Deutschtürken Schluss mit dem Technokratenjargon der "Integrationspolitik"

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Freier Journalist

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Eren Güvercin ist freier Journalist für verschiedene Zeitungen und Hörfunksender, u.a. die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, Qantara.de, taz, der freitag, Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und Islamische Zeitung Ehemaliges Mitglied des konfessionellen Beirats des Zentrums für Islamische Theologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (ZIT). Seit 2015 im Beirat des Forums für offene Religionspolitik.

Das türkische Verfassungsreferendum hat gezeigt, dass die Integrationsdebatte an den Menschen vorbei geführt wird. Stattdessen wird nun in Deutschland die Dämonisierung der Andersdenkenden betrieben, die in der Türkei angeprangert wird. Wie scheinheilig. 

Das Wahlverhalten der in Deutschland lebenden türkischen Staatsangehörigen beim Verfassungsreferendum haben heftige Debatten nicht nur über diese Gruppe ausgelöst, sondern über die Deutschtürken insgesamt, also auch jene, die gar nicht wählen konnten, weil sie nur die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Denn auch sie werden mit Fragen konfrontiert, ausgehorcht. Ich glaube, wir sind gut beraten, das Ergebnis des Referendums nüchtern zu betrachten und nicht vorschnell in eine Hysterie zu verfallen. Denn trotz des intensiven Wahlkampfs der AKP für die neue Verfassung hier bei uns in Deutschland, trotz der hitzigen Debatten und des Schüren von Stimmungen durch die unsäglichen Nazi-Vergleiche aus Ankara, ist das Ergebnis weniger dramatisch, als manche deutschen Politiker es darstellen, die dies als Vorwand nehmen jetzt alles Mögliche in Frage zu stellen. Von der doppelten Staatsangehörigkeit, über die angeblich fehlende Loyalität der Deutschtürken, bis zur lästigen Frage, ob diese oder jene Türken nun integriert sind oder nicht.

Cem Özdemir, Volker Kauder und Co haben Erdogan mit ihren Parolen in die Hände gespielt.

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Wir als deutsche Gesellschaft und vor allem die deutsche Medienlandschaft und Politik haben im Vorfeld des Referendums genauso reagiert, wie Erdogan es sich erhofft hat. Er hat gezielt provoziert, gezielt Stimmungsmache unter den Deutschtürken betrieben, und Cem Özdemir, Volker Kauder und Co haben ihm mit ihren Parolen in die Hände gespielt.

Wenn die deutsche Politik ein Interesse an einem guten Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken hier hat, dann muss man genau überlegen, wie man auf die momentane Lage nach dem Referendum reagiert, wie man das Ergebnis hier in Deutschland interpretiert. Und statt sofort Alarm zu schlagen und die Integration der Deutschtürken, die mit "Ja" abgestimmt haben, als gescheitert zu bezeichnen, sollte man erst vor der eigenen Haustüre kehren. Denn so gut sieht es dort nicht aus.

Wir haben über die letzten zehn Jahre keinen Fortschritt in Sachen Integration erzielt. 

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Wenn sogar ein Armin Laschet von der CDU, der eher zu den besonnenen Stimmen in der Union zählt, das Wahlverhalten der Deutschtürken in AfD-Manier sofort aufgreift, und die Forderung der SPD nach kommunalem Wahlrecht für Migranten mit der Bemerkung angreift, dass man mit einem kommunalem Wahlrecht für Migranten Erdogan bald in jedem Stadtrat habe, ist das billiger Populismus auf dem Rücken der Deutschtürken. Wenn selbst Parteien wie die CDU oder sogar die Grünen in diese Panikmache verfallen, was man eigentlich nur von der AfD und anderen rechtspopulistischen Kreisen kennt, zeigt es uns, dass wir in all den Integrationsdebatten der letzten 10 Jahre keinen Fortschritt gemacht haben, sondern uns stattdessen immer wieder im Kreis drehen. Wie muss das bei den Deutschtürken und anderen Migranten wohl ankommen? Dass diese Politiker sich angeblich für unsere 'Werte' und Demokratie einsetzen würden, ist bloß ein Alibi.

In Deutschland findet die Dämonisierung der Ja-Wähler statt. 

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Wir müssen gerade jetzt die gesellschaftliche und politische Partizipation der Deutschtürken stärken, den Diskurs suchen, und selbstkritisch sein, was denn bitte schön auch die deutsche Politik und die deutschen Medien beim Umgang mit diesem Thema für Fehler gemacht haben. Wie kann es sein, dass wir einerseits die Dämonisierung der politisch Andersdenkenden in der Türkei zu Recht hart kritisieren, selber aber eine ähnliche Dämonisierung betreiben, in dem wir kollektiv die Ja-Wähler als nicht integriert labeln und indem von Deutschtürken ein Bekenntnis verlangt wird, ob man denn nun für oder gegen Erdogan sei?

Viele Ja-Wähler haben ihre Entscheidung aus Frust getroffen.

