Geschichtsdeutung Warum wir aus Geschichte nichts lernen

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Bert Pampel ist promovierter Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Diktaturen und ihre Folgen. Er arbeitet in Dresden.

Für viele ist die Historie nur ein Steinbruch für Wurfgeschosse, mit denen sie ihre Gegenwartsinteressen verteidigen.

Gerade in jüngster Zeit fassen sich angesichts von Wahlerfolgen der AfD, wachsender Euro-Skepsis, des Hitlergrußes auf der Straße und teils wütenden Protesten gegen die etablierten Parteien und die Medien viele fassungslos an den Kopf und fragen: Ja habt ihr denn nichts aus der Vergangenheit gelernt? Dass nicht wenige so Fragende sich kaum daran störten, als in Trier einem Verächter des Parlamentarismus und Apologeten revolutionärer Gewalt par excellence ein Denkmal gesetzt wurde, deutet allerdings bereits die Ambivalenz des Lernens aus der Vergangenheit an: Von den Lehren der Geschichte, über die Konsens bestünde, lässt sich schlechthin nicht sprechen.

Die Geschichte selbst ist der Beweis dafür, dass die Menschheit nichts aus den Fehlern ihrer Vorfahren gelernt hat.

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Überhaupt ist es bemerkenswert, dass wiederkehrende menschengemachte Katastrophen, wie Völkermorde, Bürgerkriege, autoritäre Diktaturen oder auch schwere Wirtschaftskrisen, den Glauben an die Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens haben nicht sonderlich erschüttern können. Dabei ist sie selbst doch der augenfälligste Beweis dafür, dass die Menschheit nichts aus den Fehlern ihrer Vorfahren lernt, geschweige denn, dass sie aus Einsicht in diese Fehler anders handelt. Doch warum ist das so, was sind die Ursachen dafür?

Menschen lernen bis auf Ausnahmen eben nicht durch Belehrung, sondern - wenn überhaupt - aus eigenen Erfahrungen.

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Zunächst gibt es Gründe, die in der „menschlichen Natur“ zu liegen scheinen. Menschen lernen bis auf Ausnahmen eben nicht durch Belehrung, sondern - wenn überhaupt - aus eigenen Erfahrungen. Was die Ahnen auf schmerzhafte Weise gelernt haben und woran sie mahnend erinnern, wird von ihren Nachkommen vergessen. Und wenn es nicht vergessen wird, so prägen doch die gegenwärtigen Wünsche und Bedürfnisse Denken und Tun wesentlich stärker. Hinzu kommt die Differenz zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Um korrekte Schlussfolgerungen ziehen zu können, müssten wesentliche Umstände und Gegebenheiten menschlichen Handelns gleich oder zumindest ähnlich sein. Doch wer wollte bestreiten, dass sich die heutigen Lebensräume und Handlungsbedingungen von früheren unterscheiden? Bereits aus den genannten Gründen sind die Wirkungen von Geschichtsunterricht und öffentlicher Aufklärung auf das Verhalten in der Gegenwart viel begrenzter, als die meisten ihrer Fürsprecher glauben oder glauben machen wollen. Hinzu kommen die Defizite des konkreten Umgangs mit Geschichte, gerade derjenigen mit den besten Absichten.

Ein Mehr an öffentlicher Aufklärung über die Geschichte bewirkt oft nur das Gegenteil dessen, was sie bewirken soll.

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Diese beginnen mit dem Missverständnis, beim Geschichtslernen gelte die Maxime „Viel hilft viel“. Wenn die Vergangenheit nur gründlicher erforscht und die gewonnenen Erkenntnisse ausgiebiger vermittelt würden, werde es auch mit dem Lehren-Ziehen besser klappen. Doch immer detaillierteres Wissen darüber, was geschehen ist, führt nicht zwangsläufig zu einem besseren Verständnis, wie es dazu kam. Und dass ein Mehr an öffentlicher Aufklärung über die Geschichte oft „trotzigen Widerstand“ und nur das Gegenteil dessen bewirkt, was sie bewirken soll, hatte bereits 1960 Theodor Adorno angemerkt.

Hinzu kommt, dass wir beim Lernen aus der Geschichte nicht weit und tief genug zurückblicken und zudem einem „Home-Bias“ erliegen. Wir denken historisch kurzsichtig, wählen zeitlich und örtlich zu enge Räume für unsere vergleichenden Betrachtungen, etwa 1914-1989 in Europa oder 1933-1945 in Deutschland. Kultur- und epochenübergreifende Betrachtungen, wie etwa die „Lessons of history“ (1968) von Ariel und Will Durant, werden in Deutschland kaum rezipiert, obgleich sie die geschichtlichen Lektionen verbessern könnten. Der Einfluss demografischer Faktoren auf die Geschichte, wie eines männlichen Jugendüberschusses (Youth Bulge) oder überhaupt hoher Geburtsraten, wird unterschätzt. Dabei ist eine adäquate Bewältigung von Migrationsproblemen oder die Bekämpfung von Fluchtursachen in Afrika ohne deren Berücksichtigung schlicht nicht möglich.

Wer aus der Historie Nutzen für das Leben gewinnen will, sollte Räume und Zeiten weit umspannende Bezüge herstellen.

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Was lehrt die Geschichte - nicht des 20. Jahrhunderts in Deutschland, sondern der Menschheit - über die Bedeutung ethnischer, kultureller oder religiöser Durchmischung für Erfolg und Niedergang von Kulturen, über ihren Einfluss auf Frieden und Krieg, über Stabilität und Instabilität von Gesellschaften? Aus dem Ende des Römischen Reiches oder anderer Imperien Schlussfolgerungen für die Gegenwart zu ziehen, galt jedoch im Herbst 2015 nicht als opportun, wie beispielsweise der Althistoriker Alexander Demandt erfahren musste, als die Zeitschrift „Die politische Meinung“ den von ihr bei ihm bestellten Beitrag zur Völkerwanderung mit der Begründung ablehnte, er könne in der aktuellen politischen Situation missinterpretiert werden. Zu erinnern wäre auch daran, dass ein Religionskrieg wie der Dreißigjährige Krieg nicht aufgrund von Appellen zu mehr Toleranz endete, sondern erst nach vollständiger Auszehrung der Beteiligten; in Süddeutschland überlebte etwa nur ein Drittel der Bevölkerung. Wer also aus der Historie Nutzen für das Leben gewinnen will, darf historische Rückgriffe weder verabsolutieren noch negieren, sondern sollte Räume und Zeiten weit umspannende Bezüge herstellen.

