Die gescheiterte Integrationsdebatte Mehr Leidkultur als Leitkultur

Bild von Yasin  Baş
Politologe und Autor

Expertise:

Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”.

Der Begriff Leitkultur richtet sich in erster Linie gegen Einwanderer und verhindert eine erfolgreiche Integration. Wir brauchen keine Leitkultur, unsere demokratische Werte sind bereits alle im Grundgesetz verankert - und gegen die verstoßen auch öfters deutsche Wähler. 

Nach dem Referendum zur Verfassungsänderung in der Türkei entbrannte in Deutschland wieder die sogenannte Integrationsdebatte, die durch die Thesen von Bundesinnenminister de Maizière zur „deutschen Leitkultur“ fortgesetzt wurde.

Ich störe mich an dem Begriff “Leitkultur”, da er anfällig für aus- und abgrenzende sowie herabsetzende Debatten ist. Das Wort besitzt somit einen antipluralistischen Beigeschmack und richtet sich in erster Linie an die Einwanderer. Wir könnten uns auf einen alternativen Begriff einigen, der für jeden Menschen die Möglichkeit bietet, sich mit Deutschland und den Grundsätzen unserer Verfassung, mit Menschenrechten, Gleichheit und Verschiedenheit(!), Teilhabe, (Meinungs-)Freiheit, Respekt, Anerkennung, Pluralismus, Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit usw. zu identifizieren. Die Diskussion in Deutschland läuft leider immer noch über die Abgrenzung zum vermeintlich „Fremden“.

Das Grundgesetz gibt uns eine Richtschnur. Wir brauchen keine zusätzliche Leitkultur. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Solange wir nicht begreifen, von einem gemeinsamen „Wir“ zu sprechen und immer nur zwischen „Wir“ und „Ihr“ trennen, uns also über den „Anderen“ definieren, können wir diese Diskussion vor jedem Wahlkampf weiterführen und uns endlos im Kreis drehen. Leben bedeutet auch Weiterentwicklung, Veränderung und Anpassung an die Realitäten der Zeit. Assimilationspolitik, Realitäts- und Erkenntnisverweigerung aber auch Belehrungsgehabe und Paternalismus erschweren es, einen Konsens zu finden. Unser Grundgesetz gibt uns eine Richtschnur. Wenn wir uns an dieser halten brauchen wir keine „Führungs- oder Leitkultur“, die, seitdem Bassam Tibi das Wort in den 90ern prägte, zu einer Leidkulturdebatte ausartet.

Das türkische Referendum war ein Vertrauensvotum für oder gegen Erdogan. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Ich bin davon überzeugt, dass die große Mehrheit der Menschen, die für die neue Verfassung in der Türkei gestimmt haben genauso wie die große Mehrheit derjenigen, die gegen sie gestimmt haben, eine demokratische, rechtstaatliche, stabile und fortschrittliche Türkei wünschen. Bei den Wahlen ging es den meisten Bürgern aber nicht um die Verfassung. Es ging vielmehr darum zu demonstrieren, ob man für oder gegen den amtierenden türkischen Staatspräsidenten ist. Mit den Details der neuen Verfassung haben sich die wenigsten Menschen beschäftigt.

NPD, AfD, Linkspartei und teilweise auch die CDU halten sich auch nicht immer an die Werte des Grundgesetzes. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Wir kritisieren seit Wochen die Menschen in Deutschland, die beim türkischen Verfassungsreferendum mit Ja gestimmt haben. Wie wäre es vielleicht, sich an die eigene Nase zu fassen und zu fragen, welche Fehler wir in der Vergangenheit gemacht haben? Oder hat die Integrationspolitik der letzten Jahre gar nichts mit den Ja-Stimmen zu tun? Möglicherweise wäre es ein erster Schritt, dass diejenigen an Staatsbürgerkursen und Weiterbildungsmaßnahmen zur politischen Bildung teilnehmen, die dies derzeit so laut von „den Türken“ fordern. Menschen, die eine souveräne Stimme und Meinung besitzen aus dem eigenen(!) Land ausweisen zu wollen, erinnert an unschöne Zeiten der deutschen Geschichte. Falls diese trügerische Logik konsequent vollzogen würde, müssten dann nicht auch NPD-, AfD-, Linkspartei- oder sogar manche CSU-Wähler ausgewiesen und ausgebürgert werden? 

Wer also immer noch nicht begriffen hat, dass die Menschen und deren Nachkommen, die vor mehr als einem halben Jahrhundert nach Deutschland eingewandert sind, als eigene Bürger anzusehen, kann noch weitere hundert Jahre über Integration diskutieren. Jeder sollte sich die Frage stellen, ob er oder sie nicht inzwischen selbst in einer Parallelgesellschaft lebt oder sich immer mehr von freiheitlichen Werten entfernt.

