Integration von Deutschtürken Integration allein reicht nicht 

Bild von Bilkay  Öney
Politikerin SPD

Expertise:

Öney war von 2011 bis 2016 Landesministerin für Integration im grün-roten Kabinett Kretschmann I. Vorher war sie von September 2006 bis Mai 2011 Abgeordnete im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Ein Teil der Deutschtürken identifiziert sich stärker mit der Türkei als uns lieb ist. Die Antwort darauf kann nur mehr Emanzipation lauten. Menschen, die mit ihrem Körper hier leben, dürfen mit ihrem Geist nicht im vorletzten Jahrhundert ihrer alten Heimat hängen. 

Es ist müßig, sich mit der Rechtmäßigkeit des Referendums zu befassen. Wie rechtmäßig kann eine Wahl schon sein, in einem Land, in dem seit Jahren Unregelmäßigkeiten bei Wahlen beklagt werden? Vergessen wir kurz diesen schwerwiegenden Teil, auf den wir kaum Einfluss haben. Befassen wir uns mit dem konkreten Teil, der uns beschäftigt, den Prozentzahlen aus Deutschland: Demnach haben rund 50 % der wahlberechtigten 1,5 Mio Türken in Deutschland, also etwa 750.000 ihre Stimme abgegeben und über 63 % davon für Erdogans Politik gestimmt. In absoluten Zahlen rund 472.500 von insgesamt 3,5 Mio Türkeistämmigen in Deutschland. Für Integrationsskeptiker kaum überraschend, dennoch erneut ein Anlass, sich wie so oft die Frage aller Fragen zu stellen: Was läuft schief bei der Integration?

Man könnte jetzt die Integration insgesamt in Frage stellen. Das tun wir ohnehin reflexartig bei negativen Vorkommnissen. Den Doppelpass. Das Zusammenleben. Die Rolle der Religion und Kultur. All das wären berechtigte Einwürfe. Aber Hand auf's Herz: Was erwarten wir von Menschen, die in einem komplett konservativ-islamischen Umfeld aufwachsen und solche Meinungen unrekflektiert übernehmen? Das ist, wie wenn man in einem süddeutschen Dorf aufwächst und natürlich nur die Partei wählt, die schon die Großeltern gewählt haben. Ich will die Ja-Sager keineswegs entschuldigen. Ich will versuchen zu verstehen.

Viele Deutschtürken sind in einem konservativ-islamischen Umfeld aufgewachsen, das ihre politische Meinung prägt. 

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Es braucht Zeit, Abstand und möglicherweise auch ein Schlüsselerlebnis, um sich komplett von der Familiengeschichte und dem Umfeld zu emanzipieren. Dieser Abstand ist häufig nicht vorhanden, häufig auch nicht erwünscht - gerade in türkischen Familien. Man übernimmt einfach unreflektiert die Meinungen der Eltern, der Familie, des Umfelds. Eigenes Denken kostet Kraft und provoziert Widerspruch, weshalb viele - übrigens auch Deutsche manchmal - davor zurückschrecken. In der Türkei kommt erschwerend hinzu, dass oppositionelle Minderheiten Schlimmeres zu befürchten haben, weshalb viele lieber gleich den Mund halten oder sich den Machtinhabern anschließen.

Oppositionelle Minderheiten in der Türkei schließen sich aus Angst oft den Machtinhabern an.

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Nun haben 472.500 von 3,5 Mio Türken in Deutschland für Erdogans Politik gestimmt. 472.500, die sich der Meinung der Machtinhaber angeschlossen haben. Man müsste diese Menschen fragen, ob sie es als fair empfinden, in einem demokratischen Land mit allen Vorzügen zu leben und über die Lebensbedingungen in einem Land abzustimmen, in dem sie nicht leben (wollen). Man könnte sie auch fragen, was sie an Deutschland schätzen, wenn Erdogan doch ein so guter Machtinhaber ist. Darüber scheinen sich einige nicht im klaren zu sein. Wir müssen ehrlich sein: Ein Teil der Deutschtürken identifiziert sich stärker mit der Türkei als uns lieb ist. Ein Teil lehnt westlich-demokratische Werte gar ab. Bei diesem Teil scheint die europäische Integration in der Tat gescheitert zu sein. Es wäre dennoch falsch, die Integration komplett in Frage zu stellen. Viele gelungene Beispiele sind ein Beleg dafür. Und Aufgeben gilt in der Politik immer als Schwäche, ein Eingeständnis des Scheiterns. Das darf nicht sein.

Ein Teil der Deutschtürken lehnt unsere Werte ab. Das ist kein Grund die gesamte Integration zu hinterfragen.

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Das Ergebnis des Referendums zeigt: Wir brauchen nicht weniger Integration, sondern mehr. Und um ehrlich zu sein: Integration allein reicht nicht. Wir müssen Integration weiterdenken. Wenn wir Integration ernst nehmen, müssen wir in Zukunft von Emanzipation sprechen und Emanzipation erreichen. Menschen, die mit dem Körper hier leben, aber mit dem Geist im vorletzten Jahrhundert der alten Heimat, müssen diese Vorstellung und diese Zeit endlich hinter sich lassen. Sonst werden sie hier nicht glücklich - und wir nicht mit ihnen. Niemand erwartet einen abrupten Schnitt, vielmehr, dass die Gräben zugeschüttet werden und ein Fundament für das Zusammenleben geschaffen wird. Auf der Basis des Grundgesetzes.

Wir müssen Integration weiterdenken, um die Gräben zuzuschütten.

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Dieses Grundgesetz hat die Emanzipation der Bundesrepublik maßgeblich vorangetrieben, mit Werten, an denen nicht gerüttelt werden darf: Die Achtung jeglichen Lebens, die Gleichheit von Mann und Frau, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, die Akzeptanz anderer Lebensstile und Überzeugungen. Unsere Demokratie und das Grundgesetz halten viel aus, auch Menschen mit mehr als einem Pass. Der Pass ist ohnehin nicht das Problem. Das Problem ist die Gesinnung, ganz egal, welchen Pass jemand besitzt. Die Fokussierung auf den Doppelpass oder auf Deutsch-Türken allein löst unser Problem nicht. Unser Anliegen muss eine Demokratie- und Werteerziehung sein - für alle, damit die Emanzipation der Migranten insgesamt gelingt und das Zusammenleben für alle - auch unter schwierigen Bedingungen und negativen Vorkommnissen - leichter wird.

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