Wer Vergangenheit für Gegenwartsinteressen benutzt, richtet oft mehr Schaden als Nutzen an.

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Das zentrale Problem liegt freilich darin, dass wir paradoxerweise gerade dann nicht aus der Vergangenheit lernen, wenn wir uns ihr im Wir-wollen-aus-ihr-für-Heute-lernen-Modus nähern. Wer meint, Vergangenheit werde benötigt, um den „Kampf gegen rechts“ (oder links) zu führen, der benutzt Vergangenheit für Gegenwartsinteressen. Doch ist die Haltung, sich je nach politischer Orientierung aus der Vergangenheit nur die vermeintlichen Lektionen herauszupicken, die man gerade gut gebrauchen kann, um das eigene Weltbild zu bestätigen oder um den politischen Gegner zu diskreditieren, fatal. Die vermeintlichen Lehren derjenigen, die Geschichte so als Steinbruch für Wurfgeschosse benutzen, erweisen sich als zu oberflächlich, voreilig oder gar falsch und richten oft mehr Schaden als Nutzen an.

Die Vergangenheit wird nur selektiv wahrgenommen, sodass dabei Wesentliches möglicherweise übersehen wird.

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Aber auch das leidenschaftliche Begehren, in bester Absicht unbedingt für die Gegenwart lernen zu wollen, steht echter Einsicht und historischem Verständnis entgegen, weil dabei unsere Gegenwartsinteressen das Erkenntnisinteresse dominieren, sodass die Vergangenheit nur selektiv wahrgenommen und Wesentliches dabei möglicherweise übersehen wird. Mehr noch: Die Vergangenheit wird im Hinblick auf Gegenwartsbedürfnisse passend gemacht, Gemeinsamkeiten werden konstruiert oder überbewertet, Unterschiede werden nivelliert beziehungsweise unterschlagen. Schon Alexis de Tocqueville kritisierte an diesem Umgang mit Geschichte zu Recht, dass „die alten Bilder, die man in neue Rahmen zwingen will, immer schlecht wirken“.

Und damit, dass manche derartige Vergleiche nur „schief“ wirken, ist es ja nicht getan. Die „Lehren der Geschichte“, die daraus gezogen werden, können sich auch für die Gegenwartsbewältigung nachteilig auswirken. Wer in „rechten“ „reaktionären“ oder „identitären“ Bewegungen der Gegenwart geradezu obsessiv nur mehr die Wiedergänger des Nationalsozialismus oder seiner Vordenker zu erblicken glaubt, ohne zu hinterfragen, worauf sie konkret „reagieren“, der übersieht wahrscheinlich andere, vielleicht größere Gefahren. Für den gibt es eben nur Antisemitismus von rechts, aber keinen Antisemitismus von Muslimen.

Wer vom Versagen des demokratischen Establishments nicht reden will, sollte auch vom Populismus schweigen.

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Für die Lehre, dass sich Geschichte zwar im Groben wiederholt, aber nicht im Detail, ist gerade Populismus ein gutes Beispiel. Als Symptom der Unzufriedenheit großer Bevölkerungsgruppen mit ihren Eliten - sei es aufgrund sozialer Ungerechtigkeiten, wirtschaftlicher Benachteiligung, mangelhafter demokratischer Repräsentation oder dem Gefühl zunehmnend fehlender Bodenhaftung - ist er seit der Antike ein wiederkehrendes Phänomen. Die konkreten Situationen aber, aus denen er erwächst, ändern sich. Der heutige Rechtspopulismus speist sich aus anderen Ängsten und Problemlagen als der von 1932 in Deutschland, weshalb ihm mit antifaschistischen Rezepten oder mehr „Vergangenheitsbewältigung“ nicht beizukommen ist. Ein Zitat Jorge Semprúns abwandelnd ließe sich sagen: Wer vom Versagen des demokratischen Establishments nicht reden will, sollte auch vom Populismus schweigen. Die größere Gefahr für die Demokratie ist nicht der Populismus, sondern eine politische und mediale Elite, die nicht anerkennen will, dass er ein Symptom für ungelöste Probleme ist, die sie selbst mitverursacht hat.

Der aktualisierende Bezug auf die Vergangenheit führt auch dann nicht zu einem erfolgreichen Lernen aus der Geschichte, wenn die damals Lebenden für ihre Fehler, die man nicht wiederholen wolle, in Bausch und Bogen verurteilt werden, anstatt sich tiefgründig und einfühlend zu bemühen, ihr Handeln nachvollziehend zu verstehen. Man kennt holzschnittartig nur „Täter“ und „Opfer“, sowohl als Individuen wie auch als Kollektive: Das NSDAP-Mitglied war eben ein „Nazi“, der Mann beim MfS ein „Stasi-Spitzel“, die übrigen Deutschen bis auf wenige Ausnahmen Mitläufer, also Mittäter, und sonst? Nichts. Wohlgemerkt gilt dies noch immer mehrheitlich nicht für die eigenen Familienangehörigen, denn „die Nazis“, „die Täter“ waren immer die anderen.

Geschichte wiederholt sich gerade deshalb, weil sie nicht verstanden worden ist.

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Anstatt den Handlungskontext der Vergangenheit mit seinen Spielräumen und Zwängen angemessen zu berücksichtigen, werden Bedingungen und Maßstäbe von heute angelegt. Eine Generation, die in nie da gewesener Freiheit und existenzieller Sicherheit aufwächst, verurteilt ihre Vorfahren, deren Lebenswelt von sozialer Not, rigiden Regeln und Unfreiheit geprägt gewesen ist. Statt auch bei den Handelnden von damals nach bestmöglichen und rationalen Erklärungen für ihr Verhalten zu suchen, werden sie dämonisiert und pathologisiert. Wer sich diesem Paradigma vom Lernen aus der Geschichte nicht beugt, sondern sich wie der frühere Bundestagspräsident Philipp Jenninger 1988 um Verständnis und Empathie bemüht, der wird verdächtigt, entschuldigen, relativieren oder verharmlosen zu wollen.

