Die Armenien-Resolution des Bundestages - ein richtiger Schritt? Die Resolution und ich

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Studentin

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Ani Palyan ist Kind armenischer Eltern, 1996 geboren in Hamburg und studiert in Berlin.

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber Armenierin bin ich auch, dort haben meine Vorfahren gelebt, dort sind einige von ihnen 1915 ermordet worden. Wenn der Bundestag am Donnerstag beschließt, das Massaker von damals Völkermord zu nennen, dann versöhnt mich das auch mit meiner doppelten Identität.

Im Wohnzimmer meiner Eltern steht im Regal ein kleines gerahmtes Gemälde von dem Berg Ararat, auf dem die Arche Noahs gestrandet sein soll. Obwohl er geographisch auf dem Gebiet der Türkei liegt, ist er auf dem armenischen Wappen vorzufinden, da er für unser Volk ein wichtiges religiöses Symbol ist.

Unser Volk – die Armenier. Wir sind nicht viele, leben aber überall auf der Welt. Ich zum Beispiel bin 1996 in Hamburg geboren. Jetzt studiere ich in Berlin an der Humboldt-Universität, und wenn nun750 Meter von dort entfernt im Bundestag über die Armenien-Resolution abgestimmt wird, ist das für mich und meine Familie ein Thema.

Der Mord an Hrant Dink hat den Unterschied gemacht. Er trieb Armenier in Deutschland auf die Straße.

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Ich war zehn Jahre alt, als ich es mit der politischen Dimension des Armenierseins zu tun bekam. Als am 19. Januar 2007 Hrant Dink, ein armenischer Journalist mit türkischer Staatangehörigkeit, in Istanbul auf offener Straße erschossen wurde, gab es eine Demonstration, zu der meine Mutter mich mitgenommen hat. So viele Leute waren da! „Was soll der Aufstand?“, habe ich meine Mutter gefragt. „Das ist ein lange Geschichte“, hat sie gesagt – und mir die später erzählt.

Von den Großeltern meines Vaters hat sie erzählt, die noch Kinder waren, als es 1915 losging mit dem Morden der Türken an unserem Volk. 1,5 Millionen Menschen wurden gefoltert und getötet. Darunter auch deren Eltern. Die Kinder blieben allein zurück, bis Kirchenleute sie aufgriffen und nach Georgien in Sicherheit brachten. Später sei über das Massaker nie mehr richtig gesprochen worden, von Völkermord sollte auf türkischer Seite schon gar keine Rede sein, aber Hrant Dink sah das anders. Und nun war er tot.

Die armenische Identität hat mit 1915 zu tun, das Rot der Flagge symbolisiere das Blut der Toten, heißt es.

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Dass das Rot in der armenischen Flagge für das Blut unserer toten Vorfahren steht, hatte ich schon vorher gelernt, in der armenischen Schule. Unzählige Gedichte und Lieder dazu haben wir einstudiert, damit die Geschichte fest in unseren Köpfen verankert werde. Aber das war eher armenisch-folkloristisch gewesen. So wie ich meine Großeltern „Tatik“ (Oma) und „Papik“ (Opa) genannt habe. Und an die Namen meiner Lieblingsfreunde ein „-jan“ (sprich: dschan) anhänge, ein Kose-Suffix sozusagen.

Von den grausamen Details meines Armenierseins hörte ich erst 2007 von meiner Mutter. Und ich habe es mir gemerkt, wie sie damals zu mir sagte: „Vergiss das nicht, auch wenn du hier nette türkische Freunde hast, und gib das später auch an deine Kinder weiter. Denn außer uns interessiert das keinen.“

Wie man mit grausamer Geschichte umgehen kann, lernte ich in der Schule, als der Holocaust dran kam.

