Gegen die Widerspruchslösung Die Sackgasse der Transplantationsmedizin

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Arzt und Medizinethiker

Expertise:

Prof. Dr. med. Dr. phil. Jochen Vollmann ist Arzt und Medizinethiker. Er leitet des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum.

Organspender sind keine Erfüllungsgehilfen, keine Objekte, die die Probleme bei der Organspende beheben können. Bei der Widerspruchsregelung geht es nicht darum, die Spendebereitschaft zu Fördern oder die Anreize dafür zu verbessern, sondern um einen festgelegten Organentnahmeautomatismus. 

Seit meinem Medizinstudium habe ich einen Organspendeausweis. Als Organspender kann ich helfen, dass die moderne Transplantationsmedizin Leben rettet und die Lebensqualität von Patienten verbessert. Das finde ich unterstützenswert und habe die in meinem Portemonnaie über die Jahre zerbröselnden Organspendeausweise immer wieder erneuert. Natürlich habe ich diese regelmäßigen Bestätigungen meiner Zustimmung zur Organspende frei entschieden ohne mich hierbei staatlich registrieren lassen zu müssen oder irgendjemandem rechenschaftspflichtig zu sein.

Doch nun wird in unserem Land angesichts der gesunkenen Organspenderzahlen eine Gesetzesänderung gefordert, die bei allen Bürgerinnen und Bürger eine automatische postmortale Organentnahme ermöglicht. Um das zu verhindern, müssen die Betroffenen Zeit Ihres selbstbestimmungsfähigen Lebens aktiv Widersprechen und diesen Widerspruch registrieren lassen – die sog. Widerspruchsregelung.

Eine gesetzliche Widerspruchsregelung entspricht nicht den fundamentalen Merkmalen einer Spende.

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Dabei frage ich mich, was hätte dieser gesetzlich festgelegte Organentnahmeautomatismus noch mit meiner Organspende zu tun? Eine Spende ist doch nie automatisch oder selbstverständlich, sondern besitzt das fundamentale Merkmal einer konkreten, persönlichen und freiwilligen Handlung. Somit widerspricht eine gesetzliche Widerspruchsregelung den fundamentalen Merkmalen einer Spende, mit meiner Bereitschaft zur Organspende hat das nichts zu tun!

Zwischen allgemeinen Äußerungen in Meinungsumfragen und konkreten Handlungen gibt es große Unterschiede.

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Auch die durch allgemeine Meinungsumfragen ermittelte grundsätzlich hohe Befürwortung der Organtransplantation in der Bevölkerung rechtfertigt eine Widerspruchsregelung nicht. Denn zwischen allgemeinen Äußerungen in Meinungsumfragen und konkreten Handlungen gibt es große, auch ethisch relevante Unterschiede. So würde doch niemand auf die Idee kommen, aus einer hohen Befürwortungsquote von humanitärer Hilfe bei Naturkatstrophen abzuleiten, allen Bürgern automatisch einen „Spenden“- Betrag von ihrem Konto abzubuchen, es sei denn, sie haben diesem staatlichen Einzug rechtzeitig widersprochen.

Bei der Widerspruchslösung geht es nicht um ein Werben und Fördern von Spenden, sondern um einen staatlichen Eingriff.

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In Wirklichkeit geht es bei der Widerspruchsregelung nicht um ein Werben und Fördern von Spenden, sondern um einen staatlichen Eingriff in den höchstpersönlichen und sensiblen Bereich von Selbstbestimmung, körperlicher Unversehrheit und individuellem Sterbeprozess. Das entlarven zahlreiche Debattenbeiträge, die gar nicht mehr auf eine mutmaßliche Zustimmung der Bürger abheben, sondern allein aus der wachsenden Anzahl von Patienten auf den Wartelisten die Notwendigkeit einer „effizienteren“ gesetzlichen Organentnahmeregelung ableiten. Doch auch angesichts hoher gesundheitsethischer Güter gibt es keine Pflicht zur Organspende, sonst ist es keine Spende mehr!

Organspender sind weder Objekte noch Erfüllungsgehilfen für die Transplantationsmedizin. 