Politisch motivierte Pauschalverurteilungen tragen wenig zur Erkenntnis bei, wenn sie den Diskurs dominieren.

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Nicht, dass wir unsere Vorfahren nicht kritisieren dürften, nur tragen politisch motivierte Pauschalverurteilungen wenig zum Verständnis und zur Erkenntnis bei, wenn sie den Diskurs dominieren. Gerade dann aber steht zu befürchten, dass sich die heute Lebenden schließlich künftigen Situationen, die denen ihrer Vorfahren strukturell ähneln, unvorbereitet, hilflos und blauäugig gegenübersehen und denselben oder ähnlichen Irrtümern bei ihrer Lösung unterliegen. Denn Geschichte wiederholt sich gerade deshalb, weil sie nicht verstanden worden ist. Ein erster Schritt zum historischen Verstehen wäre, die Frage „Warum habt ihr nicht widerstanden?“ nicht anklagend zu stellen, sondern im Bemühen, Vergangenes begreifen zu wollen.

Wir lernen auch dann zu wenig aus der Vergangenheit, wenn wir sie nicht mit den Augen der Zeitgenossen zu sehen versuchen. Selbst die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur im ersten Halbjahr 1933, die für mehrere zehntausend Menschen Leid in den Folterhöllen einer entfesselten SA bedeutete, wurde von der Mehrheit der 65 Millionen damals lebenden Deutschen als Hoffnungsschimmer auf eine Verbesserung der teils desolaten sozialen Lage und als Erlösung von einer siechenden und handlungsunfähigen parlamentarischen Demokratie empfunden. Diese Hoffnung erscheint heute bestenfalls naiv, die folgende wachsende Begeisterung für das neue Regime dagegen begründet den Vorwurf der Mittäterschaft. Doch sah selbst Winston Churchill Adolf Hitler noch 1937 ausweislich seines Buches gleichnamigen Titels in einer Reihe mit Roosevelt, Trotzki, Chaplin und anderen anerkennend als „großen Zeitgenossen“.

Ein einseitiges Geschichtsbild, das sich nicht mit den differenzierten Erfahrungen breiter Massen deckt, das nicht nur die zeitweise Attraktivität des Nationalsozialismus und des Kommunismus, sondern auch hiermit korrespondierende Defizite parlamentarischer Demokratie ausblendet, kann nicht vermitteln, warum Millionen Menschen totalitären oder autoritären Versuchungen erliegen, und wird dies auch in Zukunft nicht verhindern.

Wie die historische Erfahrung, etwa die Geschichte des DDR-Antifaschismus, zeigt, lernen wir nicht aus Geschichte, wenn wir allzu sehr davon überzeugt sind, die richtigen Lehren aus ihr gezogen zu haben. Schlimmer noch: Gründet sich auf diese Selbstüberschätzung tiefes Eingreifen in gesellschaftliche Prozesse und Strukturen, wächst die Gefahr, neues Unheil anzurichten. Aus dem marxistischen Glauben etwa, aus dem Studium der Vergangenheit die richtige Einsicht in die objektiven Gesetzmäßigkeiten der Geschichte gewonnen zu haben, resultierte eine Selbstgewissheit, die sich berechtigt sah, auf dem Altar dieser „Einsichten“ Millionen Menschenleben zu opfern. Dass sich heute eine „Linke“, die ausweislich ihrer Marx-Huldigung und ihrer aktuellen Tagträumereien von „open borders“ und harmonischen multikulturellen Gesellschaften nicht viel aus ihren Irrtümern und dem Scheitern sämtlicher sozialistischer Experimente und Realisierungsversuche kommunistischer Utopien gelernt hat, gegenüber der übrigen Gesellschaft zum Oberlehrer über die richtigen Lehren aus der Geschichte aufschwingt, ist nicht nur fragwürdig, sondern gefahrenträchtig.

Sind die „Aufarbeitung“ oder „Bewältigung der Vergangenheit“ und alles Bemühen um Lernen aus der Geschichte für die Gegenwart also umsonst? Folgt aus der historischen Erfahrung, dass Völker und Regierungen selbst verschuldet immer wieder ins Unglück stürzen, dass die Hoffnung von der Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens eine Illusion ist und als geschichtsdidaktisches Konzept unbrauchbar? Ja und nein.

Wir lernen nichts aus der Geschichte, weil wir ihr nicht zuhören und sie deshalb nicht verstehen.

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Auch in Zukunft wird es Massenmorde, Bürger- und Weltkriege, Revolutionen und Konterrevolutionen sowie wirtschaftliche und finanzielle Zusammenbrüche geben. Diese werden einerseits neu und einzigartig sein, andererseits werden sie uns aufgrund ihrer Ähnlichkeiten in Strukturen, Anlagen oder Voraussetzungen mit historischen Prozessen vertraut vorkommen. Das ist es, was ein Mark Twain zugeschriebenes Diktum - Geschichte wiederhole sich nicht, sie reime sich nur - meint. Doch gerade dass sich menschengemachte Katastrophen trotz ihrer jeweiligen Einzigartigkeit partiell wiederholen, ermöglicht prinzipiell langfristig abrufbare Einsichten, Prognosen und Schlussfolgerungen. Aber nicht der lernt aus der Geschichte für die Gegenwart, der über Fehler seiner Vorfahren belehrt wird. Nicht der lernt aus der Vergangenheit für die Gegenwart, der beide gleichsetzt. Nicht der lernt aus der Geschichte, der in seiner Hingabe an das Ziehen der richtigen, vielleicht aktuell politisch gewünschten Lehren die historische Wahrheit beugt. Nicht der lernt aus der Vergangenheit, der in ihr Antworten auf seine Fragen an die Gegenwart sucht. Geschichte wiederholt sich in dem Maße, wie sie nur benutzt, aber nicht verstanden wird. Warum wir nichts aus der Geschichte lernen? Weil wir ihr nicht zuhören und sie deshalb nicht verstehen.