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Als später auf dem Gymnasium im Geschichtsunterricht die NS-Herrschaft drankam, wurde mir schlagartig klar, was meine Mutter gemeint hatte. Was haben wir alles über den Holocaust gelernt. Wir haben Gedenkstätten besucht, Dokumentarfilme angeschaut, die fast wie eine Schocktherapie waren, wir haben über das Daniel-Goldhagen-Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ gesprochen. So kann man also umgehen mit schrecklicher Geschichte, habe ich da gemerkt. Und bin richtig traurig geworden, dass der Massenmord an meinem Volk überhaupt nicht erwähnt wurde.In ziemliche Zerrissenheit hat mich das auch gestürzt. Schließlich bin ich in Deutschland aufgewachsen, gehöre hier hin, lebe ein deutsches Leben. Dennoch betrachte ich den Holocaust nicht als einen Teil von meiner Geschichte, sondern fühle mit dem Völkermord an den Armeniern, der hier in der Regel so gut wie keine Rolle spielt.

Ich habe türkische Freunde, mit denen ich nicht über dasThema sprechen würde. Zu heikel!

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Was bedeutet es, armenischer Herkunft zu sein? Ich habe türkische Freunde, auch welche, mit denen ich über das Thema Völkermord gar nicht erst reden würde, weil das vielleicht das Ende unserer Freundschaft wäre. Meine Eltern haben sich da nie eingemischt. Aber wie konnte ich das eigentlich mit mir selbst vereinbaren? War das nicht schon fast Verrat? Und Armenien selbst? War es mein Sehnsuchtsland? Nicht mal das war klar. Ich habe oft mit meiner Schwester darüber gesprochen, sie ist zwei Jahre jünger als ich. Sie war überzeugt: Armenien, nein danke, lieber Amerika! Mich hat das immer aufgeregt. Ich fand sie geschichtsvergessen – und fuhr selbst doch auch nicht hin.Jedenfalls nicht bis 2015.

Wie vergleichbar sind die Massaker an den Armeniern und an den Juden?

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Im Jahr des 100. Jahrestags des Völkermords bin zum ersten Mal in meinem Leben freiwillig nach Jerewan geflogen (zuvor nur einmal als Kleinkind), in die armenische Hauptstadt. Ich kam zufällig in dem Jahr, für andere war der Jahrestag der Reisegrund. Und so empfing mich am Flughafen schon ein Plakat, das einen stilisierten Paschahut und ein Hitlerbärtchen zeigte und auf Englisch nach der Vergleichbarkeit von deren Gräueltaten fragte. Was für ein Empfang für eine deutsche Armenierin!Aber ich war nicht hier wegen Hitler und Völkermord. Ich war hier aus einer Art Pflichtgefühl, nach Jahren der Verweigerung, weil ich befürchtete, dass meine liberale Weltsicht, mit der ich in Deutschland aufgewachsen bin, in dem christlich-konservativen Herkunftsland – besonders, was die Rolle der Frau angeht – allgemeines Kopfschütteln auslösen würde. Und dann war alles ganz anders. Meine Cousins und ihre Freunde nahmen mich mit an die Universität, nicht mit Bus und U-Bahn, sondern mit Minishuttles, abends in Kneipen, zu Treffen von Jugendlichen. Was mir aufgefallen ist: Fast alle engagieren sich in irgendeiner Weise für Kinder, leiten Sportteams, Theatergruppen oder so.

Beim Besuch am Mahnmal verstand ich: Es geht um die Anerkennung des Leids. Nicht um Rache.

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Als ich an einem Tag Zizernakaberd, das gigantischen Völkermord-Mahnmal besuchte und die großen Hallen betrat, wurde ich von mir unerklärlichen Emotionen überwältigt. Es läuft dort die ganze Zeit traurige Musik mit unserem Nationalinstrument Duduk, das klingt wie ein heulendes Baby. Das war schon schlimm genug. Und dann habe ich noch entdeckt, dass in der so genannten Gedächtnisallee viele Nationen eine Tanne gepflanzt haben – Deutschland aber nicht. Plötzlich verstand ich den Frust der Armenier in Deutschland, die seit Jahrzehnten für die Anerkennung des Leids ihrer, unserer Vorfahren kämpften. Es geht nicht um Rache an den Türken, sondern darum, dass wir von dem Land, in dem wir seit Generationen leben und das wir als einen Teil unserer Identität ansehen, nicht im Stich gelassen werden wollen.

- Die Debatte zur Armenien-Resolution lesen Sie hier.

 

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