Angela Merkel und das Bild der Frau  Merkel muss immer wieder Stereotype aufbrechen 

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Freie Journalistin

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Julia Korbik lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. 2014 erschien ihr Buch „Stand up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“ (Rogner & Bernhard).

Merkel hat als erste Bundeskanzlerin nicht immer einen einfachen Stand in Sachen Gleichstellungspolitik. Trotzdem meistert sie den Spagat zwischen zweifelnden Männern und erwartungsvollen Frauen. 

Elf Jahre später und Angela Merkel ist immer noch da. Wer hätte das gedacht! Dass ausgerechnet eine Frau das politische Erbe Helmut Kohls antritt – und offenbar auch den Ehrgeiz hat, mindestens genauso lange zu regieren wie dieser. Kanzlerin, so sehen es viele, ist Merkel ja eigentlich nur dank der Männer geworden: Sie war „Kohls Mädchen“, wurde von ihm gefördert und aufgebaut. Dabei gerät in Vergessenheit, dass Merkel ihrem politischen Ziehvater eiskalt den Todesstoß versetzte, als sie sich 1999 im Zuge der CDU-Spendenaffäre in einem FAZ-Gastbeitrag öffentlich von ihm distanzierte: „Die Partei muss also laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft auch ohne ihr altes Schlachtross, wie Helmut Kohl sich oft selbst gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen.“ Und es war Angela Merkel, die der Partei das Laufen beibrachte. Erst als Parteivorsitzende, dann als Oppositionsführerin, dann als Kanzlerin.

Irgendwie auch dank – hier kommt ein weiterer Mann ins Spiel – Gerhard Schröder. Der kanzelte in der sogenannten „Elefantenrunde“ nach der Wahl die eindeutige Wahlsiegerin Angela Merkel ab und weigerte sich, seine Niederlage zu akzeptieren. Damit verhalf er ihr vielleicht sogar ins Kanzleramt. Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, der die Runde damals moderierte, erinnerte sich später: „In der CDU-Zentrale in Berlin sollen sich mehrere Politiker, darunter Wulff, Koch und Müller, wegen des enttäuschenden Wahlergebnisses zusammengesetzt haben, um sie abzuräumen. Nach Schröders Attacke war das natürlich nicht mehr möglich.“ Diesen historischen Augenblick – immerhin bekam Deutschland seine erste Kanzlerin – hätte man sich dann doch irgendwie weniger testosterongeladen gewünscht.

Merkel macht nicht als Frau Politik, sondern sie ist eine Frau, die Politik macht 

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Aber da war sie nun, die erste Kanzlerin. Alice Schwarzer hatte vor der Wahl öffentlich erklärt, sie würde CDU wählen, weil Merkel eine Frau sei. Vielleicht hatte Schwarzer, wie viele andere Frauen, gehofft, dass die Frau Merkel sich für Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit einsetzen würde. Immerhin war Merkel in den 90er-Jahren mal Frauenministerin. Aber: Merkel hatte schon im Wahlkampf deutlich gemacht, dass sie nicht als Frau antritt. Stattdessen präsentierte sie sich als Ostdeutsche und Wissenschaftlerin. Merkel, das war schnell klar, macht nicht als Frau Politik; sie ist eine Frau, die Politik macht. Die Medien meckerten über Topfschnitt und langweilige Outfits und irgendwann reichte es Merkel: mehr Schminke, bunte Blazer, Strähnchen. Die Kanzlerin, so konnte man sehen, spielte das Spiel mit, damit endlich nicht mehr ihr Aussehen im Mittelpunkt stand, sondern ihre Politik.

Merkel überlässt die Gleichstellungspolitik anderen, setzt sich aber für sie ein

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Und diese Politik ist interessant. Als Kanzlerin macht Angela Merkel nicht explizit Gleichstellungspolitik – das machen andere für sie. Ursula von der Leyen führte als Familienministerin 2007 das Elterngeld ein und setzte erstmals den Kita-Ausbau auf die politische Agenda: Er sollte Eltern entlasten und für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sorgen, vor allem für Mütter. Als daraufhin in CDU und CSU eine Debatte über das Familienleitbild ausbrach, stellte Merkel sich demonstrativ hinter ihre Ministerin. Auch Von der Leyens Nachfolgerin Manuela Schwesig – wenn auch nicht immer ganz auf der Linie der Kanzlerin – bekam von Merkel Rückendeckung: Unionsfraktionschef Volker Kauder nannte Schwesig „weinerlich“, als diese 2014 für die Umsetzung der Frauenquote in Aufsichtsräten kämpfte. Merkel entschuldigte sich in einem persönlichen Gespräch mit Schwesig für den Spruch ihres Parteikollegens.

Für viele ist es mittlerweile normal eine Frau als Kanzler zu haben

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Merkel ist niemand, der sich öffentlich zu Gleichstellungsthemen äußert oder den Eindruck macht, dort besonderen Handlungsbedarf zu sehen. Tatsache ist trotzdem: Sie hat sich beim Kitaausbau, beim Elterngeld und bei der Frauenquote gegen innerparteilichen – männlichen – Widerstand durchgesetzt und so das CDU-Parteiprogramm modernisiert. Das ist noch keine feministische Revolution, aber es ist etwas. Abgesehen von Merkels Politik zählt auch die Tatsache, dass sie die erste Kanzlerin ist. Ähnlich wie in den USA, wo eine Generation junger Menschen mit einem Afroamerikaner als Präsidenten aufwächst, ist es für eine Generation junger Deutscher normal, eine Frau als Kanzler zu haben. Ob man will oder nicht: Das hat eine Wirkung. Sichtbarkeit ist wichtig – und was könnte sichtbarer sein als eine Frau im wichtigsten politischen Amt, das Deutschland zu vergeben hat?

Merkels Vor-, aber auch Nachteil ist, dass sie die erste ihrer Art ist

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Bleibt die Frage, ob Merkel das Bild von Frauen in Führungspositionen verändert hat. 2015 wurde „merkeln“ zum Jugendwort des Jahres gewählt. Es bedeutet: „nichts tun, keine Entscheidung treffen, keine Äußerung von sich geben“. Das klingt so, als sei Merkel eine schwache Kanzlerin, eine schwache Führungspersönlichkeit. Ist sie aber nicht. Die SPD-Politikerin Gesine Schwan erklärte: „In der Art, wie sie mit Menschen umgeht und alles vermeidet, was nach Machtherrlichkeit aussieht, finde ich Merkel eher weiblich. Aber sie geht natürlich trotzdem sehr bewusst mit ihrer Macht um und kann auch Härte zeigen. Sie spricht ihr ‚Basta‘ nur auf andere Weise, bei ihr heißt es dann ‚Wir schaffen das‘. Punkt. Keine Diskussion.“ Merkels Vor-, aber auch Nachteil ist, dass sie die erste ihrer Art ist. Vor ihr kamen nur Männer. Ihr fällt deshalb die undankbare Aufgabe zu, Stereotype aufzubrechen. Und das macht sie – nüchtern, pragmatisch und uneitel. Merkel selbst sagte mal: „Nach meiner Auffassung ist jeder Führungsstil persönlich geprägt.“ Mehr Frauen in politischen Spitzenämtern? Wir schaffen das. 

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