Deshalb lernt aus der Vergangenheit, wer sich nicht bemüht, Lehren zu ziehen, sondern wer sie studiert, um sie zu begreifen und sich dabei der Grenzen seiner Bemühungen bewusst ist. Wer so an „die Geschichte“ herangeht, den lehrt sie letztlich vor allem Demut hinsichtlich unseres Anspruchs, klug aus ihr zu werden. Trotz der Vielfalt der geschichtlichen Zeiten und der Unterschiede zur Gegenwart, wie auch aller bisherigen Fortschritte bei der Erziehung sozial verträglicher Verhaltensweisen, genannt Zivilisierung, handelt es sich beim Menschen immer noch um ein „animal rationale“. Die „Alten“ haben ihre Fehler gemacht; wenn wir nicht dieselben machen, machen wir neue. Die Wenigen, denen es gelingt, aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft zutreffende Prognosen abzuleiten, ändern am Fortgang der Geschichte trotzdem nichts.

Der Autor ist promovierter Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Diktaturen und ihre Folgen. Er arbeitet in Dresden.

20 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Doktor Mabuse
    Tja, wenn Politikwissenschaftler sich zu Geschichtsphilosophen aufschwingen... Vielleicht sollte Herr Pampel sich erst einmal über die historische Verwendung des Begriffs der "Zivilisierung" informieren (Stichwort "Zivilisierungsmission"), bevor er darüber sinniert, ob sich Lehren aus der Geschichte ziehen lassen. Und das gerade die aus der Geschichte lernen, die keine Lehren aus ihr ziehen wollen, ist eine gleichermaßen widersprüchliche, wie überholte Ansicht. "Sine ira et studio" ist eine Fiktion, wir interpretieren und bewerten immer, ob wir das wollen oder nicht. Möglich ist maximal eine Aneignung unterschiedlicher Perspektiven und eine mehr oder weniger differenzierte Bewertung. Aber gerade die scheint Herrn Pampel abzugehen, wie seine Beurteilung von Marx eindrücklich zeigt.
  2. von Frank Fidorra
    Aus der Geschichte zu lernen, ist nicht trivial und kann leicht politisch instrumentalisiert werden. Diese Kernaussage des Beitrags ist sicher richtig.

    Umso mehr verwundert es, dass Herr Dr. Pampel genau diese Masche benutzt, um seine politische Position im Mantel der Wissenschaft zu kolportieren.

    Richtig ist, dass man aus der Geschichte lernen kann, dass Kommunismus nicht funktioniert. Nur kann man mit der gleichen Berechtigung sagen, dass nationalistische Systeme stets zu Gewalt und Krieg neigen. Gewalt nach innen, gegenüber jenen, die angeblich nicht zum Volk gehören und Krieg nach außen, gegenüber jenen, die den nationalen Interessen im Wege stehen.

    Die Aussage, dass der Nationalsozialismus unter Hitler etwas ganz anderes war, als die heutigen neuen Nationalisten ist entweder trivial oder falsch. Trivial, weil sich Geschichte natürlich niemals 100%ig wiederholt, und falsch, weil aus der NS-Zeit eben doch Lehren für die heutige Situation gezogen werden können. Die Verfolgung unschuldiger Menschen allein aufgrund ihrer augenscheinlichen Herkunft in Chemnitz ist freilich noch kein Progrom, doch die Richtung ist ist die gleiche.

    Ich verstehe natürlich, dass die heutigen neuen Rechten ein Problem mit der deutschen Nazi-Vergangenheit haben. Es gibt die verschiedensten Versuche, einen Disconnect herzuleiten. Einige z.B. argumentieren formaltheoretisch mit dem Begriff Faschismus, mit dem Ziel, entweder die Nazizeit oder die heutigen Rechten vom Faschismus zu distanzieren, Herr Dr. Pampel versucht wissenschaftlich herzuleiten, warum eine Verbindung prinzipiell unzulässig ist. Bei genauerem Hinsehen kann man alle diese Versuche als gescheitert ansehen.
    1. Bild von Bert Pampel
      Autor
      Bert Pampel, Bert Pampel ist promovierter Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Diktaturen und ihre Folgen. Er arbeitet in Dresden.
      Antwort auf den Beitrag von Frank Fidorra 06.10.2018, 16:01:45
      Ich denke, dass mein Beitrag differenzierter und nicht auf eine "Kernaussage" reduzierbar ist. Es handelt sich auch nicht um einen wissenschaftlichen Aufsatz, sondern um einen Essay, der zuspitzt. Die Aussage, dass der NS etwas ganz anderes war als die neuen Nationalisten heute, finden sie in meinem Beitrag nicht, ebensowenig einen Versuch einer wissenschaftlichen Herleitung einer prinzipiell unzulässigen Verbindung zwischen NS und heutigen Rechten. Nationalstaaten sollten jedoch nicht mit Nationalismus gleichgesetzt werden, Befürworter des Nationalstaates sind auch nicht automatisch Nationalisten.
  3. von John Strange
    Dieser Artikel enthält einige beachtenswerte Betrachtungen, und es wäre sogar ein guter Artikel, wenn der Autor nicht der Versuchung erlegen wäre, den abgedroschenen Propagandabegriff "Populismus" zu verwenden. Dieser enthält im Grunde eine Null-Aussage und ist zur Zeit bei der Regierung und ihr nahestehender Kreise, also vor allem den Mainstream-Medien, sehr beliebt. Aber wenn man Wissenschaftler ist, warum muss man sich anbiedern? Nun ja, vielleicht muss man das wirklich, wenn man "veröffentlicht" werden will, wer weiß.

    Aber davon abgesehen. "Lernen aus der Geschichte", ja das wäre äußerst wichtig, doch es erscheint schwieriger als gedacht. Denn tatsächlich, wie der Autor treffend und auch originell (ist es das?) formuliert:

    "die Geschichte so als Steinbruch für Wurfgeschosse benutzen, erweisen sich als zu oberflächlich, voreilig oder gar falsch und richten oft mehr Schaden als Nutzen an."

    Tatsächlich interessieren sich die meisten Menschen entweder gar nicht oder nur sehr begrenzt für Geschichte. Gleichzeitig sind die politisch Interessierten unter ihnen aber daran interessiert, "politische Wurfgeschosse" aus der Geschichte zu entnehmen.

