Integration der Deutschtürken  Integration ist nicht die alleinige Bringschuld der Migranten

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Meinungsforscher

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Joachim Schulte ist Geschäftsführer des deutsch-türkischen Markt- und Meinungsforschungsinstituts Data 4U.

Der deutsche Staat lässt die Ghettoisierung in den Städten und Diskriminierung in der Bildung und Arbeitswelt zu und konditioniert somit die mangelhafte Integration. Das türkische Referendum hat dies schmerzhaft deutlich gemacht. 

Da hatten wir ein Referendum, das in einer Atmosphäre voller gegenseitiger Bespitzelung, einseitiger Medienberichterstattung und offener Repressionen stattgefunden hat. In der Türkei wurden tausende Gegner der Verfassungsänderung in die Nähe von Terroristen und Staatsfeinden gerückt. Nicht wenige fanden sich im Gefängnis wieder. 

Aber auch in Deutschland wurden Gegner der Verfassungsänderung massiv angefeindet und unter Druck gesetzt. Selbst in meinem engeren Bekanntenkreis trauten sich viele liberal-orientierte, türkeistämmige Freunde kaum ein „Nein“ in der Öffentlichkeit auch nur laut zu „denken“. Und die Öffentlichkeit begann bereits am Telefon. Wer weiß schließlich schon, wie viele Ohren das Gespräch tatsächlich mithören?

Und da haben wir ein von offizieller türkischer Seite publiziertes Ergebnis, von dem niemand mit Sicherheit sagen kann, ob es sich um den tatsächlichen Wählerwillen oder um „alternative Fakten“ handelt. – Die internationalen Wahlbeobachter urteilten sehr zurückhaltend: die Bedingungen „haben nicht internationalen Standards“ entsprochen. Die türkische Opposition geht deutlich weiter und spricht von offenen Manipulationen, Einschüchterungen und Wahlfälschungen. 

Es gab reichlich Einschüchterung im Vorfeld des Referendums.

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Nun ist die Empörung in Deutschland groß. Merkwürdigerweise aber weniger darüber, unter welchen Bedingungen dieses Ergebnis zustande gekommen ist, sondern viel mehr darüber, wie die hier lebenden türkischen Staatsbürger abgestimmt haben (sollen). – „Wie können „unsere“ Türken nur! Wie können sie hier die Vorzüge der Demokratie genießen und gleichzeitig mehrheitlich in der Türkei für Diktatur, Todesstrafe und Kinderehen stimmen? Wie konnte das Lager der Nicht-Wähler tatenlos dabei zusehen, wie sich ein totalitäres Regime im Mutterland immer weiter etabliert?“

Schnell wird von gescheiterter Integration gesprochen und die Abschaffung des Doppelpasses gefordert. - Zunächst einmal: Auch ich bin entsetzt über den Wahlausgang, aber Wahlergebnis ist Wahlergebnis und ich mache mir nun eher große Sorgen um die weiteren Entwicklungen in der Türkei und um das friedliche Zusammenleben der hier lebenden Türkeistämmigen.

Doch was sagt das Ergebnis des Referendums zum Stand der Integration hierzulande aus? – Falls die von türkischer Seite veröffentlichten Wahlergebnisse der Realität entsprechen, dann haben weniger als 15 Prozent aller türkeistämmigen Migranten in Deutschland für die Verfassungsänderung gestimmt. – In Deutschland leben laut amtlichen Angaben rund 2,9 Millionen Mitbürger, die einen türkischen Migrationshintergrund besitzen. Andere Quellen, so auch unser Institut, gehen eher von 3,2 bis 3,5 Millionen aus.

Aber bleiben wir bei den amtlichen Zahlen. Rund 1,4 Millionen waren laut der türkischen Wahlkommission wahlberechtigt. Bei einer Wahlbeteiligung von 46 Prozent, haben damit knapp 650.000 türkische Staatsbürger in Deutschland ihre Stimme abgegeben. Hiervon haben 63 Prozent (entspricht etwa 410.000 Stimmen) mit „Evet“ (Ja) gestimmt. Auf die gesamte türkeistämmige Bevölkerung gerechnet, entspricht dies einem Anteil von 14,3 Prozent, bzw. von 19,8 Prozent, wenn wir nur die türkeistämmigen Migranten im wahlberechtigten Alter ab 18 Jahre betrachten.

Der Ort der Herkunft war ein entscheidender Faktor bei der Wahl. 