Gegen Diskriminierung darf nicht nur appellativ vorgegangen werden. Sie muss rechtlich bestraft werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die beste Integrationspolitik ist Teilhabe. Niemand soll wegen seiner politischen oder religiösen Meinung diskriminiert werden. Niemand soll wegen seines Namens, Haut- oder seiner Haarfarbe auf dem Bildungs-, Arbeits- und Wohnungsmarkt ausgeschlossen werden. Wer lautstark nach Integration ruft, muss sich mit den Ausgrenzungsmechanismen bewusst auseinander setzen. Dies darf nicht rein appellativ erfolgen. Denn Diskriminierung und Ausgrenzung ist laut internationalem Recht ein Straftatbestand. Es ist eine Dissonanz zwischen der Bewertung verschiedener Inhalte in Bezug auf Einwanderer und Alteingesessene zu beobachten. Aber auch die Einheimischen sind ehemalige Einwanderer, die es nur vergessen oder verdrängt haben. Hierzu ein anschauliches Zitat vom wichtigsten Migrationsforscher Deutschlands, Prof. Klaus J. Bade: „Die sogenannte Mehrheitsgesellschaften ohne Migrationshintergrund sind in Wahrheit Gesellschaften mit verlorener Erinnerung an die eigenen Migrationshintergründe.“

In Großbritannien, Kanada oder Australien wird Verschiedenheit anders aufgefasst als im „Alten Europa“. Unterschiede können sehr wohl als Stärken genutzt werden.  Die Kunst ist es, das zu schaffen. Manche Staaten versuchen jedoch, die Diversität zu unterbinden. Es gibt sozusagen eine Dissonanz zwischen der Bewertung verschiedener Inhalte in Bezug auf Einwanderer und Alteingesessene.

Auch die Mehrheitsbevölkerung muss sich integrieren.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Was uns als Gesellschaft voranbringen könnte, ist eine Kultur der Anerkennung von Vielfalt und Verschiedenheit wie in den USA. Dort ist fast jeder Einwanderer stolz darauf ein Amerikaner zu sein. Die Denkweise, die dies in Deutschland seit Jahrzehnten erfolgreich unterbindet, ist diejenige, die sich in erster Linie integrieren müsste. Diesen Damen und Herren wäre zu sagen: „Integriert euch doch mal!” Integration bedeutet Veränderung für beide, falls es mehr als zwei Seiten sind, für alle Seiten. Wenn eine Seite eine Veränderungsphobie hat bzw. sich dem verweigert, ist der Misserfolg vorprogrammiert. Wir müssen erkennen, dass sich neben den Migranten auch die ehemaligen Migranten, also die jetzige Mehrheitsbevölkerung, integrieren müssen. Ansonsten bekommt man genau die Sätze zu hören, die jetzt viele ungeniert und offen so aussprechen: „Geht doch zurück, wo ihr herkommt!”, „Wenn es euch hier nicht gefällt, dann verlasst doch Deutschland”, „Geht doch zu eurem Erdogan, wenn ihr ihn so toll findet”. Diese Aussagen sind die eigentliche Schande und geistige Bankrotterklärung für eine Einwanderungsgesellschaft. Wer solche Aussagen macht, der Befindet sich weit weg von demokratischen und freiheitlichen Werten.  

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.

  1. von Andreas Schwarzer
    "...... ist eine Kultur der Anerkennung von Vielfalt und Verschiedenheit wie in den USA. Dort ist fast jeder Einwanderer stolz darauf ein Amerikaner zu sein. Die Denkweise, die dies in Deutschland seit Jahrzehnten erfolgreich unterbindet, ist diejenige, die sich in erster Linie integrieren müsste."

    Ja tatsächlich, stolz auf Deutschland zu sein geht gar nicht.
    Nach Jahrzehnte eingeübter Demut gelingt es kaum zu sagen man wäre stolz Deutscher zu sein.
    Was sollen da ausländischen MitbürgerInn von halten.
    Irgendwie will doch jeder stolz sein auf sein Land.
    Deutschland betrachtet sich zuallererst rückwärts.
    Wer aber nur nach hinten schaut rennt vorn gegen die Wand.
  2. von Franz Fuchser
    Deutschland ist das Land der Deutschen, der Menschen, die die deutsche Sprache sprechen. Das ist keine politische Floskel, auch kein kämpferischer Anspruch, sondern eine sehr grobe Umschreibung der Etymologie der Wörter "deutsch" "Deutsche" und "Deutschland".

    Wer hier nicht nur Gast sein, sondern ankommen will, muss keine deutschen Vorfahren haben. Aber er muss sich so in die deutsche Kultur einleben, wie das die früheren Einwanderer auch getan haben. Deutschland hat wohl regionale, schicht-, bekenntnis- und altersspezifische Subkulturen, aber es hat mit geringen Ausnahmen (Polen in den preußischen Ostprovinzen, dänische Minderheit in Schleswig-Holstein, Sorben in der Lausitz, Sinti) keine multikulturelle Tradition im Sinne der Koexistenz verschiedener Nationalkulturen. Anders als die USA, Kanada oder Australien, die die Einwanderer trotzt des Vorhandenseins einer (allerdings nicht sehr zahlreichen) Urbevölkerung als leere Räume betrachtet und besiedelt haben, auch anders als Großbritannien, das sich als Kopf eines weltweiten Empire aus vielen Völkern verstand, ist Deutschland ein von einem Volk mit einer ausgeprägten Kultur dicht besiedeltes Land. Einwanderer müssen dieser Tatsache Rechnung tragen und sich anpassen, wenn sie Teil der deutschen Gesellschaft werden wollen. Oder sie entscheiden sich, erst einmal mehr unter sich zu bleiben, wie das die Hugenotten in Berlin über einige Generationen taten, sollten dann aber auch nicht allzu sehr auf Zugehörigkeit im Sinne einer über die rechtliche Gleichstellung hinausgehenden Anerkennung bestehen.

    Eine forcierte Anpassung der seit Generationen hier lebenden Deutschen an die Kultur der Neuankömmlinge zu verlangen, wäre ein unverschämtes Ansinnen und würde zur Ablehnung von Einwanderung durch die Ansässigen führen. Davon unbenommen geschehen natürlich freiwillige Übernahmen in die deutsche Kultur wie die Etablierung des Döner Kebab als beliebten Imbiss.