    Mir begegnete das in plakativer Weise hier im Forum, als ein militanter Mitdiskutant, seines Zeichens ein Militär, die Notwendigkeit heutiger und zukünftiger militärischer Aggression, auch "Vorneverteidigung" euphemistisch betitelt, damit begründete, dass Frankreich und England der Nazi-Regierung 1938 nicht entschlossen genug entgegengetreten wären. Vorgeblicher "Anti-Nazismus" als Vorwand also für aggressive Militärpolitik, krass. Ja, dem "Steinbruch" lässt sich so manches entnehmen.

    Immerhin, auch dieses Beispiel zeigt, was wir wirklich aus der Geschichte lernen können: Den politisch Aktiven hierzulande, egal welcher Couleur, ist grundsätzlich kein Trick zu billig, keine Propaganda zu plump, um sie nicht anzuwenden im politischen Tageskampf.
  4. von Karl der Baer
    (5.) Insofern stellt sich das abschließende ideologische Selbst-Bekenntnis auch von ganz alleine auf die Füße: »Dass sich heute eine „Linke“, die ausweislich ihrer Marx-Huldigung und ihrer aktuellen Tagträumereien von „open borders“ und harmonischen multikulturellen Gesellschaften nicht viel aus ihren Irrtümern und dem Scheitern sämtlicher sozialistischer Experimente und Realisierungsversuche kommunistischer Utopien gelernt hat, gegenüber der übrigen Gesellschaft zum Oberlehrer über die richtigen Lehren aus der Geschichte aufschwingt, ist nicht nur fragwürdig, sondern gefahrenträchtig.«

    Dass der Autor mit dieser „Abschlussformel“ das anfänglich vorgegaukelte „Thema“ so offensichtlich selber verfehlt hat, nehme ich dankbar zur Kenntnis! Und mit dem „Oberlehrer“, den er anderen an den Kopf wirft, ist er selbst viel mehr dabei, als es ihm recht sein kann.


    Eine absolut unglaubliche „Performance“!
    1. von John Strange
      Antwort auf den Beitrag von Karl der Baer 06.10.2018, 11:44:43
      "Die geradezu unerhörte Unterstellung, die eigentliche Motivation für Kollaboration, Mitläufertum und Anpassung während des deutschen Faschismus nicht wahrgenommen zu haben, obgleich dies bspw. mehr als fünf Jahrzehnte lang kontinuierlich Gegenstand meiner eigenen Biographie gewesen ist, stellt eine Monstrosität ohne Gleichen dar. "

      Ja, das ist natürlich eine "Monstrosität". Denn der Autor Bert Pampel kennt Sie vermutlich noch nicht einmal und auch nicht Ihre Veröffentlichungen hier oder anderswo. Das ist für Sie zweifellos eine unerhörte Herabsetzung, lol. Aber trösten Sie sich, mir geht es nicht anders... Nein, das wird Sie wohl nicht trösten.

      Der Herr Pampel freilich scheint die wissenschaftliche, unaufgeregte und sachbezogene Debatte zu bevorzugen, nicht das "aus-dem-Bauch-heraus" unausgegorenen Unsinnschwätzen. Damit trifft er möglicherweise bei Ihnen auf wenig Gegenliebe.
    2. von Karl der Baer
      Antwort auf den Beitrag von John Strange 06.10.2018, 12:21:18
      Köstlich, Herr “Strange”, der Sie ja im Juli 2018 Ihren Account im Tagesspiegel-Blog – ähem – „verloren“ haben!

      »Der Herr Pampel freilich scheint die wissenschaftliche, unaufgeregte und sachbezogene Debatte zu bevorzugen, nicht das "aus-dem-Bauch-heraus" unausgegorenen Unsinnschwätzen.«

      Schallend Lach! – Nun hatte ich dieser lustigen „Wissenschaftlichkeit“ des Herrn Pampel ja einige Korrekturhinweise geben müssen, mit welchen Sie ja nun offensichtlich überhaupt nichts anzufangen „wissen“, gelle! Das reicht eigentlich schon.

      Allerdings haben Sie das Kunststück, mir „unausgegorenes Unsinnschwätzen“ um die Ohren zu hauen, wohl kaum "aus dem Bauch heraus" abgelassen. Das kommt woanders her.

      Ihre Selbstdarstellung ist „angemessen“ abgerundet! – Besten Dank!
    3. von John Strange
      Antwort auf den Beitrag von Karl der Baer 06.10.2018, 12:43:57
      [Teil entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion.]

      Was das "aus dem Bauch heraus" anbelangt: Sie greifen den Autor Bert Hampel nur massiv an, aber Ihre "Argumente" sind zu verschwurbelt, um sie zu verstehen. Außer dass Sie dem Herrn Hampel übelnehmen, dass er nicht auf Ihre Biographie eingeht - was haben Sie eigentlich zu sagen? Wenn Sie Ihre Beiträge noch einmal gekürzt und auf das Wesentliche begrenzt einstellen würden, in verständlicher Form, vielleicht könnte man dann darauf auch eingehen.
    4. von Karl der Baer
      Antwort auf den Beitrag von John Strange 06.10.2018, 13:04:24
      Kommentar entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion.
    5. von Frank Fidorra
      Antwort auf den Beitrag von Karl der Baer 06.10.2018, 11:44:43
      Danke für Ihre ausführliche und fundierte Replik auf den Artikel. Absolute Zustimmung.
    6. von Karl der Baer
      Antwort auf den Beitrag von Frank Fidorra 06.10.2018, 16:18:54
      (1.) Vielen Dank für Ihre ermutigende Rückmeldung, @Frank Fidorra! Dies werte ich als eine mir durchaus willkommene Rückmeldung, alldieweil es ja – wie zu sehen ist – nicht das „Übliche“ darstellt.

      Dabei hatte ich in meinem Beitrag sogar noch ausgespart, drei wesentliche Faktoren zu vertiefen. Einmal ginge es um die Methodenfrage, welche auszuführen und diesbezüglich auch am zutreffenden Begriff des „Historismus“ zu thematisieren gewesen wäre. Denn es gibt ja nicht nur einen einzigen „Historismusstreit“.