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Es ist müßig darüber zu spekulieren, wie die Stimmverteilung aussähe, wenn alle türkeistämmigen Migranten wahlberechtigt gewesen wären. Denn hier hat ja nur der Teil mit türkischem Pass abgestimmt, also diejenigen die – wie zahlreiche unserer Studien belegen - noch besonders enge Bindungen an das Mutterland besitzen. Es wird in den kommenden Wochen und Monaten sehr interessant mit Hilfe von Wahlnachbefragungen Details zum Wahlverhalten und zur Stimmungslage genau zu erfassen und zu analysieren. Momentan gibt es dazu leider schlicht keine Daten, so dass aktuell jede Beurteilung der Gesamtsituation nur auf Vorurteilen beruhen kann.

Dennoch gibt das Wahlergebnis einen wichtigen Hinweis darauf, wie vielleicht zu viele Türkeistämmige denken. Wie lässt sich dieses Wahlverhalten erklären? – Erstens dürfte die Herkunft einen wichtigen Hinweis liefern. Die Mehrheit der Migranten mit türkischen Wurzeln sind aus dem anatolischen Kernland zu uns gekommen. Also den Gegenden, die auch in der Türkei als Hochburgen der AKP gelten, in denen das „Evet“ besonders deutlich ausfiel. Zum weiteren stellen wir in unseren Untersuchungen immer wieder ein sehr niedriges Bildungsniveau fest. Insbesondere viele türkeistämmige Frauen haben nie oder oftmals nur für 2 oder 3 Jahre eine Schule besuchen dürfen. Entsprechend weit ist hier noch heute Analphabetismus verbreitet. Daher ist in vielen Fällen nicht von einer differenzierten Wahlentscheidung auszugehen, sondern hier wurde schlicht der Staatschef Recep Tayyip Erdoÿan bestätigt, dessen Konterfei fest mit einem „Evet“ verbunden ist und der die Türkei in den Augen dieser Menschen in den letzten Jahren (wieder) großgemacht hat, eine selbstbewusste Nation erschaffen hat, auf die man stolz sein darf.

In der Tat tun sich türkeistämmigen Migranten mit dem Thema Integration besonders schwer. Eine aktuelle Untersuchung, die unser Institut für die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung zu Migranten in Bayern durchgeführt hatte, belegt: „Die größte Distanz zum Leben in Deutschland und Bayern wurde – trotz zahlreicher positiver Aspekte – bei türkeistämmigen Migranten ermittelt. Sie weisen die höchste Rückkehrabsicht, die engste Anbindung ans Mutterland auf, beteiligen sich häufig noch an Wahlen im Herkunftsland, bei ihnen ist der Begriff „national“ nicht negativ besetzt. Sie zeigen das geringste Vertrauen und die geringste Übereinstimmung mit den deutschen politischen Parteien.“

Türkeistämmige Migranten haben die größte Anbindung an ihr Herkunftsland. 

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Auf einem im Rahmen dieser Untersuchung entwickelten Index, der zahlreiche Aspekte zur Integration und zum Zusammenleben berücksichtigt, erreichten die Türkeistämmigen im Vergleich zu acht weiteren befragten Migrantengruppen mit 67 Punkten den niedrigsten ermittelten Wert. Bei ihnen wurde die höchste Nutzung muttersprachlicher Medien und die geringste Verwendung der deutschen Sprache festgestellt. Umgekehrt berichten sie aber auch am häufigsten von Diskriminierungen und ausländerfeindlichen Erlebnissen.

Um hier nicht missverstanden zu werden: Ein Indexwert von 67 von 100 möglichen Punkten ist durchaus positiv zu bewerten und signalisiert, dass ein großer Anteil der türkeistämmigen Migranten (zumindest in Bayern) sehr wohl bereits gut integriert sind oder sich zumindest bereits auf einem guten Weg dorthin befinden.

In anderen Bereichen beobachten wir, dass Türkeistämmige sich immer weiter in eine selbstgewählte Isolation zurückziehen. Ob dies auf Desinteresse an der deutschen Gesellschaft, an mangelnder Kommunikation oder schlicht auf einer Desillusionierung basiert, ist unsicher. Doch wahrscheinlich spielen alle drei Faktoren eine gewichtige Rolle.

Aber sind die türkeistämmigen Migranten allein Schuld an dieser Situation? Ist Integration eine alleinige Bringschuld der Eingewanderten? – Die deutsche Politik und Gesellschaft haben es ebenfalls jahrzehntelang versäumt positive Signale zu setzen. Willkommenskultur? Die Schaffung von einem „Wir-Gefühl“? – Weitgehend Fehlanzeige!

Lange wurde dabei zugesehen wie Gettos, etwa in Berlin Kreuzberg und Neukölln oder auch in Duisburg-Marxloh entstanden. Diese Stadtteile funktionieren von der Autowerkstatt bis hin zum Zahnarzt perfekt auf Türkisch. Warum sollten sich Zugewanderte hier die Mühe machen Deutsch zu lernen? – Integration? – Wozu und in was? – Städtebauliche Ansätze dieser Gettoisierung entgegen zu wirken? – Zumeist Fehlanzeige!

