Geschichte und Geschichtspolitik Die Geschichte ist eine Ressource der Zivilgesellschaft

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Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte Freie Universität Berlin

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Paul Nolte lehrt Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Freien Universität und ist dort Sprecher der Dahlem Humanities Center.

Die Vergangenheit kann zeigen: Es gibt keine Schicksalhaftigkeit. Die Vergangenheit ist Störfaktor, Treibmittel und Schmierstoff der Gegenwartsbetrachtung. Warum wir dem Lernen aus der Geschichte nicht ausweichen können - und es auch nicht sollten.

Deutschland schwebt mal wieder zwischen Chance und Verhängnis, und die Geschichte mittendrin. Der Historiker Fritz Stern, von Deutschen aus Breslau vertrieben und von New York aus zeitlebens ein ebenso scharfsinniger wie kritischer Begleiter seines Herkunftslandes, hat die schöne Formel von dessen „zweiter Chance“ seit 1990 geprägt. Der Aufbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging schief; er mündete in den Radikalismus und den Gewaltwahn des Nationalsozialismus. Mit der Wiedervereinigung bot sich eine neue Chance für ein vereintes Deutschland: für sich selber, mit Europa und in der Welt. Daran haben die Feiern zum Tag der deutschen Einheit gerade wieder erinnert. Am 3. Oktober war aber auch von neuen Gefahren die Rede, von drohendem Unheil, das seit einigen Jahren immer öfter aufgerufen wird: als Krise der Demokratie, die an die Krise der zwanziger und dreißiger Jahre gemahne, in der Wiederkehr von Rechtsextremismus und im raschen Aufstieg einer rechtspopulistischen Partei, die an den Siegeszug der Nationalsozialisten erinnerten. Können wir eigentlich noch über die Gegenwart reden oder eine womöglich bessere Zukunft entwerfen, ohne uns sogleich in der Vergangenheit zu verstricken?

Vor mehr als fünfzig Jahren verfasste Reinhart Koselleck, vielleicht der bedeutendste Geschichtstheoretiker des 20. Jahrhunderts, seinen Aufsatz über die Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens: „Historia magistra vitae“ hieß das schon im klassischen Latein. Aber Koselleck hielt damit keineswegs ein Plädoyer dafür, mit Cicero aus der Geschichte zu lernen, also sie in Handlungsanweisungen für die Gegenwart, zumal für die Politik, umzusetzen. Im Gegenteil: Er zeigte, wie sich das Leitbild der Vergangenheitsorientierung schon im 19. Jahrhundert zunehmend aufgelöst hatte, „im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte“. Wenn Geschichte nicht mehr die ewige Wiederkehr des Gleichen war oder ein Kreislauf der Ereignisse, in dem die Zukunft konkrete Erfahrungen der Vergangenheit unweigerlich wieder einholte, gab es aus den Ereignissen nichts mehr zu lernen. Denn seit der Aufklärung, erst recht seit dem fortschrittsstürmischen 19. Jahrhundert, eroberte der Lauf der Geschichte ständig neue Räume. Was sollten die alten Römer noch raten, wenn plötzlich Eisenbahnzüge durchs Land rauschten, elektrisches Licht leuchtete und dem Neuen schier keine Grenzen mehr gesetzt waren?

Die Geschichte ist als Reflexionsraum für die Analyse der Gegenwart wieder bedeutender geworden.

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Inzwischen leben wir jedoch in einer anderen Welt. Als Koselleck die Lehrmeisterin Geschichte verabschiedete, gegen Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, hatten Zukunftseuphorie und Fortschrittserwartung noch einmal Hochkonjunktur wie beinahe nie zuvor. Morgen die Mondlandung, übermorgen auf dem Mars! Es galt, die Zukunft zu planen statt in der Vergangenheit herumzustochern. Die kulturelle Abwendung von der Geschichte ging so weit, dass die Historiker an den Universitäten sich um den Sinn ihres Faches sorgten, das auch an den Schulen unter den Druck der Gesellschaftskunde geriet. Wozu noch Geschichte? Doch bereits zehn Jahre später zeigten sich die Risse in dem geschichtsvergessenen Fortschrittsmodell immer deutlicher. Der Club of Rome beschrieb die „Grenzen des Wachstums“, technologische Träume wie die Kernenergie gerieten in Misskredit, die Zukunft war plötzlich voller Ängste und Regressionen. Die Menschen wandten sich wieder der Geschichte zu. Sie suchten Halt in der Vergangenheit und in der Erinnerung. Das klingt konservativ und war es teilweise auch. Aber so wie die Fortschrittskritik maßgeblich von neuen, „postmodernen“ Linken forciert wurde, entfaltete der neue Sog in die Geschichte kritische Impulse, nicht zuletzt für die Deutschen. Der Nationalsozialismus war keine „bewältigte“ Vergangenheit mehr, sondern brannte in den Erfahrungen der Gegenwart, gerade für die Nachgeborenen. Die Wiedervereinigung änderte daran nichts. Seit den neunziger Jahren prägt der Bezug auf diese Vergangenheit, auf die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, auf die Schoah die deutsche Kultur erst recht - auf allen Ebenen, von einer so begründeten Staatsräson der Bundesrepublik bis in eine neue Empathie des Alltags, wie sie die Stolpersteine für verschleppte und ermordete jüdische Nachbarn markieren.