      Im Zusammenhang der von mir kritisierten Projektionen wäre zudem notwendig gewesen, die fachübergreifenden Ansätze wie z.B. den der mentalitätsgeschichtlichen Forschung hinzuweisen, welche wesentlich von der „Schule der Annales“ angestoßen wurde und für die u.a. aber auch herausragend Peter Burke oder Norbert Elias stehen. Gerade Elias’ exorbitante Forschungsleistungen konnte ein Hans Peter Duerr mit seiner fünfbändigen Philippika „Der Mythos vom Zivilisationsprozess“ (1988 - 2002) bei allem Eifer definitiv nicht aus dem Regal schubsen!

      Es sind aber nicht nur die Mittel der „psychohistoire“, sondern eben Erkenntnisse z.B. der Gerontopsychotherapie, welche Vergleiche des historischen deutschen Faschismus mit dem (vermeintlichen) Erstarken des aktuellen rechten Sektors möglich machen. Denn vielerlei weist nicht nur darauf hin, dass längst mental Vorhandenes (just nach dem Bankendesaster 2008) aus dem Dunklen hervorkroch, in Deutschland eben mit der 2009 einsetzenden öffentlichen Rechtfertigung von Rassismus und Protektionismus, sondern dass sich die mentalen Einstellungen und affektiven Muster um 1930 und um 2015 herum gespenstisch gleichen.

      So wäre es bei personenbezogener Arbeit mit Menschen (u.a. in der „oral history“) außerdem völlig unmöglich, Informationen zu erlangen, würden diese Personen – wie hier unterstellt – „dämonisiert und pathologisiert“! Der Lapsus einer solchen Projektion allein macht schon sprachlos.
    7. von Karl der Baer
      Antwort auf den Beitrag von Frank Fidorra 06.10.2018, 16:18:54
      (2.) Dass „die Geschichtlerinnen“ allerdings mit interdisziplinären Ansätzen so ihre gelinden Probleme haben, weil sie die notwendigen Kontaktwissenschaften scheuen, macht (leider) ebenfalls Svenja Goltermanns ansonsten großartiges Buch über die Traumatisierung von Mitläufern und Täterinnen in Weltkrieg und deutschem Faschismus nur allzu deutlich. – Und das damit zu lokalisierende Problem lässt sich auch nicht per Dekret aus der Welt schaffen.

      Denn es ist – drittens – unvermeidlich, dass bei jeder ernsthaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den „Motiven“ z.B. rechtsgestrickter sozialer Entwicklungen Vergleichbares aufs Tapet kommt, wie „divergent“ dies auch immer analysiert oder „interpretiert“ werden mag. Und so tut sich gerade mit dem von Wieland Giebel soeben ans Tageslicht geholten Quellenmaterial von 1934 geradezu Erschreckendes an affektiven Parallelen zum Heute auf, was ebenso wenig per Ordre Mufti aus der Welt geschaffen werden kann.

      Wenn all diejenigen, welche sich auf diese Erkenntnisse – eben auch alltags – beziehen, in solch einer fadenscheinigen Weise diskreditiert und auch noch einseitig absichtsvoll einer einzigen projizierten Nischenexistenz subordiniert werden, ist nichts so abwesend wie fachliche Demut. – Von jeglichem notwendigen Respekt ganz zu schweigen!
    8. von Frank Fidorra
      Antwort auf den Beitrag von Karl der Baer 08.10.2018, 08:48:10
      Ich kann Ihnen, verehrter @Karl der Baer, nur nochmals für die Einsichten danken, die mir sehr viel differenzierter erscheinen, als der ursprüngliche Artikel.

      Ich persönlich komme aus der naturwissenschaftlichen Ecke. Mir ist deshalb vor allem die Unlogik aufgefallen, dass einerseits die Analyse der Nazizeit und deren Vorgeschichte ungeheuer kompliziert dargestellt wurde und andererseits in einem Nebensatz mal eben der Kommunismus aus geschichtlicher Erfahrung verworfen wurde. So was macht mich dann misstrauisch.

      Was mir durch Ihren Beitrag klar wird, dass es eben nicht nur um historische Fakten, sondern natürlich um Menschen geht, mit ihrer psychischen Disposition zu ihrer Zeit. Und dass man auch das vergleichen kann und Ergebnisse ableiten kann. Das ist dann schon mehr, als das mulmige Bauchgefühl, dass wir uns mal wieder in einer politischen Entwicklung in Richtung Nationalismus befinden, die dieses Mal aber die halbe Welt zu befallen haben scheint.

      Trotzdem scheint mir in der neuen Rechtsentwicklung ein Körnchen berechtigter Kritik enthalten zu sein, die sich in Äußerungen wie "gain back control" äußert. Mir scheint, dass sich die westlichen Demokratien in einem Dickicht von Regularien verstrickt haben, das die staatliche Souveränität signifikant einschränkt. Ein Paradebeispiel ist für mich die Einführung von Sondergerichtsbarkeiten für internationale Investoren im Rahmen von Freihandelsabkommen. Auch die EU als solche wird politisch mehr als Korsett, denn als zusätzliche Freiheit angesehen (Brexit). Die Frage, die sich für mich ergibt (der Kürze wegen plakativ): Ist zunehmende politische Handlungsunfähigkeit zwangsläufig das Schicksal alternder Demokratien?
    9. von Karl der Baer
      Antwort auf den Beitrag von Frank Fidorra 08.10.2018, 19:36:00
      (1.) Vielen Dank, @Frank Fidorra, für Ihre prägnante Antwort! Beeindruckend finde ich, dass Sie im dritten Absatz nicht nur bestätigen, wie nachvollziehbar meine Argumentation ist, sondern dass Sie für sich geradezu vortreffliche Schlussfolgerungen anbieten.