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Sei es in der Schule, am Arbeitsplatz oder unter Bekannten. Bei aller Notwendigkeit eines kritischen Diskurses ist alleine das Wahlverhalten eines Deutschtürken nicht der Maßstab dafür, ob er oder sie integriert ist oder nicht, ob sie das Grundgesetz akzeptieren oder nicht. Wir können die ganz unterschiedlichen Motive, wieso die Menschen so gewählt haben, nicht auf einen Faktor herunterbrechen, sondern es spielen ganz unterschiedliche Faktoren und Umstände eine Rolle. Ich kenne einige in meinem Umfeld, die mit Ja abgestimmt haben, obwohl sie eigentlich die neue Verfassung für keine gute Idee halten, obwohl sie eigentlich von Anfang an mit Nein abstimmen wollten. Das sind junge, gut ausgebildete Deutschtürken, die hier geboren und aufgewachsen sind. Sie sind mitten im Leben und engagiert. Und dennoch haben sie mit Ja abgestimmt. Es war bei ihnen eine emotionale Wahl, eine Reaktion auf die Debatten, und keine rationale Wahl, wo es wirklich um den Inhalt der Verfassung ging. Die emotionale Seite hat bei ihnen ihre rationalen Bedenken überlagert. Aus Frust gegenüber den unendlichen Integrationsdebatten. Aus Trotz. Aus Protest.

Der muffige Technokratenjargon der 'Integrationspolitik' hängt vielen Deutschtürken – und nicht nur ihnen - zum Halse raus. Seit über 10 Jahren löst eine unsinnige Integrationsdebatte die andere ab. Es wird nur nach einem Vorwand gesucht, um die längst ausgelutschten Parolen runterzurattern, die nie zu etwas geführt haben. Immer wieder legen einige Politiker ein und dieselbe Schallplatte auf, ob es nun wie jetzt in diesem Fall um die hier lebenden Türken geht, oder um Muslime und Flüchtlinge. Und nicht wenige Deutschtürken reagieren darauf immer wieder mit demselben Reflex und einer Opfermentalität. Die üblichen Parolen der Politik als Reaktion darauf haben das intensiviert, statt zu beheben, weil wir seit Jahren über diese Menschen reden statt mit ihnen.

Die Integrationsdebatte wird an den Menschen vorbei geführt. 

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Es ist wichtig auch unangenehme Dinge zu thematisieren, auf Probleme hinzuweisen. Wir brauchen eine Streitkultur und eine inhaltliche Auseinandersetzung. Diesen Debatten aus dem Weg zu gehen oder zu ignorieren, wäre fatal. Wir müssen aber aufpassen, wie wir die Debatten führen. Wenn vor allem die Politik jedes Thema ausschlachtet und verantwortungslos damit umgeht, wird dies keine positiven Auswirkungen in der Gesellschaft haben. Wir müssen uns bei aller berechtigten Kritik an den Entwicklungen in der Türkei, bei aller berechtigten Kritik des Zustands mancher Deutschtürken, die man unmissverständlich auch zum Ausdruck bringen muss, auch an unsere eigene Nase fassen. Denn ansonsten unterscheidet uns nichts von denjenigen, die wir kritisieren. Denn auch sie sehen immer in den Deutschen und im Westen den Schuldigen für alles.
 

6 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Ulrich Dietl
    Daher, ja, es geht um: "Reden wir nur über unsere Werte, oder leben, also praktizieren wir diese gegenüber jedem Einzelnen im Alltag?"

    Das ist weitaus schwerer, denn, ein Ideal denken und aussprechen ist etwas völlig anderes als gefühlt zu leben.