Es wurde zu lange dabei zugesehen, wie Ghettos in Neukölln oder Duisburg-Marxloh entstanden.

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Es gilt die Konzentration von Migranten auf wenige Stadtteile zu reduzieren. Dies verhindert eine integrationshemmende Ghettoisierung und Isolation. Das Zusammenleben in kleineren Gemeinden oder durchmischten Wohngegenden fördert Kommunikation, gute Nachbarschaft und damit gegenseitiges Verständnis und Integration.

Chancengleichheit in Ausbildung und Berufsleben? – Ebenso zumeist Fehlanzeige! – Gewöhnlich reicht ein „ausländisch klingender“ Name, um im Stapel der Bewerber um eine offene Stelle ganz nach hinten sortiert zu werden. Eine politische Diskussion – analog einer Frauenquote – auch vielleicht einmal über eine „Migrantenquote“ nachzudenken, existiert bislang wohl eher nicht.

Im Berufsleben wird auf Basis "ausländisch klingender" Namen diskriminiert.

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Das AKP-Netzwerk hat in den letzten Jahren seine Fühler immer weiter nach Mitteleuropa ausgestreckt, um die Auslandstürken mit Hilfe von Vereinen und Organisationen, aber auch durch Bespitzelung und Denunziationen verstärkt unter seine Kontrolle zu bringen. – Eine Reaktion darauf von offizieller oder gesellschaftlicher deutscher Seite „unsere Türken“ vor diesen Manipulationsversuchen zu schützen? – Ebenfalls weitgehend Fehlanzeige!

Mediale Versorgung der Migranten? – Ebenso weitgehend Fehlanzeige! – Man hat nicht zur Kenntnis genommen, wie sie sich immer weiter in ihre eigene Medienwelt zurückziehen. - Obwohl allein türkeistämmige Migranten in den letzten Jahrzehnten Milliarden Euro in die Kassen der GEZ eingezahlt haben, existieren bislang keine adäquaten medialen Gegenleistungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Und wie sieht es mit dem politisch viel diskutierten Doppelpass aus? – Eine politische Scheindebatte. Weniger als 250.000 Türkeistämmige verfügen über eine doppelte Staatsbürgerschaft. Etwa 140.000 davon im wahlfähigen Alter, also deutlich unter 10 Prozent aller Türkeistämmigen. Wie viele davon für oder gegen die Verfassungsänderung gestimmt haben, ist unbekannt. Auch hierzu fehlen aktuell noch jegliche Daten. - Also warum will man diese Menschen, die oftmals bereits ohnehin am Rand der Gesellschaft stehen, vorverurteilen und zwingen sich zwischen Bauch und Kopf zu entscheiden, sie im Zweifelsfall in die Arme der AKP treiben?

Der Doppelpass ist eine politische Scheindebatte.

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Wichtig ist doch nun denjenigen, die mit „Hayÿr“ (nein) gestimmt haben, zu zeigen: „Ihr seid nicht allein!“, deutsche Demokraten stehen an eurer Seite. – Vielleicht hat die aktuelle Integrationsdebatte am Ende ja doch noch ihre guten Seiten. Wir reden endlich zumindest mal wieder über das Thema!

Allein schon aufgrund der überalterten Bevölkerungsstruktur benötigt Deutschland Einwanderer, um Wirtschaftskraft und Wohlstand zu erhalten. Aber wenn wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, sollte es gelingen zukünftige Migrantengenerationen besser zu integrieren, sie zu begeistern sich mehr mit unseren Werten und unserem Land zu identifizieren.

Wenn nicht nur über die Türkeistämmigen diskutiert wird, sondern auch ein ernstgemeinter Dialog mit ihnen stattfindet, bringt uns das mit Sicherheit ein Stück voran. Jetzt blind auf alle türkeistämmigen Migranten verbal einzuprügeln ist kontraproduktiv. Miteinander Reden und voneinander Lernen ist immer gut und hilft vielleicht sogar ein paar „Ja-Sager“ von den Vorteilen unserer Demokratie zu überzeugen und dem Lager der „Nein-Sager“ den Rücken zu stärken.

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  1. von Julia Meier
    Migranten aus Japan haben ein höheres Durchschnittseinkommen, bessere Ausblildungsabschlüsse und eine niedrigere Kriminalitätsrate als Deutsche.
    Fast nirgendwo haben Migranten bessere Chancen als in Deutschland und wer sich nicht integrieren und diese Chancen nicht nutzen möchte, der sollte in seine Heimat zurückkehren müssen.