      Es geht um wissenschaftliche wie auch alltägliche Erkenntnisprozesse, worin die eigentliche Substanz gebildeter Hypothesen sich allemal im Ergebnis, in der Anwendung, in der Umsetzbarkeit, in der Empirie abbildet. Auch die Naturwissenschaften beginnen mit Hypothesen, welche in den erzielten Ergebnissen zu immer präziseren Realitätsentwürfen und Erklärungsmodellen führen. Dies müsste und kann auch nur der Maßstab z.B. für die Historiographie sein, wobei diese „Zunft“ in Sachen „Empirie“ auf sehr erklärbare Grenzen stoßen muss. :–)))

      Weniger „irritierend“ denn richtig ärgerlich finde ich es jedoch, dass auf die globale Krisenentwicklung gemeinhin offenbar nur affektiv reagiert wird. Und genau dieses fand sich bereits im Europa der frühfordistischen Krisen Anfang des XX. Jh. wider, die in einen Weltkrieg mündeten und im europäischen Faschismus wie auch im Kommando-„Sozialismus“ sowjetischer Prägung dysfunktionale ideologische Modelle der Menschheitsbeglückung hervorbrachte. Beide Ideologien hinterließen nicht nur reale Trümmer und knietiefe Blutfluten, sondern mental jeweils auch die absolute seelische Devastierung.

      Da zeigte sich das westliche Modell formaler Demokratien doch durchaus wesentlich menschenfreundlicher und konnte vorübergehend für ca. 20 Jahre ein Idyll immerwährender materieller Prosperität schaffen. Von jenem Mythos nähren sich die Vertreterinnen dieses Modells seit nunmehr 50 Jahren, nicht wissend, dass ihre eigene Ideologie der Alternativlosigkeit des Geldes ihren eigenen Zerfallsprozess nur beschleunigt. Wenn „Politik“ der westlichen Formal-Demokratien seit den 60ern „alternativlos“ nicht die nachhaltige Gestaltung von stofflichen Prozessen der menschlichen Bedürfnisbefriedigung ...
    10. von Karl der Baer
      Antwort auf den Beitrag von Frank Fidorra 08.10.2018, 19:36:00
      (2.) … und der Sicherung ökologischer Voraussetzungen widmet, sondern ihr ganzes Handeln nur an den Parametern des „Wachstums“ orientiert und damit nur noch die hemmungslose Vermehrung von „Geld“ (i.e. Geld-Buchungen) meint, hat sie sich bereits das eigene Grab geschaufelt. Die Trägerinnen der „Politik“ westlicher Formal-Demokratien hat immer noch nicht begriffen, dass Geld keine „Naturgegebenheit“, sondern „Menschenwerk“ ist.

      Wenn der rechtspopulotische Furor jedoch nicht den geringsten realitätsmächtigen Zugang zu diesen faktischen Zusammenhängen zeigt, sondern allenfalls Reflexvokabular à la „Umvolkung“, „Asylantenschwemme“, „Merkel“ oder „nazionale Neubesinnung“ anbieten kann, sind deren aggressive Auswüchse weltweit einzig dazu „geeignet“, eine realistische Problemanalyse zu behindern und einer jeglichen konstruktiven Krisenbewältigung das Wasser abzugraben.

      Sie haben Recht, die globale Offensive des Rechtspopulismus ist nicht nur beängstigend genug, sie findet Widerhall darin, dass ein sich radikaldemokratisch definierendes Presseorgan wie der Tagesspiegel nicht über seinen Schatten springen kann und über solche „Essays“ wie den oben „Dargebotenen“ nicht hinauszukommen vermag. Genau dies fördert in keiner Weise die politische Handlungsfähigkeit! – Bitter! Sehr, sehr bitter!
  5. von Karl der Baer
    (4.) … Anpassung während des deutschen Faschismus nicht wahrgenommen zu haben, obgleich dies bspw. mehr als fünf Jahrzehnte lang kontinuierlich Gegenstand meiner eigenen Biographie gewesen ist, stellt eine Monstrosität ohne Gleichen dar. Dass jenes epochale Werk der Frau Goltermann von 2009 nicht „Anstoß“ wurde, sondern nur betretenes Schweigen nach sich zog, ist denjenigen Menschen nicht vorzuwerfen, welche die vergleichbaren Faktoren der Frühzeiten von NSDAP und „A“fD NICHT zu „entsorgen“ versuchen.

    Insofern wird es nunmehr richtig degoutant: »Selbst die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur im ersten Halbjahr 1933, die für mehrere zehntausend Menschen Leid in den Folterhöllen einer entfesselten SA bedeutete, wurde von der Mehrheit der 65 Millionen damals lebenden Deutschen als Hoffnungsschimmer auf eine Verbesserung der teils desolaten sozialen Lage und als Erlösung von einer siechenden und handlungsunfähigen parlamentarischen Demokratie empfunden. Diese Hoffnung erscheint heute bestenfalls naiv, die folgende wachsende Begeisterung für das neue Regime dagegen begründet den Vorwurf der Mittäterschaft.« - Was nichts anderes heißt, dass im vollen Bewusstsein darum, dass dieses faschistische Regime Menschen willkürlich foltert und umbringt, dieses angesichts der „Hoffnungen“ um eine Verbesserung des eigenen Loses eine Art „lässlicher Sünde“ ist.

    Verzeihung, da haben die unmittelbar Involvierten meiner eigenen Kernfamilie in ihren letzten Lebensphasen ganz anders drüber geredet, haben nichts mehr zu beschönigen oder sich herauszureden versucht. Entsprechend habe ich darüberhinausgehend jahrzehntelange andere Erfahrungen, welche diesen grobschlächtigen Pampel’schen Verharmlosungsversuch in seiner ganzen ideologischen Prägung bloßlegen.
  6. von Karl der Baer
    (3.) »Wer vom Versagen des demokratischen Establishments nicht reden will, sollte auch vom Populismus schweigen.« Solche Imperative entlarven sich eigentlich schon in der Anwendung, doch wer zunächst das „Versagen des demokratischen Establishments“ nicht weiter zu erläutern imstande ist, hat es gerade nötig, seinem selbstgestrickten Feindbild zu unterstellen, die realen Defizite nicht zu thematisieren. Denn die ausgemachten Widersacher erlauben sich halt die Frechheit, das „Versagen“ eben anderwärts zu lokalisieren und nicht in den äußerst restringierten „Erklärungsmodellen“ des rechten Sektors auszumachen.

    Eine solch projizierende „Zugangsweise“ ist für sich wahrlich bizarr und erläutert just jenen Mangel an Selbstreflexion und analytischer Seriosität, welche anderen pauschal und generalisierend vorgeworfen wird.