    Es ist wahr, das Zitat: >Wir müssen aber aufpassen, wie wir die Debatten führen. Wenn vor allem die Politik jedes Thema ausschlachtet und verantwortungslos damit umgeht, wird dies keine positiven Auswirkungen in der Gesellschaft haben. Wir müssen uns bei aller berechtigten Kritik an den Entwicklungen in der Türkei, bei aller berechtigten Kritik des Zustands mancher Deutschtürken, die man unmissverständlich auch zum Ausdruck bringen muss, auch an unsere eigene Nase fassen. Denn ansonsten unterscheidet uns nichts von denjenigen, die wir kritisieren. Denn auch sie sehen immer in den Deutschen und im Westen den Schuldigen für alles.
  2. von Andreas Rabe
    Nein, deutsche Politiker sind nicht schuld, wenn sich türkische Regierungsmitglieder so exzessiv daneben benehmen, Pressefreiheit einschränken und diplomatische Provokationen spielen, übrigens nicht nur in Deutschland sondern auch gegen Frankreich, ach, eigentlich hat die türkische Regierung sich jetzt mit jedem Nachbarn angelegt. Das Problem heißt türkischer Nationalismus, auch schon unter dem Kemalismus war das ein Problem. Die Zeit von Kuschel und Wuschel ist vorbei. Ich habe kein Verständnis mehr, wenn im Türkenverein gegenüber Leugnung des Armeniermordes im Schaufenster liegt. Europa muss klare Kante gegen die Türkei zeigen. Notfalls auch Sezessionsbewegungen und Opposition unterstützen. Wer mit unseren Werten und der Demokratie Bauchschmerzen hat, der darf gerne in sein Traumparadies Türkei gehen aber der soll nicht an unserer Gesellschaft partizipieren.
    1. von Ferit Topcu
      Antwort auf den Beitrag von Andreas Rabe 29.04.2017, 19:35:27
      Das ist aber eine naive Sicht der Dinge zu behaupten nur alleine die türkische Regierung hätte alles schlechte vollbracht. Ganz im Gegenteil, ich würde die These aufstellen, dass Erdogan und dir AKP bewusst in Europa diese Polarisierung gesucht haben und Niederlande, Frankreich , einfach alle hier wohlwollend auf ähnlichem Niveau geantwortet haben. Ich finde alleine diese Diskussion bereits als das Problem an, ihr Kommentar stellt Türken, Migranten, alle Ja-Wähler hier in den gleichen Kasten. Als die AfD über 15% in den Umfragen hatte, würde auch erst gesagt, dass sind alles Rechtsradikale und später musste man sich eingestehen, dass auch viel Frust, viel Protest hier steckt. Solange eben keine wirkliche Diskussion über Probleme und Lösungen auf beiden Seiten nüchtern spricht oder es versucht, werden die Gräben nur größer.
      Das schöne deutsche Prinzip 'Fördern und Fordern' ist doch im deutsch-türkischen Milieu seit 50 Jahren ein 'Ignorieren und Fordern'. Mein sollte hier verstehen, dass man von Millionen Menschen nicht die gleichen Werte erwarten kann nur weil sie in Deutschland leben. Noch heute meiden Deutsche den Kiez, wohnen dort, aber schicken ihre Kinder wo anders hin. Natürlich gibt es kein Multi-Kulti Gefühl in Deutschland, weil nur eine Seite fordert, aber nie wirklich gemeinsam angepackt wird.
    2. von Andreas Rabe
      Antwort auf den Beitrag von Ferit Topcu 01.05.2017, 14:13:32
      Es fällt schwer eine Gleichwertigkeit zu erkennen. Die deutsche Regierung hat sich sehr zurück gehalten. Ich stelle keineswegs sämtliche Migranten in den gleichen Kasten. Ich denke trotzdem, dass sich alle Ja-Wähler fragen sollten, ob dieses Land für sie der richtige Ort für sie ist. Das von Ihnen beschriebene "Ignorieren und Fordern" ermöglichte überhaupt eine isolierte national(istisch)e türkische Identität in Deutschland, weil es vom Sozialvertrag der Gastarbeit ausging: Arbeiten und dann zurück, die eigene Kultur in beiderlei Richtung abgeschirmt. Heute muss man sagen, so geht es nicht. Für Autoritarismus und verrücktes Rumgezicke der türkischen Führung ist dieses Land der falsche Ort.

      "Mein sollte hier verstehen, dass man von Millionen Menschen nicht die gleichen Werte erwarten kann nur weil sie in Deutschland leben."

      Das gastgebende Volk hat einen Anspruch darauf, dass Werte und Verhaltensweisen im Meinungskorridor hiesiger Sitten bleiben, insbesondere im Rahmen der verfassungsgemäßen Ordnung. Wer nach der Gastarbeit sich entschieden hat zu bleiben, der hat damit einen neuen Sozialvertrag mit dem deutschen Volk geschlossen. Das ist nur nicht kommuniziert worden aus falscher Rücksichtnahme.
    3. Bild von Bolko Bartsch
      Autor
      Bolko Bartsch, Bolko Bartsch ist seit vielen Jahren aktives Mitglied der Tagesspiegel Community. Community-Manager schätzen ihn für seinen Diskussionsstil.
      Antwort auf den Beitrag von Andreas Rabe 02.05.2017, 12:50:25
      @Andreas Rabe & Gastgeber

      "Das gastgebende Volk"?

      Wie kommen Sie auf diese seltsame Zuschreibung des "gastgebenden Volkes"?
      Kein Mitbürger, der hier in Deutschland seinen Lebensmittelpunkt hat, ist ein Gast.

      Als ich als Deutscher für fast ein halbes Leben meinen Lebensmittelpunkt in Lateinamerika eingenommen hatte, würde ich es mir sehr verbeten haben, wenn mich dort jemand als "Gast" bezeichnet hätte.

      Gäste sind Touristen, Geschäftsreisende, Präsident Emmanuel Macron ist morgen Gast in Deutschland.
    4. von Heiko GEBHARDT
      Antwort auf den Beitrag von Ferit Topcu 01.05.2017, 14:13:32
      "Als die AfD über 15% in den Umfragen hatte, würde auch erst gesagt, dass sind alles Rechtsradikale und später musste man sich eingestehen, dass auch viel Frust, viel Protest hier steckt."
      Das kann natürlich alles gleichzeitig den Einzelnen im Pack bewegen. Frust z.B. ist doch keine Entschuldigung mit Rechtsradikalen zu liebäugeln.