Die öffentlich sichtbare, die mediale, die intellektuelle und kulturelle Präsenz von Geschichte ist in Deutschland gewiss stärker ausgeprägt als in vielen anderen Ländern Europas. Aber das Grundmuster ist dasselbe, nicht nur in Europa, sondern auch in den USA. Historische Museen und Erinnerungsstätten boomen. Menschen suchen Orientierung in der Vergangenheit, weil die Zukunft noch immer ungewiss erscheint - vom Fortschrittsoptimismus der sechziger Jahre ist jedenfalls der Westen so weit entfernt wie je. Und weiterhin ist Geschichte mehr als nur die bequeme Flucht in eine Welt fernab unserer Gegenwartsprobleme. Solche nostalgischen Funktionen, die man mit Friedrich Nietzsche als „antiquarische“ Historie bezeichnen könnte, sind durchaus legitim: ein üppiger Mittelalter-Roman oder eine lebendige Inszenierung des dörflichen Lebens vor der Industrialisierung in einem Freilichtmuseum. Aber selbst in Amerika, wo man länger und immer noch etwas unbefangener einen antiquarischen, bisweilen auch (wieder mit Nietzsche) „monumentalischen“ Blick auf die Vergangenheit pflegt, ist das Pathos der Gründerväter oder nachgestellter Schlachten des Bürgerkriegs längst nicht mehr alles. Die konföderierte Flagge weht nicht mehr über dem State Capitol von South Carolina. In Charlottesville marschierten vor einem Jahr Rassisten und Neonazis gewaltsam auf. Die Amerikaner erfahren jetzt, was William Faulkner, einer ihrer besten Schriftsteller, schon 1951 notierte: „Die Vergangenheit ist nie tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.“

Die Geschichte ist zu einer zivilgesellschaftlichen Ressource moderner Gesellschaften geworden.

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Kann man also doch noch, oder inzwischen wieder, aus der Vergangenheit lernen? Manchmal dient sie in ziemlich beliebiger Weise als ein Steinbruch, aus dem sich jeder nach Belieben die für seine Zwecke gerade passenden Stücke heraushaut. Aber den Kern unseres kulturellen Gebrauchs der Vergangenheit trifft dieses Bild nicht. Vielmehr ist die Geschichte zu einer zivilgesellschaftlichen Ressource moderner Gesellschaften geworden. In Nietzsches Schrift über den „Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ entspräche das ihrer dritten Funktion: der einer kritischen Historie. Im Medium der Geschichte verhandeln Amerikaner die Benachteiligung von Minderheiten und den Anspruch auf Gleichheit in ihrer längst noch nicht „farbenblinden“ Gesellschaft. Im Medium der Geschichte verhandeln die Briten die Zukunft ihrer Nation. Und in der beständigen Reflexion auf die Vergangenheit steht derzeit nicht nur in Deutschland die Stabilität von Demokratie, Rechtsstaat und offener Gesellschaft zur Debatte.

Warum manche auf die Idee kommen, in dieser zivilgesellschaftlichen Arena würden Lektionen aus der Geschichte mit dem Holzhammer verabreicht oder ein politisch einseitiges Projekt mit linker Schlagseite betrieben, ist bei näherer Betrachtung rätselhaft. Manche Historiker vergleichen die Situation der Demokratie in unseren Tagen mit der Krise der dreißiger Jahre. Sie verweisen auf den Verlust an Vertrauen in die parlamentarische Demokratie, auf die Verlockung populistischer, plebiszitärer und illiberaler Denkweisen, auf das mögliche Abgleiten von Demokratien in den Autoritarismus. Andere widersprechen dem oder sehen die Parallelen viel schwächer ausgeprägt: Darüber wird diskutiert, darüber wird gestritten. Dabei treffen nicht linke Geschichtsideologen auf vermeintlich besonnene Mahner vor allzu eilfertiger Verschreibung von Geschichtsmedizin. Gerade in Deutschland ist das vielmehr ein Streit in der Mitte der Gesellschaft - in der Mitte einer vielfältigen Zivilgesellschaft, in der es selbstverständlich eher links und eher konservativ denkende Menschen gibt, aber auch in der akademischen Profession der Geschichtswissenschaft, die hierzulande weit überwiegend einem liberal-zentristischen Hauptstrom folgt und in der man Marxisten mit der Lupe suchen muss.