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Gleichzeitig werden wichtige Argumente übersehen: In den letzten Jahrzehnten haben wir in der modernen Medizin gelernt, dass sich aus technischen Möglichkeiten der Hightech-Medizin allein keine gute Medizin entwickelt. Das gilt für die moderne Intensivmedizin, Onkologie, Frühgeborenenmedizin genauso wie für die Transplantationsmedizin. Diese muss lernen, ihre Prioritäten auf das knappe und wertvolle Gut der Organspender zu richten. Anstatt die Bevölkerung unter fragwürdigen normativen Druck für eine postmortale Organspende zu setzen, muss inhaltlich ausgewogen (und nicht einseitig für die Organtransplantation), transparent und bescheidener um Organspenden geworben werden. Organspender sind weder Objekte noch Erfüllungsgehilfen für die Transplantationsmedizin. Ihre individuellen moralischen Werthaltungen und höchstpersönlichen Entscheidungen gilt es zu respektieren und nicht zu manipulieren.

Die Transplantationsmedizin befindet sich in einer Sackgasse ihrer Entwicklung.

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Die gegenwärtig wohl größte Krise in der Geschichte der Transplantationsmedizin in Deutschland kann nicht durch ein die Freiheit der Bürger einschränkendes Gesetz gelöst werden. Die Transplantationsmedizin befindet sich in einer Sackgasse ihrer Entwicklung, weil sie sich maßlos überhöht hat, die eigene Fächerkultur nicht zeitgemäß weiterentwickelte und falschen Prioritäten und Fehlanreizen erlegen war. Skandalöses ärztliches Fehlverhalten („Organspendeskandale“), unzureichende Qualitätsstandards und Transparenz des Informations- und Entscheidungsprozesses, falsche ideelle und ökonomische Anreizstrukturen sowie fehlende ethische Sensibilität und Reflektion haben zur aktuellen Vertrauenskrise geführt.

Organspender, ihre Angehörigen und die Krankenhäuser der Organentnahme müssen im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen.

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In Zukunft werden daher die Organspender, ihre Angehörigen und die Krankenhäuser, in denen die Organentnahme stattfindet (und nicht die Organverpflanzung in den Transplantationszentren) im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen müssen. Dabei denke ich z.B. an ideelle Auszeichnungen von Bürgern, die sich Organspende bereiterklären und Unterstützungsangebote von Angehörigen von Organspendern. 

Besserungen gibt es nur durch veränderte Prioritätensetzung, bessere Personalausstattung und Wertschätzung.

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Weiterhin fehlen ausreichende Unterstützung und Anreizsysteme in den Entnahmekrankenhäusern für die dort tätigen Ärzte und Pflegenden, die den schwierigen und belastenden Prozess der Organentnahme vorbereiten sollen. Eine Verbesserung dieses entscheidenden Prozesses wird auch durch die Struktur der deutschen Krankenhausversorgung erschwert, die durch zu viele stationäre Behandlungsplätze (Betten) in zu vielen, kleinen, unterfinanzierten und qualitätsschwachen Krankenhäusern gekennzeichnet ist, die in einem politisch gewollten unheilvollen ökonomischen Wettbewerb stehen. Besserungen gibt es nur durch veränderte Prioritätensetzung, bessere Personalausstattung und Wertschätzung. Z.B. können hauptberuflich tätige Organspendebeauftragte in Krankenhäusern zu einer veränderten Kultur der Organspende führen. Diese Maßnahme ist z.B. in Bayern mit einem Anstieg der Organspenden verbunden.  

Die selbstlosen Organspender sind die ethischen "Helden".

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Letztlich geht es um eine gute Behandlungsmöglichkeit für schwer Kranke mittels der modernen Medizin, die durch solidarisches Handeln und eine demokratische Geberkultur erst möglich werden. Nicht die Transplantationsmediziner und auch nicht die auf ein Organ wartenden Patienten, sondern die selbstlosen Organspender sind die ethischen „Helden“ dieses Systems. Denn ihre Beteiligung bestimmt letztlich über die Anzahl der Transplantationen und die Hilfsmöglichkeiten für die auf ein Organ wartenden Patienten.

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