    Und schon geht es ans Eingemachte, womit sich eigentliches Ziel & wahrer „Zweck“ des Causa-Beitrages selbst entblättern: »Eine Generation, die in nie da gewesener Freiheit und existenzieller Sicherheit aufwächst, verurteilt ihre Vorfahren, deren Lebenswelt von sozialer Not, rigiden Regeln und Unfreiheit geprägt gewesen ist.« Womit schon einmal grundsätzlich jeder kritische Rückblick blamiert werden soll. Aber es geht noch weiter: »Statt auch bei den Handelnden von damals nach bestmöglichen und rationalen Erklärungen für ihr Verhalten zu suchen, werden sie dämonisiert und pathologisiert.«

    Und das zu Recht! – Aber solch ein Klagelied lässt mich natürlich glatt zum Papiertaschentuch greifen, just einen Monat nach Veröffentlichung von W. Giebels Quellenwerk „*Warum ich Nazi wurde*“, dessen noch vorhandene Originalvorlagen von 1934 über das Netz zugänglich sind! – Und das muss ich lesen, nachdem ich gerade vor wenige Wochen als „Neuigkeit“ erfahren habe, dass meine heute 96-jährige Tante nichts anderes als eine tatsächliche KZ-Aufsehrein war!

    Die geradezu unerhörte Unterstellung, die eigentliche Motivation für Kollaboration, Mitläufertum und ...
  7. von Karl der Baer
    (2.) … glaubwürdig integriert hat, ist ja nichts Neues. Dem dann aber einzig mit einem Hinweis auf das US-Ehepaar Durant in eine „Bewegungsform“ bringen zu wollen, ist schon verblüffend genug. Das entwertet diejenigen teutonischen Außenseiterinnen, die diesbezüglich nicht der üblichen Ignoranz frönten (wozu Wehler, Kocka, der Frühneuzeitler W. Schulze u.v.a.m. zu zählen wären), es unterschlägt noch ganz anderes. – Doch bedeutet diese „Fragestellung“ einen Schnitt: Hiemit geht es nicht mehr nur um „Weltgeschichte“, sondern um Geschichtstheorie und -methodologie.

    »Was lehrt die Geschichte – nicht des 20. Jahrhunderts in Deutschland, sondern der Menschheit – über die Bedeutung ethnischer, kultureller oder religiöser Durchmischung für Erfolg und Niedergang von Kulturen, über ihren Einfluss auf Frieden und Krieg, über Stabilität und Instabilität von Gesellschaften?« Mit dieser – ähem – „Fragestellung“ sowohl die „Schule der Annales“ als auch die fundierten Teile der angloamerikanischen Forschung zu ignorieren, ist schon mehr als verblüffend. Wer den Namen Braudel, Ariès, Favre u.v.a.m. ausweicht, verrät mehr als nur „Lücken“. Und was den Islam oder „Maomet“ angeht, wird das „Aussparen“ eines Henri Pirenne schon geradezu grotesk: »Wer in „rechten“ „reaktionären“ oder „identitären“ Bewegungen der Gegenwart geradezu obsessiv [Notabene!] nur mehr die Wiedergänger des Nationalsozialismus oder seiner Vordenker zu erblicken glaubt, ohne zu hinterfragen, worauf sie konkret „reagieren“, der übersieht wahrscheinlich andere, vielleicht größere Gefahren. Für den gibt es eben nur Antisemitismus von rechts, aber keinen Antisemitismus von Muslimen.«

    Aber darum geht es ja nicht. Es geht um die schiere Projektion, dass all diejenigen, welche dem Rechtsrausch im Schlagschatten der „A“fD entgegentreten, ja angeblich alles „Muslimfreunde“ sind. Und dies ist eine ebenso peinliche wie unglaubliche Entgleisung wie diejenige, alle Widersacher als „Gutmenschen“ diskreditieren zu wollen.
    1. von Karl der Baer
      Antwort auf den Beitrag von Karl der Baer 06.10.2018, 11:41:34
      Sorry! – Statt „Favre“ lies „Lucien Febvre“
  8. von Karl der Baer
    (1.) Es ist eigentlich ja schon irgendwie verdienstvoll, wenn der Tagesspiegel auch Sujets eines eher theoretischen Diskurses feilzubieten versucht. Allein, die Überschrift offenbart schon ein Debakel.

    So weit Herr Pampel „aus der Geschichte nichts lernen“ mag, sei ihm das redlich zugestanden, auch wenn der Majestätsplural etwas übertrieben wirkt. Sollte er jedoch „uns alle“ meinen wollen, wird die Chose unglaubwürdig genug. Denn einerseits bezieht er sich selber in dieses „Wir“ ja wohlfeil mit ein, um gleich anschließend wortreich erläutern zu wollen, dass er sich von diesem „Wir“ ultimativ zu distanzieren wünscht. Weswegen also verweigert sich Herr Pampel, das Objekt seiner Philippika klar zu definieren und zu benennen?

    Nun, es wird sofort im Intro deutlich, dass ihm Vergleiche der Entwicklung von Pegida und der „A“fD mit der Frühzeit der NSDAP definitiv nicht passen. Und zwecks Selbstverortung fügt er seinem leutseligen Intro gleich einen ultimativen Hieb gegen Karl Marx hinzu.

    Statt nunmehr in einem Für und Wider die Zutreffenheit und Inkongruenzen von Parallelen der Entwicklungen von NSDAP und „A“fD abwägend einzusteigen, wechselt der Autor ohne irgendeine Erklärung schnurstraks zu einer – nun ja – „methodologischen“ Meta-„Debatte“. Dies aber nun breitet die Fragestellung dermaßen aus, dass es mehr als verwundern muss, hier keine Differenzierungen mehr vorzufinden. Darunter wäre die erste, was zwischen der intendierten „Problematik“ alltagsgebundene von seriösen Diskursen unterscheidet. Aber hier ist sämtliches Publikum ja bereits mit der nonchalanten Bezugnahme auf den Herrn Marx im Vorfeld diskreditiert worden.

    Was Herr Pampel aber zur Problematik anzubieten wagt, dass sämtliche Vergangenheit stets aus einer aktuellen Gegenwart heraus beurteilt wird, fällt weit hinter Droysen, Dilthey oder eben auch Marx zurück. Dass eine notorisch theoriefeindliche deutsche Historiographie weder Komparatistik noch globale Sichtweisen jemals sonderlich ...