Dass Europa heute anders dasteht als in der Zwischenkriegszeit, dass die Demokratie des Grundgesetzes in Institutionen und Köpfen fester verankert ist als die der Weimarer Republik (die trotzdem keine schlechte Demokratie war), dass die AfD keine Wiedergängerin der NSDAP ist - all das muss man niemandem erklären. Solche Hinweise können uns jedoch nicht aus dem Reflexionsraum der historischen Erfahrung befreien - und wohin sollte ein solcher Ausweg auch führen? Seit dem Bruch des Fortschrittsbewusstseins am Ende des 20. Jahrhunderts leben wir nicht mehr in dem Gefühl, uns mit jeder Drehung des Schwungrads der Ereignisse auf neues Terrain zu begeben und uns der Vergangenheit zu entledigen. Die dieser Tage so viel diskutierte Zwischenkriegszeit, die zwanziger und dreißiger Jahre, sind keine längst überwundene Zeit, sondern - anders als die Antike oder das Mittelalter - immer noch Teil unseres eigenen Struktur- und Erfahrungsraumes. Wir erkennen die handelnden Menschen wieder: herausgefordert durch technologischen Wandel; beflügelt oder verängstigt durch gesellschaftliche Liberalisierung wie die Emanzipation der Frauen; zerrissen in einer wachsenden Kluft zwischen städtischer und ländlicher Lebenswelt. 2018 ist kein Wiedergänger von 1928. Doch wer sich dieser Geschichte zuwendet, sieht zugleich ihre Schatten und ihre Spiegelungen in der Gegenwart: „Wiederholungsstrukturen“, um erneut mit Koselleck zu sprechen.

Aber muss man das denn, so wird häufig gefragt, immer gleich so moralisch, bisweilen moraltriefend tun? Ob die Moral triefend ist, liegt bisweilen eher in den Augen des Kritikers. Was gemeint ist, ist eine Geschichtsbetrachtung, die normative Fragen, also Fragen des „Sollens“, einschließt; die zwischen gut und böse - vielleicht sollte man etwas leichter sagen: zwischen besser und schlechter - unterscheidet. In der Geschichtswissenschaft hat die Analyse der Vergangenheit „ohne Zorn und Eifer“ ihren sicheren Platz. In der Geschichte als zivilgesellschaftlichem Verhandlungsraum kann man den Fragen des Sollens nicht entkommen. Fritz Stern hat sein Wort von der „zweiten Chance“ Deutschlands gewiss nicht im stochastischen Sinne gemeint, als eine statistische Wahrscheinlichkeit, als ob die Nation noch einmal würfeln dürfe, wohin es diesmal mit ihr geht. Seine zweite Chance ist ein Appell, diese nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, es diesmal anders, besser zu machen als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Unter dem Eindruck von Angriffen auf die liberale Demokratie hat die normative oder „moralische“ Frage sogar eine neue Dringlichkeit gewonnen. Die Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, sich im Horizont historischer Erfahrung zu ihr zu bekennen. Keine Frage, darin steckt eine Gefahr. Wird berechtigte Kritik ins Abseits gestellt oder ein Konsens zur Norm, der an Konformismus grenzt? Wieder ist es wie mit der Reflexion auf die Geschichte selbst: Wir dürfen uns nicht von ihr überwältigen lassen, doch ein Ausstieg aus der Moralfrage ist gar nicht möglich.

