu beziehen, ist also unterschiedlich verteilt. Die Zustimmungslösung gibt den Verweigerern die Möglichkeit der stillen Flucht: „Nach mir die Sintflut!“

Wer kein Organ spenden will, soll den „Offenbarungseid“ leisten. Die Solidarität muss Vorfahrt haben: Wer Solidarität ablehnt, muss aktiv „Farbe bekennen“. Denn Solidarität ist Normalität. Das entspricht der Wertehierarchie, welche durch die Widerspruchslösung gestärkt wird.

Die Verweigerung der Organspende ist eine Art von Streik gegen die Solidarität oder im weitesten Sinne ein Vergehen wie eine „unterlassene Hilfeleistung“.

In der Verlegenheit, die richtige Entscheidung zu treffen, ist es hilfreich, sich in die Lage desjenigen zu versetzen, der auf Organspende als Lebensrettung angewiesen ist. Es sind die Spiegelneuronen, die uns dazu befähigen, die Perspektiven zu wechseln und die Welt mit den Augen des anderen zu betrachten. Darauf basiert unsere Begabung zum Mitleid. Die Fähigkeit zur Empathie ist unser Privileg, das uns von den Tieren unterscheidet und ein humanes Spezifikum ist. Der Mittelpunkt unserer Welt ist nicht „ich allein“, sondern „wir zusammen“. Das individuelle Wohl ist eine abhängige Variable des Gemeinwohls. Das entbindet uns allerdings nicht von persönlicher Verantwortung.

Die „Goldene Regel“ und Kants „Kategorischer Imperativ“ machen sich eine Lebenserfahrung zunutze, die auf die Mehrung des Allgemeinwohls zielt. Positiv gewendet verlangt die Goldene Regel: „Was Du willst, das man Dir tue, das füge auch einem anderen zu“. Kant hat dieser Maxime lediglich die  Verallgemeinerungsfähigkeit hinzugefügt. Die Regel muss so  für alle gelten können, damit sie vor subjektiven Abnormitäten geschützt ist. Ein Masochist darf schließlich  z.B. nicht verlangen, dass andere ihm das antun, was er für sich paradoxerweise gut findet.

Die Bereitschaft zur Organspende entspricht dem Ethos der Gegenseitigkeit, die eine Stütze unserer moralischen Verpflichtungen ist.

Jeder kann im Notfall auf eine Organspende als Lebensrettung angewiesen sein. Deshalb soll auch jeder dazu bereit sein, dass ihm nach seinem Tod ein Organ entnommen werden kann, wenn damit das Leben eines anderen Menschen gerettet werden soll. Diese Bereitschaft ist eine spezielle Variante des Kant‘schen Imperativs, der dann allerdings nicht kategorisch, sondern freiwillig eingeräumt wird, aber dennoch auf dem Prinzip der Wechselseitigkeit von Allgemeinpflichten beruht.

Die „Widerspruchslösung“ stört die Bequemlichkeit, mit der gewöhnlich existenzielle Fragen aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt werden. Der Tod ist das Sicherste im Leben. Keiner kommt um ihn herum, aber jeder will, wenn’s geht, von ihm nichts wissen.

Die Widerspruchslösung zwingt zur Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit.

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Gegen die Todesvergesslichkeit wirkt die Widerspruchslösung wie eine Erinnerungshilfe. Sie ist eine Gedächtnisstütze  und zwingt uns zu einer Auseinandersetzung mit unserer Sterblichkeit. Die Menschlichkeit leidet Verlust, wenn der Tod vergessen wird. Vielleicht ist die Gewissheit des Todes sogar eine Quelle der Solidarität. Sie schützt uns vor der Selbstüberschätzung, wir seien ein grenzenloses Lebewesen. Die „Grenze ist die Lizenz unserer Existenz“ (Hogrebe).

In der Erfahrung der Grenzsituation des Sterbens werden wir ganz bei uns sein, weil uns niemand vertreten kann. Vor dem Tod sind alle gleich. Alle Menschen teilen das Schicksal, sterben zu müssen. Kein Reichtum, kein Intelligenzquotient, kein Rang und kein Ansehen erlässt uns das Sterben.

Unser Leben ist endlich. Existenzielle Autarkie ist eine Lebenslüge.

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Das gemeinsame Los aller Menschen, die sich deshalb auch die „Sterblichen“ nennen, ist der elementare Fundus, aus dem die Bereitschaft zur wechselseitigen Hilfe schöpft. Von der Wiege bis zur Bahre begleitet uns die Wahrheit, dass unser Leben endlich ist. Niemand entkommt dieser Wahrheit. Existentielle Autarkie ist eine Lebenslüge.

Das Leben steht unter der Bedrohung, verfehlt oder verloren zu gehen. Im Leben ohne Ende könnte jedoch alles und jedes wiederholt oder korrigiert werden.

Unendliches Leben auf Erden nähme uns alle Entscheidungspflichten, weil alle Entscheidungen vertagt werden könnten. „Komme ich heute nicht, komme ich in Millionen von Jahren“,  ist der Lebenslauf im Schlaraffenland, in dem angeblich niemand stirbt.

Aber wäre ein Leben ohne Tod nicht auch stinklangweilig? Wahrscheinlich wäre es zudem ein Leben ohne Liebe. „Die oder Keine – Den oder Niemand“, dieser „Kairos“  des Glücks steht unter der Bedingung „vita brevis“.

Der Gesellschaft von Egomanen entgeht das Glück des Teilens.

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Wir sind unseres Glückes wegen auf Liebe angewiesen. Der Gesellschaft von Egomanen entgeht das Glück des Teilens, das bekanntlich ein doppeltes Glück bringt  und das Leid halbiert, wie der Volksmund schon immer behauptet hat. Liebesglück basiert auf dem Paradox, das Teilen „reicher“ macht.

Solidarität ist die kleine Schwester unserer größten Glücksmöglichkeit, nämlich der Liebe. Unsere Gesellschaft bedarf der Besinnung auf die „Tatsache“ , dass wir allemal aufeinander angewiesen sind.

Not lehrt nicht nur Beten, sondern auch Zusammenstehen. Deshalb haben es Wohlstandsgesellschaften offenbar schwerer mit dem Zusammenhalt als Gemeinschaften in Bedrängnis. Es wäre jedoch absurd, wenn wir uns Not wünschen müssten, um solidarisch werden zu können.

„Wenn jeder an sich denkt, ist auch an alle gedacht“, ist eine Irrlehre, gegen die die Organspende ein Lehrmittel ist.

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Es mehren sich die Symptome einer Gesellschaft, die dem Irrtum anheim gefallen ist, „wenn jeder an sich denkt, ist auch an alle gedacht“. Organspende ist ein Lehrmittel gegen diese Irrlehre. Die Solidarität bedarf neuer Lebensimpulse.

Die Vorstellung, dass meine Organe nach dem Tod das Leben anderer retten können, ist keine erschreckende Drohung, sondern eine tröstliche Zuversicht.  In Zeiten der Virtualität, der Simulationen und Illusionen stößt uns die Diskussion über die Organspende wieder auf den realen Kern der Sinnfragen menschlicher Existenz.

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