Deshalb können wir dem Lernen aus der Geschichte nicht ausweichen. Geschichte ist eben kein Steinbruch, sondern eine der wichtigsten kulturellen Ressourcen, über die moderne Gesellschaften verfügen. Die Vergangenheit ist immer wieder Störfaktor, Treibmittel und Schmierstoff der Zivilgesellschaft. Wissenschaft und kritische Öffentlichkeit können uns davor bewahren, sie als eine platte politische Handlungsanweisung misszuverstehen - und in der Regel funktioniert das ganz gut: Wer die Lehren aus der Vergangenheit zu simpel strickt, darf mit Widerspruch rechnen. Albert Einstein meinte, Gott würfele nicht. Die Geschichte aber auch nicht. Sie ist offen und nicht durch ihre eigene Vorgeschichte determiniert. Deshalb heißt Lernen aus der Geschichte, im Bewusstsein dieser Offenheit ebenso wie der Erfahrungen der Vergangenheit, jener Sedimente, auf denen unsere Gegenwart aufruht, zu handeln. Dann wird das Lernen aus der Geschichte zu einem Ausrufezeichen gegen vermeintliche Sachzwänge, gegen Alternativlosigkeit und Schicksalhaftigkeit gleich welcher ideologischen Provenienz. Es bedeutet nichts anderes als: es liegt in unserer Verantwortung.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Frank Fidorra
    Aus der Geschichte lässt sich vieles lernen. Den Erfahrungsschatz der menschlichen Geschichte zu heben, ihn für das heutige Leben verfügbar zu machen, ist eine ebenso wichtige, wie schwierige Aufgabe.

    Wie Herr Dr. Pampel in seiner Ausführung zu dem Thema m.E. richtig dargestellt hat, lässt sich anhand von Details aus der Geschichte einiges, wenn nicht alles beweisen, wenn man diese Details aus dem Zusammenhang reisst.

    Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, aus dem Wust an Informationen Regeln und Gestzmäßigkeiten abzuleiten, die unter anzugebenden Randbedingungen allgemeinere Gültigkeit haben. Derartige Regeln und Gesetzmäßigkeiten den heutigen Menschen, insbesondere den Entscheidungsträgern in verständlicher Form an die Hand zu geben, das sollten die Geschichtswissenschaften leisten.

    Interessant wäre darüber hinaus, Kausalitäten zu identifizieren. Warum, beispielsweise, sind kommunistische Systeme immer zum Scheitern verurteilt (wenn dem so ist)? Ist es systembedingt, dass Demokratien sich auf Dauer in technokratischer Selbstregulierung verstricken (wenn dem so ist)? Solche Fragen zu verstehen, hieße, eine Chance zu haben, es besser zu machen.
  2. von Christian Stanicki
    Viele Dinge wiederholen sich in der Geschichte, aber aktuelle Sitationen stellen sich immer wieder als einzigartig dar. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Ausgang offen ist. Das ist das spannende daran und daraus muss eine positive Energie entstehen und weniger Ängstlichkeit. Das läge nämlich auch in der Natur der Sache. Und der Umgang mit Problemen ist nicht nur abhängig von zugrunde liegenden Werten einer Zivilisation, sondern auch abhängig von den jeweiligen Akteuren. Da scheinen für mich in der Geschichte zu viele Zufälle mit im Spiel gewesen zu sein, zuwenig und zu ungenau überliefert worden zu sein, als dass sich wirklich tragfähige Muster angeböten, um bestimmte Lösungen auf bestimmte Situationen anwenden zu können.
    Meine persönliche Frage: Was wäre gewesen, wenn Gustav Stresemann nicht so früh gestorben wäre? Ich möchte das wirklich gerne wissen.
    Aber je mehr man sich mit Geschichte befasst, desto dichter werden Bilder. Zusammenhänge und Probleme erscheinen nachvollziehbarer, erlebbarer, weil sie so zeitlos, weil sie so menschlich sind. Menschlich mit allen Stärken und Schwächen. Das Funkensprühen eines Ovid überwindet für mich die Jahrtausende mühelos in Lichtgeschwindigkeit.
    Es entstehen unverzichtbare geistige Fundamente und Brücken, ohne die man in der Gegenwart blind im Nebel stochern würde. Die verfügbare Erfahrung sollte man nutzen, um - absolut richtig- verantwortungsvoll handeln zu können. Aber ist das nicht eine Selbstverständlichkeit?
    Vielleicht ja tatsächlich nicht, was dann daran läge, dass man vergisst, dass man sich Situationen immer wieder neu stellen muss und dass das viel schwieriger ist, als man glaubt.
    Als größtes Problem scheint sich ja nun herauszukristallisieren, dass viele Menschen in den neuen Bundesländern unser System als ungerecht empfinden. Und sie haben Recht. Die Mechanismen der alles umfassenden, in den Alltag hinein wirkenden Weltwirtschaft sind undemokratisch. Peng! Jetzt brauchte ich noch mal 5000 Zeichen.